Zukunft der SPD


 

Mut zur Ehrlichkeit

 

HANS-ROLAND FÄßLER - CICERO ONLINE am 31. Oktober 2018

 

Während noch alles über die CDU spricht, steckt gerade die SPD mehr denn je in einer Existenzkrise.

Bis in die Parteispitze hinein kursiert nun dieses Papier zur Zukunft der Sozialdemokratie und wird viel diskutiert. Demnach hat die Partei nur eine Überlebenschance

 

 

Auch für die älteste Partei Deutschlands gibt es keine Ewigkeitsgarantie. Die SPD kämpft ums Überleben. Wer daran zweifelt, ist blind oder nicht ehrlich. Die SPD leidet an Burn-Out. Das ist ein Zustand tiefer emotionaler, geistiger und körperlicher Erschöpfung. Patienten in dieser Situation verkrampfen, agieren wie gelähmt.

 

Ist das ein Wunder nach 20 Jahren Regierung im Bund, mit nur einer Unterbrechung? Jede Wahl wirkt wie ein neuer Nackenschlag. Die Bundestagswahl markierte mit 20,5 Prozent nur den vorläufigen Tiefpunkt: Die SPD kann auch einstellig, nicht nur im Osten, sondern auch in westdeutschen Flächenländern, selbst in ihrem drittgrößten Landesverband in Bayern.

 

Gestörtes Verhältnis zur politischen Macht?

 

In solchen Situationen, wenn unsere Partei der Macht überdrüssig wurde, war die sozialdemokratische Zerrissenheit meist besonders ausgeprägt. Unsere Kanzler Hermann Müller, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder wurden von den Funktionärskadern im Stich gelassen, und selbst Willy Brandt hätte sein Amt nicht aufgeben müssen, wenn ihn die Spitze der Bundestagsfraktion – namentlich eine andere legendäre Figur, Herbert Wehner – weiter gestützt hätte. Vorbei.

 

Ist die SPD die Partei mit einem gestörten Verhältnis zur politischen Macht? Es gibt keine andere politische Kraft in Deutschland, die ihre Partei- und Regierungsspitze so vehement und so hingebungsvoll diskreditiert, diffamiert und am Ende niedermacht wie die SPD. Die SPD ist also eine Partei, in der vor allem große Teile der Funktionseliten ein gestörtes Verhältnis zur Macht und – schlimmer noch und stets vehement bestritten – zur eigenen Mitgliedschaft haben. Die große Mehrheit der Mitglieder stimmte 2013 und 2018 für die Große Koalition, während weite Teile der Funktionäre sie bekämpft hatten - und weiter bekämpfen.

 

Der Kompromiss ist das Wesenselement jeder demokratischen Entscheidung. Wer keine absoluten Mehrheiten erringt, muss das Mögliche durchsetzen und sich nicht an dem messen, was durchzusetzen unmöglich ist. Alles hat seine Zeit, und alles hat seine Grenzen. Aber wir sollten unseren Blick auf die stattliche Bilanz dessen richten, was wir als Juniorpartner in der Großen Koalition durchgesetzt haben, und unser Regierungshandeln eben nicht als Revue der verpassten Möglichkeiten sehen. Das führt zu politischem Burn-out.

 

Die SPD darf sich nicht nur um sich selbst drehen

 

Dass jetzt, nach den Wahlniederlagen in Bayern und Hessen, vor allem durch Berufsfunktionäre wieder die GroKo-Debatte eröffnet wird, ist der durchsichtige Versuch, ein halbes Jahr nach dem glasklaren Votum der echten Basis das Ergebnis des Mitgliederentscheids zu „korrigieren“ und die Koalition zu beenden. Aber die SPD darf sich nicht nur um sich selbst drehen; ihre Politik muss den Menschen in unserem Land dienen.

 

Was wird jetzt gebraucht? Der Mut, schmerzhafte Diskussionen auszuhalten. Die Souveränität zu einer ehrlichen Analyse und der gemeinsame Wille, die Lage nicht schön zu reden und Probleme zu tabuisieren. Und das ist die Lage:

 

– Die meisten Menschen wollen uns die Führung des Landes nicht mehr anvertrauen. In fast allen Kompetenzfeldern hat die SPD dramatisch an Vertrauen verloren.

 

– Wir führen keine strategischen Debatten und setzen nicht die großen Themen, sondern erschöpfen uns im täglichen Klein-Klein. Viele haben den Eindruck: Die SPD gestaltet keine Politik mehr, sondern begnügt sich missmutig mit der Organisation ihres Betriebs.

 

– Die SPD hat sich über viele Jahre daran gewöhnt, dass innerparteiliche Diskussionen taktisch bestimmt sind. Das ehrliche, teamorientierte, offene Ringen um den besten Weg ist selten. Dabei ist dies Voraussetzung für gute Lösungen in einer komplexen Welt.

 

– In der Öffentlichkeit hat sich über viele Jahre der Eindruck festgesetzt: Die SPD ist innerlich zerrissen, mit sich selbst und mit Machtkämpfen an der Spitze beschäftigt. Sie agiert an den eigentlichen Problemen der Menschen vorbei. Das hat das Vertrauen dauerhaft beschädigt.

 

– Die SPD ist die Partei der Sozialpartnerschaft. Sie strebt schon immer nach dem Bündnis der Ohnmächtigen mit den Mächtigen, der Unglücklichen mit den Glücklichen. Sie verleiht denjenigen eine Stimme, die keine haben. Starke können und müssen mehr schultern als Schwache, aber eine demokratische Gesellschaft zu tragen ist die gemeinsame Aufgabe aller. Der Wesenskern der Sozialdemokraten ist die Bereitschaft zum sozialen Ausgleich. Wir haben den Draht zur Arbeiterschaft, unserer früheren Kernklientel, weitgehend verloren. Unsere Mandatsträger können sich diesen Wählergruppen kaum noch verständlich machen. Viele unserer (ehemaligen) Anhänger empfinden die SPD als lebensfern und als Teil der „Eliten“.

 

Von der Volkspartei zur Delegiertenpartei

 

– Führung und Basis der SPD haben sich voneinander entfernt. Die SPD hat sich in vielen Regionen von der Volks- zur Delegiertenpartei gewandelt. In der sozialdemokratischen Diaspora im Osten und Süden unseres Landes werden Parteiämter und Listenplätze für Wahlen nicht nach Wählerwirksamkeit, sondern nach Delegiertenaffinität vergeben. Diese Form von wählervergessener Selbstgefälligkeit hat uns nicht nur die jüngste bayerische Katastrophe beschert: Sie ist überall dort zu beobachten, wo die SPD nicht mehr in der Lage ist, Direktmandate zu erringen. Bei den vergangenen drei Bundestagswahlen gewann die SPD nur noch ein Fünftel der Direktmandate, 2017 im ganzen Osten nur noch ein einziges. Jetzt in Bayern kein einziges mehr. In den Regionen, in denen die SPD nicht mehr um Direktmandate kämpft, sondern der Platz auf der Landesliste über politische Karrieren entscheidet, wird der Binnendialog (Landesvorstand, ASF, Jusos, AG 60plus) wichtiger für die politische Karriere als das Gespräch mit den Wählern. Diese Binnenorientierung ist immer stärker spürbar. Manche verwechseln die Postings in den Echokammern ihrer Facebook-Gruppe mit dem Leben. An Wahltagen ist jedoch nicht entscheidend, was Delegierte, sondern was Wähler denken.

 

– Der Eindruck ist gewachsen, dass die SPD für viele Mandatsträger eher Beruf denn Berufung ist. Wer keine wirtschaft-liche Perspektive mehr außerhalb der Politik sieht, verengt seinen politischen Gestaltungsanspruch auf die Frage: Was wird aus mir?

 

Ist das Ende unausweichlich?

 

Ist das Ende der SPD nahe? Jeder sieht die Gefahr. Ist das Ende unausweichlich? Nein. Denn die Idee der Sozial-demokratie ist unverändert aktuell. Doch sie muss wieder herausgearbeitet und mit Leben erfüllt werden.

 

Die SPD ist die Partei der Arbeit. In ihrem historischen Gedächtnis lebt die Erkenntnis, dass es keine leistungslosen Erfolge gibt. „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer“, hat uns Willy Brandt ins Parteibuch geschrieben, „darum besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“ Der Wesenskern der SPD ist es, den praktischen Mehrwert durch gelebte Gemeinschaft im Alltag herauszustellen. Unsere Losung, die aus dem Sprachgebrauch der Menschen fast verschwunden ist, lautet „Solidarität“.

 

Wo Sozialdemokraten sich sichtbar und pragmatisch um Zusammenhalt kümmern, haben sie gute Wahlergebnisse erzielt. Der Parteirechte Buschkowsky ebenso wie der Parteilinke Scherf. Zusammenhalt ist keine ideologische Frage.

Er ist Grundlage des Erfolgs.

 

Bündnis der Starken mit den Schwachen als Aufgabe

 

Deshalb müssen wir für eine deutliche Erhöhung der Erbschaftssteuer eintreten. Hier werden pro Jahr etwa 300 Milliarden Euro vererbt, und es gelangen nur 6 Milliarden Euro in die öffentlichen Kassen - das sind gerade mal 2 Prozent. Es geht dabei nicht um „der Oma ihr klein Häuschen“ – hohe Freibeträge für niedrige familiäre Nachlässe dürfen nicht angetastet werden –, sondern es geht hier um angemessene Steuern auf zum Teil gewaltige, leistungslose Einkommen. Die Erbschaftssteuer wird von den Ländern erhoben. Wenn sie diese Mittel vor allem für die Finanzierung von Bildung einsetzten: wie viel wäre für die gesamte Gesellschaft gewonnen!

 

Die politische Aufgabe der SPD besteht darin, das Bündnis der Starken mit den Schwachen in der Gesellschaft zu organisieren. Bei der Bundestagswahl 1998 ist das der SPD zum letzten Mal geglückt. Zwei starke Führungspersönlich-keiten demonstrierten damals Gestaltungsanspruch, Kraft und Ausstrahlung weit hinein in die politische Mitte und nach links. In der rot-grünen Regierung kam ein starker Bundesinnenminister hinzu, der für „law and order“ stand. Die Menschen verbanden mit der SPD die Hoffnung auf Zukunft auf der Basis innerer Sicherheit. Wenn die SPD wieder erfolgreich sein will, muss sie das Bündnis der Starken mit den Schwachen neu begründen und mit Persönlichkeiten illustrieren, die diesen Wesenskern der Sozialdemokratie glaubwürdig verkörpern.

 

Verteidigung unserer Grundwerte

 

Die SPD ruht auf zwei Säulen: dem Grundgesetz, das Freiheit und Gleichheit garantiert und soziale Gerechtigkeit fordert, und unserem Grundwert der Solidarität. Das bedeutet, dass es mit Gegnern unserer Verfassung keine Kompromisse geben kann. Wir sind Otto Wels und Abertausenden von Sozialdemokraten verpflichtet, die der Nazi-Tyrannei aufrecht widerstanden haben. Viele haben dafür mit ihrem Leben bezahlt. Nicht vergessen sind die Genossinnen und Genossen, die dem stalinistischen Terror in der DDR zum Opfer gefallen sind, weil sie unsere Grundwerte verteidigt haben.

 

Die SPD steht. Ihr historisches Gedächtnis funktioniert. Auch zur Lösung einer der drängendsten sozialen Fragen, der Wohnungsnot in den Städten, brauchen wir es nur zu aktivieren. Ende des 19. Jahrhunderts wurden – durch sozialdemokratische und gewerkschaftliche Aktivisten unterstützt –gemeinnützige Wohnungsbaugenossenschaften gegründet, die für Arbeiter und Angestellte bezahlbaren Wohnraum schufen. Der Bedarf an bezahlbarem, arbeitsplatznahem Wohnraum in den Ballungszentren kann heute nicht mehr gedeckt werden. Polizeibeamte, Verwaltungsangestellte, Arbeiter und Handwerker, die in Berlin, München oder anderen Städten arbeiten, müssen zweimal täglich 30, 40 oder mehr Kilometer pendeln, weil sie sich Mieten nur noch im entfernten Umland leisten können.

 

Das ist mehr als nur eine Frage des individuellen Zeitaufwands und der nationalen Öko-Bilanz. Wenn die arbeitenden Menschen keinen Lebensraum mehr in den urbanen Zentren finden, wird auch gesellschaftlicher Zusammenhalt zerstört. Das darf die SPD nicht zulassen.

 

In München sind die Bodenpreise seit den 1950er Jahren um 34.000 Prozent gestiegen, bundesweit im Durchschnitt um 1800 Prozent. Wer die Bodenpreise nicht der Spekulation entzieht, bekommt die Mietenexplosion nicht in den Griff; auch nicht durch Mietpreisbremsen. Maurerlöhne, Beton und Glas sind nicht das Problem. Investoren legen die Gesamtkosten und damit auch die exorbitanten Grundstückspreise auf die Mieten um; natürlich einschließlich ihrer Gewinnmarge.

 

Eigentum verpflichtet – auch beim Grundbesitz

 

Das Grundgesetz ist eindeutig: Eigentum verpflichtet. Aber es verpflichtet nicht zum Verlust. Grund und Boden sind jedoch aus sozialdemokratischer Sicht keine Wirtschaftsgüter; sie sind unverzichtbar und unvermehrbar. Wir müssen uns nur erinnern: Bund, Länder und Gemeinden, und die ihr nachgeordneten Institutionen oder die im Bundesbesitz stehende DB sind Großgrundbesitzer.

 

Olaf Scholz hat deshalb jetzt mit der SPD eine Gesetzesänderung angestoßen und die Bundesanstalt für Immobilien-aufgaben (Bima) angewiesen, „alle entbehrlichen Liegenschaften“ verbilligt und unter Umständen sogar gratis an Kommunen abzugeben. Das ist ein erster, großer Schritt auf dem richtigen Weg. Solche Gelände nicht nur an Investoren zu verkaufen, sondern sie in großen Teilen dem sozialen Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen, bringen die öffentlichen Hände um beträchtliche Einnahmen, aber es zahlt ein in gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 

Niemand wird enteignet, aber solche Politik bereichert unsere Städte um Menschen, die sich nicht mehr abgehängt, an den Rand gedrängt, allein gelassen fühlen. Das sind unsere Antworten auf eine der drängendsten sozialen Fragen der Zeit. Wir müssen sie nur aussprechen – und endlich umsetzen. Das ist Solidarität.

 

Rückkehr zur Volkspartei

 

Was jetzt gebraucht wird, ist der entschlossene Blick nach vorn. Wie wird die SPD wieder zur „Volkspartei“ – einer Organisation also, die Strömungen und Stimmungen in der Bevölkerung frühzeitig wittert, politisch bündelt und in mehrheitsfähige Lösungen verwandelt? Wie gelingt das in einer immer heterogeneren Gesellschaft und mit einer kurzfristig orientierten politischen Kommunikation in sozialen Medien?

 

– Die SPD muss wieder das Gespräch mit denen suchen, die sich geringgeschätzt und nicht gehört fühlen. Wir brauchen wieder mehr Persönlichkeiten – auch in Führungspositionen – die selbst aus solchen Bevölkerungsgruppen stammen und aus dieser biographischen Motivation heraus Politik machen.

 

– Die SPD als Partei der gelebten Sozialpartnerschaft braucht gestandene Gewerkschafter ebenso wie Persönlichkeiten mit langjährigen Erfahrungen in der Wirtschaft, die enge Netzwerke mit den Innovatoren von morgen bilden und die deutlich machen, dass Wirtschaftskompetenz in die Entscheidungen der SPD mit einfließt. Eine Partei, die die Exportnation Deutschland gestalten will, muss fairen Welthandel unterstützen.

 

– Die SPD muss wieder die politische Kraft werden, die das soziale Miteinander organisiert und für mehr Zusammenhalt pragmatisch einsteht. Mit dauerhaft sicheren Ansprüchen an den Sozialstaat, aber auch darüber hinaus. Teilhabe und Zufriedenheit speisen sich nicht allein aus dem verfügbaren Einkommen, sondern auch aus der Zahl der Sozialkontakte und dem Gefühl, gebraucht zu werden.

„Aussprechen dessen, was ist“

 

„Alle große politische Aktion besteht in dem Aussprechen dessen, was ist, und beginnt damit. Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist“, sagt einer unserer Gründerväter, Ferdinand Lassalle. Heute würde er vielleicht solche politische Kleingeisterei in seiner Partei mit Blick auf unseren Umgang mit den Problemen der Migration kritisieren. Die SPD spricht nicht klar aus, dass beileibe nicht alle, die kommen, Flüchtlinge sind, sondern eben auch Wirtschaftsmigranten, gewöhnliche Kriminelle – und wenige einzelne sogar Terroristen. Sie bemäntelt die gewaltigen Probleme mit der Integration im Einklang mit Merkels zweifelhaftem Glaubensbekenntnis: „Wir schaffen das“.

 

Manuela Schwesig hat dabei zu diesem Thema schon alles gesagt. „Erstens: Wer Schutz braucht, bekommt Schutz. Zweitens: Wer kein Bleiberecht hat, muss zurück. Drittens: Wer hierherkommt, muss sich an unsere Regeln halten, aber wir müssen auch die Voraussetzungen für gelingende Integration schaffen.“ Und sie hat hinzugefügt: „Ich bin sicher: Wenn man sich an diesen Dreiklang hält, stimmt die Mehrheit der Deutschen zu.“ Die Mehrheit der Deutschen - und der einfachen Parteimitglieder – schon. Aber die Mehrheit in sozialdemokratischen Gremien, in denen die Furcht vor falschen innerparteilichen Positionen herrscht? Als Andrea Nahles erklärte, dass wir nicht alle Flüchtlinge aufnehmen könnten, erhob sich ein Sturm der Entrüstung: bei den Funktionären der SPD...

 

Kommunale Spitzenvertreter fehlen in der Partei-Spitze

 

Wer ausspricht, was ist, wie der ehemalige Bezirksbürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky, kassiert Rufe nach einem Parteiausschluss. Dabei sind die wenigen direkt gewählten Abgeordneten und vor allem die Oberbürgermeister, Bürgermeister und Landräte die einzigen Mandatsträger, die nicht über eine von Gremien zusammengestellte Liste ins Amt kommen, sondern unmittelbar von Bürgerinnen und Bürgern gewählt und mit der Wahrnehmung ihrer Interessen beauftragt werden. Sie werden mit einem persönlichen Vertrauensvorschuss ihrer Wählerinnen und Wähler direkt in kommunale Spitzenämter und Parlamente entsandt. Die Sozialdemokraten aus der Kommunalfamilie, die Ehrenamt-lichen vor Ort – sie sind in der Parteispitze und im Vorstand der SPD nicht etwa nur unterrepräsentiert: Es gibt sie dort nicht, sie fehlen völlig.

 

Warum das so ist? Kommunale Spitzenvertreter der SPD haben weder Zeit noch Lust und manchmal auch nicht das Geld, um nach Berlin zu fahren und ihre Erkenntnisse dort in Parteigremien vorzutragen, die sich in ihrer "Wir-schaffen-das“-Burg eingegraben haben. Jedenfalls haben Parteiführungen seit langer Zeit jeden ernsthaften Versuch unterlassen, kommunale Spitzenvertreter für die SPD-Spitze zu gewinnen – so, als gehe es auch ohne die kommunale Basis. Wenn Parteipolitik auf Wirklichkeit trifft und die Augen vor dem verschließt, was ist, dann geht es ab in den Keller.

 

Keine Toleranz der Intoleranz

 

Die SPD muss in der Integrationspolitik klare Kante zeigen: Null Toleranz gegenüber Intoleranz, keine rechtsfreien Räume, gesteuerte Zuwanderung. Null Toleranz gilt übrigens nicht nur gegenüber intoleranten Muslimen, sondern auch gegenüber intoleranten Rechtsradikalen und Neo-Nazis. Gleiches Recht für alle. Die Menschen in Deutschland müssen sich an jedem Ort wieder sicher fühlen können – das gilt für Flüchtlinge und Migranten genauso wie für Alteingessene. Und zu gesteuerter Zuwanderung gehört auch die Diskussion über den Vorschlag von Boris Pistorius, Flüchtlinge und Migranten bereits in Libyen in Auffanglagern registrieren zu lassen.

 

– Die Welt erwartet von Deutschland mehr Engagement. Der „Ohne-mich“-Reflex der SPD in vielen außenpolitischen Fragen wird in allen Teilen der Welt als Wegducken wahrgenommen. Die SPD muss dringend notwendige strategische Debatten über deutsche und europäische Interessen in einer Zeit geopolitischer Verschiebungen anstoßen und führen. Das ist überzeugender Internationalismus.

 

Bekämpfung von Populismus und Haifischkapitalismus

 

– Die SPD muss gemeinsam mit ihren Mitstreitern in anderen EU-Staaten die kulturellen Spaltungen in Europa, besonders zwischen West und Ost, zum Kernthema machen, aktiv angehen und für einen Ausgleich von Interessen sorgen. Das ist der wirksamste Beitrag zur Bekämpfung der populistischen Kräfte in Europa.

 

– Die SPD muss national und international den Kampf gegen Haifischkapitalismus in der Finanzwirtschaft und gegen das Machtoligopol digitaler Großkonzerne führen. Sie muss – den Errungenschaften der Aufklärung verpflichtet – den anonymen Pöbeleien und Denunziationen im Netz sowie Fake News entschieden entgegentreten. Freie Meinungs-äußerung zieht ihren gesellschaftlichen Nutzen daraus, dass sie – zumindest in der Kommunikation innerhalb der SPD – mit offenem Visier, also unter Klarnamen, vorgetragen wird. Nur so entsteht demokratischer Diskurs; Postings unter Pseudonym mögen in autokratischen Systemen zum Selbstschutz nötig sein: in offenen Gesellschaft sind sie wertlos.

 

Direkte Kommunikation und flache Parteihierarchie

 

– Der Kompetenzverlust, den uns die Wahlbevölkerung in Deutschland auf fast allen politischen Feldern ebenso schmerzhaft wie regelmäßig zumisst, steht in diametralen Gegensatz zu den Fähigkeiten, die eine große, sich der Politik verpflichtet fühlende Gemeinschaft von fast einer halben Million Parteimitgliedern individuell besitzt. Wenn die SPD wüsste, was die SPD weiß, wäre sie immer noch eine große Volkspartei.

 

Nur: die individuellen Kompetenzen unserer Mitglieder sind in der Organisationsstruktur kaum bekannt, und sie sind für die Funktionseliten auch nur von begrenztem Interesse. Dies zu ändern, wird zum Grundstein für den Neuaufbau der Partei.

 

– Und die SPD muss sich selbst und ihre Organisation von Grund auf verändern. Die 150 Jahre alte Gremienwirtschaft stammt aus der Zeit vor der Erfindung des Telefons. Wenn etwas zur Erneuerung der SPD beitragen kann, dann ist es der Verzicht auf eine steile Parteihierarchie, die in den Gründerzeiten des 19. Jahrhunderts unverzichtbar war, aber heute aus der Zeit gefallen ist, weil Kommunikation nicht mehr durch Delegierte auf Ortsvereins-, Kreis-, Bezirks- , Landes- und Bundesebene organisiert werden muss; vom Zeit- , Reise- und Finanzaufwand ganz zu schweigen. Das Internet ist schon erfunden. Parteimitglieder können sich ortsungebunden jederzeit miteinander austauschen, wenn digitale Diskussionsforen eingerichtet sind. Diese Aufgabe ist kein Hexenwerk. Direkte Kommunikation und flache Parteihierarchie schaffen mehr Transparenz und mehr Partizipation: Sie führt heraus aus den Hinterzimmern mit ideologiefester Besetzung in angstfreie Räume. Dies ist eine Partei auf der Höhe der Zeit.

 

„Wir haben eine Aufgabe, die ist wichtiger als wir selbst“

 

Die notwendige Erneuerung muss neue Strukturen schaffen, Ämter nach den Kriterien von Kompetenz und Leistung vergeben und neue Gesichter nach vorne bringen. Veränderung ist schmerzhaft. Sie bringt Lebensplanungen Einzelner ins Wanken. Das ist der Preis der Erneuerung. Wird die SPD fähig sein, diesen Weg zu gehen? Werden die Delegierten eines Bundesparteitags Beschlüsse fassen, die auch ihrer eigenen Karriere, ihrer eigenen Zukunftsplanung zuwider laufen könnten?

 

Große Sozialdemokraten haben sich immer dazu bekannt: „Wir haben eine Aufgabe, die ist wichtiger als wir selbst.“ So müssen wir die Herausforderung angehen, vor der wir jetzt stehen. Ehrlich mit uns selbst, mutig für unsere Sache.

 

 

Autoreninfo

 

Hans-Roland Fäßler ist Geschäftsführer der Polimedia Beratungsgesellschaft mbH. Der Medienberater half unter anderem Peer Steinbrück in seinem Wahlkampf zur Bundestagswahl 2013.

 

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