Scheitert der Westen?

 

Scheitert der Westen an Hybris und Selbsthass?

 

„Global gescheitert?“ ist der Titel des neuen Buches von Susanne Schröter, Professorin am Institut für Ethnologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main und eine der Initiatorinnen der Denkfabrik R21. Im Interview erläutert sie, warum das Paradox von Hybris und Selbsthass extrem zerstörerisch ist, wie die Grundlagen von Demokratie und Freiheit durch linke Aktivisten in Fragen gestellt werden und wie tatenlos das bürgerliche Lager sich angesichts der vielfältigen Herausforderungen bislang verhalten hat. Das soll sich ändern, und die Denkfabrik wird, so Susanne Schröter, ein wichtiger Motor notwendiger Veränderung sein.

 

 

Frau Professor Schröter, in Ihrem neuen Buch attestieren Sie dem Westen ein „krude Mischung aus Hybris und Selbsthass“. Wie passt das zusammen?

 

Das ist in der Tat ein pathologisches Paradox. Fangen wir mit der Hybris an: Der Westen agiert in der Überzeugung, sein demokratisches System sei so überzeugend, dass alle anderen über kurz oder lang gar nicht anders können, als dieses System zu übernehmen. Man muss nur nett sein, gute Kontakte pflegen, sich wirtschaftlich verflechten, dann werden alle werden wollen wie wir. Spätestens mit dem Überfall auf die Ukraine, wurde offenkundig, dass diese Illusion ge-scheitert ist. Es stimmt für Russland nicht, für China nicht, und es stimmt für die Staaten des globalen Südens nicht, nehmen Sie nur die Beispiele Afghanistan, Tunesien oder Mali.

 

Wie äußert sich der Selbsthass?

 

Der Selbsthass richtet sich gegen die eigene Bevölkerung und basiert auf der Annahme einer ungebrochenen Kontinui-tät des Kolonialismus. Aktivisten behaupten, der Westen habe Schuld auf sich geladen, die nicht getilgt werden könne. Diese Schuld müsse man bekennen und Abbitte leisten. Flankiert werden solche kruden Vorstellungen durch die so-genannte postkoloniale Theorie, erdacht an amerikanischen und europäischen Universitäten. Sie prägen heute Weltbild und politische Praxis der Linken und werden bis in bürgerliche Kreise hinein unhinterfragt akzeptiert. Das hat dazu geführt, dass der Westen als Hort des Bösen gezeichnet wurde: als verantwortlich für die Kriege dieser Welt, für Armut, die Flüchtlingsströme und den Klimawandel sowie in seiner inneren Verfasstheit zutiefst menschenverachtend. Fakten wurden für diese schrillen Behauptungen natürlich nie präsentiert.

 

Und das Feindbild ist der viel zitierte „alte weiße Mann“.

 

Nicht nur der. Die gesamte „weiße“ Bevölkerung trage den Rassismus in ihrer DNA, erzählen Aktivisten und betonen, die Staaten des Westens seien strukturell rassistisch. Man muss sich klarmachen, was das heißt: Der Rassismus soll in die Strukturen unseres Landes und ihrer Bewohner eingewoben sein. Wir sind also gewissermaßen der vergesellschaftete Antichrist.

 

Wer sind die Opfer dieses „strukturellen Rassismus“?

 

In den USA sind es Schwarze und so genannte People of Colour, in Europa sind es vor allem Muslime, auch Frauen, indigene Gruppen und Transsexuelle, was besonders erstaunlich ist, da diese Gruppe zahlenmäßig nicht relevant ist, aber plötzlich die Debatte beherrscht. Da Identitätspolitik ein Geschäftsmodell darstellt und mit Milliarden von Steuer-geldern finanziert wird, erleben wir zurzeit eine Multiplizierung von Opfergruppen. Viele haben gemerkt, dass es sich finanziell lohnt, „Opfer“ zu sein. Solange Kultureinrichtungen, Medien, Verlagshäuser und Mitglieder politischer Parteien in vorauseilendem Gehorsam den Forderungen der Aktivisten nachgeben und jede Kritik daran gilt als rassistisch oder rechtsextrem denunzieren, geht das Kalkül auf. Kritiker werden eingeschüchtert, jede Diskussion stirbt ab.

 

Bleiben wir beim Beispiel Muslime: Was bedeutet das für den Umgang mit dem politischen Islam?

 

Da gilt das Prinzip des laissez faire: Antidemokratische Strukturen in Einwanderermilieus, Islamismus, ausländischer Rechtsextremismus – wird alles toleriert. Das dürfen wir bei diesen Opfergruppen nicht hinterfragen und kritisieren.

Wer es trotzdem tut, ist „islamophob“. Ende der Debatte! So läuft das. Gleichzeitig lamentieren die gleichen Personen, die ständig von „antimuslimischem Rassismus“ sprechen, darüber, dass die Taliban die Frauenrechte nicht achten.

Es ist wirklich in pathologischer Weise paradox: Einerseits erwartet man, dass überall auf der Welt unser freiheitliches Ge-sellschaftsmodell übernommen wird – Stichwort Hybris – und andererseits lässt man im eigenen Land zu, dass sich Parallelgesellschaften entwickeln, die vollkommen undemokratisch und freiheitsfeindlich sind und sich in Bezug auf Frauen und Mädchen nicht von den Normen der Taliban unterscheiden.

 

Welche Forderungen stellen die Opfergruppen an uns?

 

Es geht um Deutungshoheit, um Geld und natürlich auch um Macht. Mitglieder von selbsternannten Opfergruppen wollen in Entscheidungspositionen kommen und andere daraus verdrängen. Ein Mittel, um dies zu erreichen, ist die Aufstellung von Leitbildern, die sich an „Vielfaltskriterien“ orientieren. Es geht um äußere und unveränderliche Marker: Geschlecht, Hautfarbe, sexuelle Orientierung. Jobs, Ämter und Fördermittel sollen nur noch an bestimmte Gruppen vergeben werden. Der identitäre Furor schafft also rassistische Strukturen. Das ist in höchstem Maße diskriminierend.

 

Sie sagen, Hybris und Selbsthass seien extrem zerstörerisch, diskriminierende Strukturen würden geschaffen. Gemessen daran, sind Unmut und Gegenwehr der „weißen“ Bevölkerung in Deutschland vergleichsweise gering. Woran liegt das?

 

Viele Menschen wollen Gutes tun und lehnen Diskriminierungen ab. Das macht sie anfällig für die identitätspolitische Propaganda. Doch das könnte sich ändern und zwar ausgerechnet durch die Gender-Sprache. Die neuen Sprach-regularien betreffen so ziemlich jeden, und da zeigt sich, dass die Bevölkerung nicht bereit ist, sich einem neuen Paradigma zu unterwerfen, das als sinnlos empfunden wird. Aber es stimmt schon, die Dimension des identitäts-politischen Projekts haben die meisten Menschen noch nicht erfasst. Im Kern geht es um Umerziehung, um die Schaffung eines neuen Menschen. Diese alte kommunistische Idee feiert fröhliche Auferstehung. Das bedeutet im Umkehrschluss das Ende der Freiheitsrechte: Keine Meinungsfreiheit, keine Wissenschaftsfreiheit, keine Freiheit der Kunst mehr.

 

Sie beschreiben ein Projekt der Linken. Zumindest vor 2021 gab es hierzulande keine linke Mehrheit. Wie ist dem politisch entgegengewirkt worden?

 

Gar nicht. Teile der bürgerlichen Parteien bis hinein in höchste Regierungsämter haben den Prozess mitgetragen und entsprechende Institutionen geschaffen. Die Anzahl der Opfervertretungen, Anti-Diskriminierungs-, Migrations- und Genderforschungsstellen, die mit öffentlichen Geldern gefördert werden, ist in der vergangenen Dekade zunehmend gewachsen. Wir haben rund 200 Genderlehrstühle an deutschen Hochschulen, aber kaum welche für Zukunfts-technologien. Es entstehen Asymmetrien, die uns noch auf die Füße fallen werden. Vieles wird aus Unwissen und dem Unwillen, sich damit zu beschäftigen, einfach durchgewinkt. Das bürgerliche Lager realisiert in weiten Teilen noch nicht, wem es da auf den Leim geht. Tatsächlich wird so eine anti-demokratische und illiberale Agenda staatlich gefördert, die die Grundlagen der freien Gesellschaft ernsthaft gefährdet!

 

Der Titel Ihres Buches lautet „Global gescheitert“ und dahinter steht ein Fragezeichen. Was muss geschehen, dass aus dem Frage- kein Ausrufezeichen wird?

 

Der Westen muss sich klarmachen, was auf dem Spiel steht, und muss sich endlich wieder zu den Errungenschaften der westlichen Demokratie, zu Freiheit und Rechtsstaatlichkeit bekennen. Darauf können wir stolz sein, das müssen wir selbstbewusst verteidigen und bewahren. Nach außen sollten wir demütiger und aufrichtiger sein, klar unsere Inte-ressen benennen, aber davon absehen, andere Staaten mit moralischen Sprüchen zu bevormunden. Nach innen müssen wir uns energisch gegen den identitätspolitischen Schuld-Kult und gegen die Ausbreitung identitätspolitischer Irrwege wehren. Nur so können wir eine Spaltung der Gesellschaft in identitäre Kleingruppen und einen zwangsläufig daraus folgenden Extremismus verhindern.

 

Welche Rolle kann die Denkfabrik R21 in dieser Auseinandersetzung spielen?

 

Das bürgerliche Lager hat, kulturell gesehen, in den vergangenen Jahren eine Leerstelle gelassen, die andere jetzt ausfüllen. Genau deshalb engagiere ich mich in der Denkfabrik. Wir formulieren die Grundlagen einer neuen bürgerlichen Politik vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen unserer Zeit und greifen Themen auf, die für den Bestand unserer freiheitlichen Gesellschaft von Bedeutung sind. Das bedeutet auch, dass wir zur Korrektur von Fehlentwicklungen beitragen wollen. Die Zeit reif dafür ist, da die Politik der vergangenen Jahre mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine, der Niederlage des Westens in Afghanistan und Mali sowie den vielfältigen innenpolitischen Problemen unübersehbar an eine Grenze gekommen ist. Eine Neuorientierung ist nötig und sie ist möglich.

 

Susanne Schröter, Global gescheitert? Der Westen zwischen Anmaßung und Selbsthass, Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2022, 240 Seiten, ISBN: 978-3-451-39367-9, Preis: 20,- Euro.

 

Weitere Informationen zum Buch finden Sie auf der Website des Verlagshauses Herder:

 

Susanne Schröter

 

Susanne Schröter ist Professorin am Institut für Ethnologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Vorstands-mitglied des „Deutschen Orient-Instituts“ und Senatsmitglied der „Deutschen Nationalstiftung“. Sie ist im wissen-schaftlichen Beirat der „Bundeszentrale für politische Bildung“ sowie im Österreichischen Fonds zur Dokumentation

von religiös motiviertem politischem Extremismus (Dokumentationsstelle Politischer Islam). Des Weiteren ist sie

Mitglied der „Hessischen Integrationskonferenz“, des „Dialog Forum Islam Hessen“, des „Hessischen Präventions-netzwerk gegen Salafismus“ und der „Polytechnischen Gesellschaft“. Im November 2014 gründete sie das „Frankfurter Forschungs-zentrum Globaler Islam“ (FFGI) und ist seitdem Direktorin der Einrichtung. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: Islamismus und Dschihadismus; progressiver und liberaler Islam; Frauenbewegungen in der islamischen Welt; Konstruktionen von Gender und Sexualität; Säkularismus und Religion; Flüchtlinge und Integration; politische,

religiöse und ethnische Konflikte.

 

Scheitert der Westen an Hybris und Selbsthass? - REPUBLIK21 e.V. - Denkfabrik für neue bürgerliche Politik (denkfabrik-r21.de)

 


 

Das grosse Unwohlsein oder: Der Gefühlsterror eifriger Aktivisten

 

Gefühle haben eine eigentümliche Macht. Sie sind nicht anfechtbar. Wer das weiss, der kann sie effektvoll einsetzen: zum Abbruch von Konzerten, zur Verbannung von Frisuren, zur Zensur.

 

Benedict Neff - NZZ - 25.08.2022

 

   Was war eigentlich der Grund für den Abbruch beziehungsweise die Absage eines Reggae-Konzertes in Bern und Zürich? In den vergangenen Wochen wurden viele Artikel zum Thema der kulturellen Aneignung publiziert. Das Problem schienen weisse Musiker zu sein, die Rastafrisuren und im Falle der Band Lauwarm afrikanische Gewänder trugen. Ein Wort, das hingegen fast wie selbstverständlich hingenommen wurde, war: Unwohlsein. Sowohl die Veranstalter in Bern als auch in Zürich benutzten es, um ihr Vorgehen zu begründen. Menschen hätten «Unwohlsein mit der Situation» ge-äussert, schrieb das Konzertlokal in Bern. Der Veranstalter in Zürich betonte: «Wir haben dieses Konzert nicht wegen seiner Rastas abgesagt, sondern wegen des ausgesprochenen Unwohlseins von unseren Mitmenschen.»

 

   Das Wort erinnerte mich an meine Gymnasiumszeit. Wenn ich der Schule ferngeblieben bin ohne triftigen Grund, schrieb ich in mein Absenzenheft: Unwohlsein. Der Klassenlehrer hat unterschrieben, wenn auch misstrauisch. War Unwohlsein ein akzeptabler Grund, um der Schule fernzubleiben? Absolut. Wie hätte sich der Lehrer anmassen können, den Grad des Unwohlseins zu beurteilen? Was wusste er schon davon, wie es mir wirklich ging? Und wollte er sich auf das Gespräch mit einem gereizten Jugendlichen einlassen?

 

Gefühle machen unantastbar

 

Unwohlsein ist ein Gefühl, und Gefühle kann man nicht anfechten. Wenn ich sage: «Ich bin traurig», bedarf es keines Beweises. Es wäre verletzend, wenn jemand sagen würde: «Nein, du bist nicht traurig. Das ist keine Trauer, die du fühlst.» Sich auf seine Gefühle zu berufen, macht einen in mancherlei Hinsicht unantastbar, gibt einem Macht. Wer das weiss, der kann die Gefühle effektvoll einsetzen.

 

Bewusst oder unbewusst haben die Konzertveranstalter auch mit diesem Begriff operiert. Sie haben sich nicht auf komplizierte politische Erörterungen eingelassen. Stattdessen beriefen sie sich auf Gefühle. Nicht einmal auf ihre eigenen, sondern auf die Gefühle von anderen, die sich angeblich beklagt und sich gekränkt gefühlt haben. Das Motiv für den Konzertabbruch ist aus Sicht der Veranstalter: Empathie. Niemand sollte ausgeschlossen, niemand verletzt werden.

 

Erklärungen dieser Art häufen sich in jüngster Zeit. Manchmal wirkt es fast so, als würden die Pressestellen einander gegenseitig abschreiben. Diese Woche erklärte der Ravensburger Verlag, das Buch «Der junge Häuptling Winnetou»

aus dem Programm zu nehmen. Mit den Winnetou-Titeln habe man «die Gefühle anderer verletzt», hiess es.

 

Die Gefühls-Profis

 

Die Gefühlsargumentation ist ein Zeitphänomen. Das Gefühl wird zum Massstab des Handelns, vor allem aber müssen schlechte Gefühle verhindert werden. In Buchverlagen wirken Lektoren, die darauf spezialisiert sind, potenziell ver-letzende Inhalte aufzuspüren – zerknirscht bekannte Ravensburger, dass die «Sensitivity Reader» im Falle von Winnetou versagt hätten.

 

In grösseren Theatern begleiten «Intimacy Coachs» Liebesszenen, damit sich alle Beteiligten wohlfühlen. Professoren, die an der Idee von zwei Geschlechtern festhalten, werden wie im Falle der britischen Philosophin Kathleen Stock von Studenten terrorisiert. An der Universität Princeton wollen selbst manche Professoren Klassiker wie Platon und Aristo-teles ausmisten, um die Vorherrschaft des weissen Mannes zu bekämpfen. Triggerwarnungen vor Filmen versuchen die Konfrontation mit verstörenden Inhalten abzudämpfen. Weisse Schauspieler dürfen keine nicht-weissen Figuren spielen («Whitewashing»). Und keine Frauen. Heterosexuelle Schauspieler erklären, keine homosexuellen Figuren mehr spielen zu können. Tom Hanks: «Das Publikum würde den Mangel an Authentizität nicht mehr akzeptieren.»

 

Sensibilität in der Sprache

 

Frau- oder Mannsein wird zur Frage des subjektiven Gefühls. Gendersensible Sprache breitet sich aus. Die Sprache macht überhaupt deutlicher denn je, in welchem Lager man ist. Die Verwendung von Wörtern wie «Flüchtlinge» und «Behinderte» ist – beabsichtigt oder nicht – zu einem politischen Statement geworden wie der Genuss von Cola und Weinen aus dem Napa Valley. Wäre man ernsthaft sensibilisiert, würde man all das unterlassen.

 

Zu den Aristokraten in der empfindsamen Gesellschaft werden die Hochsensiblen. 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung, deren Nervenkostüm noch einmal filigraner ist. Allergien nehmen zu, Laktoseintoleranz, Anfälligkeit auf Gluten, Lärm, Sonne, Strahlen aller Art. Die Tendenz einer fortschreitenden Sensibilisierung liesse sich beliebig weiter dokumentieren. Die deutsche Philosophin Svenja Flasspöhler hat im vergangenen Jahr mit «Sensibel» ein Kompendium dieser Phäno-mene veröffentlicht.

 

Der Wunsch, nichts zu sein

 

Aber wo führt das alles hin? Flasspöhler schreibt: «Je gleichberechtigter Gesellschaften sind, desto sensibilisierter wer-den sie für noch bestehende Ungerechtigkeiten und damit verbundene Verletzungen.» Was heute sensibel ist, kann schon morgen unsensibel sein. Der französische Philosoph Alain Finkielkraut wiederum glaubt, die westliche Zivilisation sei vom Antirassismus so besessen, dass sie nur noch an ihrer Selbstauflösung arbeite: «Der Wunsch, in einem realen Dasein zu überleben, wandelt sich in einen Willen, nichts zu sein, um nie wieder auszugrenzen, niemanden mehr zu misshandeln.»

 

Das mag melodramatisch klingen, ist aber konsequent gedacht. Die Konzertveranstalter in Bern und Zürich und der Ravensburger Verlag wollen niemanden verletzen. Das erreichen sie nur, wenn sie niemand mehr sind und für nichts mehr stehen. Dann gibt es keine Reibung, keinen Schmerz mehr. Jeder Standpunkt, jede Meinung hingegen bedeutet Auseinandersetzung, potenzielles Unwohlsein. Dass Menschen Schmerzen vermeiden wollen, ist verständlich. Die ab-solute Schmerzvermeidung ist aber unmöglich. Der Schmerz, das Unwohlsein sind dem Leben inhärent.

 

Tatsächlich scheinen die Zensur-Aktivisten auch kein taugliches Gegenmodell zu propagieren. Sie wollen, dass sich der Westen fremde Kulturen nicht aneignet, sie wollen allerdings auch keine Renationalisierung. Ein anderer – ein Indianer, ein Rastafari, ein Ghetto-Rapper – darf man nicht sein, Kulturen vermischen ist verboten, hinter der Schweizer Fahne

soll man sich aber auch nicht versammeln. Deshalb lautet der unausgesprochene Auftrag: Sei nichts.

 

Die Grenzen der Empathie

 

Dabei hat die gewachsene Sensibilisierung die Zivilisation laufend verbessert. Viele Errungenschaften sind erschreckend jung: Erst 1971 erhielten Frauen das Stimmrecht in der Schweiz. Erst seit 1992 ist Vergewaltigung in einer Ehe strafbar und erst seit 2004 ein Delikt, das auch von Amtes wegen geahndet wird. Die Sensibilisierung einer Gesellschaft ist nie abgeschlossen, und das ist auch gut so. Allerdings erleben wir gerade Sensibilisierungs-Exzesse. Dass diese bei mir zu empathischen Reaktionen führen würden, könnte ich bisher nicht feststellen. Das Unwohlsein, das manche angesichts weisser Männer mit Rastafrisuren fühlen, löst vielmehr Befremden und Ablehnung aus. Das Verständnis ist ungefähr so gross wie für eine Person, die sich unwohl fühlt, wenn ein Schweizer mit kosovarischen Wurzeln für die Nationalmann-schaft aufläuft. Null.

 

Im Grunde handelt es sich bei Cancel-Culture-Aktivisten um eine infantile Bewegung. Ehrlicherweise müssen wir diesen Aktivisten sagen: Unwohlsein gehört zum Leben, ein gewisses Unwohlsein muss man auch aushalten können. Die Vorstellung, dass wir uns gegenseitig ständig gute Gefühle geben, entspricht nicht dem Dasein. Manche Leute fühlen sich unwohl in Gegenwart von Hunden und Katzen, andere in Gegenwart von Männern oder Frauen. Manche Leute mögen es nicht, wenn an einem Ort viele Fremde sind. Andere fühlen sich im Gegenteil eher unwohl, wenn das Umfeld nicht multikulturell ist. Unwohlsein muss man ernst nehmen. Aber das heisst nicht, dass die Quellen des Unwohlseins einfach beseitigt werden können.

 

Wo die Gefühle beginnen, endet das Recht nicht

 

Erwachsenwerden bedeutet auch zu lernen, mit dem Unwohlsein umzugehen. Nicht aus jedem Unwohlsein ein Drama zu machen. Gelegentlich auszuweichen. Wer Grossveranstaltungen hasst, geht während der Zürcher Street Parade besser in die Berge. Ralf Höcker, der als Anwalt Leute vertritt, die von Cancel-Culture-Aktivisten gemobbt werden, sagte kürzlich in dieser Zeitung: «Unsere Rechte enden nicht da, wo die Gefühle anderer beginnen, und sie enden schon gar nicht da, wo verletzte Gefühle nur vorgetäuscht werden, um so ein Totschlagargument zu gewinnen. Unsere Rechte enden erst da, wo die Rechte anderer beginnen.»

 

Wie aber ist das Paradox zu erklären, dass sich die aktivistischen Zensoren doch immer wieder durchsetzen? Obschon sie eine kleine Minderheit sind, deren Unwohlsein oft nur durch Vermittlung an die Öffentlichkeit dringt? Weshalb funktioniert die Einschüchterung eben doch?

 

«Die Komplizen der Zensur-Aktivisten»

 

Vermutlich sind die Gefühle schlagkräftiger als die wackligen Theoriegerüste zur kulturellen Aneignung. Die Konfron-tation damit, bei anderen Menschen aufgrund von Äusserlichkeiten oder Handlungen Unwohlsein auszulösen, dürfte die wenigsten kaltlassen. So merkwürdig der Vorwurf auch sein mag. Die meisten Menschen möchten bei anderen keine schlechten Gefühle auslösen, und viele möchten sich auch nicht exponieren. Wer heute mit Rastas herumläuft, steht nach all den Diskussionen im Schaufenster. Wer sein Kind als Indianer an die Fasnacht schickt, setzt es womöglich den Anfeindungen anderer Kinder oder Eltern aus. Also vermeidet man es lieber, man weicht aus und schickt die Tochter als Baum an den Kinderumzug.

 

So entfalten die Fanatiker mit ihren Gefühlen eine Macht. Hinzu kommt ein breites linkes Milieu, das das Unwohlsein angesichts kultureller Aneignung in dieser Rigorosität zwar nicht teilt, aber der Diskussion ausweicht. Das Haupt-problem seien demnach nicht die Zensur-Vorfälle, sondern ihre Skandalisierung durch die Medien. Diese Relativisten sind die Komplizen der Zensur-Aktivisten.

 

Wer vermisst das Indianerkostüm?

 

Die Befürchtung, dass das Unwohlsein immer wirkmächtiger wird, ist deshalb nicht so abstrus. Die Idee einer freien Geschlechtswahl, die allein auf dem Gefühl basiert und noch amtlich beglaubigt wird, hätten vor zwanzig Jahren wohl die meisten für einen Witz gehalten. Auch die Gendersprache hielt man lange für eine Spinnerei linguistischer Seminare. Diese Naivität ist verflogen. Eher schaut man in diese Zeitung und fragt sich: Wird sie dereinst auch mit Genderstern erscheinen?

 

Wird jemand die verfilzten Haare vermissen und die Indianerkostüme? Vielleicht fast niemand. Der Punkt aber ist, dass die freie Entfaltung, die Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks schleichend abnehmen. Denn in Wahrheit ist das Projekt der Hypersensiblen Gleichförmigkeit und Gleichmachung. Wenn alles gleich ist, gibt es auch keinen Anstoss mehr, keine Erregung.

 

Eine Gesellschaft funktioniert aber nicht nur durch Empathie, sondern auch durch Widerstandskraft. Deshalb sollten wir das verbreitete Unwohlsein etwas strenger beurteilen als mein damaliger Lehrer. Denn das Gefühl wird zunehmend zur Legitimation von Zensur missbraucht.

 

https://www.nzz.ch/feuilleton/unwohlsein-der-gefuehlsterror-fanatischer-aktivisten-ld.1699209

 


 

          Das Afghanistan-Desaster: Lehre für die Zukunft?