Multikulti

 

Die neueste Form der Wirklichkeitsverweigerung

 

Reinhard Mohr am 18. Dezember 2017 im Cicero-Online

 

Mit der Rede vom „bunten Deutschland“ soll die vielfältige, offene Gesellschaft beschworen werden. Doch deren Anhänger verraten selbst die Werte der Aufklärung und verhindern so eine echte Lösung der Probleme

 

In der öffentlichen Debatte in Deutschland dominieren talkshowerprobte Zauberbegriffe wie „Europa“, „Integration“, „Bildung“, „Digitalisierung“, „Globalisierung“ und „Weltoffenheit“, die vorgeben, mit der abstrakten Benennung eines Themas bereits erschöpfende Antworten auf schwierige Fragen zu liefern.

 

Ein Begriff aus der Phrasenkiste der politischen Kommunikation hat zuletzt besonders reüssiert: das „bunte“ Deutsch-land. Mal heißt es in Abgrenzung zu rechtsradikalen Parolen „Deutschland ist bunt“, mal „Deutschland muss bunter werden“, mal aber auch trotzig-stolz: „Deutschland muss bunt bleiben!“

 

Bunt ist gut

 

Was genau „bunt“ heißt, unterliegt der freien Assoziation, die freilich eine Tendenz aufweist: vielfarbig, vielfältig, verschiedenartig, auf jeden Fall nicht eintönig, schon gar nicht braun oder dunkel. Ins politische Standardvokabular übersetzt steht bunt für multikulturell – selbst ein inflationär benutztes Attribut, das an utopischer Beschwörungskraft allerdings etwas verloren hat.

 

„Bunt“ dagegen klingt pragmatisch und unpolitisch. Es ist ein intellektuelles Sedierungsprogramm, das Gegenteil von streitbarer Auseinandersetzung. Ein Hauch von Malstunde in der Kita schwingt mit, die Atmosphäre von Straßenfest und Hüpfburg. Die Rede vom „bunten Deutschland“ jedenfalls vermittelt die Vorstellung eines geschichtslosen Endzustands, einer infantilen Utopie im Rapunzel-Format. Über „bunt“ lässt sich auch schwerlich diskutieren. Wer wäre schon für grau und Einheitsschwarz, von den Hamburger Autonomen abgesehen?

 

Weltoffenheit verrät eigene Grundlagen

 

In dieser schmuseweichen Bullerbü-Welt kommt es nicht darauf an, klar zu denken, sondern gut zu fühlen – vor allem sich selbst. Es ist diese Welt des moralischen Wohlbefindens, in der eine führende Grünen-Politikerin über Hundert-tausende Flüchtlinge sagen kann, sie seien „ein Geschenk“ für uns. Es ist eine Welt, in der der „Klimapass“, der allen Flüchtlingen weltweit die Einwanderung nach Europa erlauben soll, die vor Klimaveränderungen fliehen, frenetisch bejubelt wird.

 

Und es ist dieses bunte Deutschland, in dem der Familiennachzug auch für unter bloß subsidiärem Schutz stehende Flüchtlinge zur zentralen moralischen Prüfung erklärt wird. Dass damit womöglich das gerade Gegenteil von Integration erreicht wird – nämlich die Einwanderung autoritär-patriarchalischer Clanstrukturen in bereits existierende Paralle-lgesellschaften – spielt keine Rolle.

 

Auch die jüngste Forderung der Berliner Grünen, Lehrerinnen das Tragen eines Kopftuchs im Unterricht zu erlauben, atmet den Geist einer „Weltoffenheit“, die ihre eigenen Grundlagen, die Werte der europäischen Aufklärung, verrät. Niemand dürfe wegen seiner Religion diskriminiert werden, heißt es. Die Logik dieser Argumentation ist bestechend: Eine Integration in die pluralistische westliche Gesellschaft ist den muslimischen Migranten nicht zuzumuten.

 

Die bittere Ironie

 

So betreibt die „bunte“ Gesellschaft aktiv Selbstdiskriminierung, die an Kapitulation grenzt: Wer auf den Prinzipien der europäischen Aufklärung beharrt, der diskriminiert also die patriarchalisch-religiöse Lebensweise muslimischer Ein-wanderer. Eine groteske Selbstaufgabe der aufklärerischen Vernunft, die umso widersinniger ist, als viele Migranten gerade die lähmende Unfreiheit in den reaktionären, autoritär-islamischen Gesellschaften ins säkulare Europa getrieben hat.

 

Völlig vergessen scheint, dass die europäische Aufklärung auf der scharfen Kritik an Religion und Kirchenmacht beruhte. Hier fällt man sogar noch hinter Martin Luther zurück. Ebenso wird verdrängt, wie gnadenlos die Prediger des bunten Deutschland einst die christlichen Kirchen attackiert haben – in einer Schärfe, die sie sich schon aus gesundem Selbst-erhaltungstrieb niemals gegenüber der islamischen Glaubensgemeinschaft herausnehmen würden. Der weltweite Aufruhr wegen der Mohammed-Karikaturen mit 139 Toten und die mörderische Attacke auf die Pariser Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo haben die rote Linie markiert.

 

Zur bitteren Ironie dieses irren Frontverlaufs gehört, dass mutige muslimische Kritiker des radikalen Islam wie Hamed Abdel-Samad und Seyran Ates, die unter Polizeischutz stehen, von Apologeten des bunten Deutschland im Zweifel als „islamophob“, „rassistisch“ und „reaktionär“ gebrandmarkt werden, während das Zurschaustellen „sichtbarer Religion“, auch das Tragen der Burka, als ein „Freiheitsrecht“ (Claudia Roth) gefeiert wird.

 

Hier kapituliert sogar das dialektische Denken von Alt-68ern: Die Diskriminierung von Millionen Frauen in der arabischen Welt, die außerhalb der eigenen vier Wände nicht einmal ihr Gesicht zeigen dürfen, ist ein „Freiheitsrecht“. Dann war Stalin ein Retter der Demokratie.

 

Die Realität sieht anders aus

 

Es gibt in Deutschland aber noch eine Realität jenseits der Phrasenkultur. Die ist vielgestaltiger, als es den Ideologen der Buntheit passt. So erzählt die Direktorin einer Grundschule in Frankfurt am Main (Migrationsquote 100 Prozent), dass afghanische Schüler mit ihren nach Deutschland geflüchteten Eltern den Sommerurlaub in Afghanistan verbringen, Abschiebeverbot hin oder her. Vollverschleierte Frauen zetern derweil auf dem Schulhof gegen Lehrer, die nur mit großer Mühe überhaupt die Grundvoraussetzung für den Unterricht schaffen können – ein Mindestmaß an Disziplin.

 

Wer will, kann jeden Tag die Konflikte der bundesdeutschen Einwanderungsgesellschaft besichtigen: Kriminelle libanesische Großclans, die sich bestens in ihr eigenes Rechtssystem integriert haben; eine völlig überlastete Justiz, die nicht nur unter hunderttausenden Asylklagen ächzt und längst jede denkbare „Obergrenze“ gerissen hat; wachsende Not auf dem Wohnungsmarkt, auf dem Migranten mit dem unteren Drittel der Gesellschaft konkurrieren; soziale Konflikte, Drogen- und Armutskriminalität in bestimmten Stadtteilen von Gelsenkirchen, Dortmund, Duisburg, Essen – meist in den alten Arbeiterbezirken; geplatzte Illusionen über die Chancen von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt; immer mehr Obdachlose im Tiergarten und anderen Ecken Berlins, die den grünen Bezirksbürgermeister zu einem Hilferuf an die Öffentlichkeit veranlassten; ein Alarmruf des sozialdemokratischen Mannheimer Oberbürgermeisters, der klagte, die Stadt werde mit 15 minderjährigen Intensivtätern aus Marokko nicht fertig; die wachsende Zahl homophober und frauenfeindlicher Übergriffe – eine bittere Realität, die von der akademischen Diskussion über Gendergerechtigkeit so weit entfernt ist wie die Erde vom Mars. Nicht zuletzt: die aktuellen antisemitischen Ausfälle palästinensischer Migranten nach Trumps Jerusalem-Entscheidung, ein weiteres Menetekel.

 

Orientierungslos und handlungsunfähig

 

Wer diese Tatsachen verschweigt, relativiert oder beschönigt, wer ihre schlichte Benennung „diskriminierend“ oder „rassistisch“ nennt, sorgt für zweierlei: für die weitere Stärkung jenes Rechtspopulismus, den man mit wortgewaltigen, aber folgenlosen Appellen attackiert – und dafür, dass sich an den Zuständen nichts ändert. Wer Beschreibungsverbote der gesellschaftlichen Wirklichkeit erlässt, wie implizit sie auch formuliert sind, wer sich selbst blind macht, der verliert seine Handlungsmöglichkeiten.

 

So besteht die groteske Situation, die sich auch im Ergebnis der zurückliegenden Bundestagswahl widerspiegelt, darin, dass politisch wirksame Gesellschaftskritik, die stets die Domäne der Linken war, nun von rechts kommt. Kein Wunder, dass sich die etablierte Politik des bunten Deutschland gerade im Irrgarten von Jamaika, GroKo, KoKo und MiRe – Minderheitsregierung – ordentlich verlaufen hat.

 

https://www.cicero.de/kultur/Deutschland-bunt-Zuwanderung-positiv-Realitaetsverlust