Deutsche Innerlichkeit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thomas Mann in den USA 1947

 

 

Typisch deutsche Innerlichkeit - entrückt und weltfremd. Innerlichkeit als Klischee und Konzept
 

"Innerlichkeit" gilt als typisch deutscher Wesenszug. Was ist dran an dem Mythos?

 

Dr. Sabine Appel, freie Buchautorin im Genre Historische Biografien mit einem Schwerpunkt auf europäischer Ideengeschichte.

 

Innerlichkeit ist ein europäisches Phänomen

 

"Eine erste Blüte erlebte die 'Innerlichkeit' im 18. Jahrhundert in der Literatur und Philosophie bei Rousseau. In England hat sich die Innerlichkeit weiterentwickelt und schließlich in Deutschland zur Romantik geführt.

 

Innerlichkeit ist somit immer auch ein europäisches Phänomen gewesen. Allerdings zeigt sich ein deutscher Sonderweg: die manchmal gefährliche Vermischung von Politik und Poesie, wie sie bei Novalis vorkommt. Er überträgt weltferne und überspannte Ideale auf die Politik." (Sabine Appel)

 

Der angeblich typisch deutsche Nationalcharakter

 

"Trotz der europäischen Dimension kam es ab dem 19. Jahrhundert zu einseitigen Deutungen eines angeblich „rein deutschen“ Nationalcharakters, der auf einem deutschen Innerlichkeitskonzept basiere.

 

Thomas Mann z.B. sah im 'Deutschtum' respektive im 'deutschen Seelenbild' eine modern-nationalistische Form von Weltfremdheit, ein tiefsinniges Weltungeschick, einen 'spießbürgerlichen Universalismus', einen 'Kosmopolitismus in der Nachtmütze sozusagen', dem von jeher 'etwas von stiller Dämonie' anhafte.

 

"Innerlichkeit" gilt als typisch deutscher Wesenszug. Sie meint eine Bezogenheit aufs eigene Ich und dessen Innenraum, eine Weltferne gepaart mit einem gestörten Verhältnis zur Außenwelt. Immer wieder taucht der Begriff auch in einem bestimmten politischen Kontext auf: als Sonderweg einer deutschen Nation, die immer wieder bewiesen habe, dass sie unfähig ist, politische Konstellationen angemessen einzuschätzen und darauf zu reagieren. Wie ist dieses Konzept entstanden, wie hat es sich in der Kultur- und Geistesgeschichte verändert?

 

Solche einseitigen Deutungen ebneten den Weg für all jene Historiker, Philosophen und Literaten, die behaupteten, die deutsche Innerlichkeit habe letztlich im Nationalsozialismus gemündet.

 

Doch dieses Argument übersieht z.B. die deutschen Beteiligungen an der europäischen Aufklärung, an den Wissen-schaftsdiskursen des 19. Jahrhunderts, an den Neuorientierungen in den Zwischenkriegsjahren, auch durch links-gerichtete Vertreter der Literatur, von Ernst Toller über Kurt Tucholsky bis zu Bert Brecht. Die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie ist die Geschichte einer Massenbewegung, doch sie wird ebenfalls ausgeblendet." (Sabine Appel)

 

Innerlichkeit heute

 

„Von außen betrachtet sind wir heute das Volk der Autobauer, Tüftler und Exportweltmeister, das sich weitgehend über seine Ökonomie definiert. Ein pragmatisches Volk, das nicht etwa aus Leidenschaft, sondern aus Vernunftgründen europäisch ist.

 

Kaum jemand würde uns mit der schillernden romantischen Innerlichkeit in Verbindung bringen, mit der wir uns sozusagen selbst einen dunkel umgedeuteten Nimbus gegeben haben. Ein Nimbus, der zwar fragwürdig, aber dennoch ein Teil des tiefen Aufarbeitens historischer Schuld ist.

 

Die 'deutsche Innerlichkeit' ist ein Mythos. Aber an jedem Mythos ist ja auch zugleich etwas Wahres.“ (Sabine Appel)

 

https://www.swr.de/swr2/wissen/SWR2-Wissen-Aula-Entrueckt-und-weltfremd,swr2-wissen-aula-2019-09-22-100.html