Indoktrination statt politischer Bildung

 

 

Thomas Schirrmacher

 

Fortschritt durch Diskriminierung der Mehrheit?

 

Die Bundeszentrale für politische Bildung grenzt in ihrem neuen Schulmaterial heterosexuelle Paare und deren Kinder aus

 

Ein Kommentar zu Sexualitäten, Geschlechter und Identitäten: 8 Bausteine für die schulische und außer-schulische politische Bildung. Bundeszentrale für politische Bildung: Bonn, 2018. 114 S. – dazu Themen und Materialien: Politisches Engagement für eine vielfältige Gesellschaft. Dito: Bonn, 2018. 72. S.

 

Bestellbar unter: https://www.bpb.de/shop/lernen/themen-und-materialien/275375/sexualitaetengeschlechter-und-identitaeten.

 

Die Bundeszentrale für politische Bildung, eigentlich zur parteipolitischen Neutralität verpflichtet, hat in dem von ihr selbst entwickelten Unterrichtsmaterial auch für Schulen de facto die ‚bürgerliche‘ Familie und normale heterosexuelle Beziehungen ausschließlich als Negativfolie verwendet und alle Heterosexuellen pauschalisierend verdächtigt, alle Nicht-Heterosexuellen durch ihre „Heteronormativität“ auszugrenzen, zu benachteiligen und zu diskriminieren.

 

Weder Heterosexualität noch die heterosexuelle Ehe kommen in einer positiven Beschreibung vor, sie kommen nur als Angeklagte vor. Es erfolgt keine Differenzierung zwischen Heterosexuellen, die andere diskriminieren und solchen, die das nicht tun.

 

Es wird noch nicht einmal zugestanden, dass man ja keine Wahl hat, ob man  heterosexuell empfindet oder nicht und auch nichts dafür kann, dass es statistisch gesehen viel mehr heterosexuell Empfindende als anders Empfindende gibt. Wobei die Aussage dazu allerdings sehr merkwürdig und alles andere als konsensfähig ist: „Warum muss sich keine Person als heterosexuell oder cisgender (…) outen? Warum muss niemand erklären, warum sie/er gerne heiraten und Kinder bekommen möchte? Das Konzept der Heteronormativität gründet sich auf dem wissenschaftlichen Befund, dass Heterosexualität keine angeborene Eigenschaft oder freiwillige Entscheidung ist“ (S. 23). Neben „Heteronormativität“ findet sich noch „Heterosexismus“ (S. 29), was aber nur in den Materialien für die Schüler näher erklärt wird (siehe unten).

 

Das allein oder in Wortzusammenhang ständig verwendete Wort ‚heterosexuell‘ kommt im ganzen Buch nirgends positiv oder wenigstens neutral vor. Am Ende kann man nur ein schlechtes Gewissen haben, heterosexuell zu sein.

 

Für die Autoren ist ausgemacht, dass Heterosexuelle quasi automatisch Homosexuelle negativ sehen. Es ist von „Homonegativität“ (S. 39), ja von „Komplizenschaft“ (S. 39) die Rede, als seien Heterosexuelle Kriminelle [siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Komplizenschaft]. „Homonegativität ist in dieser Sichtweise ein Teil hegemonialer Männlichkeit und eine heterosexuelle Orientierung scheint ‚nach wie vor eine zentrale Bedingung für die Inklusion in die Männergemeinschaft des Fußballs‘ (Meuser 2008, 121)“ (S. 39).

 

Entscheidend ist, dass die Heterosexuellen als eine geschlossene Gruppe verantwortlich gemacht werden, also nicht differenziert wird, ob sie bewusst andere diskriminieren oder nicht. Das reine Heterosexuell-Sein löse aus, dass andere ausgegrenzt werden.

 

Jedenfalls empfinde ich das ganze Buch als Diskriminierung von Heterosexuellen, speziell von heterosexuellen Ehen und Kernfamilien, abwertend „bürgerliche“ Ehen und „Kleinfamilien“ genannt, eben „der bürgerlichen Ehe und der sich darauf gründenden Kleinfamilie“ (S. 24) bzw. „der traditionellen Institution der heterosexuellen Ehe und Kleinfamilie“ (S. 30) gesprochen. Es ist dabei bezeichnend, dass auch der Begriff „Kleinfamilie“ nur kritisch verwandt wird.

 

Und damit tut die Bundeszentrale genau das, was sie dem Großteil der Bevölkerung gegenüber den Nichthetero-sexuellen vorwirft. Fortschritt also durch pauschalisierende Verdächtigung und Diskriminierung der großen Mehrheit?

 

Gleichzeitig tut das Unterrichtsmaterial so, als habe sich eigentlich die letzten Jahrzehnte nichts wirklich geändert und mit der ‚Ehe für Alle‘ sei eigentlich an der Diskriminierungsfront nichts wirklich verändert worden. So heißt es: „Dieses mehr oder weniger unbewusste Verschweigen von Lebensrealitäten und der gesellschaftlichen Vielfalt in den Medien, in der Familie und im Freundeskreis und eben auch im Unterricht und im Schulalltag ...“ (S. 62). Welches Schweigen denn? Welche Kultusministerien stehen denn nicht auf ihrer Seite? Welche Medien stehen denn nicht auf ihrer Seite?

 

Der „Vater“ kommt nur am Rande vor, die „Mutter“ fast gar nicht. Stattdessen wird aber gefordert, Ehe bzw. Familie für mehr als zwei Eltern zu öffnen: „Obwohl in Regenbogenfamilien teilweise mehr als zwei Menschen de facto Elternfunktionen übernehmen, können rechtlich in Deutschland nicht mehr als zwei Menschen als Eltern anerkannt werden“ (S. 72). „Entwickelt und diskutiert werden hier rechtliche Alternativen, die auch Allein-erziehende, Patchworkfamilien und weitere Familien- und Fürsorgemodelle, in denen mehrere unverheiratete Erwachsene Verantwortung für Kinder teilen, absichern und fördern ...“ (S. 30)

 

Wie auch in zahlreichen anderen Veröffentlichungen greift die Bundeszentrale – wie gesagt zu partei-politischer Neutralität verpflichtet und zudem einem Bundesminister der CSU unterstellt –, rechte und konservative Mit-bürger an, wirft sie dann aber mit der Mitte in einen Topf: „Hinzu kommt, dass Abwehr gegen gesellschaftliche Pluralisierung vor allem von konservativer und rechter Seite, aber auch aus der Mitte der Gesellschaft heraus formuliert wird“ (S. 12–13, ohne Lit.). Gut ist also nur alles links von der Mitte? Das sagt man mit Steuergeldern großzügig finanziert, die wesentlich auch von den Diskrimi-nierten kommen!

 

Ganz neu ist auch, dass die Kinder die Sicht des Unterrichtsmaterials als ihre Meinung den Eltern vermitteln sollen: „Die Lernenden erhalten die Aufgabe, die Debatte um den Bildungsplan in Baden-Württemberg zusammengefasst vorzustellen, das Meinungsbild zu erfragen und die eigene Meinung den Eltern beziehungs-weise der Familie begründet vorzustellen und in die Diskussion zu gehen“ (S. 67); „gegebenenfalls Vertiefung möglich über Brief beziehungsweise Stellungnahme zu Zitaten oder Diskussion in der Familie“ (S. 68).

 

Dass die Kinder möglicherweise die Position der Bundeszentrale nicht übernehmen wollen – immerhin herrscht Meinungsfreiheit und soll Schule nicht indoktrinieren – ist offensichtlich gar nicht erst vorge-sehen. Die Kinder werden vielmehr instrumentalisiert, um gleich auch die Eltern zu bearbeiten. Das ist nicht nur eine Überforderung der Kinder, sondern eigentlich eine Ungeheuerlichkeit: Schule wird miss-braucht, um die Eltern politisch zu erziehen.

 

Dabei wird alles gleichermaßen in einen Topf geworfen. Harry Potter („ausgesprochen erfolgreiche Verfilmungen heteronormativ strukturierter Bestseller wie Harry Potter“, S. 81) ebenso wie der Männer- und Frauenfußball (S. 39–40). Dabei werden fortlaufend unbewiesene Behauptungen aufgestellt, etwa „So benennen Eltern die Angst, ihre Fußball spielenden Töchter könnten lesbisch werden, oder zumindest die Sorge, diese würden als Fußballer-innen keinen Ehemann finden“ (S. 39). „Um den Generalverdacht der Homosexualität abzuweisen, wird im Frauenfußball zunehmend betont, dass die meisten Spielerinnen heterosexuell seien, und es werden stereotype Geschlechterinszenierungen forciert, um dem Nachdruck zu verleihen“ (S. 40).

 

Man weiß dabei auch, wie es wirklich um David Beckham steht: „David Beckham, der es sich leisten kann, sich metrosexuell zu inszenieren und dennoch als eindeutig männlich anerkannt wird, gerade weil er als Fußballer von Weltklasse und mehrfacher Familienvater so eindeutig heterosexuell gelesen wird“ (S. 39).

 

Unklar bleibt, warum man Folgendes eigens erwähnen muss: „denn auch heterosexuelle Mädchen spielen gern Fußball und schwule Jungs möchten später vielleicht einmal Kfz-Mechaniker werden“ (S. 62).

 

Die 72 Seiten Arbeitsmaterialien für die Schüler sind noch viel einseitiger. Hier kommen eine neutrale oder positive Beschreibung von Heterosexualität gar nicht mehr vor, Ehe und Elternschaft nur in der gleichgeschlecht-lichen Form. Die Beschreibung von Heteronormativität ist noch einseitiger (bes. S. 4, 5), daneben wird der Begriff „Heterosexismus“ eingeführt (S. 4). Daneben finden sich zahlreiche Biografien vor allem von Spitzensportlern, die bisexuell, homosexuell, transgender usw. sind.

 

Gefährlich finde ich etliche Aufgaben, die die Schüler bekommen, zum Beispiel die Frage „Wie ist die Situation an eurer Schule: Gibt es Lehrkräfte, die offen lesbisch, schwul oder bisexuell leben? Gibt es Lehrkräfte, die diese Lebensweisen im Unterricht und Schulalltag thematisieren oder sich vielleicht darüber lustig machen?“ Ersteres darf der Arbeitgeber aus guten Gründen nicht erfassen, jetzt aber ein Kollege, der mit den Schülern arbeitet? Zweiteres wäre eine Meldung an die Schulleitung wert, aber eine Debatte eines Kollegen mit den Schülern? In beide Richtungen kann das leicht in Bespitzeln ausarten.

 

Zu guter Letzt: Wie immer gibt die Bundeszentrale an, dass nur die Autoren für ihre Texte verantwortlich sind, nicht die Bundeszentrale. Das entlässt sie diesmal jedoch nicht aus der Verantwortung. Die Bundeszentrale hat das Material für die Schule und ähnliche Anwendungen konzipiert, den Auftrag erteilt, die Autoren ausgewählt und das Endergebnis unter ihrem Namen und auf Kosten des Steuerzahlers veröffentlicht. 

 

Im Anhang des Originals befinden sich noch zahlreiche Belegstellen. Siehe PDF im Anhang!

 

Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher war 1995–2018 Rektor des Martin Bucer Seminars und ist dort jetzt Vize-präsident für internationale Kooperationen. Daneben lehrt er als Professor für Religionssoziologie an der Staatlichen Universität des Westens in Timisoara, Rumänien, und an der Oxford University (Regent’s Park College).

 


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Glaube und Denken heute 1/2019 - Zeitschrift für Theologie und Gesellschaft
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