Geistige Ansteckung

 

Geistige Ansteckung – auch im intellektuellen Leben gibt es eine Epidemiologie

 

Biologische Analogien sind heikel, aber angesichts der neuen Sensibilität für das Leben der Viren scheint es lohnend, intellektuelle Ansteckungsprozesse auch einmal aus epidemiologischer Sicht zu begreifen. Auch Ideen sind ansteckend, im Guten wie im Schlechten.

 

 Es gibt Ansteckung durch Viren, und es gibt Ansteckung durch Gedanken – im Netz auch «Meme» genannt. Während biologische Epidemien eher unerwünscht sind, kann man das von intellektuellen Epidemien nicht unbedingt behaupten. Ausbrüche von Ideen aus der «Nische» eines einzelnen Denkers kennzeichnen entscheidende Disruptionen einer kulturellen Entwicklung. Auch wenn sich gegenüber biologischen Analogien immer ein gewisses Fingerspitzengefühl empfiehlt, erscheint es verlockend, den intellektuellen Ansteckungsprozess einmal aus epidemiologischer Sicht auszuleuchten.

 

Beispiel Psychoanalyse

 

Analogisieren wir also freiheraus. Wir sind empfänglich für gewisse Ideen und immun gegen andere. Einmal angesteckt, können wir, nach einer bestimmten Inkubationszeit, andere anstecken. Nehmen wir ein Beispiel aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts, die Psychoanalyse. Sie ist, nach dem bissigen Wort von Karl Kraus, die Geisteskrankheit, für deren Therapie sie sich hält. Freuds Schriften trugen den infektiösen Stoff, der anfällige Leser wie Jung, Abraham oder Ferenczi ansteckte. Diese wurden nach einer Inkubationszeit zu Wirten des psychoanalytischen Virus. Dabei entwickelte Jung eher eine erworbene Widerstandsfähigkeit gegen die Krankheit, wogegen der Widerstand der Wiener Ärzteschaft wohl einer angeborenen Immunität entsprach.

 

Haben auch Ideen eine Reproduktionszahl?

 

Die Geschichte der Psychoanalyse in ihrer ersten Phase liest sich wie die Chronik einer Epidemie. Analoges lässt sich auch etwa über Newtons Mechanik, Darwins Evolutionstheorie, Cantors Mengenlehre, Keynes’ Beschäftigungstheorie sagen. Die Epidemien sind keinesfalls auf die Wissenschaft beschränkt. Man denke an das Gedankengut von Christus, Buddha oder Mohammed – wahre religiöse Pandemien –, von Kant, Marx oder Nietzsche. Sie sorgten für Gedanken-epidemien in ihren Kreisen. Die quartären Ausläuferwellen erreichen uns noch heute.

 

Die Virulenz von Ideen

 

Eine gute Idee entwickelt sozusagen epistemische Virulenz. Für die Virulenz brauchen die Epidemiologen eine Kenngrösse, die sogenannte Ansteckungsrate oder Reproduktionszahl R. Sie gibt an, wie viele weitere Personen ein Virusträger durchschnittlich ansteckt. Bei der Verbreitung von Viren gilt es natürlich, diese Rate zu vermindern, bei der Verbreitung von Ideen dagegen, sie zu vergrössern, das heisst, Beeinflussungsketten oder -netze zu schaffen, über lange Zeitläufte hinweg. Man nennt das landläufig «Tradition».

 

Haben auch Ideen eine Reproduktionszahl? Ein Team aus Physikern und Wissenschaftshistorikern suchte 2005 die Frage affirmativ in einem Artikel zu beantworten. Und zwar wählten die Autoren als Musterbeispiel die sogenannten Feynman-Diagramme, ein vom Nobelpreisphysiker Richard Feynman in den späten 1940er Jahren ersonnenes ingeniöses mathematisches Instrument, das gestattet, langwierige Berechnungen von Quantenwechsel­wirkungen effektiv durchzuführen. Dieses hochpotente Ideenvirus löste in einschlägigen Kreisen eine Epidemie aus. In penibler Kleinarbeit sichteten die Autoren des Artikels die Zitierungen von Feynman-Diagrammen in Fachzeitschriften und erstellten eine Chronologie der Verbreitung der Idee. Der Verlauf lässt eine typische Sigmakurve erkennen: starker anfänglicher Anstieg, dann zunehmende Abflachung. Überdies schätzten die Autoren die Reproduktionsrate des Ideenvirus in diversen Ländern ab: In den USA betrug sie 15, in Japan bis zu 75.

 

Intellektuelle «Superspreader»

 

Selbstverständlich beantworten solche numerischen Übungen nicht die relevanten epidemiologischen Fragen, vor allem: Was macht eine Idee so virulent? Dass sich in gewissen Intellektuellenkreisen viele «Superspreader» aufhalten? Die Autoren des besagten Artikels schlugen eine andere Erklärung vor: «Die Ausbreitung der Feynman-Diagramme (. . .) zeigt eine enorme Virulenz, nicht aufgrund ungewöhnlich hoher Kontaktzahlen, sondern aufgrund der Langlebigkeit der Idee.»

 

Das ist höchst aufschlussreich, denn die Erklärung präsentiert auch den wissenschaftlichen Fortschritt in einem epidemiologischen Licht. Langlebigkeit einer Idee bedeutet oft die Dominanz von wissenschaftlichen «Mandarinen» und ihren Schülern auf einem Gebiet. Sie kann die Ausbreitung alternativer, konkurrierender Ideenviren behindern. Es bildet sich sozusagen die Herdenimmunität einer wissenschaftlichen Schule gegenüber anderen Ideen aus. Gemäss Max Plancks berühmtem Zitat schreitet die Wissenschaft mit einem Begräbnis nach dem anderen vorwärts. Das heisst, neue Theorien können oft nur dann Fahrt aufnehmen, wenn die Eminenzen einer Disziplin abtreten und die Immunität ihrer etablierten Ideen schwindet.

 

Blick aufs Abseitige

 

Bisher war von guten Ideen die Rede. Wie steht es mit schlechten? Zumal mit der «Pathogenität» von Ideen? Die Frage ist von akuter Bedeutung. «Verseuchter» Content – Falschinformationen, Spinnertheorien, Gerüchte – verbreitet sich in den sozialen Netzwerken buchstäblich pandemisch.

 

Analogisieren wir auch hier. Bei einer Krankheit konkurrieren in der Regel mehrere Erregerstämme um Vorherrschaft und Überleben in einer Wirtepopulation. Abseitige Weltanschauungen, Halb- und Unwahrheiten lassen sich entsprechend als intellektuelle «Pathogene» betrachten. Sie stehen in einem ständigen Konkurrenzkampf mit «gesunden» Ideen. Alle buhlen sie um Aufmerksamkeit, das heisst, sie suchen ansteckbare Wirte. Man könnte eine robuste Population dadurch definieren, dass in ihr die «gesunden» Ideen Gelegenheit haben, die «pathogenen» an einer weiten Ausbreitung zu hindern. Wenn die Population nun aber in lauter abgeschlossene Teilpopulationen zerfällt, können auch «pathogene» Ideenviren ihre Nischen finden, in der sie ungefährdet fortbestehen. Soziale Netzwerke geben die idealen Ansteckungsherde und Brutstätten solcher Virenstämme ab, und sie befeuern dadurch eine geistige Segregation beängstigenden Ausmasses.

 

Es wütet das Komplott-Virus

 

Zurzeit befällt uns das Komplott-Virus. Und wie es scheint, ist seine Reproduktionszahl hoch – was zur Annahme verleitet, das Virus sei ein Produkt der sozialen Netzwerke. Aber es ist viel älter – uralt. Weil es unbelehrbar und angstgetrieben das ewig gleiche Erzählmuster rezykliert, das man in einem Satz verdichten kann: Epidemien haben immer ihre Schuldigen.

 

Zum Beispiel beschuldigte man 1321 während der Lepra-Epidemie in Frankreich die Kranken selbst der seuchen-verbreitenden Konspiration. Der Historiker Carlo Ginzburg zitiert in seinem Buch «Hexensabbat» aus einem Bericht des berüchtigten Inquisitors Bernard Gui, wonach die angeblichen leprösen Verschwörer giftiges Pulver in Brunnen, Quellen und Flüsse gestreut hätten, um die Gesunden anzustecken. Kranke seien verhaftet, eingesperrt, gefoltert und verbrannt worden. Nichts Neues unter der Sonne auch heute. Das Komplottmuster über das Virus Sars-CoV-2 sieht sich je nach Präferenz aktualisiert mit Chinas KP, USA-Geheimdiensten, mit der Bill-Gates-Stiftung, der Big Pharma oder den obligaten Invasoren von Alpha Centauri.

 

Viraler Bullshit

 

Analogisieren wir noch einmal: Bullshit ist ein pandemisches intellektuelles Virus. Seine Epidemiologie beruht auf drei Grundprinzipien: 1) Das Produzieren von Bullshit ist leicht, das Entsorgen dagegen unverhältnismässig schwieriger. 2) Der «Beweis» von Bullshit braucht keine Intelligenz, seine Widerlegung dagegen sehr viel. 3) Viraler Bullshit verbreitet sich schneller als alle Versuche, ihn zu korrigieren und zu widerlegen. Im Augiasstall der Social Media ist daher kein «Impfstoff» gegen Bullshit in Sicht.

 

Grund zur Resignation? Betrachten wir die gegenwärtige Lage eher als Initiation zu einem zeitgemässen Stoizismus. Mikroben gelten seit ihrer Entdeckung primär als «Kontamination», als Beschmutzer und Keimträger des Schlechten: biologischer Dreck, den es zu beseitigen gilt. Dasselbe lässt sich vom intellektuellen Dreck – vom Bullshit – sagen. Stoizismus heisst jetzt: Leben unter dem Gesichtspunkt des Drecks, in dem wir alle stecken. Bullshit-Tracking ist das Gebot der Stunde. Und eine eminente Bildungsaufgabe, längerfristig gesehen.

 

Eduard Kaeser ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig. 2018 ist im Schwabe-Verlag erschienen: «Trojanische Pferde unserer Zeit. Kritische Essays zur Digitalisierung».

 

 https://www.nzz.ch/meinung/geistige-ansteckung-eine-epidemologie-des-intellektuellen-lebens-ld.1581570

 


 

Gendersprache, inszenierte Empörung über den Kolonialismus, neue Nachhaltigkeits-rhetorik: Sie alle sind Symptome einer Pandemie des schlechten Gewissens

 

Die Wohlstandsgesellschaften leiden an sich selbst. Minoritäre Aktivisten (und Aktivistinnen) nutzen das noch so gerne für sich und kujonieren die Mehrheit. Dabei gibt es einen guten Grund, weshalb die Mehrheit dies einfach so hinnimmt.

 

Reinhard K. Sprenger, NZZ - 15.05.2021

 

«Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche einmal, zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist.» Ein tibetisches Sinnbild. Es lässt sich übertragen auf die Gegenwartsdebatten, die von minoritären Interpre-tationseliten beherrscht werden.

 

Diese Minderheiten kommen richtungspolitisch von rechts oder von links, begründen sich mit Identität oder Religion oder Nation oder Menschenrechten, mit Hautfarbe, Rasse oder Geschlecht, mit Werten, Natur oder Sprache. Be-kenntnisvirtuos belehren sie die Mehrheit darüber, welchen Partikularinteressen nunmehr allgemeine Geltung zu verschaffen sei und was man sagen oder tun dürfe. Und was nicht. Die Fähigkeit dieser ebenso lautstarken wie zum

Teil winzigen Minderheiten, der Restgesellschaft ihre Denk- und Sprechmuster aufzuzwingen, ist aufmerksamkeits-ökonomisch so erfolgreich, dass sie sogar zur «gefühlten» Mehrheit wird.

 

Die harte Währung: Opferstatus

 

Voraussetzung für diese Aufmerksamkeit ist nicht Leistung, sondern Benachteiligung. Dafür wird die Welt eingeteilt in Opfer und Täter. Um zum Opferklub zu gehören, muss man nicht diskriminiert werden, es reicht, sich diskriminiert zu fühlen oder sich moralisch zu mandatieren, im Namen von Opfern zu sprechen. Historisches oder strukturelles Unrecht wird dramatisiert, weil nur das Zugang zu den grossmedialen Sprachrohren garantiert, die wiederum das Wertver-ständnis der Gesellschaft neu organisieren. Aus dieser Opferposition fordert man Rettung oder Wiedergutmachung.

 

Um die kulturkämpferischen Anspruchskollektive milde zu stimmen, wedeln die wirklichen oder gefühlten Täter mit Tugenden. In den Verlautbarungen der Wirtschaft wabert es nur so von Gemeinwohl, Nachhaltigkeit, Werten, Ökologie und Verantwortung. Unternehmen gründen sich neu als Naturschutzbünde und vermarkten ihre Produkte als den moralisch besseren Konsum: Wer ein Bier kauft, rettet den Regenwald. Im Vordergrund steht nicht mehr unternehme-risch generierte Wertschöpfung für Kunden, sondern der Kampf gegen Kinderarbeit, Kolonialismus und Klimawandel. Selbst Banken werben mit einem «nachhaltigen» Konto (was immer das sei).

 

Immer mehr Kleinkollektive (Ethnien, Religionen, Geschlecht) entschädigt man für «strukturelle Benachteiligung» durch Zwangsrepräsentation; aber natürlich nur dort, wo Geld oder Macht winken. Man gendert die Sprache bis zur Unver-stehbarkeit und bewirbt das subventionierte Elektroauto als fahrbare Sittlichkeitsproklamation. Zu den Reinwaschungen gehört auch die Forderung, «systemrelevante» Berufe nicht nur zu beklatschen, sondern auch besser zu bezahlen. Wir nicken versonnen.

 

Warum aber lässt sich eine Mehrheit derart kujonieren? Nun, zunächst ist Widerspruch gegen das vermeintlich Gute ungehörig; man empört sich nicht gegen Empörungswellen. Wer ist schon gegen Minderheitenschutz? Schürft man aber tiefer, dann stösst man auf eine sozialpsychologische Mechanik: Die Minorität hat ein gutes Gewissen, die Majorität ein schlechtes. Die Selbstgewissheit alter Mehrheiten hat sich zum schlechten Gewissen gewandelt. Das lässt sich ausbeuten.

 

Das Dasein: die Urschuld

 

Schon länger lebt das Alltagsbewusstsein in opaken Konfliktlagen. Deren Kausalketten verlaufen nicht im Sand, sondern haben eine feste Adresse: Sie landen bei einem selbst! Unsere bare Existenz ist der Sündenfall.

 

Entsprechend haben viele Menschen das Gefühl, irgendwie «verkehrt» zu leben. Der 11. September, den der islamis-tische Terror mit unserer Gottlosigkeit begründet; der Beinahe-Crash des Finanzkapitalismus, der unserer Gier und unserem Konsumismus zu danken ist; die Verhüllung der Welt in einen CO2-Nebel, der unseren Produktionsmethoden, unserem Häuserbau und Rindfleischkonsum sowie dem Trockenlegen der Moore zu danken ist; das Abschmelzen der Gletscher, der Polkappen, der Tod der Arten und der Regenwälder, das Plastik im Meer, die Armutswanderungen, die alle unserem Überfluss zu danken sind; wir fahren immer noch Verbrennungsmotoren, fliegen immer noch in die Ferien, duschen immer noch zu lange, kaufen immer noch billige Lebensmittel, erfreuen uns an ultraniedrigen Klei-dungspreisen, die der Kinderarbeit in Vorderasien zu danken sind.

 

Männer lassen sich zu Quotendeppen machen, weil es ja auch irgendwie in Ordnung ist, für Jahrtausende angeblicher patriarchalischer Herrschaft zu büssen. Mehr noch: Klimasünde «Kind» – hat Mutter Erde nicht schon genug Kinder? Das alles vergrössert durch die Lupe der Schweiz, die ohnehin schon immer die Weltgeschichte ausgebeutet hat.

 

Die Party war wohl doch zu schön und zu extrem. Deshalb ist die Mehrheit, die Zulanggekommenen, bereit zur Schuld-übernahme. Man schaut auf die Verluste, nicht auf die Gewinne und träumt von dem Idyll einer achtsam-authentischen Existenz, von edlen Wilden und gnädiger Natur, von einer Alternative ohne Kollateralschäden, von einem Leben ohne Verlierer, von mehr Gleichheit, die man Gerechtigkeit nennt.

 

Man akzeptiert moralbasierte Rechtsbeugung, Reglementierungslust und Gegendiskriminierungswut, nimmt die politisch korrekte Vergemeinschaftung des Denkens, Fühlens und Sprechens hin, unterschlägt vernünftige Aussagen und abgewogene Urteile, wenn sie «den Falschen» in die Hände spielen könnten. Der Bambi-Effekt der politischen Theorie, für den das Kleine und Minderheitliche als besonders schützenswert gilt, sorgt jedenfalls dafür, dass mancher sich fühlt wie ein Fremder im eigenen Land – so, als müsste sich die Mehrheit der Minderheit anpassen.

 

Das schlechte Gewissen . . .

 

Warum aber triumphiert das schlechte Gewissen über das Wissen? Warum ersetzt das schlechte Gewissen die Vernunft? Leuchten wir noch etwas tiefer und betrachten den intrapsychischen Handel, der hier getrieben wird.

 

Menschen sind Gleichgewichtswesen. Sie können nicht lange in einer belastenden seelischen Situation leben. Sie müssen sich innerlich ausgleichen. Wenn jemand zum Beispiel die klare Forderung spürt, etwas nicht zu tun, es aber dennoch tut, dann gibt er das schlechte Gewissen gleichsam «in Zahlung». Das können Schuldgefühle sein, Selbstbe-zichtigungen bis hin zum Selbsthass. Dadurch wird die Sollseite des eigentlich Richtigen mit der Habenseite des schlechten Gewissens verrechnet. «Es geht mir ja auch nicht gut dabei!» Danach fühlt man sich wieder einigermassen balanciert.

 

Das hat eine weitgehend unbewusste Funktion: Ein schlechtes Gewissen erlaubt das Weitermachen. Das ist sein kleines, schmutziges Geheimnis. Es sagt: «Ich werde es wieder tun.» Es ist ein intrapsychisches Wechselgeld, das man gleichsam zahlt, um alles beim Alten zu lassen – obwohl man weiss, dass man es lassen sollte, es aber dennoch tut: «Mea culpa! Mea maxima culpa!»

 

Etwa wenn Öko-Delegierte mit schlechtem Gewissen von einer Umweltkonferenz zur nächsten fliegen. Oder Über-gewichtige mit schlechtem Gewissen Kuchenberge vertilgen. Oder Golfer mit schlechtem Gewissen auf Wüstenplätzen spielen, die täglich ungeheure Wassermengen saugen. In gleicher Weise konnte mancher, der für die Konzern-verantwortungsinitiative stimmte, sich selbst und anderen vorgaukeln, man habe etwas Hochmoralisches getan. Dabei war es nur kostenlos.

 

. . . und die Reue

 

Diese Mechanik macht das Büsserhemd zum Outfit der Moderne. Ein Triumph des Konjunktivs: «Man sollte ja eigentlich nicht . . .» Eine mentale Befriedungstechnik wie der Sündenbock, den man rituell schlachtet, um sich zu reinigen – aber in der Sache selbst nichts tun zu müssen. Deshalb ist das schlechte Gewissen zu unterscheiden von der tätigen Reue. Wenn jemand etwas wirklich bereut, dann lässt er es zukünftig.

 

Aber schlechtes Gewissen ist auch lästig – die grassierende Angst der Mehrheit, Spass an den falschen Sachen zu haben. Deshalb wird es gerne externalisiert, als Moralisierungsdruck: Man sieht den Splitter im Auge des anderen, aber nicht den Balken im eigenen.

 

Wehe, der andere tut etwas, was ich auch gerne täte, mir aber nicht erlaube! Dann lautet die Parole: Wenn ich mir etwas verkneife, dann hast du dir das auch zu verkneifen! Und wehe, der andere tut etwas hemmungslos und voller Freude, was ich zwar auch tue, aber nur heimlich und mit schlechtem Gewissen. Das drückt mir alle Knöpfe gleichzeitig. Gerne wird dann Scham in Schuld getauscht, Neid in Solidarität umgegossen.

 

Nichts ist so unerträglich wie die Freiheit des anderen.

 

Reinhard K. Sprenger ist Philosoph, Managementberater und Autor, unter anderem von «Das anständige Unternehmen» (DVA 2016) und «Magie des Konflikts. Warum ihn jeder braucht und wie er uns weiterbringt» (DVA 2020). Er lebt in der Schweiz.

 

Reinhard K. Sprenger über die Pandemie des schlechten Gewissens (nzz.ch)

 


 

LINKE UND RECHTE IDENTITÄTSPOLITIK

 

Das Geschäftsmodell der Opfer-Wut

 

BERND STEGEMANN am 19. August 2021 in CICERO ONLINE

 

Beim Projekt der woken Wutkultur geht es nicht darum, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Sondern um die Lust an der inflationären Empörung. Wer sich gekränkt fühlt und es schafft, seiner individuellen Kränkung allgemeine Gültigkeit zu geben, darf seine Wut öffentlich ausleben. Und wird dafür sogar noch belohnt.

 

Linke Identitätspolitik etabliert im Gegensatz zur rechten eine komplizierte Wutkultur. Sie muss die Thymos-Spannung der Opfer hochhalten und immer wieder neu entfachen. Zugleich muss sie die wütenden Reaktionen der Mehrheits-gesellschaft abwehren, indem sie diese wie in einer japanischen Kampftechnik auf sie selbst zurückwendet. So erklärt sich, warum sich beide Identitätspolitiken gegenseitig befeuern.

 

Die rechte Wut wird nicht als Ausdruck sozialer Probleme ernst genommen, sondern soll vor allem eine Gefahr für linke Identitäten sein. Rechte Wut wird zum individuellen Charakterfehler erklärt, während linksidentitäre Wut Ausdruck der falschen Verhältnisse ist. Mit diesem doppelten Standard werden permanent neue Konflikte produziert. Denn es werden nicht nur alle nicht-linksidentitären Wutkollektive provoziert, sondern es wird ebenso der Universalismus und Gleich-heitsanspruch der bürgerlichen Milieus bekämpft.

 

Radikale Paradoxien

 

Um in diesem Wechselspiel Sieger zu bleiben, wendet die linke Identitätspolitik ihre Paradoxien immer radikaler an. Jeder Versuch, auch die rechte Wut als Teil des politischen Spektrums zu verstehen, wird kategorisch abgelehnt. Wer die „Sorgen der Bürger“ ernst nehmen will, macht sich in ihren Augen bereits verdächtig.

 

Der einfache Grund, warum linke Identitätspolitik ihre doppelten Standards so vehement durchsetzen will, besteht in ihrem politischen Machtanspruch. Würde die Wut der „weißen Menschen“ nicht als Beweis ihrer Schuld angesehen, sondern als verstehbares Aufbegehren anerkannt, bräche das Fundament linker Identitätspolitik zusammen. Ihre doppelten Standards sind das Betriebsgeheimnis ihres Erfolgs. In jedem einzelnen ihrer Argumente finden sie sich wieder.

 

Darum droht die größte Gefahr für sie inzwischen nicht von der Seite der rechten Wut, sondern von der Seite, die ihren strategischen Einsatz der Doppelstandards öffentlich kritisiert. Die Wut linker Identitätspolitik richtet sich immer stärker gegen die neutrale Position des Universalismus. Die raffinierteste Abwehr besteht darin, den Universalismus zum Partikularismus der „weißen Menschen“ zu erklären.

 

Mit diesem logischen Trick sägt die linke Identitätspolitik jedoch an dem Ast, auf dem sie selbst sitzt. Denn wenn es keinen Universalismus in der Gleichheit mehr gibt, entfällt auch ihr Fundament für eine Gleichheit, mit der Minderheiten gleiche Rechte fordern können. Wer den Universalismus der Menschenrechte ablehnt, öffnet die Türen zur Hölle, in der wieder das Recht des Stärkeren gilt.

 

Doch diese Gefahr wird ignoriert, da der kurzfristige Gewinn aus den doppelten Standards zu verlockend erscheint. Um diesen Kampf der doppelten Standards gegen die Gleichheit des Universalismus zu gewinnen, muss der Wut-Pegel hoch bleiben. Nur ausreichend große Erregung kann das Wutkollektiv zusammenschweißen und es damit gegen rationale Argumente immunisieren.

 

Die Vehemenz des Aufschreis wird zur stärksten Waffe gegen den zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Darum betreibt linke Identitätspolitik ein elaboriertes Wutmanagement. Damit die Anlässe für Kränkungen nicht ausgehen, müssen die Gegenwart und die Vergangenheit nach Ereignissen durchsucht werden, über die man sich empören kann.

Pietistisches Weltbild

 

So entsteht die „wokeness“ als wichtigster Lieferant immer neuer Kränkungen. Wer „woke“ ist, ist erwacht und findet mit geschärften Sinnen nun den kleinsten Anlass für Empörung. Der Woke erfüllt in der linken Wutkultur eine wichtige Funktion. Er liefert den notwendigen Nachschub an Aufregung, um die linke Wutspannung hochzuhalten.

 

Die Erwachten fügen sich perfekt ins pietistische Weltbild und radikalisieren die Suche nach Empörungsgründen. Wenn alle weißen Menschen von Natur aus Rassisten sind, erhöht sich die Zahl der empörungsfähigen Ereignisse ins Unend-liche. Was als Mikroaggression in US-amerikanischen Colleges schon vor Jahrzehnten für den permanenten Nachschub an Kränkungen sorgte, wird nun zur allgemein verfügbaren Erregung. Die einfache Frage „Woher kommst du?“ löst, wenn sie von einem weißen Menschen gestellt wird, Wut aus. Denn in den empörungsbereiten Ohren klingt diese Frage nach der Unterstellung, dass die nicht-weiße Person womöglich aus einem anderen Land kommen könnte.

 

Paradoxe Situation ohne Lösung

 

Ebenso können die „Tränen der weißen Frau“ zu einem Skandal taugen. Wenn eine rassistisch motivierte Tat öffentlich betrauert wird, sollen schwarze Menschen ablehnen, dass weiße Frauen ihre Anteilnahme durch Tränen ausdrücken dürfen. Die Unterstellung besteht darin, dass weiße Frauen mit ihren Tränen nur selbst zum Mittelpunkt der Trauer werden wollen. So wird eine weitere paradoxe Situation geschaffen, in der Weiße es nur falsch machen können.

 

Stehen sie ohne Gefühle abseits, wird ihnen Empathielosigkeit und ein rassistisches Desinteresse vorgeworfen. Zeigen sie ihre Gefühle und weinen, wollen sie nur die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Und wie in allen paradoxen Situationen gibt es keine Lösung. Die Macht liegt genau darin, dass Weiße in eine ausweglose Situation gebracht werden. Der Weiße handelt unhintergehbar falsch, weil er ein Weißer ist, womit er zwangsläufig immer neue Beweise für seine Schuld produziert.

 

Ist die Tür zur negativen Interpretation „weißer“ Gefühle einmal durchschritten, kann in jeder Handlung und in jeder Formulierung eine rassistische Kränkung gesehen werden. Die Hermeneutik des Verdachts bestimmt dann das Klima, in dem Kommunikation stattfinden muss.

 

Ein Keks, der von dunkler Schokolade ummantelt ist und „Afrika“ heißt, wird dann ebenso zum rassistischen Skandal wie das Adjektiv „schwarz“ in „Schwarzfahren“ oder „Schwarzarbeit“. Dass in beiden Fällen nicht „schwarze“ Menschen gemeint waren, spielt dabei ebenso wenig eine Rolle wie die absurde Mühe, die eine Gesellschaft aufwenden muss, um die immer neuen Kränkungen zu beruhigen und den alltäglichen Gebrauch der Sprache zu korrigieren.

 

Affekte der Rache

 

Bei dem Projekt der woken Wutkultur geht es nicht um einen Plan, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, sondern es geht um die Lust an der inflationären Empörung. Wer sich gekränkt fühlt und es schafft, seiner individuellen Kränkung eine allgemeine Gültigkeit zu geben, ist nicht nur berechtigt, seine Wut öffentlich auszuleben, er wird dafür sogar noch belohnt.

 

Gelten die Affekte der Rache ansonsten als bedenkliche Zeichen von Zivilisationsverlust, so ist die wütende Stimme, die aus einer Opferperspektive nach Vergeltung ruft, ein anerkannter Beitrag zur Öffentlichkeit. Jedes Medium, das im Markt der Aufmerksamkeit mithalten will, braucht inzwischen mindestens eine wütende Opferstimme unter seinen Beiträgern.

 

Textform des One-Trick-Pony

 

Das Geschäftsmodell der Opfer-Wut ist so einfach wie erfolgreich. Müssen die Stimmen derer, die nicht als Opfer gelten, Argumente finden und größere Zusammenhänge erläutern, um ihrer Meinung eine Relevanz zu geben, kann die Opfer-Stimme allein auf sich selbst und die eigene Kränkung schauen. So entsteht die Textform des One-Trick-Pony: „Ich bin wütend“ wird zum Ausgangspunkt des immer gleichen Textes, der gegen eine vermeintliche Übermacht anbrüllt.

 

Dass die Behauptung, eine marginalisierte und darum übersehene Opferposition zu bekleiden, spätestens in dem Moment zur Lüge wird, wo sie regelmäßig in einem überregionalen Medium erscheint und vielfältigen Zuspruch erhält, wird ausgeblendet. Getreu der alten Lehre zum Machterhalt befolgen die Verwalter der Opfer-Wut den Ratschlag: Wenn du herrschen willst, musst du es im Gewand des Dieners tun.

 

So hat der öffentliche Wettbewerb zwischen rechter und links-woker Identitätspolitik einen klaren Sieger. Und damit findet die paradoxe Methode der linken Identitätspolitik ihre abschließende Formel. Solange sie es schafft, genügend Nachschub an Empörung zu generieren, und solange ihre Wut als legitimer Ausdruck der Unterdrückten erscheint, solange behält sie die Macht über die Regeln der öffentlichen Kommunikation.

 

Darum steht im Zentrum dieser Wutkultur der gut bewachte Bereich des Opferstatus. Dass die Opfer-Wut so viel erfolg-reicher ist als die Täter-Wut der rechten Identitätspolitik, gibt hingegen Anlass, zum Abschluss noch einmal anders über die Wutkultur der Spätmoderne nachzudenken.

 

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus Bernd Stegemanns Buch „Wutkultur“ (Hardcover mit 104 Seiten, 12 Euro), das diesen Monat im Verlag „Theater der Zeit“ erscheint.

 

Linke und rechte Identitätspolitik - Das Geschäftsmodell der Opfer-Wut | Cicero Online

 


 

Siehe dazu auch: Identitätspolitik   Identitätspolitik

 


 

Siehe auch: Identität - Wer bin ich? Wer bist Du?   Identität

 


 

Propagandamaschine Social Media

 

Der investigative Dokumentarfilm blickt hinter die Kulissen der globalen populistischen Bewegungen, analysiert ihre Online-Strategien und spürt die "Ingenieure des Chaos" auf: Informatiker, Meinungsforscher und Big-Data-Experten, die im Verborgenen Schlachtpläne für Politiker erstellen. Sie kennen keine Skrupel, wenn es darum geht, ihren Kandidaten zum Sieg zu verhelfen ...

 

Vor 15 Jahren lobten demokratisch gewählte Politiker aller Länder begeistert die sozialen Medien – für ihre Rolle bei Revolutionen und Befreiungsbewegungen rund um die Welt. 2011 folgte dann der Arabische Frühling. Eine neue Überzeugung brach sich Bahn: Je mehr Information frei zugänglich sei, desto bewusster könnten sich Bürger entscheiden und Völker ihre Ketten sprengen.

 

Doch die Geschichte nahm einen anderen Lauf. In den USA, in Indien, Brasilien und Italien – allesamt große Demo-kratien – schafften es dank der neuen Informationstechnologien Populisten an die Macht. In vielen weiteren Ländern stehen sie kurz davor. Extremisten haben Hochkonjunktur, Gesellschaften polarisieren sich, Wahrheit wird relativ. Und überall, wo die Wahrheit als Nebensache gilt, ist die Demokratie in Gefahr.

 

„Propagandamaschine Social Media“ blickt hinter die Kulissen der globalen Populismus-Bewegung, analysiert ihre Online-Strategien und spürt die „Ingenieure des Chaos“ auf: Informatiker, Meinungsforscher und Big-Data-Experten, die im Verborgenen, am Computerbildschirm und mit Hilfe riesiger Datenbanken Schlachtpläne für Politiker erstellen. Um ihren Kandidaten zum Sieg zu verhelfen, schüren sie durch Mikro-Targeting und Online-Manipulation den Hass im Netz und heizen die Stimmung immer weiter auf. Sie nehmen dabei in Kauf, dass die Gesellschaft gespalten und der demokratische Diskurs untergraben wird.

 

Der Dokumentarfilm verfolgt auf mehreren Kontinenten den grenzenlosen Informationsfluss. Von Washington bis Brasilia, von Rom bis Neu-Delhi: Überall auf der Welt wird das Verhalten der Menschen beeinflusst und verändert. Die Methoden und die dazugehörigen Technologien gleichen sich.

 

Die Informationsschwemme und die immer durchlässigeren Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge haben die Paradigmen der Politik weltweit verändert. Doch es gibt auch Widerstand gegen diese Entwicklung: Couragiert kämpfen Faktenchecker, Aktivisten und Politiker gegen die Desinformation im Netz an.

 

Regie: Alexandra Jousset & Philippe Lagnier

 

Land: Frankreich - Jahr: 2020 - Herkunft: ARTE F

 

https://www.arte.tv/de/videos/098157-000-A/propagandamaschine-social-media/