Covid-19 versus Grippe

 

Grippe versus Covid-19: Was ist gefährlicher?

  • Immer wieder wird das Coronavirus Sars-CoV-2 und die dadurch ausgelöste Lungenkrankheit mit der jährlich grassierenden Grippewelle verglichen.
  • Covid-19 und die Grippe haben Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
  • Krankheitsverlauf, Übertragungswege, Ansteckungsgefahr und Risikogruppen spielen eine wichtige Rolle.
Irene Habich- Redaktionsnetzwerk Deutschland -

Immer wieder sagen Experten, das neuartige Coronavirus lasse sich nicht mit der Grippe vergleichen. Aber stimmt das? Die neuesten Erkenntnisse zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden Erreger.

 

Covid-19 vs Grippe: Ansteckung

 

Sowohl Influenzaviren als auch das neuartige Coronavirus werden durch Tröpfchen übertragen, die Infizierte beim Sprechen, Husten oder Atmen ausscheiden. Bei der Übertragung von Influenza und wohl auch des Coronavirus können außerdem Aerosole eine Rolle spielen: Feinste Flüssigkeitspartikel, die die Viren enthalten und sich in geschlossenen Räumen in der Luft anreichern können. Ansteckungsgefahr besteht daher vor allem in geschlossenen Räumen.

 

Ein Indikator dafür, wie ansteckend eine Krankheit ist, ist die sogenannte Reproduktionszahl. Sie gibt an, wie viele andere Menschen eine infizierte Person durchschnittlich ansteckt, wenn es noch keine nennenswerte Immunität in der Bevölkerung gibt. Bei Grippeviren wird diese Zahl je nach Saison auf etwa 1,2 bis 2 geschätzt. Beim neuartigen Coronavirus lag die Ansteckungsrate in Deutschland vorübergehend bei 3,5, sank dann aber schnell wieder und liegt nun bei etwa 1. Allerdings ist der Vergleich schwierig. So werden wahrscheinlich viele Infektionen mit dem Coronavirus gar nicht erkannt, das würde dann auch für Ansteckungen gelten.

 

Bei Influenzavieren geht die WHO davon aus, dass diese sich schneller verbreiten können als das Coronavirus. Demnach vergehen bei Corona von einer Ansteckung bis zur nächsten etwa fünf bis sechs Tage, bei einer Influenza drei Tage.

 

Covid-19 vs Grippe: Symptome

 

Zu den typischen Influenzasymptomen zählen hohes Fieber, Abgeschlagenheit, Husten und Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen oder seltener auch Magen-Darm-Beschwerden. Vor allem bei älteren Menschen und Vorerkrankten (siehe Risikofaktoren) sind schwere und tödliche Verläufe möglich, bei denen es zu Lungenentzündungen, Gehirnentzündungen oder Herzmuskelentzündungen kommt.

 

Eine Covid-19 Erkrankung kann sehr unterschiedlich verlaufen. Viele Menschen haben nur milde oder gar keine Symp-tome, weshalb die meisten Infektionen vermutlich unentdeckt bleiben. Häufig treten laut RKI ebenfalls klassische Erkältungssymptome wie Husten, Fieber und Schnupfen auf. Einige Patienten berichten zudem von einem Verlust ihres Geruchs- und Geschmackssinns, oft ohne dass die Nase dabei verstopft zu sein scheint. Ebenfalls berichtet wurden Magen-Darm-Symptome.

 

Vor allem in Risikogruppen (s.u.) sind schwere und tödliche Verläufe sind möglich. Dabei kommt es zu einer besonderen Form der Lungenentzündung mit Flüssigkeitseinlagerungen in der Lunge, die eine lebensbedrohliche Atemnot auslösen kann. Auch ein Übergreifen der Erkrankung auf den ganzen Körper ist in diesem Stadium möglich. Nach einer aktuellen Erhebung des Robert Koch-Instituts müssen 22 Prozent der Patienten mit schweren Atemwegserkrankung durch Covid-19 beatmet werden und 14 Prozent der Patienten mit schweren Atemwegserkrankung durch eine Grippe. Im Mittel waren Covid-19 Patienten 10 Tage auf eine Beatmung angewiesen, Grippe-Kranke nur 4.

 

Covid-19 vs Grippe: Sterblichkeit

 

Wie hoch ist der Anteil der Infizierten, die nach einer Ansteckung versterben? Bei der Influenza schätzt das Robert Koch-Institut diesen Anteil in einer durchschnittlichen Grippesaison auf etwa 0,1 bis 0,2 Prozent. In einer schweren Saison sterben laut RKI geschätzt 25 000 Menschen in Deutschland an der Grippe. An Covid-19 sind bisher erst rund 9300 Menschen in Deutschland gestorben. Allerdings lässt sich nicht genau sagen, wie hoch die Zahl der Toten ohne Schutz-maßnahmen gewesen wäre.

 

Um die Sterblichkeit bei Covid-19 zu ermitteln, gilt es die Dunkelziffer abzuschätzen, also die Anzahl der unerkannten Fälle. Das RKI hält sich bislang mit Schätzungen für Deutschland zurück, verweist aber auf chinesische Studien. In diesen lag die Zahl der Erkrankten elf oder sogar zwanzigmal höher als die der erfassten Fälle. Forscher, die im Auftrag des RKI ein Untersuchung im baden-württembergischen Kupferzell durchführten, vermuteten dort eine Dunkelziffer im niedri-gen zweistelligen Bereich. Das würde bedeuten, dass mindestens zehnmal mehr Menschen infiziert waren als offiziell bekannt.

 

Gäbe es in Deutschland zehnmal mehr Infizierte als bisher gemeldet, würde die Sterblichkeit bei einer Infektion mit dem Coronavirus bei etwa 0,42 Prozent liegen. Gäbe es 20 mal mehr, läge die Sterblichkeit bei 0,21 Prozent. Nach einer aktuellen Erhebung des Robert Koch-Instituts starben in einer untersuchten Stichprobe von Corona-Patienten mit schweren Atemwegserkrankung 21 Prozent, von Grippe Patienten mit den gleichen Symptomen nur 12 Prozent. Dies bedeutet allerdings nicht, dass insgesamt mehr Menschen an Corona versterben – sondern nur, dass ihre Überlebens-wahrscheinlichkeit nach der Einlieferung ins Krankenhaus geringer ist.

 

Covid-19  vs Grippe: Risikofaktoren

 

Der wohl wichtigste Risikofaktor für einen schweren Verlauf von Covid-19 ist das Alter. 86 % der in Deutschland an Covid-19 Verstorbenen waren 70 Jahre alt oder älter, das mittlere Alter der Verstorbenen lag bei 82 Jahren. Auch litten die meisten Betroffenen an Vorerkrankungen. Herz-Kreislauferkrankungen, chronische Erkrankungen von Lunge, Leber oder Nieren, sowie Diabetes, Adipositas, Krebs oder ein geschwächtes Immunsystem erhöhen die Wahrscheinlichkeit, nach einer Corona-Infektion zu versterben. Die gleichen Vorerkrankungen begünstigen Komplikationen nach der Ansteckung mit der Influenza. Und auch an der Influenza sterben vor allem ältere Menschen.

 

Covid-19 vs Grippe: Kinder

 

Bei der Influenza spielen Kinder laut WHO eine wichtige Rolle für die Verbreitung der Viren. Bei der Verbreitung des Coronavirus geht man bisher eher nicht davon aus. Kinder scheinen nicht nur weniger schwer, sondern auch seltener daran zu erkranken und das Virus daher auch weniger stark zu verbreiten. Abschließend ist dies aber noch nicht geklärt.

 

Covid-19 vs Grippe: Medikamente

 

Medikamente zeigen in beiden Fällen nur eine begrenzte Wirkung. Zur unterstützenden Behandlung der Grippe werden teilweise antivirale Mittel eingesetzt. Diese können die Erkrankungsdauer etwas verkürzen, wenn sie zu Beginn der Erkrankung verabreicht werden. In welchem Ausmaß schwere Verläufe verhindert werden können, ist aber unklar. Zur Behandlung von Corona-Patienten ist in der EU seit Juli das antivirale Mittel Remdesvir zugelassen, das ursprünglich gegen Ebola entwickelt wurde. Es soll ebenfalls die Erkrankungsdauer etwas verkürzen. An anderen Medikamenten gegen Corona wird derzeit noch weltweit geforscht.

 

Zur Behandlung von bakteriellen Begleitinfektionen werden sowohl Grippe- als auch bei Covid-Patienten Antibiotika verabreicht. Die WHO warnt aber davor, diese nicht unnötig einzusetzen, um Resistenzen nicht zu fördern.

 

Covid-19 vs Grippe: Spätfolgen

 

Experten befürchten nach einer überstandenen schweren Covid-19 Erkrankung mögliche Spätfolgen, die das Nervensystem betreffen. So könnten Beeinträchtigungen des Gedächtnis und Nervenleiden auftreten. Auch bei einigen Influenzaviren deuten Erkenntnisse auf mögliche Folgeschäden des Gehirns hin.

 

Covid-19 vs Grippe: Impfung

 

Gegen Grippeviren sind Impfungen verfügbar, diese haben allerdings eine begrenzte Wirksamkeit. Das liegt unter anderem daran, dass die Impfstoffe produziert werden, ehe man weiß, welche Art von Grippeviren in einer Saison vermehrt auftreten wird. Und speziell ältere Menschen, denen die Impfung als Risikogruppe empfohlen wird, schützt sie nur unvollständig. Laut RKI kann eine Impfung das Erkrankungsrisiko bei ihnen nur etwa um die Hälfte reduzieren. An einer Schutzimpfung gegen das Coronavirus wird momentan weltweit geforscht.

 

Covid-19 vs Grippe: Gefahr für die Bevölkerung

 

Zumindest, wenn man sich auf das Infektionsgeschehen in Deutschland fokussiert, scheint das Corona-Virus auf den ersten Blick kaum gefährlicher als eine Grippe. Allerdings können schwere Verläufe sehr unangenehm sein, auch wenn Betroffene diese überleben. Epidemiologen sehen zudem noch eine besondere Art von Gefahr: So kamen Grippewellen bisher von selbst zum Erliegen. Und obwohl sich Influenzaviren auch ständig verändern, geht man von einer gewissen Immunität in der Bevölkerung aus. Auch können Grippe-Impfungen Risikogruppen zumindest einen Teilschutz bieten. Bei dem neuartigen Coronavirus gilt die größte Sorge einer ungehinderten Ausbreitung in der Bevölkerung mit schlag-artig vielen Patienten. Die Todesrate könnte deutlich steigen, wenn diese nicht alle gleichzeitig behandelt werden könnten – wie der Blick in andere Länder zeigt.