Antisemitismus

Neue Synagoge in Berlin
Neue Synagoge in Berlin

 

 

Vorurteile, Ausgrenzungen, Projektionen und was wir dagegen tun können

 

 

Antisemitismus heute

 

 

Antisemitismus hat viele Gesichter. Er zeigt sich in gewalttätigen Übergriffen auf Jüdinnen und Juden, in der Schändung jüdischer Gräber oder der gezielten Beschädigung jüdischen Besitzes. Doch auch die Leugnung der in der Zeit des Natio­nalsozialismus an Juden verübten Verbrechen, ihre Relativierung durch unangemessene Vergleiche oder die Verkehrung der Rollen von Tätern und Opfern sind gefährliche Erscheinungsformen des Antisemitismus. Verbreitet sind auch Verschwörungstheorien und Hasspropaganda gegen den Staat Israel. Auf Schulhöfen hört man »Du Jude!« nicht selten als Schimpfwort.

 

In Deutschland werden durchschnittlich drei antisemitisch motivierte Straftaten pro Tag erfasst. Die Dunkelziffer liegt vermutlich weit darüber. Jüdische Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit stehen, werden im Internet zur Zielscheibe für Drohungen und antisemitische Hetze. Jüdische Einrichtungen, Kitas und Schulen arbeiten nur unter besonderem Polizeischutz. Eine Umfrage (2015) hat ergeben, dass aus Angst vor Übergriffen 63 % der befragten Juden in der Öffentlichkeit keine Kippa oder andere jüdische Symbole tragen.

 

Auf antisemitische Einstellungen trifft man nicht nur in extremistischen Kreisen. Nur etwa elf Prozent der Deutschen weisen in Umfragen antisemitische Äußerungen vollständig zurück.

 

Antisemitismus kann man als eine Sonderform »gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit« bezeichnen. Er ist in aller Regel mit einer rassistischen Grundeinstellung verbunden und speist sich aus mehreren Quellen. Judenfeindliche Traditionen im Christentum und im Islam spielen ebenso eine Rolle wie das Bedürfnis nach einfachen Erklärungsmodellen für die komplexen Probleme in der modernen Welt. In allen Varianten begegnet die Behauptung: »Die Juden sind schuld!« Antisemitismus verdichtet sich zur Welt­anschauung.

 

Deshalb darf sich die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus nicht auf die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und auf die Erinnerung an die Opfer der Shoah beschränken.

 

Wir widersprechen antisemitischen Aussagen. Dazu gehören Sätze wie die folgenden:

 

»Es muss auch mal Schluss sein mit der Erinnerung an die deutsche Schuld!«
»Die Juden haben zu viel Einfluss.«
»Die Juden sind alle reich.«
»Die Juden kontrollieren die internationalen Finanzmärkte.« 
»Die Juden sind arrogant. Sie halten sich für was Besseres.«
»Die Juden haben einen Rachegott.«
»Die Juden in Israel machen mit den Palästinensern doch dasselbe wie damals die Nazis …«
»Ich habe ja nichts gegen Juden, aber man wird doch noch sagen dürfen …«

 

Antisemitismus ist eine Realität in der Mitte der Gesellschaft und so auch in der Mitte der Kirchen. 

 

 

Vorurteile

 

Vorurteile sind (negative) Einstellungen gegenüber einer anderen Gruppe bzw. Menschen, die dieser Gruppe zugerechnet werden. Sie beruhen auf Behauptungen und Zuschreibungen, die nicht mehr infrage gestellt oder durch Fakten belegt werden. Menschen werden dabei zu Kollektiven zusammengefasst. Das Recht auf Individualität und Entscheidungsfreiheit wird ihnen abgesprochen. Vorurteile sind selbst dann noch wirkmächtig, wenn sie als Lüge entlarvt wurden. Der Antisemitismus greift auf alte Vorurteile gegen »die Juden« zurück und aktualisiert sie.

Von Vorurteilen ist niemand gänzlich frei. Um ihnen auf die Spur zu kommen, müssen die eigenen Bewertungen und Urteile kritisch hinterfragt werden: Sind sie vernünftig begründet? Sind sie gerecht? Berücksichtigen sie, dass es möglicherweise auch andere Sichtweisen gibt? Orientieren sie sich am grundlegenden Wert der Mitmenschlichkeit?

 

Gegen Vorurteile hilft:

 

Wissen vermitteln: Erklären, wie Vorurteile funktionieren.
Unterscheiden: Nachfragen, wer konkret gemeint ist, wenn jemand von »den Juden« spricht. 
Motive hinterfragen: Wer sich abwertend über »die Juden« äußert, versucht in der Regel, sich selbst aufzuwerten und einer vermeintlich überlegenen Gruppe zuzuordnen. 
Kennenlernen: Die Begegnung mit Jüdinnen und Juden und objektive Information suchen.

 

 

Antisemitismus ist Ausgrenzung

 

Einzelne Personen werden aufgrund eines konstruierten Merkmals zunächst stigmatisiert und dann aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Die Ausgrenzung von Juden und Jüdinnen führte in der europäischen Geschichte von der Verleumdung über die systematische Benachteiligung bis zur völligen Entrechtung. Sie gipfelte in dem mörderischen Versuch des NS-Staates, Juden endgültig aus der Gemeinschaft der Menschen auszuschließen und zu vernichten.

 

Gegen Ausgrenzung hilft:


Sensibilisierung:
Versteckter Antisemitismus muss aufgedeckt und thematisiert werden.
Öffentlichkeit herstellen: Ausgrenzungen müssen erkannt und gestoppt werden. Statt wegzuhören, braucht es eine klare Stellungnahme – ob in der Familie, in der Schule, im Arbeitsalltag oder in der Kirche. 
Einschreiten: Menschen, die von anderen ausgegrenzt werden, verdienen besonderen Schutz. Gleichzeitig ist es notwendig, das Gespräch mit Andersdenkenden zu suchen und nicht abbrechen zu lassen. 
Rechtsbewusstsein stärken: Die in der Erklärung der Menschenrechte und im Grundgesetz verankerten individuellen Rechte müssen durch Schule und Bildung vermittelt und in der Öffentlichkeit aktiv verteidigt werden.

 

 

Gefährliche Projektionen

 

Wirtschafts- und Finanzsektor

 

Antisemitismus entwirft ein fiktives Bild von »den Juden« und benutzt es, um die Welt zu erklären. Komplizierte gesellschaftliche Zusammenhänge werden auf ein stark vereinfachendes Gut-Böse-Schema reduziert. Dieser Charakter der »Weltanschauung« unterscheidet den Antisemitismus von anderen Formen »gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit«.

 

Im Mittelalter wurden Juden aus den Zünften und dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Grundbesitz wurde ihnen verwehrt. Die dadurch bedingte Spezialisierung vieler Juden auf den Finanz- und Handelssektor führte dazu, dass Juden pauschal als Wucherer und Betrüger verleumdet wurden. Daraus entstand unter den Bedingungen der Industriegesellschaft das Stereotyp des »jüdischen Kapitalisten«. Die Vorstellung, die Juden seien eine eingeschworene Gruppe, die mit ihrem Geld und Einfluss das Weltgeschehen bestimme, konnte daran anknüpfen.  

 

Antisemitische Einstellungen funktionieren unabhängig davon, ob es im konkreten Lebensumfeld Jüdinnen und Juden gibt oder nicht. Wo Begegnungsmöglichkeiten fehlen, sind Projektionen aber umso einfacher und entfalten eine starke Wirkung.

 

Nahostkonflikt

 

Besonders im Blick auf den Staat Israel und den Nahostkonflikt tauchen die altbekannten antisemitischen Stereotype und Vorurteile wieder auf.

 

Die in der politischen Auseinandersetzung verwendeten Bilder zielen bewusst auf die Gefühle der Betrachter. Der Stärkere wird intuitiv als der »Böse« wahrgenommen. Besonders oft werden in Aufrufen zur Solidarität mit den Palästinensern Kinder als Opfer abgebildet. Herkunft, Echtheit und Intention der benutzten Bilder werden selten hinterfragt. Sie kursieren in den sozialen Netzwerken in großer Zahl. Plakate mit der Aufschrift »Israel Kindermörder«, die auf antiisraelischen Kundgebungen häufig zu sehen sind, und ähnliche Parolen in Zeitungen und Pamphleten knüpfen ‒ unbewusst oder gezielt ‒ an Legenden früherer Jahrhunderte an. Bereits im Mittelalter wurden den Juden rituelle Kindsmorde und Kannibalismus unterstellt.

 

Im klassischen Antisemitismus galten die Ju­den als »Weltbrandstifter«. Heute wird dem Staat Israel vorgeworfen, den Weltfrieden zu bedrohen. Verschwörungstheorien kursieren im Internet in großer Zahl. Das Wort »Juden« wird dabei oft einfach durch »Zionisten« ersetzt. 

 

Antisemitisch ist es auch, wenn Demonstratio­nen gegen die Politik der israelischen Regierung in Deutschland gezielt vor einer Synagoge stattfinden.

 

Während offen antijüdische Äußerungen noch weithin tabu sind, findet der Antizionismus
immer mehr Zustimmung. Teilweise gilt er sogar als Beweis für eine mutige und kritische Haltung, die sich keinen »moralischen Maulkorb« im Sinne politischer Korrektheit verpassen lässt. 

 

Wie bei allen anderen Staaten darf auch die israelische Regierung selbstverständlich in sachlicher Weise kritisiert werden. Antisemitisch ist die Kritik an der Regierungspolitik Israels dann, wenn sie mit unterschiedlichen Maßstäben misst. Antisemitisch ist sie auch, wenn sie dem Staat Israel das Existenzrecht abspricht oder den Staat dämonisiert. Antisemitisch ist auch die Gleichsetzung von palästinensischen Flüchtlingslagern mit KZs. Dieser Vergleich verharmlost den systematisch geplanten und industriell durchgeführten Massenmord an europäischen Jüdinnen und Juden. Er dient oft dem Zweck, sich der Auseinandersetzung mit der Shoah und der Übernahme historischer Verantwortung zu verweigern.

 

Antisemitische Klischees mischen sich gelegent­lich auch mit der Kritik des kapitalistischen Wirtschaftssystems und der Globalisierung. In diesem Zusammenhang wird »der Zionismus« gern als wirtschaftsimperialistische und rassistische Ideologie diffamiert.

 

Vor dem Hintergrund der Zuwanderung aus arabischen und nordafrikanischen Ländern erfordert die Verbreitung antisemitischer Kommentare und Filme im Internet besondere Aufmerksamkeit. Die oft einseitige Berichterstattung arabischer Satellitenkanäle prägt insbesondere die feindliche Einstellung zum Staat Israel. Der Nahostkonflikt wird für Jugendliche zur Projektionsfläche für die eigenen Erfahrungen von Ausgrenzung, Rassismus und Chancenlosigkeit in der deutschen Einwanderungsgesellschaft.

 

Die Sorge vieler Deutscher vor Überfremdung und die Angst vor wirtschaftlichen Nachteilen waren schon früher ein gefährlicher Nährboden für Antisemitismus und die Suche nach Sündenböcken.

 

Was hilft?

 

Bildung: Notwendig ist nicht nur Sachwissen zu vermitteln, sondern vor allem die Fähigkeit zur kritischen Urteilsbildung und das Einfühlungsvermögen zu entwickeln (»Herzensbildung«).
Persönliche Begegnungen: Sie können Vorurteile entlarven. Erzählte Lebensgeschichten führen aus der Welt der Projek­tionen zurück in die reale Welt.
Selbstbewusstsein: Eine Lebenshaltung, die sich an der von Gott geschenkten Freiheit orientiert, hat es nicht nötig, Identität und Selbstwertgefühl durch die Herabsetzung und Ausgrenzung anderer zu gewinnen. 
Vernetzung: Eine wirksame Bekämpfung des Antisemitismus in all seinen Spielarten braucht die enge Zusammenarbeit vieler fachkundiger Menschen in Politik und Gesellschaft. Die Kirchen können und müssen einen wesentlichen Beitrag dazu leisten.

 

Das Judentum ist geprägt durch eine vielfältige und reiche Kultur. Juden sind keine homogene Gruppe. Sie unterscheiden sich wie alle anderen Menschen in ihren politischen und religiösen Überzeugungen. 

 

 

Kirche und Judentum

 

 

Zwischen schuldhafter Verstrickung und neuen Aufbrüchen

 

Judenfeindschaft hat durch alle Jahrhunderte Lehre und Praxis der Kirchen begleitet. Die christliche Kirche sah sich lange als Alleinerbin der Verheißungen an, die Gott einst Israel geschenkt hatte. Ihre eigene Identität vermochte sie nur in feindlicher Abgrenzung vom Judentum, das an Gottes Bund mit Israel festhielt, zu beschreiben.

 

Ein typischer Ausdruck christlicher Überheblichkeit ist die bildliche Darstellung von »Kirche« und »Synagoge«, die im Mittelalter weit verbreitet war. Die »Kirche« posiert als Siegerin mit gekröntem Haupt, in den Händen trägt sie Kreuz und Abendmahlskelch. Die »Synagoge« steht da in gedemütigter Haltung mit gebrochener Lanze und verbundenen Augen. Blind und verstockt wird hier das Judentum dargestellt, triumphierend die christliche Religion.

 

Solche Darstellungen haben die Einstellung von Christinnen und Christen über Jahrhunderte geprägt. Sie bereiteten den Boden, auf dem Vorurteile und hasserfüllte Vorwürfe gegen »die Juden« gedeihen konnten. So wurde u. a. behauptet, die Juden seien Brunnenvergifter und Gottesmörder, würden Christenkinder schlachten und Hostien schänden. Ausgrenzung und Entrechtung von Jüdinnen und Juden, Vertreibung aus den christlichen Städten und tödliche Pogrome waren die Folge.

 

Auch die nationalsozialistische Propaganda knüpfte an die verbreiteten antijüdischen Einstellungen an und nutzte sie für ihre mörderischen Zwecke.

 

Die Erschütterung über den millionenfachen Mord an den Juden und Jüdinnen Europas in der Zeit des Nationalsozialismus und die Scham über das Versagen der christlichen Kirchen in Deutschland gaben Mitte der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts den Anstoß zu einem Prozess der Umkehr und theologischen Neuorientierung im Verhältnis der Kirchen zum Judentum.

 

Warum Christen Antisemitismus ablehnen

 

Heute bekennt die Evangelische Kirche in Deutschland klar und unmissverständlich: Christlicher Glaube und Judenfeindschaft schließen einander aus.

 

Die christliche Kirche ist ihrem Wesen nach eine Gemeinschaft, die die Grenzen von Nationalität und Kultur überschreitet. In ihrem Dienst an der Welt lassen sich Christen und Christinnen leiten von biblischen Geboten, die sie mit der jüdischen Tradition teilen: Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Gastfreundschaft, Gerechtigkeit und Frieden. Zusammen mit allen Menschen guten Willens setzen sie sich für die Überwindung von Fremdenfeindlichkeit und von rassistischen und antisemitischen Einstellungen innerhalb und außerhalb der Kirchen ein.

 

Weil antijüdische Lehren der Kirche seit nahezu zweitausend Jahren Hass und Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden mitbegründet, verbreitet und verstärkt haben, tragen Christen eine besondere Verantwortung für die Überwindung des Antisemitismus.

 

Juden und Christen treten gemeinsam für Menschenwürde, Frieden und Gerechtigkeit ein. Sie lehnen Rassismus und Antisemitismus in jeder Form ab. Antisemitismus ist Gotteslästerung.

 

 

Antijüdischen Klischees in der Kirche begegnen

 

Ein reflektierendes, sorgfältiges Lesen biblischer Texte verhindert, dass sich antijüdische Vorurteile verfestigen, die in der Vergangenheit ihre angebliche Begründung auch aus der Bibel herleiteten. Einige Beispiele:

 

»Alttestamentarische Rache«


Der fälschlicherweise als »Rachegebot« bezeichnete biblische Satz »Auge um Auge, Zahn um Zahn« (2. Mose 21,23-24) regelt in Wahrheit Schadensersatzleistungen, wie sie auch die moderne Rechtsprechung kennt. Der Auslegungstradition zufolge soll damit ein Ausufern der Gewalt verhindert werden. Eine Aufforderung zur Vergeltung für erlittenes Unrecht kennt weder das Alte noch das Neue Testament. Es ist daher nicht sachgemäß, wenn in der Berichterstattung der Medien über militärische Aktionen im Nahen Osten immer wieder auf den genannten Bibeltext verwiesen wird. 

 

»Pharisäer sind scheinheilig.«


Scheinheiliges Verhalten wird bis heute oft als »pharisäerhaft« bezeichnet. Einzelne Aussagen der Evangelien werden dabei in unzulässiger Weise verallgemeinert. Gerade die Anhänger des pharisäischen Judentums, denen Jesus durchaus nahestand, waren bemüht, Gott durch ihre Lebensweise hingebungsvoll zu dienen. Im rabbinischen Judentum genießen die Pharisäer da­rum hohes Ansehen. Das Klischee einer angeblich starren pharisäischen »Gesetzesfrömmigkeit« verzeichnet das jüdische Anliegen, nach den Geboten der Tora zu leben. Das Beharren auf der besonderen Berufung des jüdischen Volkes wird oft nicht verstanden und als Ausdruck von Überheblichkeit verunglimpft.

 

»Die Juden haben Jesus umgebracht.«


Die Erzählungen von der Leidensgeschichte Jesu wurden im Verlauf der Kirchengeschichte besonders häufig missbraucht, um antisemitische Einstellungen und Aktionen zu rechtfertigen.

 

Judas, der Jesus seinen Verfolgern ausgeliefert hatte, wurde aus dem Kreis der Jünger Jesu, die selbstverständlich alle Juden waren, ausgesondert und als vermeintlicher Prototyp »des Juden« verzeichnet. Bereits beim Kirchenvater Augustin (354-430) ist zu lesen: »Judas repräsentiert die Juden, die Christi Feinde waren, die sowohl damals Christus gehasst haben als auch heute, in ihrer Erbfolge von Boshaftigkeit, fortfahren ihn zu hassen.«

 

Jahrhundertelang wurde Juden die Schuld am Tod Jesu gegeben bis hin zum Vorwurf des »Gottesmordes«. Die Evangelien berichten zwar von der Beteiligung der Hohepriester und einer jüdischen Volksmenge an der Tötung Jesu (»Kreuzige!«). Aus historischer Sicht besteht aber kein Zweifel, dass der Präfekt Roms – Pilatus – die Kreuzigung Jesu angeordnet und seine Soldaten sie ausgeführt haben.

 

Gegen Juden gerichtete Schuldaussagen im Neuen Testament (z. B. 1. Thess 2,15) stehen in der Tradition prophetischer Gerichtsrede. Sie gehören in eine Zeit, in der das »Christentum« dem »Judentum« noch nicht als getrennte Größe gegenüberstand. Sie klagen das eigene Volk an und rufen es zur Umkehr. In der Geschichte des Christentums wurden sie nach der Trennung von Kirche und Judentum allerdings benutzt, um Judenhass und Judenfeindschaft »biblisch« zu begründen. Das Neue Testament hingegen bezeugt, dass Jesu Tod und seine Auferstehung zur Versöhnung der Schuld aller Menschen geschehen sind. (1 Joh 2,2; Kol 1,20, u. ö.). In einem bekannten Passionslied heißt es daher:

»Was ist doch wohl die Ursach’ solcher Plagen? Ach, meine Sünden haben dich geschlagen; ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet.«

 

(Johann Hermann, 16. Jh., Evangelisches Gesangbuch, Nr. 81,3)

 

»Das Alte Testament ist überholt.« 


Es hat nicht an Versuchen gefehlt, das Neue gegen das Alte Testament auszuspielen, um damit die angebliche Überlegenheit der christlichen Religion gegenüber der jüdischen zu begründen. Solche Abwertung der »jüdischen Bibel« hat zu einer verzerrten Sicht des Judentums beigetragen. Nach heutiger Überzeugung kann von einer Ablösung des »Alten Bundes« durch einen »Neuen Bund« in Christus nicht die Rede sein. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau formuliert in ihrer Grundordnung bekenntnishaft: »Aus Blindheit und Schuld zur Umkehr gerufen, bekennt sie (die Kirche) neu die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen.«

 

Die Evangelische Kirche in Deutschland und ihre Mitgliedskirchen haben sich in mehreren Studien und synodalen Verlautbarungen mit dem Antijudaismus in Kirche und Theologie auseinandergesetzt und Wege der Umkehr und Erneuerung beschritten. Zum 500. Jahresgedenken an die Reformation (2017) hat die EKD erneut auch zu den judenfeindlichen Schriften Martin Luthers kritisch Stellung bezogen.

 

https://www.ekd.de/synode2015_bremen/beschluesse/s15_04_iv_7_kundgebung_martin_luther_und_die_juden.html (abgerufen am 2.3.2017)

 

 

Was Christen mit Juden verbindet

 

Jesus, den Christen als den Sohn Gottes bekennen, war Jude. Er lebte in der jüdischen Tradition und hat sich nie von seinem Volk losgesagt. Er kannte die heiligen Schriften des Judentums und legte sie aus, wie es jüdische Lehrer tun.

Christinnen und Christen sind durch ihr Bekenntnis zu Jesus Christus mit dem Judentum in einer Weise verbunden, die sich von ihrem Verhältnis zu allen anderen Religionen grundlegend unterscheidet:

 

»Wir bekennen beide Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde und wissen, dass wir als von demselben Gott durch den aaronitischen Segen Ausgezeichnete im Alltag der Welt leben. Wir bekennen die gemeinsame Hoffnung eines neuen Himmels und einer neuen Erde und die Kraft dieser messianischen Hoffnung für das Zeugnis und das Handeln von Christen und Juden für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.« (Synodalbeschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden, Evangelische Kirche im Rheinland, 1980)

 

Wenn Christinnen und Christen das Vaterunser beten, wie es nach der Überlieferung Jesus mit seinen Jüngern getan hat, treten sie in eine Beziehung zu dem Gott, der sich zuerst dem Volk Israel offenbart hat.

Wenn Christinnen und Christen ihre Bibel lesen, begegnen sie im Alten Testament auch der Heiligen Schrift von Jüdinnen und Juden. Die Erzählungen von der Schöpfung, von Abraham und Sara, Mose, David, den Propheten, Hiob … all diese Schriften teilt das Christentum mit dem Judentum. Aber auch das Neue Testament ist nur im Kontext des zeitgenössischen Judentums zu verstehen.

 

Der christliche Gottesdienst weist viele Verbindungen zum Gottesdienst in der Synagoge auf. Christinnen und Christen beten seit dem 1. Jahrhundert die Psalmen Israels. Sie singen auf Hebräisch »Halleluja«, »Hosianna« und »Amen«. Mit dem priesterlichen Segen, der auch in der Synagoge gesprochen wird, beschließen sie jeden Sonntag ihren Gottesdienst: »Der HERR segne dich und behüte dich. Der HERR lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.« (4 Mose 6,24-26)

 

Christinnen und Christen bekennen heute, dass sich in ihrem Verbundensein mit dem jüdischen Volk Gottes Verheißung an Abraham erfüllt: »Ich will dich segnen … und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.« (1 Mose 12,1-3)

 

Die im Text erwähnten statistischen Angaben stammen aus der Bundeszentrale für politische Bildung, der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS) und der kriminal­polizeilichen Meldestelle.

 

Impressum

 

Herausgegeben im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK) und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) vom Gemeinsamen Ausschuss »Kirche und Judentum«

 

Vorsitzender: Kirchenrat Dr. Ernst Michael Dörrfuß


Mitglieder: https://www.ekd.de/Gemeinsamer-Ausschuss-Kirche-und-Judentum-der-EKD-VELKD-UEK-15440.htm

 

Adresse:


Herrenhäuser Str. 12
30419 Hannover
Tel. 0800 50 40 60 2
info@ekd.de
www.ekd.de

 

https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/2017_Antisemitismus_WEB.pdf

 



 

Religionswissenschaftler Michael Blume: "Antisemitismus steckt ganz tief in unserem Denken"

 

Wer Antisemitismus nur bei anderen sucht, habe das Problem nicht verstanden, sagte Michael Blume

im Deutschlandfunk. Der Religionswissenschaftler versteht den Antisemitismus als eine Ersatzreligion. 

Michael Blume im Gespräch mit Andreas Main

 

https://www.deutschlandfunk.de/religionswissenschaftler-michael-blume-antisemitismus.886.de.html?dram:article_id=450943

 


 

Antisemitismus im Erbe der deutschen Kultur: Martin Luther, Richard Wagner und Friedrich Nietzsche

 

Obwohl die zur Zeit gefährlichsten Formen des Antisemitimus nationalsozialistischen und islamistischen Bewegungen entspringen, gibt es auch weniger direkte Formen des Antisemitisus, die sich als patriotischer Nationalismus, als pro- palästinensische Israelkritk, als feministische Kritik an Patriarchat des Judentums, als individualistischer Liberalismus (FPÖ, Partei for de Vrijheid, etc.) oder als antikapitalistische Kritik am amerikanischen Finanzjudentum tarnen.

 

Darüber hinaus gibt es auch ein ziemlich fragwürdiges Erbe des alten christlichen Antijudaismus (Cusanus und Luther), des demokratischen Antijudaismus (Illuminaten und Freimaurer) und des faschistischen, rassistischen und sozial-darwinistischen Antisemitismus  bei Hitler, Wagner und Nietzsche. Die Judenhasser und Holocaustleugner sind also überall und mitten unter uns - ganz links, ganz rechts und manchmal sogar in der politischen Mitte - auch und gerade unter technikaffinen und wissenschaftsgläubigen "Modernen", die sich wie schon die Futuristen, Nazis und Faschisten des 20. Jahrhunderts für besonders aufgeklärt und fortschrittlich halten, und deswegen auf eine so alte, aber immer noch lebendige Religion wie das Judentum hochmütig herabschauen und es klammheimlich oder offen verachten, weil es nicht zu ihrem Fortschrittsglauben passt.

 

https://www.sueddeutsche.de/politik/luther-und-der-reformationstag-held-oder-holzklotz-1.1510944-0#seite-2

 

https://www.sueddeutsche.de/politik/judenhasser-und-komponist-der-paranoia-fall-richard-wagner-1.1678112-0#seite-2

 

http://www.f-nietzsche.de/pfahl_holocaust.htm