Reislamisierung

 

 

Die Reislamisierung von unten

 

In der islamischen Welt kam der Fortschritt meist von oben, der Widerstand dagegen von unten.

Dass die Religion von der Politik korrumpiert wurde, ist ein Mythos.

Gastbeitrag von Michael Kreutz am 2. August 2020

 

Dass es die Kalifen beziehungsweise die muslimischen Herrscher waren, die den Islam korrumpiert haben, um ihre Herrschaft zu konsolidieren, ist eine häufig zu findende Behauptung, die jüngst auch der Münsteraner Theologe Mouhanad Khorchide in seinem neuen Buch „Gottes falsche Anwälte‟ aufgestellt hat. Ohne hier näher auf das grundsätzlich lesenswerte Buch eingehen zu wollen, sei gesagt, dass in der islamischen Welt der Fortschritt meist von oben kam, der Widerstand gegen ihn aber von unten.

 

Da die Herrschaftsansprüche der frühen islamischen Dynastien immer umstritten waren, vermochten diese es nie, sie dauerhaft abzusichern. Eine Kodifizierung des islamischen Rechts schien außerhalb des Machbaren, eine davon unabhängige Gesetzgebung erst recht. Am Hof der Abbasiden (ab 750) herrschte, wie dies schon unter den Umayyaden der Fall war, anfänglich eine gewisse Laxheit der Sitten vor, weshalb sie mit einer Theologenschule sympathisierten, die sich Mu‛taziliten nannte.

 

Der Glaube an den freien Willen

 

Die Mu‛taziliten glaubten an den freien Willen des Menschen und daran, dass die Religion an der Vernunft gemessen werden müsse. Zwar verfochten sie eine strenge Befolgung der religiösen Gebote, doch erlaubten sie eine gewisse Vielfalt an Deutungen. Diese Islamvorstellung kam dem Abbasidenkalifen al-Ma‛mun gelegen, der seine Herrschaft gegen eine stärker werdende Gelehrtenschaft absichern wollte. Deren Ziel war es, Normen zu formulieren, denen auch ein Kalif sich zu unterwerfen hat.

 

Die Abbasiden versuchten, über die Ernennung von Richtern auf die Rechtspraxis einzuwirken, was jedoch den grundlegenden Konflikt mit den Spezialisten des Rechts nicht entschärfen konnte. Kalif al-Ma‛mun ging sogar so weit, 833 den rationalistischen Islam der Mu‛tazila und damit seine eigene religiöse Autorität gegenüber der Gelehrtenschaft mit Hilfe der sogenannten Mihna, der islamischen Variante der Inquisition, gewaltsam durchzusetzen. Das Vorhaben war zum Scheitern verurteilt und drei Kalifen nach ihm wurde die Mihna nicht nur aufgehoben, sondern auch die mu‛tazilitische Doktrin verboten. Den Sieg davongetragen hatten die Gelehrten.

 

Als im 10. Jahrhundert endlich geordnete Hadith-Sammlungen vorlagen, war der sunnitische Islam soweit gereift, dass er sich als Glaube der Massen durchsetzen konnte. Der Koran alleine konnte keine Quelle für eine umfassende Gesetzgebung sein, dafür bot er zu wenige Anhaltspunkte.

 

Trennung von Staat und Religion

 

Staat und Religion waren seitdem zwar mehr oder weniger getrennt, aber die Gesellschaft lebte unter dem Gesetz der Religion, der Scharia, die in Koran und Sunna wurzelt. Schließlich erklärte Kalif al-Qadir 1017 den sunnitischen Islam gegen andere Anschauungen zur einzig wahren Lehre.

 

Im Laufe des 10. Jahrhunderts herrschte immer mehr eine Art Arbeitsteilung vor: Der politisch stark geschwächte Kalif hielt noch als ein Symbol für ein Reich her, das sich immer weiter ausdehnen sollte. Die Schariagelehrten hingegen übernahmen die Anleitung der Gesellschaft.

 

Fortschritt von oben, Widerstand von unten

 

Das im 11. Jahrhundert entstehende Muftiamt zementierte diesen Anspruch. Dass der Fortschritt von oben, der Widerstand dagegen von unten kommt und es schließlich die Staatsmacht ist, die sich dem Druck beugt, ist ein Muster, das uns bis in die Gegenwart hinein begegnet.

 

Zum Beispiel in Indien. Im 16. Jahrhundert pflegte der Mogulkaiser Akbar einen entspannten Umgang mit der Religion und versammelte Vertreter verschiedener Glaubensgemeinschaften zum gelehrten Gespräch um sich. Er selbst war nur nominell Muslim und Anhänger einer Religion, die er Din-e elahi nannte, „die göttliche Religion‟.

 

Die Scharia als Hauptquelle der Rechtsprechung

 

Der Widerstand gegen diese Form aufgeklärter Herrschaft kam von unten: Von den Religionsgelehrten, aber auch von den Sufis. Akbars Enkel Schah Jahan, bekannt als Erbauer des Taj Mahal, drehte schließlich die Toleranzpolitik seines Großvaters zurück, bevor ab 1658 sein Sohn und Nachfolger Aurangzeb, genannt Alamgir, die Zügel weiter straffte, Nicht-Muslime zum Teil verfolgte und die Expansionspolitik wieder vorantrieb.

 

Auch Ägypten dient als Beispiel. Ab dem 19. Jahrhundert hatte das Land am Nil eine Reihe von Reformen erlebt, weltliche Gesetze drängten die Scharia zurück. Dies setzte sich bis 1980 fort. Frommer Widerstand, der sich von unten organisiert hatte, brachte die Regierung 1985 dazu, die Scharia wieder zur Hauptquelle der Rechtsprechung zu machen, womit unter anderem die Frau in der Ehe wieder schlechter gestellt wurde.

 

Reislamisierung findet unter Erdogan ihren Höhepunkt

 

In der Türkei können wir diese Entwicklung ebenfalls verfolgen: Nach Ausrufung der Republik 1923 hatte das Land zunächst eine rigide Trennung von Staat und Religion vollzogen und 1928 den Islam als Staatsreligion abgeschafft. Die breite Bevölkerung blieb jedoch eher national-religiös gestimmt und bereits 1961 wurde der Islam erneut faktisch Staatsreligion.

 

Das Ausmaß an persönlicher Freiheit war zwar nach wie vor groß, die Islamisten jedoch erhielten zunehmend Auftrieb. Mit den Wahlerfolgen Erdogans und seiner AKP findet die Reislamisierung nur ihren vorläufigen Höhepunkt.

 

Zunehmende Islamisierung Pakistans

 

Schauen wir nach Pakistan: Zwar hatte hier wie auch im benachbarten Indien der Volksislam immer viel stärkeren Einfluss auf die Massen als die sunnitische Orthodoxie, dennoch fügt sich Pakistan in das Muster: Vertrat die Gründungsriege des Landes noch einen eher liberalen Islam, hatten die Islamisten, die es verstanden, den Unmut gegen weltliche Gesetze zu einem Widerstand von unten zu mobilisieren, schon früh dagegengehalten. Die säkulare Verfassung von 1962 fiel unter dem Druck von unten der Islamisierung zum Opfer, die ab 1977 unter Zia-ul-Haq dann auch von oben vorangetrieben wurde.

 

Wie V.S. Naipaul über das Land am Indus schrieb, fand die Islamisierung auch hier von unten nach oben statt. So kamen erst die „einfachen Negierungen, die emotionalen Bedürfnissen entsprachen: kein Alkohol, keine weibliche Unkeuschheit, keine Bankzinsen.“ Dann kamen weitere Negierungen hinzu: „keine politischen Parteien, kein Parlament, kein Dissens, keine Gerichtshöfe. So wurden existierende Institutionen für unislamisch gehalten und untergraben oder abgeschafft.“

 

Mehr Macht für Schariagelehrte in Tunesien

 

Ein letztes Beispiel: Tunesien. Trotz einer jahrzehntelangen säkularen Politik unter Habib Bourguiba, der die Scharia zurückdrängte, gibt es schon sehr lange eine signifikante fundamentalistische Bewegung. Diese wurde zeitweise gegen die politische Opposition instrumentalisiert, später wieder unterdrückt, dann hofiert.

 

Letztlich aber kam der Druck zu einer Reislamisierung des Landes von unten und richtete sich unter anderem gegen den Versuch der Regierung 1961, das Fasten im Ramadan einzuschränken, weil dies schädlich für die Wirtschaft sei. Dass Bourguiba diesen Schritt islamisch zu legitimieren versucht hatte, sollte ihm nichts nützen und so musste er von seiner Position abrücken. Am Ende räumte die Regierung den Schariagelehrten, solange sie nur staatstragend waren, mehr Macht ein.

 

Untergang des rationalistischen Islam

 

Es ist daher zu einfach, den rigiden Islam der sunnitischen Orthodoxie wie der Islamisten einfach als Produkt eines Missbrauchs durch die Herrschenden darzustellen. Seit dem Untergang des rationalistischen Islam haben wir es in den muslimischen Ländern mit einer Gemengelage von Religion und Politik zu tun. Dass die Scharia von einem sehr weltlichen Charakter ist und Vorschriften zum Familien-, Vertrags- und Verwaltungsrecht umfasst, lässt die Sphären der Religion und der Politik nur noch weiter verschwimmen.

 

In progressiven Kreisen und besonders an der Universitäten mag man derlei Verschwommenheit als Ambiguitätstoleranz verklären. Es ändert nichts an dem Umstand, dass die muslimischen Länder bei aller kulturellen Verschiedenheit innerlich doch ziemlich blockiert sind. Die häufig gehörte Klage, die Religion sei ein Opfer der Herrschenden und müsse nur richtig verstanden werden, ist schon seit jeher mehr ein Teil des Problems als ein Teil der Lösung gewesen.

 

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