Bildung

 

 

Wider die Nanny-Pädagogik

 

Rainer Werner am 15. Juni 2021 in CICERO ONLINE

 

Zur geistigen Reife gehören der Drang nach Erkenntnis und das Interesse am anderen Standpunkt. Doch die Unterrichtskultur, die der Rationalität verpflichtet ist, gerät unter Druck. Identitätsdenken und Moralpolitik sind auch in der Schule auf dem Vormarsch.

 

Als ich im Politikunterricht an der gymnasialen Oberstufe erwähnte, dass das reichste Zehntel der Bevölkerung mehr als 50 Prozent der Einkommensteuer trägt, meldete sich ein Schüler und stritt dieses Faktum strikt ab. Ich verwies auf das Statistische Bundesamt und das Finanzministerium, denen ich diese Information verdankte. Der Schüler hielt diese Fakten für Lügen, die verschleiern sollen, dass die Reichen bei uns keine Steuern zahlen. Wenn man in einem Teil unserer Presse ständig zu lesen bekommt, die Reichen rechneten sich zur Steuervermeidung mit Hilfe von Steueranwälten künstlich arm, muss man sich nicht wundern, wenn junge Menschen, denen die soziale Gerechtigkeit am Herzen liegt, selbst amtliche Verlautbarungen anzweifeln.

 

Beim Thema „Arbeitslosengeld II“ (Hartz IV) erlebte ich Ähnliches. Die meisten Schüler kannten nur den monatlichen Regelsatz von 446 Euro, den sie für ein auskömmliches Leben für unzureichend halten mussten. Als ich ihnen erzählte, dass die Arbeitsagentur zusätzlich die Warmmiete übernimmt, erntete ich ungläubiges Staunen. In Zeiten, wo Familien in Ballungszentren bis zu 40 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Miete ausgeben müssen, ist die Übernahme der Miete für Bedürftige keine Kleinigkeit. „Armut durch Gesetz“, wie eine linke Partei „Hartz IV“ plakativ bezeichnet, sieht anders aus.

 

Flüchtling wird zum Geflüchteten

 

An diesen Beispielen kann man ablesen, dass Fakten immer mehr in Konkurrenz zu Meinungen geraten, die in der Öffentlichkeit von Parteien, Medien und sozialen Netzwerken oft in sehr zugespitzter Form lanciert werden. Natürlich sollen sich Jugendliche auch selbst eine politische Meinung bilden. Es ist auch völlig legitim, wenn sie diese entschieden vertreten. Gefährlich wird es dann, wenn sie rationalen Argumenten nicht mehr zugänglich sind, wenn sie Fakten anzweifeln und wissenschaftliche Befunde als „Propaganda“ abtun.

 

Im Deutschunterricht einer 11. Klasse besprachen wir journalistische Texte zum Thema Migration. Eine Schülerin meldete sich und forderte ihre Mitschüler auf, Flüchtlinge künftig nur noch Geflüchtete zu nennen. Das Wort Flüchtling habe eine negative Konnotation. Die Endung -ling komme vornehmlich in Wörtern vor, die bei den Menschen negative Assoziationen wecken: Fiesling, Feigling, Schwächling. Einige Schüler widersprachen und zählten Wörter mit -ling auf, die positiv besetzt sind: Liebling, Schmetterling, Säugling.

 

Politisch motivierte Sprachlenkung

 

Als Deutschlehrer fühlte ich mich bemüßigt, den Schülern den Unterschied zwischen dem Gattungsbegriff Flüchtling und dem aus dem Partizip Perfekt abgeleiteten Substantiv Geflüchteter zu erklären. Das Partizip Perfekt „geflüchtet“ verwendet man im Deutschen, um eine situativ bedingte, temporäre Ortsveränderung zu bezeichnen. Ein junges Mädchen kann seiner Mutter erzählen: „In der Disco war es so heiß, dass ich schon nach einer Stunde ins Freie geflüchtet bin.“ Damit ist sie eine Geflüchtete, aber kein Flüchtling. Ein Flüchtling ist ein Mensch, der durch Krieg, Verfolgung, Hunger, Naturkatastrophen oder Epidemien gezwungen ist, seine Heimat dauerhaft zu verlassen. Der existentielle Zwang und die oft lebenslange Vertreibung aus der Heimat fehlen bei dem „Geflüchteten“ völlig.

 

Die politisch motivierte Sprachlenkung beim Wort Flüchtling ist ein schönes Beispiel dafür, wie eine gute Absicht mitunter das Gegenteil bewirkt: Die Vokabel „Geflüchtete“ führt zu einer Verharmlosung und Banalisierung eines Tatbestandes, der für die betroffenen Menschen so schlimm ist, dass sich eine Verniedlichung verbietet. Kein vernünftiger und human denkender Mensch würde bei den Juden, die vor dem Holocaust aus Deutschland geflohen sind, von „Geflüchteten“ sprechen. Und wenn er es täte, würde er sich aus dem seriösen Diskurs verabschieden. Die Mehrzahl der Schüler in diesem Kurs reagierte auf meine Ausführungen betroffen. Die Aktivistin, die in der Flüchtlingshilfe arbeitete, konnte ich nicht überzeugen.

 

Klimamissionierung im Unterricht

 

Unterricht zu klimapolitischen Fragen ist inzwischen vermintes Gelände. Die Aktivisten von Fridays for Future sind zu einer einflussreichen Jugendbewegung aufgestiegen, die von Wissenschaft, Politik und Medien viel Unterstützung erfährt. Auf den Unterricht wirkt sich ihr missionarisches Auftreten nicht immer positiv aus.

 

In einem Politikkurs kritisierte ein kluger Schüler die Strategien der Bundesregierung zur Eindämmung der CO2-Emissionen. Er verwies darauf, dass Deutschland nur für 2 Prozent der weltweiten Emissionen dieses Treibhausgases verantwortlich sei. Umgerechnet auf den Anstieg der Weltjahrestemperatur betrage der deutsche Anteil 0,04 Grad Celsius. Er warnte davor, für diesen kleinen Klimabeitrag den Industriestandort aufs Spiel zu setzen. Er plädierte für Augenmaß und für technische Hilfen für die Hauptverursacher des Temperaturanstiegs, China und Indien. Der Schüler wurde von klimabewegten Mitschülern attackiert, als habe er etwas Obszönes geäußert. Fürs Klima legen sich junge Leute mit einer quasi-religiösen Haltung ins Zeug. Sie fordern die strengsten Maßnahmen, als wollten sie für sündiges Verhalten Buße tun. In dieser Unterrichtsstunde war es schwer, der Vernunft eine Bresche zu schlagen.

 

Schüler attackieren wie in der Politik

 

In meinem Oberstufenkurs zum Thema „Strategien gegen die Erderwärmung“ hielt eine Schülerin ein Referat zu der Frage, inwieweit die Zunahme der Sonnenflecken an der Erderwärmung beteiligt ist. Mir war bewusst, dass dieser Ansatz innerhalb der Klimawissenschaft nur eine Außenseitermeinung darstellt. In der Schule geht es aber darum, sich mit allen wissenschaftlichen Ansätzen auseinanderzusetzen, sie zu prüfen und gegebenenfalls zu verwerfen. Das schult das Denken und verhindert vorschnelle, einseitige Festlegungen. Umstrittene Ansätze von vornherein aus dem Diskurs zu verbannen, ist in der Schule keine vernünftige Option.

 

Einige Klimaaktivisten im Kurs regten sich über das Referat so sehr auf, dass sie der Referentin ständig ins Wort fielen. Dabei fielen Worte wie „Klimaleugnerin“ oder „Kohletante“. Die angriffslustigen Schüler haben offensichtlich von der Politik gelernt. Dort ist es inzwischen üblich, dass nicht das Argument widerlegt, sondern die Person, die es äußert, moralisch gebrandmarkt wird.

 

Der Regisseur und Autor Bernd Stegemann hat in einem Beitrag für die Zeit treffend formuliert, was auf dem Spiel steht: „Der zwanglose Zwang zum besseren Argument gehört zu den wichtigsten zivilisatorischen Leistungen der deutschen Nachkriegsgesellschaft.“ Wir müssen aufpassen, dass an unseren Schulen nicht die Ausgrenzung unliebsamer Inhalte und die Etikettierung missliebiger Personen die rationale Auseinandersetzung mit Fakten und Meinungen verdrängt.

 

Giffeys Regenbogenportal

 

Manchmal werden Probleme auch von außen in die Schule hineingetragen, die es dort vorher gar nicht gab. 2019 schaltete die damalige Bundesfamilienministerin Franziska Giffey das „Regenbogenportal“ frei, das dazu beitragen soll, „sexuelle Vielfalt in der Schule anzuerkennen und zu unterstützen“. In dem Portal wird mit den Vokabeln der sexuellen Identitätspolitik nur so um sich geworfen: „bisexuell, nicht-binär, queer, LSBTIQ-Empowerment, Trans- und Inter-geschlechtlichkeit“ und so weiter.

 

Ich bin in meiner Lehrertätigkeit nie auf das Problem gestoßen, dass ein Junge oder Mädchen damit gehadert hätte, dass die eigene geschlechtliche Identität nicht respektiert würde. Die heutige Schülergeneration ist viel weiter, als es die Ex-Ministerin in ihrem „Regenbogenportal“ suggeriert. Dass es unterschiedliche Lebensweisen mit diversen sexuellen Identitäten gibt, halten Schüler heute für selbstverständlich. Bei Belehrungen durch Erwachsene reagieren sie deshalb eher gelangweilt.

 

Politiker mit Missionsdrang

 

An einem Berliner Gymnasium habe ich erlebt, dass sich ein Zehntklässler (nach Absprache mit mir) in seiner Klasse als homosexuell geoutet hat. Er bat seine Klassenkameraden darum, ihn genauso zu behandeln, wie sie ihn vorher behandelt hatten. Er bekam spontanen Beifall. Im nächsten Schuljahr wurde er zum Klassensprecher gewählt. Ich habe auch erlebt, dass ein Mädchen im Unterricht erzählt hat, dass es gerade eine Hormontherapie mache, um herauszufinden, was ihr wahres Geschlecht sei. Auch das wurde mit viel Anteilnahme und Solidarität aufgenommen.

 

Politiker mit Missionsdrang unterschätzen den Reifegrad von Schülern. Nanny-Pädagogik mögen diese überhaupt nicht. An der Identitätsdebatte stört mich der Fokus auf das Sexuelle. Sollte dies nicht Privatsache sein? Wäre hier nicht mehr Diskretion angebracht? Mir hat sich noch nie erschlossen, warum für die geschlechtsidentitären Aktivisten das stille Örtchen so wichtig ist wie für Katholiken der Tabernakel. Ist das nicht ein wenig peinlich?

 

Statt von Geschlechtsidentitäten rede ich in der Schule konsequent von Intelligenz, Auffassungsgabe, Kreativität, Anstrengungsbereitschaft und Ehrgeiz – natürlich auch von Empathie und Solidarität. Das sind die Bausteine, aus denen sich schulischer Erfolg und berufliche Karrieren bauen lassen.

 

Mutter oder Elternteil 1

 

Für Lehrer hatte Franziska Giffeys „Regenbogenportal“ besonders aparte Ratschläge parat. Sie sollen eine „diskriminierungsfreie Lernatmosphäre“ erzeugen, indem sie zum Beispiel „Poster aufhängen, die Vielfalt sichtbar machen“ oder „Bücher mit lesbischen, schwulen und bisexuellen Charakteren für die Schulbibliothek anschaffen“. Wenn sie für Eltern Formulare ausfüllen, sollen sie auf geschlechtsneutrale Formulierungen achten und „nicht mehr ,Mutter‘ und ,Vater‘ schreiben, sondern nur noch ,Elternteil 1‘ und ,Elternteil 2‘“. Die Ex-Ministerin hatte offensichtlich kein Gefühl dafür, dass eine solche Bürokratensprache das Menschliche in der Pädagogik beschädigt. Wie würde ich die begeisterte junge Mutter von Orkan aus der 7 c verletzen, wenn ich sie als Elternteil 1 titulierte! Wie würde ich den stolzen Vater von Alma aus der 8 a kränken, wenn ich ihn als Elternteil 2 anspräche.

 

Vernunftgeleitetes Denken verteidigen

 

Die Gesellschaft wirkt immer in die Schule hinein. Gesellschaftliche Trends aufzunehmen, bedeutet jedoch nicht, ihnen im Unterricht unbesehen freie Entfaltung zu ermöglichen. Sie müssen im Kontext des Bildungs- und Erziehungsauftrags der Schule behandelt werden. Dazu gehört der Auftrag, die Schüler zu selbstbestimmten und rational denkenden jungen Menschen zu bilden.

 

Zur Selbstbestimmung gehört die Lust auf Dialog und Debatte. Zur geistigen Reife gehören der Drang nach Erkenntnis und das Interesse am anderen Standpunkt. Im Deutschunterricht habe ich mich stets um eine rationale Debattenkultur bemüht, die alle Meinungen zu Wort kommen lässt. Ich habe Texte besprochen, die den Schülern die Augen darüber öffneten, wohin Fanatismus und Verfeindungsdenken führen.

 

Gesinnungsüberschuss der Gymnasiasten

 

Zu meinen Lieblingslektüren im Literaturunterricht gehörten „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist und „Die Räuber“ von Friedrich Schiller. Beide Texte eignen sich vorzüglich, mit idealistisch geprägten Heranwachsenden über die Selbstermächtigung des Individuums zu diskutieren. In den Abiturkursen hatte ich heftige Debatten mit Hausbesetzern, Greenpeace-Aktivisten, Waldhüttenbewohnern und Linksautonomen zu bestehen und habe es als Erfolg verbucht, wenn sie schließlich einsahen, dass das Gewaltmonopol des Staates eine zivilisierende Wirkung entfaltet, weil es das Recht des Stärkeren einhegt. Den Einsturz des „ganzen Baus der sittlichen Welt“ (Karl Moor) wollten die rebellischen Gymnasiasten bei allem Gesinnungsüberschuss dann doch nicht riskieren.

 

Rainer Werner unterrichtete an einem Berliner Gymnasium Deutsch und Geschichte. Er verfasste das Buch „Fluch des Erfolgs. Wie das Gymnasium zur ,Gesamtschule light‘ mutiert“.

 

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