Was ist der Zweck einer Universität?

 

Ayaan Hirsi Ali: Unsere Universitäten brauchen eine Revolution

 

Aktivismus statt Forschung, ideologischer Nonsens statt kritisches Fragen: Das Bildungswesen ist auf Abwegen. Um den Führungskräften von morgen das Denken beizubringen, sind neue Institutionen vonnöten.

 

Ayaan Hirsi Ali in der NZZ am 26.07.2022

 

Was ist der Zweck einer Universität? Bei der Gründung von Harvard im Jahr 1636 hiess es, «die Gelehrsamkeit zu fördern und sie der Nachwelt zu erhalten». Aber in den letzten Jahren hat die Universität einen viel engeren Zuschnitt erfahren. Lernen ist nicht mehr genug. Aktivismus ist gefragt. Yale und Harvard ähneln inzwischen dem mythischen Uroboros, der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beisst, um ihren unbändigen Hunger zu stillen – jenen nach Konformität.

 

Im Jahr 1951 warnte William F. Buckley Jr. in «God and Man at Yale» vor der Unfähigkeit seiner Alma Mater, ihre Studie-renden auf die reale Welt vorzubereiten. Der Untertitel des Buches, «The Superstitions of ‹Academic Freedom›» (Der Aberglaube der «akademischen Freiheit»), spielte auf die bereits damals bestehende Tendenz der Verwaltung an: Akademiker einzustellen, die nur Ideen lehren, die sie selbst für akzeptabel hält.

 

Der Skeptizismus wurde dabei verbannt; für Buckley untergruben politische Radikale die amerikanische Gesellschaft, indem sie ihre Studenten mit Atheismus und Kollektivismus indoktrinierten. Dennoch blieb er ein «epistemologischer Optimist» – er hoffte, dass der Verstand in der Ivy League wie auch im Land überhaupt obsiegen würde.

 

Das falsche Thema gewählt

 

Mehr als siebzig Jahre später hat er sich offensichtlich nicht durchgesetzt. Nehmen wir den Fall von Roland Fryer. Der hochbegabte und bis vor kurzem gefeierte schwarze Professor für Wirtschaftswissenschaften in Harvard wurde nach zweifelhaften Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung für zwei Jahre ohne Bezahlung suspendiert. Viele ver-muten, dass der wahre Grund für die demütigende Behandlung seine Forschungsarbeit war, die zeigte, dass Afro-amerikaner nicht überproportional häufig Ziel tödlicher Gewalt durch die Polizei sind. Fryer schrieb, es gebe in der

Sache «keine Unterschiede bei ethnischen Gruppen, weder in den Rohdaten noch bei Berücksichtigung von kontex-tuellen Faktoren».

 

Obwohl Fryers Forschungsergebnisse lange vor den «Black Lives Matter»-Protesten im Jahr 2020 veröffentlicht worden waren, die die Polizei als staatlich finanzierten Akteur der Rassenunterdrückung bezeichneten, machte er sich damit in der akademischen Welt Feinde. Er tat zwar nichts anderes, als sich auf die Spuren der Evidenz zu begeben. Doch damit hatte er die Progressiven beleidigt, die inzwischen die Leitung und die Kultur der Universität dominieren. Zu Fryers Rückkehr auf den Campus nach zwei Jahren des Ausschlusses hatte die Zeitung «Harvard Crimson» nur Folgendes zu sagen: «Fryer sollte nicht in die Vorlesungsräume von Harvard zurückkehren.»

 

Ähnliche Geschichten lassen sich über andere hochangesehene Institutionen erzählen. Joshua Katz, ein Professor für klassische Philologie in Princeton, wurde in diesem Jahr nicht nur suspendiert, sondern entlassen wegen einer lange zurückliegenden Beziehung zu einer Studentin. Vor dem Hintergrund, dass die Untersuchung sich auf selektive Beweise stützte, scheint es wahrscheinlich, dass sein eigentliches Vergehen darin bestand, es gewagt zu haben, die «Black Lives Matter»-Bewegung zu kritisieren.

 

Abkehr vom Denken

 

Wenn die Universitäten einst versprachen, ihren Studenten das Denken überhaupt beizubringen, so zielen sie jetzt darauf ab, ihnen beizubringen, was sie denken sollen. Den Studenten wird nun beigebracht, dass Ungleichheiten zwischen Gruppen immer das Ergebnis von Diskriminierung seien. Dass die Vereinigten Staaten hoffnungslos rassistisch seien; dass Rassismus alles durchdringe; dass die unsichtbaren Machtkonstellationen der strukturellen Unterdrückung ebenfalls allgegenwärtig seien und dass sie niedergerissen werden müssten. Zudem dass die Leistungsgesellschaft eine Lüge sei; dass Farbenblindheit ein irreführendes Konzept darstelle; dass der Fokus auf individuelle Rechte vom eigent-lichen Kampf ablenke.

 

Verschwunden sind diejenigen, die wie Roland Fryer versucht haben, die wichtigsten Fragen, mit denen sich die Ge-sellschaft heute konfrontiert sieht, frei zu erforschen – und zwar mit guten Beweisen und strenger Logik. Sie wurden vertrieben von einer lautstarken Minderheit dünnhäutiger Studenten und eifriger Verwaltungsangestellter, danach ersetzte man sie durch progressive Mitläufer.

 

Traum der Vielfalt

 

Vor diesem Hintergrund habe ich in der vergangenen Woche an der neuen University of Austin fünf Kurse zum Thema Redefreiheit gehalten. Die UATX soll eine frei denkende Alternative zu den bestehenden Universitäten sein, und unsere Sommerschule war darauf ausgerichtet, Studenten von genau diesen Orten anzulocken. Man hätte erwarten können, dass zumindest einige dieser Studenten Angst davor hätten, die progressiven Glaubenssätze infrage zu stellen. Aber tatsächlich war das Gegenteil der Fall.

 

Diese Studenten waren wissensdurstig, lernbegierig und leistungsbereit – und doch kamen viele von ihnen von eta-blierten Einrichtungen wie dem Dartmouth College, der Brown University oder von Berkeley. Andere kamen aus Über-see, von der Sorbonne in Paris und der University of British Columbia in Kanada. Meine Klasse bestand aus einer ebenso vielfältigen Gruppe von Studenten: drei Frauen, eine Transgender-Person und sieben Männer. Ein Student war marok-kanischer Herkunft, ein anderer indischer Abstammung. Auf dem Papier entsprach die Aufstellung den Traumvor-stellungen eines Diversitäts-, Gleichberechtigungs- und Integrationsbeauftragten.

 

Lernbegierig und höflich

 

Die Studenten, die ich kennenlernte, waren jedoch weit davon entfernt, die USA schlichtweg anzuprangern als eine «strukturell rassistische» Gesellschaft, die angeblich marginalisierte Gemeinschaften unterdrückt. Sie waren voller Elan, sich in den Dienst ihres Landes und der Gesellschaft überhaupt zu stellen. Keiner von ihnen war auch nur im Geringsten sogenannt «woke».

 

Über eines klärten sie mich in den fünf Sitzungen, die wir zusammen hatten, jedoch auf, nämlich über die Tatsache, dass kritisches Denken und freies Forschen an ihren jeweiligen Universitäten praktisch fehle. Selbst der französische Student sagte, dass es an der Sorbonne kaum Debatten gebe. Die amerikanischen Studenten meinten, die meisten ihrer Kom-militonen seien wie sie: lernbegierig, diskussionsfreudig und wettbewerbsorientiert – und das alles auf höfliche Art und Weise.

 

Was sie beunruhigte, war eine Minderheit von Studenten, Professoren und Verwaltungsangestellten, die das Studium für alle verderben würden, indem sie sich aufspielten, Tugendhaftigkeit demonstrierten und die progressive Orthodoxie durchsetzten. Die Studentenvertreter und die studentischen Medien ihrer Universitäten repräsentierten sicherlich nicht die Mehrheit, sagten sie. Ihre gewerkschaftlichen Mantras und Positionen sprächen nur für die kleine Gruppe innerhalb einer geradezu autokratischen Blase.

 

Harvards Motto

 

Aus meinen Gesprächen mit den Studenten an der UATX ging klar hervor, dass die elitären Bildungseinrichtungen der nächsten Generation einen grundlegenden Bärendienst erweisen. Wenn wir den Führungskräften von morgen bei-bringen wollen, wie man denkt – wie man bohrende Fragen stellt, anstatt diktierte Antworten zu wiederholen –, brauchen wir eine grundlegende Neubewertung der modernen Universität. Es ist klar, dass diese Einrichtungen immer noch sehr gefragt sind, man denke nur an die ständig steigenden Bewerberzahlen in Harvard. Aber das bedeutet nicht, dass sie ihre Aufgabe erfüllen.

 

Das Motto von Harvard ist ein einziges Wort: «Veritas», Wahrheit. Das Motto von Yale lautet «Lux et Veritas», Licht und Wahrheit. Allerdings ist die Wahrheit das erste Opfer des Progressivismus. Und was das Licht betrifft, so erzeugen die Endlosschlaufen der Identitätspolitik auf den Universitätsgeländen viel eher Abwärme und Hitzigkeit.

 

Dennoch ging ich mit einem Gefühl der Erleichterung von der Sommerschule weg. Junge Menschen – zumindest einige von ihnen – wollen keine Indoktrination. Der einzige Weg, um zur «Förderung der Gelehrsamkeit und ihrem Erhalt» zurückzukehren, besteht jedoch darin, neue Bildungsinstitutionen zu gründen. Dabei darf man nicht vergessen: Auch Harvard war einmal ein Startup.

 

Ayaan Hirsi Ali ist eine somalisch-holländisch-amerikanische Politikwissenschafterin und Publizistin. Dieser Text erschien im Original auf der Plattform «UnHerd». – Aus dem Englischen von mml.