Ziele der DITIB

 

 

Wie die Türkei in Deutschland Politik macht

 

Volker Beck im Cicero Online am 7. April 2020

 

Die DITIB attestiert sich selbst in einer Pressemitteilung zu einer „Zielvereinbarung“, die sie mit Rheinland-Pfalz abgeschlossen hat, die Unabhängigkeit von der Türkei. Und das Bundesland gibt sich ahnungslos. Kapitulieren wir vor nationalistisch-islamistischen Verbänden?

 

Am 1. April gab es etwas zu feiern auf der Webseite der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V.“, allgemein als DITIB bekannt: Man hatte ebenso wie drei andere muslimische Verbände im Windschatten der Coronakrise eine „Zielvereinbarung“ mit dem Land Rheinland-Pfalz abgeschlossen.

 

Nun sollen 18 Monate lang die Voraussetzungen geschaffen werden, um die DITIB als Religionsgemeinschaft anerkennen zu können. Trotz der Ausrichtung der Mutterorganisation Diyanet, der Religionsbehörde Erdogans in Ankara, die der Arbeitgeber fast aller DITIB-Imame ist, attestiert sich die DITIB nassforsch die Unabhängigkeit von der Türkei.

 

Ermittlungen unterlägen Immunität

 

Und das Land Rheinland-Pfalz gibt sich zumindest leichtfertig ahnungslos. Das ist schon alles ziemlich dreist und unverantwortlich: Schließlich wurde ein mutmaßlicher Verantwortlicher für den DITIB-Spionageskandal des Jahres 2016, Ahmet Dilek, schon zweimal zum stellvertretenden Vorsitzenden der Bundes-DITIB gewählt. Unter seiner Verantwortung als Religionsattaché des Kölner Konsulates wurden Dossiers über Kritiker und Gegner des Erdogan-Regimes nach Ankara übermittelt.

 

Gegen ihn wird in der DITIB-Spionageaffäre von Seiten der Generalbundesanwaltschaft – so diese gegenüber dem Autor – nur deshalb nicht ermittelt, weil seine womöglich strafbaren Handlungen auch nach seinem Ausscheiden aus dem diplomatischen Dienst weiterhin der diplomatischen Immunität unterliegen. Als wäre das alles nicht Realität, begnügt sich das Land Rheinland-Pfalz damit, eine Satzungsänderung von Erdogans Verein zu fordern. So steht es in der „Zielvereinbarung“.

 

An den Machtverhältnissen ändert es nichts

 

Dann wäre alles wieder gut und der Weg frei zur Anerkennung als Religionsgemeinschaft. Und das, obwohl man im benachbarten Bundesland Hessen seit einiger Zeit versucht, einen ähnlichen Entschluss mit viel juristischen Aufwand wieder zu korrigieren. Papier ist bekanntlich geduldig. An den tatsächlichen Machtverhältnissen ändert eine Satzung dort gar nichts. Das hat man in Hessen bitter erfahren müssen.

 

Das Ziel der DITIB geht laut Pressemitteilung noch weiter: „Die Anerkennung der DITIB Rheinland-Pfalz als Religionsgemeinschaft als nächster Schritt, wie auch die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts“. Körperschaft des öffentlichen Rechts würde bedeuten, dass am Ende eine Tochtergesellschaft einer Behörde Erdogans deutsches öffentliches Recht ausüben könnte. Das muss man sich vergegenwärtigen: Die Türkei übt dann über Mittelsmänner öffentliche Gewalt des deutschen Staates in Deutschland aus, entscheidet beispielsweise, wer islamischer Religionslehrer an unseren Schulen werden darf; die eigenen Mitarbeiter wären DITIB-Beamte.

 

Die Gutachterei treibt merkwürdige Blüten

 

Nach dem Zielvereinbarungsschluss vom 1. April macht sich die DITIB darauf nicht unberechtigte Hoffnungen. Ob solcher landespolitischer Gutgläubigkeit wird man sich in der Kölner DITIB-Zentrale und in Ankara die Hände reiben. Dreist begründet die DITIB ihren Anspruch mit der Behauptung, „in keinem (…) Gutachten [werde] eine Einflussnahme durch Politik oder den Staat Türkei festgestellt.“

 

Diese Behauptung kann man als glatte vorsätzliche Lüge bezeichnen. Beispielsweise das hessische DITIB-Gutachten des Dr. Günter Seufert von der Stiftung Wissenschaft und Politik spricht klipp und klar „von direkten Befehlsketten aus Ankara über Köln nach Hessen“. Die Gutachterei in einigen Ländern treibt merkwürdige Blüten und ist mehr als fragwürdig – sowohl von ihren Grundlagen wie von ihrer Vergabe her.

 

Probleme werden ausgeklammert

 

Das Gutachterwesen hat in der Regel tautologische Züge. Probleme werden meist ausgeklammert. Zahlreiche Gutachten, die von verschiedenen Bundesländern in Auftrag gegeben wurden, haben lediglich die Selbstauskünfte und Satzungen der islamischen Organisationen bewertet, nicht aber die tatsächlichen inneren Verhältnissen der Gemeinden untersucht, die verbreiteten Lehren, die Arbeits- und Vermögensverhältnisse oder Finanzströme.

 

Allzu deutlich wurde im Vorfeld der Beauftragungen die Intention der Auftraggeber: Erhoffte Absolution für eine religionspolitische Entscheidung, die man bereits getroffen hatte. Oft war auch das Votum angesichts der Vorveröffentlichungen der Gutachter ohnehin absehbar. Nie wurden Gegengutachten in Auftrag gegeben. Eigentlich hätte man ja fragen müssen: Was spricht für eine Anerkennung und was womöglich dagegen?

 

Vier Vereinbarungen, gleiches Paradoxon

 

Da es keinen relevanten religionswissenschaftlichen Forschungsstand zu den tatsächlichen Verhältnissen in der deutschen muslimischen Verbändewelt gab und gibt, waren diese Forschungslücken mit dem Auftragsvolumen der Gutachten ohnehin nie seriös zu schließen. Auf dieser gefährlichen Linie liegen auch die jetzigen rheinland-pfälzischen Vereinbarungen. Zwar gibt man sich noch 18 Monate Bedenkzeit, aber man will auf einem einmal eingeschlagenen Weg unbedingt zum Ziel gelangen: zur Anerkennung auch von nationalistisch-islamistisch orientierten Verbänden als Religionsgemeinschaften mit entsprechenden Rechten, etwa beim Religionsunterricht. Deshalb hat man nun gleich vier leicht stilblütenverdächtige Verträge mit islamischen Organisationen unterschrieben.

 

In allen vier Vereinbarungen findet man das gleiche Paradoxon: „Die Gutachter bestätigten das Ergebnis der Erstgutachten, dass es sich bei allen vier Verbänden um Religionsgemeinschaften im Sinne des Grundgesetzes handelt. Zugleich haben sie aufgezeigt, dass in einzelnen Verbänden noch strukturelle Mängel bestehen, die beseitigt werden müssen, damit diese vollumfänglich als Religionsgemeinschaften im Sinne von Art. 7 Abs. 3 Grundgesetz und Art. 34 der Landesverfassung gelten können.“

 

Die Vereinbarung zwischen DITIB und Schura

 

Religionsgemeinschaften mit strukturellen Mängeln, die ihre Anerkennung als Religionsgemeinschaften verhindern. Wer so sinnlos und widersprüchlich in Vereinbarungen formuliert, dem ist keine sachgerechte Entscheidung zuzutrauen. Zwei Vereinbarungspartnern, der DITIB und der Schura, einem bunten Zusammenschluss mit einigen demokratiepolitisch besonders bizarren Mitgliedsvereinen in ihren Reihen, schreibt man eine verfassungsrechtliche Selbstverständlichkeit in die Vereinbarung: „Religionsgemeinschaften ordnen und verwalten ihre Angelegenheiten selbständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Gesetzes. Ihre Willensbildung erfolgt selbstbestimmt (Art. 4 Abs. 1 und 2 Grundgesetz; Art. 140 Grundgesetz in Verbindung mit Art. 137 Abs. 3 der Weimarer Reichsverfassung).

 

Diejenigen Religionsgemeinschaften, die den Anspruch erheben, Religionsgemeinschaften im Sinne von Art. 7 Abs. 3 Grundgesetz zu sein, müssen ihre rechtlichen und tatsächlichen Strukturen so gestalten, dass ein Einfluss Dritter – seien es Staaten oder Organisationen –, der ihren rechtlichen Charakter als Religionsgemeinschaft im Sinne des Art. 7 Abs. 3 GG gefährden kann, ausgeschlossen ist.“

 

Es fehlt die religionspolitische Diskussion

 

Wer ernsthaft glaubt, dass DITIB und einige problematische Mitgliedsorganisationen der Schura in der Lage sind, über Satzungsänderungen die tatsächlichen Verhältnisse so zu gestalten, dass die religiöse Selbstbestimmung und nicht ausländische Behörden oder Parteien ihre Identität bestimmen, hat die bereits bestehenden inneren Verhältnisse der Vereinbarungspartner nicht im Ansatz verstanden.

 

Außerdem frustriert man durch eine solche Politik des pseudorealpolitischen Arrangements mit dem demokratiepolitischen Teufel politischer Instrumentalisierung von Religion eine junge Generation der in Deutschland aufgewachsenen Muslime, die mit alledem nichts mehr zu tun haben wollen und die gern am Aufbau deutscher islamischer Religionsgemeinschaften arbeiten würden. Deutschland braucht endlich eine offensive religionspolitische Diskussion.

 

Eine Frage der Geduld

 

Wollen wir dem Einfluss ausländischer Staaten, Behörden oder Parteien im Mantel von religiösen Organisationen das Wort reden oder wollen wir gleiche Rechte für jüdische, christliche und islamische Religionsgemeinschaften unter denselben Voraussetzungen? Kapitulieren wir vor nationalistisch-islamistischen Verbänden oder trauen wir jungen deutschen Muslima und Muslimen zu, die Zukunft der islamischen Community selbstbewusst und demokratisch selbst in die Hand zu nehmen?

 

Ich plädiere für Letzteres. Dann aber brauchen wir etwas Geduld und dürfen den heutigen Verbandsfunktionären nicht auf den Leim gehen. Politik darf sich nicht länger hinter fragwürdigen Gutachten verstecken. Und einige religions- oder rechtswissenschaftliche Gutachter könnten im Verhältnis zur Politik von manchen Virologen dieser Tage etwas lernen: Wissenschaft sagt, was sie weiß und was sie erst noch untersuchen müsste. Die Entscheidungen überlässt sie der Politik. Das letzte Wort haben im Zweifel ohnehin die Gerichte.

 

Volker Beck ist Lehrbeauftragter am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) an der Ruhr-Universität Bochum. Bis 2017 war er als Abgeordneter der Grünen Mitglied des Deutschen Bundestages.

 


 

Türkei diskriminiert Homosexuelle

 

Akzeptieren Sie, dass Gott alle seine Geschöpfe liebt!

 

Gastbeitrag von Seyran Ates am 11. Mai 2020 in CICERO ONLINE

 

Ausgerechnet im Ramadan hetzt der Chef der obersten Religionsbehörde in der Türkei gegen Homosexuelle.

Der neue Kurs wirkt sich auch auf die von ihm finanzierten Moscheen in Deutschland aus, schreibt Seyran Ateş.

Sie fordert die deutsche Politik auf, den Einzug des politischen Islam zu stoppen.

 

Es ist schon mehr als befremdlich, wenn ein sogenannter religiöser und geistlicher Führer im heiligen Monat Ramadan, dem Monat der schönen Dinge und Versöhnung, seine Freitagspredigt dazu nutzt, um gegen Homosexualität zu hetzen. So geschehen kürzlich in der Türkei. Der Islam ist extrem plural, Muslime interpretieren und praktizieren ihre Religion von Marokko bis Indonesien und darüber hinaus sehr vielfältig. Aber es gibt den einen oder anderen Kodex, den alle kennen und einhalten sollten.

 

Im heiligen Monat Ramadan sollten die Menschen sich noch mehr als im Rest des Jahres anstrengen, Gutes zu tun. Dazu gehört, andere Menschen, vor allem Kinder und Kranke, nicht zum Fasten zu zwingen, Streithähne zu versöhnen, nicht zu fluchen, nicht über andere schlecht zu reden, verzeihen, Verzicht üben und vieles mehr. Das klingt nach Bergpredigt. In der Tat, es gibt viele Parallelen in unseren Religionen.

 

„Der Islam verflucht Homosexualität“

 

Man sollte meinen, dass der Mann an der Spitze der türkischen Religionsbehörde das auch weiß. Offensichtlich ist ihm dieser Teil seiner Religion aber gerade entfallen. Denn der Fahnenträger des Herrn Erdogan, Ali Erbas, Chef der Diyanet, der obersten staatlichen Religionsbehörde der Türkei, der Menschen in Sachen Islam ein gutes Vorbild sollte, sät Un-frieden und hetzt gegen Lesben und Schwule.

 

Der Islam verfluche Homosxualität,verkündete er. Sie verursache Krankheiten wie Aids und sei eine Degenerations-erscheinung. „Lasst uns zusammen handeln, um die Menschen vor diesem Bösen zu schützen.“ Was für ein geistlicher Führer ist dieser Mann, der Hass auf Menschen sät und somit deren Leib und Leben gefährdet? Die Antwort kann nur lauten, er ist ein Handlanger Erdogans und des politischen Islam, der zum Staatsislam geworden ist.

 

Keinen schwulen Nachbarn

 

Im Jahre 2009 sagten 87 Prozent der Befragten bei einer Umfrage der Istanbuler Bahcesehir-Universität, dass sie keinen Schwulen als Nachbarn haben wollen. Leider hat sich bis heute nicht viel daran geändert. Um es deutlich zu machen: Der Diktator und sein Handlanger sprechen bewusst und gezielt das Thema an, um der LGBTQI-Community in der Türkei das Leben noch schwerer zu machen als es ohnehin schon ist.

 

Als Atatürk, der Gründungsvater der Türkischen Republik, diese Behörde einrichten ließ, hatte er die Idee, den politi-schen Islam nicht nur zu verhindern, sondern zu vernichten. Die Trennung von Politik, dem Staat und der Religion war eines seiner wichtigsten Ziele und zudem Grundvoraussetzung der Demokratie. Nun nutzt Erdogan das Konzept von Atatürk, um den politischen Islam zu installieren und die in der Türkei leider nie wirklich gefestigte Demokratie gänzlich zu vernichten. Was für eine tragische Geschichte. Die Türkei war das einzige islamisch-laizistische Land, in der modernes Leben in Demokratie und Vielfalt möglich schien. Atatürk hat leider Lücken in seinem System übersehen und Schlupf-löcher hinterlassen. Erdogan ist dabei, diese zu schließen.

 

Homosexualität wird auch in anderen Religionen und Ideologien nicht akzeptiert

 

Nun werden viele sagen, dass es nichts Besonderes ist, was da in der Türkei passiert. Das kommt nicht nur bei den Muslimen vor, dass sich ein Diktator und oberster Geistlicher so äußern. Der Papst findet Homosexualität auch nicht besonders gut, die orthodoxen Juden lehnen sie ebenso ab, wie die Evangelikalen. Putin scheint nicht begeistert von schwulen Männern, in Polen werden LGBTQI*-freie Zonen errichtet. Die Liste wäre unendlich fortzuführen. Aber sollten wir die Äußerungen des Diktators und seines obersten Geistlichen deshalb akzeptieren?

 

Nein, das wäre verantwortungslos. Denn solche Sätze haben nicht nur in der Türkei negative Auswirkungen und Folgen für die LGBTQI*-Community. Nebenbei bemerkt sprechen solche Menschen immer nur von Homosexualität und von „sexuellen Neigungen.“ Damit zeigen sie, dass sie weder sprachlich noch thematisch im 21. Jahrhundert angekommen sind. Es handelt sich um sexuelle Identitäten, nicht um Neigungen. Was sexuelle Neigungen wirklich sind und welche sexuellen Neigungen von orthodox-religiösen heterosexuellen Männer und Frauen bevorzugt werden, ist ein anderes Thema. Aber welche Auswirkungen haben solche Äußerungen in Deutschland?

 

Auswirkungen für Deutschland

 

Die Diyanet aus der Türkei bestimmt die Politik und religiösen Inhalte der Ditib in Deutschland. Das sollte langsam sogar jeder Kommunalpolitiker und jede Kommunalpolitikerin wissen. Dennoch zum Mitschreiben: Alles, was der Mann aus Ankara sagt, gilt auch für die Moscheen der Ditib in Deutschland. Ausnahmslos! Denn die Ditib und Diyanet sind eine Einheit.

 

Nun stellt sich die Frage, wie man in Rheinland-Pfalz und anderswo unter dem Radar von Corona auf die Idee kommt, die Ditib hof- und salonfähig zu machen, eventuell Staatsverträge abzuschließen und ihnen den Religionsunterricht zu überlassen? Wohlwissend, dass jeder Imam in Deutschland, der von ihr bezahlt wird, seinem Dienstherrn verpflichtet ist. Sollte einer von ihnen keinen Arbeitsvertrag haben, ist er aufgrund von sonstigen Vereinbarungen an die Anweisungen und Politik des Dienstherrn aus Ankara gebunden. Wenn sich nun einzelne Ditib-Moscheen von Ankara tatsächlich finanziell loslösen sollten, reicht das selbstverständlich nicht aus. Solange diese Moscheegemeinden von der Ditib finanziert werden, bleiben sie Handlanger von Erdogan. Sie sind erst dann von Ankara unabhängig, wenn sie ihren Namen und ihre Satzungen ändern, also neue Vereine oder sonstige Rechtsformen gründen.

 

Was wird im islamischen Religionsunterricht in Deutschland gelehrt?

 

Folgende Frage drängt sich nach alledem auf: Wenn die Ditib/Diyanet über die Inhalte des islamischen Religionsunterrichts bestimmt, was wird da zum Thema LGBTQI*-Identitäten wohl gelehrt werden? Mancher islamische Funktionär in Deutschland benötigt darauf nicht einmal eine Antwort aus Ankara. Burhan Kesici beispielsweise, Leiter des Koordinationsrats der Muslime, der die vier größten Islamverbände in Deutschland vertritt, sagte in einem Interview dazu, dass Islam und Homosexualität nicht vereinbar seien.

 

Im selben Interview sagte er übrigens, dass Imame nicht unbedingt Deutsch sprechen müssten und die Kenntnis der Landessprache ohnehin keine Voraussetzung für Integration sei. Ein sehr interessanter Ansatz. Ich persönlich habe nur gute Erfahrungen mit Herrn Kesici. Er ist zu mir stets freundlich und offen. Nach der Eröffnung unserer Moschee waren wir beide im Sommer 2017 zu Gast bei Stern-TV. Dort sagte er, dass er kein Theologe sei und auf theologische Fragen keine Antworten geben möchte. Immerhin war er bereit, mit mir aufzutreten. Herr Kesici hat laut Wikipedia-Eintrag Politikwissenschaften studiert. In seiner Hausarbeit über die Beziehung zwischen Staat und Religion im Islam aus dem Jahre 1996 geht er davon aus, dass der Islam eine Einheit zwischen Staat und Religion vorsieht. Sie seien nicht von-einander zu trennen.

 

Wie deutsche Politik den politischen Islam fördert

 

Am Ende seiner besagten Arbeit schreibt Herr Kesici: „Ich möchte meine Arbeit mit einer gewagten These abschließen: Ein Staat kann keine Religion haben! Es sind die Menschen, die den Staat ausmachen. Wenn die Menschen nach dem Islam leben, dann wird die Ordnung von selbst islamisch, denn die Gesetze werden von Menschen gemacht, die eine bestimmte Wertvorstellung haben. Wenn diese Wertvorstellung auf dem Islam basieren, so werden die Gesetze auch nach islamischen Werten gemacht.“

 

So sehr ich die freundliche und offene Art des Herrn Kesici schätze, so sehr regt mich „die deutsche Politik“ auf, die Burhan Kesici neben Aiman Mazyek (Zentralrat der Muslime) zum Hauptgesprächspartner und Entscheidungsträger für die Muslime in Deutschland bestimmt. Auf diese Art und Weise mischt sich ein großer Teil „der deutschen Politik“ in die Entwicklung des Islam in Europa indirekt ein und ebnet dem politischen Islam den Weg.

 

Mein Appell an alle Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen „der deutschen Politik“ und die konservativen und orthodoxen Herren und Damen, die meinen, die Deutungshoheit über „den Islam“ zu haben: Akzeptieren Sie, dass der Islam plural ist, Gott alle seine Geschöpfe liebt, egal welche sexuelle Identität die Menschen haben. Davon werden sie selbst weder schwul, lesbisch oder transsexuell noch plötzlich zu einem echten Demokraten. Wir leben in Deutsch-land, und hier entwickelt sich gerade vieles zum Guten für die LGBTQI*-Community. Auch für muslimische LGBTQI*-Menschen. Friede sei mit Ihnen. Ich wünsche allen einen gesegneten und friedlichen Ramadan.

 

https://www.cicero.de/aussenpolitik/tuerkei-homosexualitaet-ali-erbas-erdogan-ditib-diyanet-deutschland

 


 

Definieren Sie bitte Islamist!

 

Seyran Ates im Ciceron Online am 11. Juni 2020

 

Wie groß ist Erdogans Einfluss auf den türkischen Islamverband in Deutschland? Der Verfassungsschutz nimmt den Umgang mit dem türkischen Religionsverband Ditib unter die Lupe. Ein erstes Fazit von Verfassungs-schutzchef Thomas Haldenwang stimmt unsere Gastautorin Seyran Ates besorgt.

 

Der Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz hat vor wenigen Tagen um Augenmaß im Umgang mit dem türkischen Religionsverband Ditib gebeten. Sein Optimismus und sein ausgleichendes Gemüt ehren ihn, und ich kann nur erahnen, wie schwierig seine Lage in diesem verantwortungsvollen Amt ist.

 

Gleichzeitig räumt er zumindest ein, dass die Verflechtung der DITIB mit Ankara klar sein dürfte. Die Allgemeinen Zeitung zitiert Haldenwang. So sei nach dem gescheiterten Putsch 2016 die Ditib genutzt worden, um die türkische Community in Deutschland auszuspionieren. Die finanzielle Abhängigkeit der Moscheen von der Türkei und der dortigen staatlichen Religionsbehörde Diyanet sei offenkundig. Ich war aus mehreren Gründen überrascht.

 

Verfassungsschutz sieht Netzwerk mit Ankara

 

Erstens: Die Ditib bestreitet in den vergangenen Jahren mehr schlecht als recht, jegliches Naheverhältnis zur offiziellen türkischen Religionsbehörde Diyanet. Man sei eigenständig und unabhängig von Ankara, und überhaupt wolle man sich von niemandem etwas sagen lassen. Offenbar sieht der Verfassungsschutz in Deutschland diese Unabhängigkeit nicht. Danke für die Klarstellung.

 

Zweitens: Der Verfassungsschutz ist sich wohl auch völlig im Klaren darüber, dass das Moscheenetzwerk 2016 zum Ausspionieren der türkischen Community diente. Damit sind wohl vor allem Oppositionelle, Kurden und Gülen-Anhänger gemeint. Auch hier ist es wichtig festzuhalten, dass die Verfassungshüter diese untragbaren Zustände registriert haben, denn auch das wurde von den Verbänden heftig in Abrede gestellt.

 

Ist Erdogan ein Islamist?

 

Kommen wir zu den Irrtümern, denen Herr Haldenwang nach meiner Ansicht unterliegt. Bei aller Wertschätzung für die Expertise, über die er zweifelsfrei verfügt – die Frage, ob Erdogan ein Islamist ist, muss man mit einem klaren „ja“ beantworten und nicht wie er mit „nein“. Alle türkischen religiösen Reformbewegungen der vergangenen Jahre lassen eigentlich keinen Zweifel daran, welche gesellschaftlichen Vorstellungen Erdogan antreiben. Es beginnt beim Thema Verschleierung, wo er eine völlig andere Linie vertritt als dies über Jahrzehnte in der Türkei von der Mehrheit gelebt wurde, es zieht sich weiter bei seinen Vorstellungen, wie viele Kinder eine Frau bekommen und welche Rolle sie in der Gesellschaft spielen sollte. Und es spiegelt sich auch wider in seinen ganz speziellen Ansichten zur Presse- und Meinungsfreiheit.

 

Aber nicht nur weiche Faktoren zeigen die Ambitionen des Diktators Erdogan. Seit 2011 ist die Türkei eines der wichtigsten Zentren für die Muslimbrüder geworden. Es ist kein Zufall, dass die Mehrzahl der im Exil befindlichen Führer der größten und wichtigsten islamistischen Gruppe der Welt gerade in der Türkei ihre Zelte aufschlagen konnten – ohne konkrete rechtliche Organisationsform, wohl bemerkt. Das ist ohne politischen Willen der Führung aus Ankara unvorstellbar. Die Rolle der Türkei im Syrien-Konflikt als Schleuse für so genannte Foreign Fighters ist ebenfalls bestens dokumentiert, und auch hier darf man die Türkei nicht aus der Verantwortung lassen.

 

Nimmt Erdogan Einfluss auf Moscheen in Deutschland?

 

Die zweite Frage ist, ob die Ditib-Moscheen politisch und religiös beeinflusst von Erdogan werden oder nicht. Auch hier nochmal: Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Ditib-Verband die verlängerte Werkbank für Ankara ist. Das ist mehr als ein Problem. Das ist ein Skandal.Deutschland überlässt die Deutungshoheit über den Islam und die Muslime in Deutschland zum großen Teil einem Diktator, der – sofern er Gelegenheit dazu hat - jeden einsperrt, der nicht seinem Menschenbild und seiner politischen Überzeugung entspricht.

 

Geopolitische Interessen der Türkei werden regelmäßig über die Freitagspredigten an die Filialen der Ditib verteilt und es spricht doch Bände, wenn Teile der türkischen Community in Deutschland zum Thema Covid-19 eher den Äußerungen und Empfehlungen der türkischen Behörden vertrauen als jenen der Deutschen. Jetzt frage ich, sind die aus Ankara direkt finanzierten Verbände die richtigen Verbündeten für die deutsche Politik und den Verfassungsschutz? Ich denke nicht, denn auch in der Vergangenheit waren die Exil-Türken für Erdogan eine wichtige Manövriermasse.

 

Visionen über den Islam in Europa

 

Nicht zu vergessen sind die noch zahlreichen unangenehmen Überschneidungen mit türkisch-nationalistischen Gruppen, wie den Grauen Wölfen oder mit islamistischen Gruppen wie der Milli Görüs – oder mit den Muslimbrüdern. Ich erinnere an die große Konferenz in Köln im Januar 2019, als führende Köpfe von Diyanet und Muslimbruderschaft Seite an Seite ihre Visionen über den Islam in Europa skizzierten. Das Ergebnis war alles andere als beruhigend. Ob Herr Haldenwang das Papier gelesen hat, welches die Herren bei der Konferenz beschlossen haben? Ich empfehle die Lektüre auf der Seite der Ditib.

 

Man kommt als Pragmatiker offensichtlich nicht an der Ditib vorbei, weil sie die besten Strukturen etabliert hat, gut finanziert ist und man sich in vielen Ländern einfach schon über Jahre hinweg arrangiert hat. Aber macht Alternativlosigkeit eine unerwünschte Kooperation besser? Hier offenbart sich unser großes Problem in Deutschland. Mangels eigener Ressourcen (Schulen und Universitäten) müssen wir darauf vertrauen, dass Organisationen, von denen wir sogar zur Kenntnis nehmen, dass sie anderen Machthaber dienen, den Islam in Deutschland prägen. Und solange das so ist, müssen wir auch Zitate wie jene von Herrn Erbas, dem Chef der Diyanet, ertragen, dass die Gesellschaft unter Homosexualität verrotte und dass dadurch HIV und Corona entstünden.

 

Einfluss auch im Bildungssystem

 

Solange sich das deutsch-islamische Bildungsangebot vorwiegend aus nicht-akkreditierten Ausbildungsstätten wie dem Europäischen Institut für Islamwissenschaft in Frankfurt, das kürzlich schließen musste, oder Online-Angeboten wie jenem der Islamic Online University bewegt, wird es auch schwer werden, eigene Kapazitäten aufzubauen. Die Islamic Online University ist übrigens von einem Mentor des Salafisten Pierre Vogel gegründet worden, Bilal Philips.

 

Philips wurde 2011 mit einem Einreiseverbot belegt. Das hindert ihn jedoch nicht daran, ein Fernuni-Programm auch in Deutschland anzubieten. Für Prüfungsaufsichten kann er auf Dutzende lokale Partner zurückzugreifen. Einer dieser Partner ist laut Universität praktischerweise ein Ableger des größten deutschen Islamverbandes – der Ditib – und so schließt sich der Kreis. Höchste Zeit, ernsthaft nach alternativen Partnern zu suchen. Es sei denn, die deutsche Politik hat was im Sinn, was liberale und europäische Muslime einfach nicht verstehen.

 

Seyran Ateş arbeitet als Anwältin und Publizistin. Sie ist Gründerin der liberalen Ibn Rushd-Goethe Moschee in Berlin.

 

https://www.cicero.de/innenpolitik/tuerkischer-religionsverband-erdogan-haldenwang-islamist-verfassungsschutz