Infantilisierung

 

 

Die infantile Gesellschaft

 

Buchauszug von Alexander Kissler in CICERO ONLINE am 29. September 2020

 

Gefühl ist Trumpf, Argumente stören, Diskretion war gestern. Wir sind eine Gesellschaft der Kindsköpfe geworden. Erwachsene verhalten sich ungeniert wie Kinder und werden von Politikern auch so behandelt, schreibt Alexander Kissler in seinem neuesten Buch. Ein Auszug.

 

Wir sind von Kindsköpfen umgeben und sind es manchmal selbst. Das Kind in uns zieht es zu lustigen Spielen für angegraute Herren, zum Duzen unter unbekannten Best Agern, zu generationenübergreifender Freizeitkleidung im Alltag, aber auch ins Tierreich, wo es kreucht und fleucht und alles wunderbar bestellt ist. Zumindest lesen wir das in immer mehr Büchern, in denen uns Tiere als die besseren Menschen vorgestellt werden. Infantil ist die Sehnsucht mündiger Erwachsener nach Unreife. Infantil ist die Weigerung, Grenzen anzuerkennen – zwischen dir und mir, Alt und Jung, Tier und Mensch. Niemand macht Kindern einen Vorwurf, wenn sie vertrauensselig die Hand ausstrecken nach einem Hund, der sie nicht kennt. Oder wenn sie jede und jeden duzen, auch die ältere Generation, auch Fremde. Kinder dürfen das.

 

Erwachsene freilich, die sich hinab flunkern zum Kind, das sie nicht mehr sind, sind ein trauriger Fall. Sie fingieren einen Stand von Unmündigkeit, den sie überwunden haben sollten. Sie prunken mit jenem Verstand, auf den sie verzichten. Sie bilden Herde der Ignoranz, die eine Republik mit Unvernunft infizieren. Kindern sind sie ein schlechtes Beispiel, sprechen sie ihnen doch den Ehrgeiz ab, sich entwickeln zu wollen. Dem sozialen Zusammenhalt schaden sie. Jeder Sinn für Gemeinschaft verkümmert, wenn wir im Stil der Teletubbies miteinander verkehren.

 

Der Mensch kann vom Tier nichts lernen

 

Der infantile Mensch bewundert das Kind, das er war, und das Tier, das er nie sein wird. Er bedauert nicht, ein Mängel-wesen zu sein, er sucht stolz neue Mängel. Das Tier soll ihm beibringen, wie man menschlich lebt. Die Paradoxie wird vom Gag zur Norm: Tier musst du sein, um Mensch zu werden. Dass der Mensch faktisch nicht perfekt und die Natur nicht sein Spiel- und Ausbeutungsmaterial ist, mit dem er verfahren darf nach Belieben: Wer aus dieser wichtigen Wahrheit praktische Konsequenzen ziehen will, darf gerade nicht auf einen erwachsenen Geist verzichten.

 

Der Mensch, der es in seiner Menschenhaut nicht aushält, liest etwa im Bestseller „Einfach Mensch sein. Von Tieren lernen“ (2019) der amerikanischen Autorin Sy Montgomery: „Auch wenn unter meinen Lehrern fabelhafte Menschen waren (…), so waren doch die meisten meiner Lehrer Tiere. Und was habe ich von den Tieren gelernt? Einfach Mensch sein.“ Sy Montgomery spricht von den „Fähigkeiten“ der bewunderten Tiere. Die Fähigkeit aber der Spinne, „die Welt mit ihren Füßen [zu] erschmecken“, wird nie die Fähigkeit der Sy Montgomery sein. Kein Mensch wird je wie die Grille „mit den Beinen singen und mit den Knien hören“. Oder wie der Hund „Töne wahrnehmen, die weit über den Frequenzen des menschlichen Hörvermögens liegen“. Da gibt es nichts zu lernen. Die spezifisch tierischen „Fähigkeiten“ haben die Tiere exklusiv. Nie werden Menschen über sie verfügen.

 

Kein Bedarf für tierische Hebammenhilfe

 

Montgomery schrieb ein Erbauungsbuch für Menschen, die menschliche Wahrheiten erst glauben, wenn sie sie Tieren unterschieben können. Ein Wiesel taucht zu Weihnachten vor Sys Haus auf? Das kleine Tier mit dem weißen Fell verbannt „Wut und Ärger aus meinem Herzen“ und schafft „Platz für ehrfürchtiges Staunen und den Balsam der Vergebung“. Die immer fröhliche Border-Collie-Hündin Tess wiederum ist „der Inbegriff der Grazie“ mit ihren „hündischen Superkräften“, „nie zuvor hatte mich jemand so tief und rückhaltlos geliebt.“ Zu lernen, wirklich und handfest zu lernen gibt es von Tieren nichts – nichts zumindest, worauf man durch Nachdenken und Nachlesen nicht auch selber käme, ohne tierische Hebammenhilfe. Weil man Mensch ist und weiß, was es heißt, ein Mensch zu sein.

 

Die Schriftstellerin steht an der Spitze einer Pyramide von Büchern, Artikeln und Filmen, die allesamt versprechen, was Sy Montgomery nicht einlösen konnte: dass man von Tieren etwas lernen könne. Vielleicht gelingt es anderen Autoren, anderen Büchern, vielleicht jenem, das im Titel zu verraten ankündigt, „was wir von Vögeln lernen können“? Oder dem hier, das die „Weisheit alter Hunde“ entschlüsseln will und „was wir von grauen Schnauzen über das Leben lernen können“? Erfahre ich alles im Werk „Die Intelligenz der Tiere: Wie Tiere fühlen und denken“? Oder bei Gary Ferguson, der im gleichnamigen Sachbuch „die 8 großen Lehren der Natur“ vorstellt und „was wir von Tieren und Pflanzen lernen können“? Der Verlag wirbt für Ferguson mit den Worten, das Buch handele von „empathischen Wildgänsen, respekt-vollen Affen und nachsichtigen Moosen“ – drei Tugenden, die im klassischen philosophischen Denken Menschen zukommen. Und die Menschen von sich aus entwickeln kann. Weiß Oliver Tanzer mehr?

 

Die Hinwendung zum Tier als Befreiungsschlag

 

Dessen Buch „Animal Spirits. Wie uns Fledermäuse, Pantoffeltierchen und Bonobos aus der Krise helfen können“ ist lehrreich, amüsant und aufschlussreich. Die Krise, die Tanzer meint, betrifft „das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem“ dieser Tage, dem der Autor das Etikett „neoliberal“ verpasst. Es sei gekennzeichnet durch „die Ausbeutung von Ressourcen, die Reichtums-Disparität, die Zerstörung von Lebensräumen und das Massensterben der Arten.“ Soweit die bekannte Diagnose, das Lamento, das je nach Betrachtungsweise bitter notwendig oder heillos übertrieben ist.

 

Bei Tanzer hören wir den Hintergrunddonner der neu erweckten Sehnsucht nach dem Tier klar und unverstellt. Andernorts bleibt dieses Grundrauschen ausgespart. Hier wird es explizit. Am Anfang der Überlegung steht eine menschengemachte Krise, aus der dann die Hinwendung zum Tier befreien soll. Kulturpessimismus ist die Basis der animalischen Aufrufe. Die Erde muss in einem großen Schlamassel stecken, aus dem kein Mensch heraushelfen könne. Was gestern der fatalistische Blick war hinauf zu den Göttern, ist heute der Blick hinab zum Tier: Hilf, Amöbe, hilf! Beim Bonobo!

 

Einzeller als Vorbild für multilaterale Zusammenarbeit

 

Mit einem Tusch heißt Oliver Tanzer die Pantoffeltierchen willkommen: „Die Bakterien antworten auf Krisen mit einer Strategie, die höchst erfolgreich genau das Gegenteil von dem tut, was die Krisenmanager der angeblich höchstentwickelten Spezies vorschlagen – und schädlicherweise auch noch umsetzen.“ Nämlich? Die „großartigen Extremlebewesen“ kennen den Wert der multilateralen Zusammenarbeit.

 

Die Menschen täten „derzeit das Gegenteil von dem, was Einzeller im Krisenmodus tun würden. Anstatt horizontal in Austausch zu treten und intensiver als je zuvor miteinander zu kooperieren, ziehen wir künstliche Grenzen ein. Wir entwickeln politische Leitbilder, die alles Fremde als Gefahr brandmarken und die Nationen isolieren – unter dem Vorwand, 'das Volk' oder 'das Abendland' retten zu wollen.“ Die Einzeller haben demnach letztlich die Ideen der Europäische Union und der Vereinten Nationen vorweggenommen. Woher diese Sehnsucht, den Mensch als Mensch für defekt oder zumindest dramatisch unvollständig zu halten?

 

Demut ja, Handlungsanweisungen nein

 

Natürlich ist der Aufruf, schonend mit Tieren und Pflanzen umzugehen, vernünftig. Natürlich schadet es nicht, sich der Menschennatur als eines kleinen Teils der Schöpfung neu zu vergewissern. Mehr Demut hat noch keinem geschadet. Der Anspruch der Tierautoren und -apostel jedoch ist ein anderer, und er wird um einen zu hohen Preis erkauft. Hier werden im Medium der Tierbeobachtung Handlungsanweisungen an den Menschen ausgesprochen.

 

Die Natur wird in das moralische Korsett des jeweiligen Autors gezwungen. Indem man sich dabei auf Bienen beruft statt auf Aristoteles oder Thomas von Aquin oder Immanuel Kant, tritt man aus der menschlichen Gattung heraus. So wird die eigene Weltanschauung immunisiert gegen Einwände. Wer aber das Tierreich zum philosophischen Lehramt verklärt und alle Abgründigkeit ausblendet, der unterschätzt sich gewaltig und tut den Tieren unrecht. Genau das zeichnet eine infantile Gesellschaft aus: dass man sich selbst nichts zutraut und anderen Menschen nicht traut.

 

Dies ist ein Auszug aus dem soeben bei Harper Collins erschienenen Buch des Autors:

 

Alexander Kissler, Die infantile Gesellschaft. Wege aus der selbstverschuldeten Unreife. 256 Seiten, 20 Euro

 

https://www.cicero.de/kultur/buchauszug-infantile-gesellschaft-alexander-kissler

 


 

Kinder an der Macht

 

Cora Stephan im Blog Ach gut! am 22.09.2020

 

„Kinder an die Macht!“, jubelte Herbert Grönemeyer einst. „Gebt den Kinder das Kommando, sie berechnen nicht, was sie tun!“ Ist erledigt. Kindermund tut Wahrheit kund, sie sind die neuen Propheten, vor ihrem „I want you to panic“ erzittern die Mächtigen der Welt. Und sie berechnen in der Tat nicht, sie können ja gar nicht rechnen, Zahlen sind kalt und unmenschlich, das weiß schließlich jedes Kind.

 

Ist das lustig? Nein. Ja. Aber nur für Erwachsene, die längst schon das Wahlalter nicht herunter-, sondern heraufsetzen würden. Und zwar gehörig.

 

Es ist verblüffend, wie sehr die Infantilen heute das Bild beherrschen. Das betrifft nicht mehr nur den Habitus – Mutti trägt die gleichen kunstvoll zerlöcherten Jeans wie die Tochter, im Fitnessstudio und in der Kneipe wird geduzt, auch wenn der Altersunterschied zwischen Personal und Kunde mehr als vierzig Jahre beträgt. Es reicht bis in die Politik, wo Gesetze dem Bürger schelmisch als „Gute-Kita-Gesetz“ oder „Starke-Familien-Gesetz“ nahegebracht werden.

 

„Ministerien duzen die Bürger, Bildungszentralen erklären die Demokratie mit Piktogrammen, Medien machen aus Nachrichten lustige Clips, Laute und Bilder ersetzen Begriffe wie in Vor- und Grundschule. Kommunikation wird zum niedrigschwelligen Angebot für alle Schichten, alle Generationen.“ Ja, das verbindet! Verkindern statt spalten! Schon deshalb sieht man in den Städten des Landes allenthalben Menschen auf putzigen Rollern durch die Stadt sausen.

 

Ein loser Bund der Rücksichtslosen

 

Alexander Kisslers neues Buch ist ein Panoptikum des aktuellen Irrsinns. Doch halt: So neu ist das Phänomen gar nicht, die Kindsvergottung setzt nicht erst ein, seit Kinder ein seltenes und um so kostbareres Gut geworden sind. Schon bei Dickens findet sich jener „morbide Kult des Infantilen“, den Aldous Huxley beklagt. Und was ist mit Peter Pan, erfunden um die Wende zum 20. Jahrhundert, das Vorbild für alle Menschen, die nicht erwachsen werden wollen? Morbide vielleicht, mörderisch auf jeden Fall: ein niedlicher Killer und Ausbeuter. Eine Gesellschaft der Peter Pans wäre asozial, ein loser Bund der Rücksichtslosen.

 

Der ewig Kind bleibende Peter hat weder Moral noch Gedächtnis und schon gar kein Gespür für die Folgen seines Tuns. „Der kindische Mensch wird schnell zum manipulierten Bürger – oder zum skrupellosen Machthaber.“ Wer sich noch an den eigenen unerbittlichen Willen zur Weltverbesserung dank allumfassender Gerechtigkeit erinnert, die idealistische Jugendliche schon immer gerne pflegten, den dürfte das Sendungsbewusstsein einer Greta Thunberg und das herrische Gebaren der Klimaretter von Fridays for Future eher an Maos Junge Garde gemahnen denn an niedliche kleine Gummi-bärenwerfer.

 

Doch Kinder und Jugendliche dürfen das, was erwachsene Menschen sich verbieten sollten. „Von den Kindern solle man lernen, tönt es aus Politikermund. Auf die Kinder möge man hören, fordern Künstler und Wissenschaftler. Das eben ist dann doch eine kindische Zumutung zu strategischen Zwecken. Nicht Kindern ist vorzuwerfen, dass sie wie Kinder reden. Aber Erwachsenen ist vorzuwerfen, wenn sie Aussagen von Kindern nutzen, um ihre eigene erwachsene Agenda gegen Kritik zu immunisieren. (…) Sie schaffen sich durch Kinder auf dem Podest eine Tabuzone, in der die Positionen des Podestebauers nicht kritisiert werden sollen.“ Das ist die Macht hinter der Infantilisierung.

 

Das Kindische schlägt die göttlichsten Kapriolen. Man kann Alexander Kisslers Buch mit seinen unzähligen Beispielen lesen, um sich zu gruseln – oder aber, um sich, auch dank seiner spitzen Anmerkungen, zu amüsieren. Etwa über Berti, den lustigen kleinen Kerl, von Beruf Borkenkäfer, seine Aufgabe: den Fichtenwald zu zerlegen, was Waldbesitzer nicht erbaut. Im Harz aber freut man sich auf ihn und hat ihn neben Lena Luchs und Wolle Wolf als Helden einer Aufklärungs-kampagne erkoren. Natur ist gut, egal, in welcher Form sie auftritt.

 

Projektionsfläche erwachsener Sehnsüchte

 

Überhaupt, der Wolf: Der ist vor allem lieb. Auch das Ehepaar Habeck hat ihm schon mehr als ein literarisches Denkmal gesetzt. Der Wolf muss gerettet werden, koste es, was es wolle – Hühner, Kinder, Lämmer. Nun mag man zur „Rückkehr des Wolfes“ stehen, wie man will. Doch was hinter der Wolfsbegeisterung steckt, ist meist eine Vorstellung von Natur, die nicht nur hoffnungslos verkitscht ist, sondern auch gefährlich naiv. Die Natur ist immer gut? Achwas. Die Menschheit hat nur deshalb überlebt, weil sie gehörig Respekt vor ihrer natürlichen Umgebung hatte.

 

Kisslers Analyse der Verherrlichung von Greta Thunberg ist erhellend. Ein ihrer Selbstanalyse zufolge autistischer junger Mensch wird zur Projektionsfläche erwachsener Sehnsüchte. Geradezu rauschhaft wird ihr applaudiert, wenn sie sich in ihre Wut hineinsteigert – panisch sollen sie werden, die Erwachsenen, man wird ihnen nicht verzeihen, wird es ihnen nicht durchgehen lassen, die herbeifantasierte Weltzerstörung. Man wird ihnen gehörig was hinten drauf geben!

 

Vor soviel Moralfuror kapituliert offenbar der Verstand vieler ihrer Anhänger – ein Reporter ließ sich zu der Frage hinreißen: „Wie kann der Wandel zu einer CO2-freien Welt gelingen?“ Auf die gleiche Weise, wie man eine genfreie Welt erzeugt – durch sofortiges Indieluftsprengen derselben.

 

Es sind, darauf weist Kissler immer wieder hin, nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen, die heute das denunzieren, was das Erwachsensein ausmacht: Vernunft. Rationalität. Und bei allem, was man tut, an die Folgen denken.

 

Nicht jeder Zorn ist heilig, fürwahr. Doch das Kindischsein frisst sich durch alle Bereiche. Ausgerechnet an den Universitäten herrschen die „Schneeflocken“, die „Safe spaces“ und Trigger-Warnungen brauchen, damit sie nichts und niemand erschreckt. Lernen war gestern, Wissen ist doof. Leben unter der Kuscheldecke.

 

Exemplifiziert am Duktus der Frau Kanzler

 

Die Politik assistiert mit „leichter Sprache“, die jeder, aber auch jeder verstehen soll. Kissler exemplifiziert das am Duktus der Frau Kanzler, die sich gern in den Grenzbereichen der Leichten Sprache tummelt, mit „haben“ und „sein“ und „Dingen“ und „Maßnahmen“. Das muss man gelesen haben: „Im Ist-Glanz leuchten Plattitüden. Die Erde ist ein Planet, die Sonne ein Stern, die Bundesrepublik ein Staat. Dies ist ein Buch. Sie sind die Leserin.“ Das ist Tyrannei im Namen der Toleranz. Betreutes Denken für Menschen, denen man keine eigenen Gedanken zutraut.

 

Das Feuchtbiotop für die Verkindlichung der Welt ist Berlin – „die Stadt gewordene Kinderüberraschung“, wo nichts funktioniert, aber alles so schön bunt ist. Nicht zu übertreffen? Doch! Von den christlichen Kirchen. Dort beherrscht man die Sprache der Bibel längst nicht mehr, man spricht das Pidgin der Sozialarbeiter und Werbetreibenden. Man hänge eine Schaukel in die Kirchenkuppel, und schon hat man „eine spannende Intervention, die befreiende und selig machende Erfahrungen und Begegnungen (…) ermöglicht“. Die Losung: „Selig schaukeln, glauben, hoffen und lieben auf eigene Gefahr!“

 

Gefahr ist das Wort der Stunde, Mut muss man haben, Glauben „wagen“, „schauen wagen“ und, ja, „getragen wagen“, wenn im Kirchenschiff Klettergerüste aufgebaut werden. Zur Belohnung gibt es „Kirchenkuscheln im Adventsstress“ oder, in Thüringen, „Gottesdienst zum Kloßsonntag“. Fürchtet euch nicht, ihr Kinder, alles ist im warmen Kloß. Kuscheln wagen.

 

Wie verzweifelt muss man in unseren Kirchen sein, dass sie nicht mehr mit ihrer ureigenen Botschaft für sich werben können? Allem wohl, keinem weh – EKD. Wer sein Produkt auf diese schäbige Weise meint verkaufen zu müssen, glaubt nicht mehr daran.

 

Und dann kam auch noch Corona – und „keineswegs nur in Deutschland wuchs der Verdacht, die Regierenden nutzten die krisenhafte Situation, um ihre Wähler geistig endgültig in die Kita zu schicken“. Selbst das Händewaschen glaubte man – „Freude, schöner Götterfunken!“ – dem kindischen Bürger beibringen zu müssen. Und da er sich ja nicht selbst schützen könne, fuhr die Regierung vorausschauend das öffentliche Leben und die Wirtschaft an die Wand, als eine Art Lockdownkuscheln. Das ist so kindisch, wie es so gar nicht lustig ist.

 

Und was ist die Moral von der Geschichte? Erwachsensein wagen. Denn „der erwachsene Mensch vergisst nicht, dass er Kind war, aber er weiß, dass er es gewesen ist. Er kennt seine Gefühle gut genug, um sie nicht allen Menschen zumuten zu müssen. Er ist souverän genug, zu sich selbst auf Abstand zu gehen, und erträgt darum Distanz zu Anderen. Er weiß um die Unendlichkeit der Gefühle und die Endlichkeit des Lebens und sieht deshalb nicht in jeder Grenze eine Kränkung.“

 

Kisslers neuestes Werk ist ein Buch für alle, die sich manchmal fragen, ob sie die Irren sind oder vielleicht doch die Anderen. Nach der Lektüre fühlt sich der Zweifelnde nicht mehr ganz so einsam. Und es ist ein perfektes Geschenk für jene, die man noch unter der Kuscheldecke hervorlocken könnte. Ganz klar: ein Buch, das Leben retten kann.

 

Alexander Kissler, Die infantile Gesellschaft. Wege aus der selbstverschuldeten Unreife, Harper Collins, Hamburg 2020

 

https://www.achgut.com/artikel/kinder_an_der_macht