Missbrauch in religiösen Milieus



 

 

 Missbrauchsfälle in religiösen Mileus

 

In der öffentlichen Meinung haben Religionen oft keinen guten Ruf. Häufig werden damit bedürfnisfeindliche Moralvorstellungen, fanatische Überzeugungen und Scheinheiligkeit verbunden. Mehrere Skandale in ganz unterschiedlichen religiös-weltanschaulichen Milieus haben in den letzten Monaten dem öffentlichen Ansehen der Religionen weiter geschadet. Übergreifend ging es dabei um den Missbrauch von Macht. Auch spirituelle Leiter scheinen entgegen ihren moralischen Ansprüchen und Lehren nicht davor gefeit zu sein. Häufiger wurde auf die Gefahren narzisstischer Größenfantasien und fehlender kollegialer Korrektur hingewiesen. Um den Versuchungen des Machtmissbrauchs nicht zu erliegen, müssen Leitungspersonen über ein hohes Maß an persönlicher Integrität und Charakterstärke verfügen. Auch wenn sich die Organisationsformen und Glaubensinhalte von religiösen Milieus und Szenen sehr unterscheiden, können soziale Strukturen und Beziehungssysteme vergleichbar sein.

 

Papst Franziskus hat im August in einem vierseitigen Schreiben Fehlverhalten von Amtsbrüdern eingestanden und die Opfer um Vergebung für das Versagen der katholischen Kirche im Umgang mit Missbrauch an Kindern und anderen Schutzbefohlenen gebeten. Dieses deutliche öffentliche Zeichen geht vielen aber nicht weit genug. Aufschreie der Empörung in Australien, den USA, Chile und Irland erschüttern die lokalen Kirchen und erwarten weitergehendes Handeln vom Oberhaupt der Weltkirche. Zudem wird Franziskus vorgeworfen, er selbst habe Missbrauchsfälle eines amerikanischen Erzbischofs vertuscht. Der ehemalige apostolische Nuntius in den USA, Erzbischof Carlo Maria Viganò, hat deshalb Papst Franziskus kürzlich in einem öffentlichen Brief sogar zum Rücktritt aufgefordert. Wie aktuell aus dem Vatikan verlautet, will der Papst die Spitzen aller nationalen Bischofskonferenzen im Februar 2019 zu einem Gipfeltreffen nach Rom laden, um über das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche zu beraten.

 

Vor gut einem Jahr haben acht langjährige und einflussreiche Schüler von Sogyal Rinpoche, dem Begründer und Leiter des tibetisch-buddhistischen Rigpa-Netzwerkes, konkrete Vorwürfe und Anklagen gegen ihren Lehrer im Internet veröffentlicht. Sie werfen ihm körperliche Gewalt und sexuellen Missbrauch in einer Vielzahl von Fällen über Jahrzehnte hinweg vor. Sogyal Rinpoche hat sich seitdem zurückgezogen, aber zu den Vorwürfen bis jetzt geschwiegen. Der Dalai Lama ermutigt in einer Reaktion auf die Vorwürfe zu einer kritischen Haltung gegenüber Leitern. Schüler sollten dem Guru nie blind folgen. Jeder Schüler müsse die Unterweisung des Lehrers auf ihre Übereinstimmung mit dem Dharma, der wahren buddhistischen Lehre, prüfen. Bei massivem Abweichen des Lehrers von der buddhistischen Ethik solle dies öffentlich gemacht werden. In einem weiteren Missbrauchsskandal ist das auch beherzigt worden. Der Leiter von Shambhala International, Sakyong Mipham Rinpoche, ist im Juli nach den Vorwürfen sexuellen Missbrauchs mehrerer Schülerinnen zurücktreten. Shambhala unterhält weltweit mehr als 200 Meditationszentren und ist wie Rigpa eine der größten buddhistischen Organisationen des Westens. Anders als bei dem Rigpa-Skandal informierte die Gruppe die Öffentlichkeit zeitnah über die Vorwürfe und gab bekannt, dass auch der Leitungskreis zurücktreten werde und sich die Gemeinschaft neu orientieren müsse.

 

Im Zusammenhang mit Vorwürfen gegen den Gründer der Willow-Creek-Gemeinde in der Nähe von Chicago, Bill Hybels, sind im August das Leitungsgremium und die beiden Hauptpastoren der Megakirche zurückgetreten. Nachdem im Frühjahr von zu langen Umarmungen und einem unangemessenen Kuss die Rede gewesen war, hatte Hybels die Leitungsposition geräumt. Die Situation spitzte sich zu, als im Sommer eine frühere Mitarbeiterin ihrem ehemaligen Chef öffentlich sexuellen Missbrauch vorwarf. Die evangelikale Freikirche ist im deutschsprachigen Raum durch ihre Gemeindeaufbauprogramme und Leiterschulungen bekannt. Ein jährlich stattfindender Willow-Creek-Leitungskongress („Global Leadership Summit“) wird in 59 Sprachen übersetzt und in 125 Länder übertragen. Im Frühjahr ließen sich in Dortmund 10000 Teilnehmer aus Landes- und Freikirchen schulen – auch vom Gründer. Hybels selbst hat sich zu den neuerlichen Vorwürfen bis jetzt nicht geäußert.

 

Die Gründe für das (vermutliche) Fehlverhalten der Leiter in den genannten Milieus sind komplex und individuell unterschiedlich gelagert. Vorwürfe religiösen Missbrauchs bedürfen zudem einer sorgfältigen Prüfung, weil in Zeiten von „#MeToo“-Kampagnen die Wahrheitsfindung nicht einfach ist. Außerdem kann die katholische Weltkirche nicht mit anderen Gruppen gleichgesetzt werden, zu unterschiedlich sind die Organisationsstrukturen der römischen Kurie, buddhistischer Meditationsgruppen oder einer evangelikalen Mega-Church. Dennoch machen die aktuellen Skandale deutlich, wie schwierig religionsübergreifend der Umgang mit Sexualität und Macht ist. Die gefährliche Tendenz von Mitgliedern religiöser Gruppen, den Leiter maßlos zu idealisieren, kann durch das Eingestehen eigener Schwächen seitens der Leiter eingedämmt werden. Bei Versäumnissen und Fehlern von Leitern sollten die Organisationen und Verbände sich um größtmögliche Transparenz bemühen, um weiteren Schaden zu vermeiden. Häufig mangelt es den Leitern an einer Fehlerkultur und einer realistischen Selbsteinschätzung. Mehr Teamarbeit, fachliche Supervision, geistliche Begleitung und Coaching können ihnen helfen, sich nicht zu überschätzen und ehrlich zu bleiben.

 

Michael Utsch

 

Quelle: EZW - Materialdienst 10/2018

 

https://www.ezw-berlin.de/html/15_9936.php

 


 

Bischöfe für konsequente Strafverfolgung bei Missbrauch

 

Landesbischof Ralf Meister und sein katholischer Kollege Heiner Wilmer wollen Prävention verbessern und externe Experten hinzuziehen

 

Hannover/Hildesheim (epd). Angesichts des sexuellen Missbrauchs in der Kirche haben sich der hannoversche Landesbischof Ralf Meister und der katholische Bischof von Hildesheim, Heiner Wilmer, gemeinsam für eine konsequente und kompromisslose Strafverfolgung durch den Staat ausgesprochen. Sie würden beide jederzeit alles Notwendige tun, damit die Täter zur Rechenschaft gezogen und den staatlichen Behörden übergeben werden, sagten die Theologen im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst. „Es kann nicht sein, dass wir uns bei schwierigen, hoch komplexen Themen in einer Binnenkultur abschließen“, sagte Wilmer. „Eine Wagenburg-Mentalität hilft nicht.“

 

Die evangelischen Landeskirchen sind sich ihrer Verantwortung bewusst, wirksame Maßnahmen zur Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt durch kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu ergreifen.

 

Beide Bischöfe sprachen sich für eine verstärkte Prävention aus. Die Kirchen hätten in den vergangenen Jahren viel in der Prävention verbessert, sagte Meister. Wichtig sei aber auch die Frage nach den systemischen Ursachen: „Die Konsequenzen, die daraus für die Zukunft entstehen müssen, sind noch nicht ausreichend geklärt.“ Derzeit gehe es in der Diskussion sehr stark um den ehrlichen Umgang mit der vergangenen Situation und den Zugang zu Dokumenten.

Vertrauen massiv zerstört

 

Wilmer, der erst seit wenigen Wochen im Amt ist, betonte, jede Institution müsse grundsätzlich alles geben, um den betroffenen Menschen zu helfen. Gleichzeitig müssten die Kirchen sich für externe Expertise öffnen. „Wir brauchen einen geschulten Sachverstand, dem wir uns anvertrauen und der uns unterstützt, um den betroffenen Menschen zu helfen und um Täter so schnell wie möglich aus dem Verkehr zu ziehen.“ Präventive Maßnahmen müssten so etabliert werden, dass sie zur Struktur und der Institution der Kirchen gehörten: „Mit dem Ziel, eine solche sexualisierte Gewalt möglichst abzustellen“, so Wilmer.

 

Meister zeigte sich erschüttert darüber, dass die Täter nicht nur die Opfer schwer geschädigt, sondern auch das zwischenmenschliche Vertrauen in der gesamten Gesellschaft zerstört hätten. „Sie haben Grundgefühle des Miteinanders, das wir in Gesten und Zuneigung ausgedrückt haben unter Generalverdacht gestellt. Das hat Auswirkungen darauf, wie sich momentan Erwachsene und Kinder begegnen.“ Dies sei ein „globaler Kollateralschaden“, der jeden Menschen ergreife. „Aus dieser Situation werden wir uns nicht mehr befreien können, und das erfüllt mich mit Sorge.“

 

Laut einer kürzlich vorgestellten bundesweiten Studie waren im katholischen Bistum Hildesheim in den vergangenen Jahrzehnten mindestens 153 Menschen Opfer von sexualisierter Gewalt. Beschuldigt sind der Erhebung zufolge 46 Priester, von denen zehn noch leben. Als Reaktion auf die Studie hatte Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) die Bistümer aufgefordert, den Staatsanwaltschaften Einblick in die Unterlagen zu gewähren. In der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, die drei Viertel Niedersachsens umfasst, wurden seit 1998 zehn Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs gezählt, darunter auch privatrechtliche Fälle. Insgesamt 98 Fälle hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten in diakonischen Einrichtungen ereignet.

 

https://www.ekd.de/missbrauch-strafverfolgung-ralf-meister-39027.htm

 

https://www.ekd.de/Portalsuche-276.htm?q=missbrauch

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rembrandt, Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel