Coronavirus-Epidemie


 

Jeden Tag werden Statistiken zur Coronavirus-Epidemie in Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt publiziert.

Publiziert werden meistens die geschätzte Anzahl der gemeldeten Infizierten, wobei die Dunkelziffer viel höher sein soll (nach einschlägigen Schätzungen zwischen 2 bis 10 mal so hoch), dann die geschätzte Anzahl der gemeldeten erkrankten Patienten, weiterhin die geschätzte Anzahl der Genesenen und schließlich die geschätzte Anzahl der Gestorbenen.

 

Bei den Gestorbenen wird jedoch nicht deutlich unterschieden, ob es sich dabei um mehrfach gesundheitlich vorbelastete Menschen handelte, die "nur" mit einer COVID-19-Infektion gestorben sind, aber außerdem mehrere  Vorerkrankungen hatten und auch schon aufgrund ihres Alters sehr geschwächt waren, wie z.B. Über-80-Jährige, oder ob es sich dabei um weitgehend gesundheitlich unbelastete Menschen handelte, die an bzw. wegen einer COVID-19-Infektion gestorben sind.

 

Das Fehlen dieser kausal relevanten Unterscheidungen im statistischen Zahlenwerk der täglichen Publikationen ohne angemessene Interpretationen hat jedoch eine emotionale Wirkung, die in der Öffentlichkeit mehr Ängste schürt als notwendig wäre, um angemessen zu informieren. Vor allem aber wird dieses statistische Zahlenwerk nie in Relation zu der bekannten Anzahl der Bevölkerung in Deutschland gesetzt, nämlich zu  83 Millionen 149 Tausend und 300 regis-trierten Einwohnern ohne Asylbewerber und ohne Flüchtlinge (30. September 2019) auf einer Fläche von 357.582 qm.

 

Geht man am 10. Mai 2020 von 171.324 Infizierten (ohne Dunkelziffern) aus, sind vermutlich immer nochweit über 83 Millionen Menschen nicht infiziert. Sich daran zu erinnern, heißt die Proportionen angemessen einzuschätzen, um die faktische Situation etwas nüchterner und angstfreier betrachten zu können. Dann erst könnten alle überaus strengen Maßnahmen der Regierungen angemessen diskutiert werden, ohne sich dabei zu sehr von Ängsten leiten zu lassen.

 

In einer offenen Gesellschaft mit einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat und mit einer ökologisch und sozial regulierten Marktwirtschaft sollten medizinische Experten für die Bundes- und Landesregierungen nur eine beratende Funktion haben. Deutschland ist aufgrund seiner Verfasssung weder eine Expertokratie noch eine durch Experten gestützte Autokratie. Trotzdem scheint es sich momentan so zu verhalten.

 

Wie anfällig viele Bürger und Menschen in Deutschland für die Panikmache durch manische Schulkinder oder auf ein einziges Anliegen fixierte Ökoaktivisten sind, das hat sich schon beim Problem der Belastung der Atmosphäre durch CO2 oder der Feinstaubbelastung in manchen Großstädten seit 2015 gezeigt. Die drastischen politischen Maßnahmen

in Reaktion auf die neuen Coronaviren COVID-19 haben jedoch noch einmal eine ganz andere Dimension angenommen. Dabei wird nicht von den die Regierungen beratenden Experten jedoch nicht hysterisch dramatisiert, auch wenn man dabei leider dramatische Nebenwirkungen und Kolloteralschäden in Kauf nehmen muss.

 

Natürlich wird die nur allzu verständliche öffentliche Aufregung auch wieder von Ausländerfeinden, Rassisten und Ver-schwörungstheoretikern ausgenutzt. Hoffentlich lassen wir uns nicht von dem paternalistischen und hypermoralischen Überbietungswettbewerb mancher "Landesfürsten" beeindrucken! Ein umsichtiges Risikomanagement trotz der erheblichen, aber leider unvermeidbaren Schäden ist das, worauf es jetzt ankommt.

 

UWD - Ende April 2020

 


 

PRESSEMITTEILUNG DES DEUTSCHEN ETHIKRATES 04/2020

 

Berlin, 27. März 2020

 

Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise

 

Die gegenwärtige Pandemie fordert unsere Gesellschaft in beispielloser Form heraus und führt zu schwerwiegenden ethischen Konflikten. Der Deutsche Ethikrat befürwortet die aktuell zur Eindämmung der Infektionen ergriffenen Maßnahmen, auch wenn sie allen Menschen in diesem Land große Opfer abverlangen. Freiheitsbeschränkungen müssen jedoch kontinuierlich mit Blick auf die vielfältigen sozialen und ökonomischen Folgelasten geprüft und möglichst bald schrittweise gelockert werden. Für diesen schwierigen Abwägungsprozess will der Ethikrat mit seiner heute veröffentlichten Ad-hoc-Empfehlung „Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise“ ebenso ethische Orientierungshilfe leisten wie für die im Gesundheitssystem drohenden dramatischen Handlungs- und Entscheidungssituationen.

 

Der ethische Kernkonflikt besteht darin, dass ein dauerhaft hochwertiges, leistungsfähiges Gesundheitssystem gesichert werden muss und zugleich schwerwiegende Nebenfolgen für Bevölkerung und Gesellschaft möglichst gering zu halten sind. Das erfordert eine gerechte Abwägung konkurrierender moralischer Güter, die auch Grundprinzipien von Solidarität und Verantwortung einbezieht und sorgfältig prüft, in welchem Ausmaß und wie lange eine Gesellschaft starke Einschränkungen ihres Alltagslebens verkraften kann.

 

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, sagte dazu: „In dieser Krise ungekannten Ausmaßes können wir uns glücklich schätzen, so große Solidaritätsressourcen in unserer Gesellschaft zu besitzen. Wir müssen aber ehrlich sein: Auch mit diesen Ressourcen gilt es sorgsam umzugehen und Spannungen zwischen unterschiedlichen Ansprüchen bedürftiger Gruppen fair auszuhandeln.“

 

Der Ethikrat möchte Politik und Gesellschaft dafür sensibilisieren, die verschiedenen Konfliktszenarien als normative Probleme zu verstehen. Ihre Lösung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es widerspräche dem Grundgedanken demokratischer Legitimation, politische Entscheidungen an die Wissenschaft zu delegieren und von ihr eindeutige Handlungsanweisungen für das politische System zu verlangen. Gerade schmerzhafte Entscheidungen müssen von den Organen getroffen werden, die hierfür durch das Volk mandatiert sind und dementsprechend auch in politischer Verantwortung stehen. Die Corona-Krise ist die Stunde der demokratisch legimitierten Politik.

 

Wesentlicher Orientierungspunkt für die nahe Zukunft ist die weitgehende Vermeidung von Triage-Situationen, in denen Ärzte zu entscheiden gezwungen wären, wer vorrangig intensivmedizinische Versorgung erhalten und wer nachrangig behandelt werden soll. Der Staat darf menschliches Leben nicht bewerten und deshalb auch nicht vorschreiben, welches Leben in einer Konfliktsituation zu retten ist. Die Verantwortung, in solchen dilemmatischen Situationen katastrophaler Knappheit medizinischer Ressourcen über Leben und Tod zu entscheiden, sollte aber auch keinesfalls allein den einzelnen Ärztinnen und Ärzten aufgebürdet werden. Schon aus Gründen der Gleichbehandlung, aber auch um der allgemeinen Akzeptanz willen bedarf es vielmehr weithin einheitlicher Handlungsmaximen für den klinischen Ernstfall nach wohlüberlegten, begründeten und transparenten Kriterien. Hierzu sind bereits erste Empfehlungen medizinischer Fachgesellschaften erschienen.

 

Zugleich gilt es, die aktuellen freiheitsbeschränkenden Infektionsschutzmaßnahmen fortlaufend kritisch zu evaluieren. Dem Ziel, die Ausbreitung des Coronavirus erheblich zu verlangsamen, muss zwar auch aus Sicht des Deutschen Ethikrates derzeit die größte Aufmerksamkeit gewidmet werden. Dabei ist jedoch auch jetzt schon die mittel- und langfristig bedeutsame Frage in den Blick zu nehmen, unter welchen Voraussetzungen und auf welche Weise eine geordnete Rückkehr zu einem einigermaßen „normalen“ gesellschaftlichen und privaten Leben sowie zu regulären wirtschaftlichen Aktivitäten erfolgen kann, um die ökonomischen, kulturellen, politischen und psychosozialen Schäden möglichst gering zu halten.

 

Konkret empfiehlt der Ethikrat für die nächste Zeit unter anderem folgende Einzelmaßnahmen:

 

  • weiteres Aufstocken und Stabilisieren der Kapazitäten des Gesundheitssystems
  • Einführung eines flächendeckenden Systems zur Erfassung und optimierten Nutzung von Intensivkapazitäten
  • Abbau bürokratischer Hürden und bessere Vernetzung im Gesundheitssystem und mit anderen relevanten Gesellschaftsbereichen
  • weiterer Ausbau von Testkapazitäten
  • weitere kontinuierliche Datensammlung zu individueller und Gruppenimmunität und zu Verläufen von Covid-19
  • breite Förderung/Unterstützung von Forschung an Impfstoffen und Therapeutika sowie Vorbereitung von Förderstrukturen für deren massenhafte Produktion und Einführung
  • Unterstützung von interdisziplinärer Forschung zu sozialen, psychologischen und anderen Effekten der Maßnahmen im Rahmen der Covid-19-Pandemie
  • Entwicklung von effektiven und erträglichen Schutz- und Isolationsstrategien für Risikogruppen
  • eine fundierte Strategie für die transparente und regelmäßige Kommunikation zu ergriffenen Maßnahmen und zur politischen Entscheidungsfindung im Zusammenhang mit Covid-19
  • ein Überdenken der Angemessenheit föderaler Lösungen im Katastrophenfall sowie konkrete Berechnungen der zu erwartenden Kosten durch ergriffene Maßnahmen und Alternativszenarien

 

Der vollständige Wortlaut der Ad-hoc-Empfehlung ist abrufbar unter: https://www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Ad-hoc-Empfehlungen/deutsch/ad-hoc-empfehlung-corona-krise.pdf.

 

Weitere Informationen unter: https://www.ethikrat.org/mitteilungen/2020/solidaritaet-und-verantwortung-in-der-corona-krise/

 


 

Deutscher Bundestag - Drucksache 17/1205117. Wahlperiode 03. 01. 2013

 

Unterrichtung durch die Bundesregierung: Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012

 

http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/120/1712051.pdf

 


 

Bhakdis Brief an die Kanzlerin – Was ist dran an seinen Fragen?

 

01.04.2020 BR

 

Videos und ein offener Brief des Mikrobiologen Sucharit Bhakdi finden derzeit weite Verbreitung. Er kritisiert die Maßnahmen der Regierung in der Coronakrise und stellt Fragen. Der #Faktenfuchs hat sie geprüft.

 

Der Mikrobiologe Sucharit Bhakdi hat seit 13 Tagen einen eigenen Youtube-Kanal. Die bislang vier Videos dort finden extrem viel Resonanz. In seinem ersten Video behauptet er, dass die Maßnahmen in der Corona-Krise sinnlos und selbstzerstörerisch seien. Sein neuestes Video ist ein offener Brief an Bundeskanzlerin Merkel mit fünf Fragen, die auch als PDF-Dokument kursieren. Er will nach eigenen Angaben damit feststellen, wie begründet die derzeitigen massiven Einschränkungen unserer Grundrechte seien.

 

Wer ist Sucharit Bhakdi?

 

Sucharit Bhakdi ist emeritierter Professor. Er leitete 22 Jahre das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Mainz. Auf seinem Youtube-Kanal lässt er sich als "einer der am häufigsten zitierten Medizinforscher Deutschlands" vorstellen. Das suggeriert, er gehöre zu einer Spitzengruppe von Forschern, aber es ist ein sehr dehnbarer Begriff.

 

Auf Plattformen wie "Web of Science" oder "researchgate" kann man nachvollziehen, wieviel einzelne Forscher veröffentlichen oder wie oft sie von anderen zitiert werden. Das gilt als Gradmesser für die Resonanz, die die Forschung von Wissenschaftlern findet.

 

Die Suche nach Sucharit Bhakdi auf diesen Plattformen zeigt: Er wird zwar immer wieder zitiert, aber es gibt viele andere Forscher, die genauso viel oder mehr Resonanz erfahren als er. Tatsächlich sagen Fachkollegen, dass Bhakdi in den neunziger Jahren ein renommierter Mikrobiologe war. Allerdings ist er seit acht Jahren im Ruhestand. Sein Forschungs-gebiet waren zum Beispiel Atherosklerose, bakterielle Toxine, Malaria und Dengue. (Wikipedia, Researchgate). Epide-miologische Fragen, wie er sie rund um das neuartige Coronavirus in seinen Videos thematisiert, standen nicht im Zentrum.

 

These und Frage #1: Statistik

 

Bhakdi: "In der Infektiologie – begründet von Robert Koch selbst – wird traditionell zwischen Infektion und Erkrankung unterschieden. Eine Erkrankung bedarf einer klinischen Manifestation. [1] Deshalb sollten nur Patienten mit Symptomen wie etwa Fieber oder Husten als Neuerkrankungen in die Statistik eingehen. Mit anderen Worten bedeutet eine Neu-infektion – wie beim COVID-19 Test gemessen – nicht zwangsläufig, dass wir es mit einem neuerkrankten Patienten zu tun haben, der ein Krankenhausbett benötigt. Derzeit wird aber angenommen, dass fünf Prozent aller infizierten Men-schen schwer erkranken und beatmungspflichtig werden. Darauf basierende Hochrechnungen besagen, dass das Gesundheitssystem im Übermaß belastet werden könnte."

 

Sucharit Bhakdi fragt deswegen Bundeskanzlerin Merkel:

 

"Wurde bei den Hochrechnungen zwischen symptomfreien Infizierten und tatsächlichen, erkrankten Patienten unterschieden – also Menschen, die Symptome entwickeln?"

 

Die Fakten zur Statistik in der Coronakrise

 

An Bhakdis Ausführungen ist die Rhetorik interessant. Er betont, eine Neuinfektion würde nicht bedeuten, dass ein Patient auch ein Krankenhausbett brauche. Im Zusammenhang mit der Frage nach Hochrechnungen, die später folgt, suggeriert das, die Politik würde mit völlig falschen Zahlen hantieren. Allerdings hat nie jemand behauptet, ein neu-infizierter Patient würde automatisch ein Krankenhausbett brauchen. Renommierte Einrichtungen wie etwa das Robert-Koch-Institut betonen, dass bei weitem nicht jeder mit Sars-CoV-2 Infizierte Krankheitszeichen aufweist. Trotzdem ist es hilfreich, die Zahl der Infizierten als Grundlage zu nehmen, um das Ausmaß der kommenden Epidemie abzuschätzen.

 

Das sagt auch Hendrick Streeck, der Leiter der Virologie am Universitätsklinikum Bonn. Aktuell werde zwar tatsächlich nicht zwischen symptomfreien Erkrankten und tatsächlich erkrankten Patienten unterschieden, aber: "Man muss ja erstmal anfangen die Daten zu erheben." Derzeit geht man ja erstmal davon aus, dass es jetzt darum geht, dass die Infektion sich nicht so extrem ausbreitet, dass das Gesundheitssystem kollabiert." Daher werde noch nicht zwischen "symptomfrei" und "nicht symptomfrei" unterschieden, weil man wisse, dass auch symptomfreie Menschen das Virus übertragen können.

 

Zur Frage, wie viele der Infizierten tatsächlich erkranken, nennt das Robert-Koch-Institut unter Verweis auf drei wissen-schaftliche Studien einen sogenannten Manifestationsindex: Der besagt, dass zwischen 51 und 81 Prozent der Infizierten erkranken, also Symptome zeigen. Bei denjenigen, die erkranken, zeigen sich wiederum bei rund einem Fünftel schwe-rere oder lebensbedrohliche Krankheitsverläufe – von einer Lungenentzündung mit Atemnot bis hin zu multiplem Organversagen. Bezogen auf die Zahl der Infizierten bedeutet das: Zwischen 10 und 16 Prozent der Infizierten er-kranken schwer.

 

These und Frage #2: Gefährlichkeit

 

Bhakdi: "Eine Reihe von Coronaviren sind – medial weitgehend unbemerkt – schon seit Langem im Umlauf. Sollte sich herausstellen, dass dem COVID-19 Virus kein bedeutend höheres Gefahrenpotential zugeschrieben werden darf als den bereits kursierenden Coronaviren, würden sich offensichtlich sämtliche Gegenmaßnahmen erübrigen. In der inter-national anerkannten Fachzeitschrift 'International Journal of Antimicrobial Agents' wird in Kürze eine Arbeit erscheinen, die genau diese Frage adressiert. Vorläufige Ergebnisse der Studie sind schon heute einsehbar und führen zu dem Schluss, dass das neue Virus sich von traditionellen Coronaviren in der Gefährlichkeit NICHT unterscheidet. Dies bringen die Autoren im Titel ihrer Arbeit 'SARS-CoV-2: Fear versus Data' zum Ausdruck."

 

Bhakdi zweifelt an, ob Sars-CoV-2 bedeutend gefährlicher sein wird als die bereits kursierenden Coronaviren und fragt deshalb Angela Merkel: "Wie sieht die gegenwärtige Auslastung von Intensivstationen mit Patienten mit diagnostizier-ten COVID-19 im Vergleich zu anderen Coronavirus-Infektionen aus, und inwiefern werden diese Daten bei der weiteren Entscheidungsfindung der Bundesregierung berücksichtigt?"

 

Die Fakten zur Gefährlichkeit des neuartigen Coronavirus

 

Tatsächlich ist das eine interessante Frage, zu der auch Virologen wie Hendrik Streeck von der Uniklink Bonn die Antwort interessieren würde. Aber die Datenlage zu Coronavirus-Infektionen ist sehr gering, sagt er: "Das liegt daran, dass die grippalen Infekte, die die anderen Coronaviren auslösen, uns nie so richtig interessiert haben. Das mag im Nachgang ein Fehler gewesen sein, dass da die Forschung oder das öffentliche Interesse für solche Viren nicht so groß war."

 

Man müsse allerdings bedenken, sagte Streeck, dass Sars-Cov-2 ein neues Virus sei und das müsse man erstmal ein-schätzen lernen. Man dürfe es weder bagatellisieren noch dramatisieren. Aber: "Wir hatten alle als Kinder Corona-Virus-Infektionen, haben dadurch Immunität aufgebaut, jetzt kommt ein neues Virus, mit dem bisher keiner zu tun hatte", sagte Streeck. "Dadurch kann es sehr schwere Verläufe geben und das wird nicht durch unser immunologisches Ge-dächtnis abgefangen."

 

These und Frage #3: Verbreitung

 

Bhakdi: "Laut eines Berichts der Süddeutschen Zeitung ist nicht einmal dem viel zitierten Robert-Koch-Institut genau bekannt, wie viel auf COVID-19 getestet wird. Fakt ist jedoch, dass man mit wachsendem Testvolumen in Deutschland zuletzt einen raschen Anstieg der Fallzahlen beobachten konnte. [4] Der Verdacht liegt also nahe, dass sich das Virus bereits unbemerkt in der gesunden Bevölkerung ausgebreitet hat. Das hätte zwei Konsequenzen: erstens würde es bedeuten, dass die offizielle Todesrate – am 26.03.2020 etwa waren es 206 Todesfälle bei rund 37.300 Infektionen, oder 0.55 Prozent [5] – zu hoch angesetzt ist; und zweitens, dass es kaum mehr möglich ist, eine Ausbreitung in der gesunden Bevölkerung zu verhindern."

 

Sucharit Bhakdi bezweifelt, dass die offiziellen Todesraten stimmen, und vermutet, dass das Virus schon so weit ver-breitet sein könnte, dass man es ohnehin nicht mehr eindämmen könne. Er fragt:

 

"Hat es bereits eine stichprobenartige Untersuchung der gesunden Allgemeinbevölkerung gegeben, um die Real-ausbreitung des Virus zu validieren, oder ist dies zeitnah vorgesehen?"

 

Fakten zur Verbreitung des Corona-Virus

 

Die Frage, die Bhakdi formuliert, ist nicht neu. Tatsächlich ist das Eingrenzen der sogenannten "Dunkelziffer" ein Thema, an dem deutsche Virologen schon arbeiten. Dazu braucht man repräsentative Untersuchungen, bei denen systematisch verschiedene Bevölkerungsgruppen getestet werden, erklärt der Virologe Hendrik Streeck von der Uniklinik Bonn: "Man muss da sehr genau vorgehen, also die Altersstrukturen von Deutschland erfassen und auch Berufsgruppen am besten erfassen, vielleicht auch sogar Verhaltensweisen."

 

Das sind aufwändige Studien, genau solche Untersuchungen aber sind inzwischen geplant und, im Falle von Streeck und Kollegen, schon in Arbeit. Letztere erheben dazu gerade im Landkreis Heinsberg Daten. Die Region, in der als erstes die Covid-19-Zahlen nach oben schnellten, dient ihnen als Art Modellregion. "Wir wollen das zensusartig aufziehen, dass wir in einer Stichprobe versuchen zu verstehen, wie hoch die Dunkelziffer in Heinsberg ist."

 

Darüber hinaus bereitet der Epidemiologe Gérard Krause am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig eine Studie vor, die herausfinden soll, wie viele Menschen nach einer Infektion mit dem Sars-Cov-2 immun gegen die Lungenkrankheit sind. Ab April wollen die Wissenschaftler das Blut von mehr als 100.000 Probanden auf Antikörper untersuchen. Die Ergebnisse sollen helfen, die Entwicklung der Epidemie in Deutschland zu überwachen.

 

These und Frage #4: Mortalität

 

Bhakdi: "Die Angst vor einem Ansteigen der Todesrate in Deutschland (derzeit 0.55 Prozent) wird medial derzeit besonders intensiv thematisiert. Viele Menschen sorgen sich, sie könne wie in Italien (10 Prozent) und Spanien (7 Prozent) in die Höhe schießen, falls nicht rechtzeitig gehandelt wird. Gleichzeitig wird weltweit der Fehler begangen, virusbedingte Tote zu melden, sobald festgestellt wird, dass das Virus beim Tod vorhanden war – unabhängig von anderen Faktoren. Dieses verstößt gegen ein Grundgebot der Infektiologie: erst wenn sichergestellt wird, dass ein Agens an der Erkrankung bzw. am Tod maßgeblichen Anteil hat, darf die Diagnose ausgesprochen werden. Die Arbeits-gemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften schreibt in ihren Leitlinien ausdrücklich: 'Neben der Todesursache muss eine Kausalkette angegeben werden, mit dem entsprechenden Grundleiden auf der Todes-bescheinigung an dritter Stelle. Gelegentlich müssen auch viergliedrige Kausalketten angegeben werden.' [6] Derzeit gibt es keine offiziellen Angaben darüber, ob zumindest im Nachhinein kritischere Analysen der Krankenakten unter-nommen worden, um festzustellen, wie viele Todesfälle wirklich auf das Virus zurückzuführen seien."

 

Bhakdi bemängelt, dass die Todesrate nicht richtig abgebildet wird, wenn die Statistik nicht zwischen "gestorben an Covid-19" und "gestorben mit Covid-19" unterscheidet und fragt:

 

"Ist Deutschland dem Trend zum COVID-19 Generalverdacht einfach gefolgt? Und: gedenkt es, diese Kategorisierung weiterhin wie in anderen Ländern unkritisch fortzusetzen? Wie soll dann zwischen echten Corona-bedingten Todesfällen und zufälliger Viruspräsenz zum Todeszeitpunkt unterschieden werden?"

 

Die Fakten zu Corona-Todesfällen

 

Unter dem Stichpunkt "Mortalität" thematisiert Bhakdi hier einen Zusammenhang, der eigentlich mit dem Begriff "Letalität" beschrieben wird: Letalität beschreibt, wieviel Prozent der mit Sars-Cov-2 Infizierten sterben. Mortalität hingegen beschreibt, wieviel Prozent der Gesamtbevölkerung (egal ob infiziert oder nicht infiziert) an der virus-bedingten Erkrankung sterben. Beides hängt miteinander zusammen, Mortalität berechnet sich aus der Letalität eines Erregers und seiner Verbreitung. Die Begriffe aber sollten unterschieden werden.

 

Das Robert-Koch-Institut zählt laut Angaben einer Sprecherin als Corona-Todesfälle alle Menschen, die mit einer COVID-19-Erkrankung in Verbindung stehen. Das heißt, wer mit dem aktuellen Coronavirus infiziert war und stirbt, zählt als Corona-Todesfall. Unabhängig davon, ob er direkt an der Erkrankung infolge der Infektion starb oder ob er an mehreren Erkrankungen litt und der ausschlaggebende Faktor unklar ist.

 

Selbst wenn die Behörden die Unterscheidung zwischen "an" oder "mit" COVID-19 erheben wollten, ist das in der Praxis nicht immer einfach zu unterscheiden. Dazu schreibt Matthias Graw, Vorstand der Rechtsmedizin an der LMU München, auf Anfrage: "Die sichere Benennung der Todesursache setzt eine eingehende Kenntnis des Krankheitsverlaufs einer-seits und des morphologischen Befundes (durch Sektion) andererseits voraus. Diese Anknüpfungspunkte hat der leichenschauende Arzt, der die Todesbescheinigung ausfüllt, in vielen Fällen nicht. Er wird dann i.d.R. auch nicht sicher unterscheiden können, ob jemand 'mit' (i.S. von positiv getestet) oder 'an' (i.S. einer kausalen Beziehung) Sars-CoV-2 gestorben ist. Daher ist davon auszugehen, dass auf der Todesbescheinigung nicht zuverlässig zwischen beiden Varianten unterschieden wird."

 

Der Virologe Hendrik Streeck geht davon aus, dass die Statistik später korrigiert werden muss. Trotzdem gebe es eine berechtigte Annahme, dass Covid-19 eine höhere Sterblichkeitsrate habe als die Grippe. Es gehe nicht darum zu baga-tellisieren, so Streeck. "Aber mir ist auch aufgefallen, dass es einige Todesfälle gibt, wo man annehmen muss, dass das neue Coronavirus nicht die Ursache für den Tod war, sondern der Mensch aus einem anderen Grund gestorben ist und man zufällig auch Coronaviren dort gefunden hat."

 

Tatsächlich gibt es dazu erste Erkenntnisse aus einer chinesischen Studie. Die Mediziner haben für die Fachzeitschrift "The Lancet" die Krankheitsverläufe von 191 Patienten aus zwei Kliniken in Wuhan analysiert, bei denen das Virus im Labor nachgewiesen wurde und die am 31. Januar entweder als geheilt entlassen oder verstorben waren. Laut dieser Studie sind die Todesursachen meist klar auf Covid-19 rückführbar, meint Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Kölner Uniklinik: "In der Studie waren die häufigsten Begleiterkrankungen eine arterielle Hypertonie und ein Dia-betes mellitus, die in den meisten Fällen nicht unmittelbar tödlich sind. Insofern ist es hoch wahrscheinlich, dass die Lungenentzündung verursacht durch das Sars-CoV-2-Virus tatsächlich die Todesursache in den meisten Fällen war."

 

Das RKI geht laut dem Corona-Briefing vom 3. April darüber hinaus eher davon aus, dass mehr Menschen an Covid-19 sterben werden, als offiziell gemeldet werden - dass die Zahl also eher nicht zu einer Über-, sondern zu einer Unter-schätzung führt.

 

These und Frage #5: Vergleichbarkeit

 

Bhakdi: "Immer wieder wird die erschreckende Situation in Italien als Referenzszenario herangezogen. Die wahre Rolle des Virus in diesem Land ist jedoch aus vielen Gründen völlig unklar – nicht nur, weil die Punkte 3 und 4 auch hier zutreffen, sondern auch, weil außergewöhnliche externe Faktoren existieren, die diese Regionen besonders anfällig machen. Dazu gehört unter anderem die erhöhte Luftverschmutzung im Norden Italiens. Laut WHO-Schätzung führte diese Situation 2006 auch ohne Virus zu über 8.000 zusätzlichen Toten allein in den 13 größten Städten Italiens pro Jahr. Die Situation sich hat sich seitdem nicht signifikant verändert. Schließlich ist es darüberhinaus auch erwiesen, dass Luftverschmutzung bei sehr jungen und älteren Menschen das Risiko viraler Lungenerkrankungen sehr stark erhöht. Außerdem leben 27.4 Prozent der besonders gefährdeten Population in diesem Land mit jungen Menschen zusammen, in Spanien sogar 33.5 Prozent. In Deutschland sind es zum Vergleich nur sieben Prozent. Hinzu kommt, dass Deutsch-land laut Prof. Dr. Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin, in Sachen Intensivstationen deutlich besser ausgestattet ist als Italien – und zwar etwa um den Faktor 2,5."

 

Bhakdi fragt die Kanzlerin:

 

"Welche Bemühungen werden unternommen, um der Bevölkerung diese elementaren Unterschiede nahe zu bringen und den Menschen verständlich zu machen, dass Szenarien wie in Italien oder Spanien hier nicht realistisch sind?"

 

Die Fakten zur Vergleichbarkeit mit anderen Coronaviren

 

Laut Sucharit Bhakdi sind Szenarien, bei denen das Gesundheitssystem aufgrund der COVID-19-Fälle am Rande des Kollaps steht und wie sie aktuell in Italien und Spanien herrschen, für Deutschland nicht realistisch. Er führt vor allem zwei Argumente an: andere Umweltbedingungen und ein besser ausgestattetes Gesundheitssystem in Deutschland.

 

Bhakdis These von den Umwelteinflüssen haben sich in den vergangenen Tagen schon mehrere Faktenchecker ge-widmet, zum Beispiel der unabhängige Faktenchecker-Verein Mimikama und der ZDF-Faktencheck. Beide zeigen, dass sich die Aussage, dass der externe Einflussfaktor Luftverschmutzung in Italien und Spanien die Menschen dort ent-scheidend anfälliger für schwere Verläufe mache, sich wissenschaftlich nicht belegen lässt. Zwar ist die Luftver-schmutzung zum Beispiel im Großraum Mailand erheblich. Andererseits aber seien weder besonders betroffene Regionen wie Bergamo im europäischen Vergleich außergewöhnlich belastet, noch habe sich in der Vergangenheit gezeigt, dass in Italien und Spanien übermäßig viele Patienten an Lungenerkrankungen starben. Es gibt bisher keine belastbaren Daten für den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Sterblichkeit bei einer COVID-19-Infektion.

 

Diskutiert wird der Faktor jedoch, ebenso etwa die Vorbelastung durch Rauchen, wie ein anderer #Faktenfuchs erklärt. Mit dem Verweis, dass das deutsche Gesundheitssystem besser mit Intensivbetten ausgestattet sei als das italienische, hat Sucharit Bhakdi Recht.

 

Es gibt berechtigten Grund zu Annahme, dass deutsche Kliniken besser mit der Epidemie zurechtkommen. Allerdings gehen die Hochrechnungen der Behörden trotzdem davon aus, dass bei einem ungebremsten Verlauf der Epidemie auch deutsche Krankenhäuser dem Bedarf nicht gewachsen sind. Schwachstelle in der Versorgung bleibt das Personal: Sollten vermehrt Ärzte und Pflegepersonal ausfallen, weil sie sich infizieren, dann können Intensivbetten, die im Prinzip vorhanden wären, nicht belegt werden.

 

Zudem bleiben bei einer ungebremsten Ausbreitung von Sars-Cov-2 auch die anderen intensiv zu behandelnden Patien-ten - wie Unfallopfer oder Krebspatienten. Auch unter ihnen könnten dann mehr Menschen sterben als ohne die Pan-demie, weil die Kapazitäten in den Kliniken nicht ausreichen für alle.

 

FAZIT

 

Der emeritierte Mikrobiologe Sucharit Bhakdi stellt in seinem Brief an die Bundeskanzlerin Fragen, die zum Teil auch unter Forschern diskutiert werden. Die Abschätzung der sogenannten Dunkelziffer bei den Infizierten zum Beispiel oder die Frage, wie man die Tödlichkeit des Sars-Cov-2-Erregers beurteilen kann, wenn man nicht zwischen "an" und "mit" COVID-19 unterscheidet. Die Annahmen, die seinen Fragen zugrunde liegen, suggerieren, dass die Gefährlichkeit des Sars-Cov-2-Erregers überschätzt werde, sie sind aber oft nicht wissenschaftlich belegt und verweisen vor allem auf Datenlücken. Forscher betonen: Die Lückenhaftigkeit der Datenlage sei kein Grund, Entwarnung zu geben.

 

Wir haben den Artikel nach dem RKI-Briefing am 3. April mit einer Aussage des RKI-Präsidenten zur Zählung der Toten aktualisiert.

 

https://www.br.de/nachrichten/wissen/bhakdis-brief-an-die-kanzlerin-was-ist-dran-an-seinen-fragen,RutYDhd

 


 

Wo bleibt die Hoffnung?

 

Der emeritierte Professor für Mikrobiologe Sucharit Bhakdi ist sicher ein kluger Mann und scheint auch auf dem Gebiet der Virologie und Epidemiologie theoretisch kompetent zu sein. Außerdem ist er den einschlägigen Videos zufolge ein ausgesprochen bescheidener, höflicher und sensibler Mensch. Damit gewinnt er ganz zurecht die Sympathie vieler Menschen, die sich nicht nur aufgrund seiner Persönlichkeit, sondern auch aufgrund seines hierzulande eher seltenen buddhistischen Bekenntnisses beeindrucken lassen. Das verschafft ihm eher einen zusätzlichen Bonus, denn in unserer weitgehend säkularisierten, hedonistischen Konsum-Gesellschaft ist das Andere, Fremde und Exotische an die Stelle der Transzendenz getreten. Aber könnte es nicht sein, dass er vielleicht doch auf manche Maßnahmen zu sensibel reagiert und daher für die Übernahme der Verantwortung als praktischer Berater der Bundesregierung wenig geeignet wäre?

 

Für den verantwortungSvollen und stressigen Job mitten in der hart umkämpften praktischen Politikberatung braucht man jedoch nicht nur theoretische Kompetenz, sondern auch praktische Erfahrung in der landestypischen politischen Kultur. Außerdem braucht man dazu starke Nerven, wie sie eher die Professoren Brinkmann, Drosten, Kelkule, Lauter-bach und Woopen zu haben scheinen. Sein an sich ehrenwertes Bekenntnis zum Buddhismus spielt aber auch eine Rolle, da der Buddhismus als meditative Mönchsreligion der Selbsterlösung anders als das Judentum und Christentum nicht gerade für ein leidenschaftliches und zupackendes soziales Engagement für das Leben und die Gesundheit der Menschen in der Schöpfung steht, sondern vielmehr für ein resignatives Laissez-faire und eine etwas unterkühlte Hands-off-Einstellung. Diese Einstellungen mögen gut für die medizinische Forschung und Lehre sein. Aber sind sie es auch für die praktische Politikberatung? Diese andere, in Deutschland und Europa eher fremde religiöse Einstellung hätte als persönliche Basis der Regierenden vielen Menschen in Deutschland zum Verhängnis werden können. Auch ist es kein Wunder, wenn er gesteht, dass er die Hoffnung verloren hat. Denn Hoffnung gilt im Buddhismus nicht als eine Tugend wie im Judentum und Christentum, sondern als ein geistliches Festhalten an Illusionen.

 

An Schweden können wir seit einigen Wochen ein eher riskantes soziales Experiment verfolgen. Es ist immer noch offen, wohin dieses andere Risikomanagement ohne anfänglichen Shutdown am Ende geführt haben wird. Insofern war es vermutlich für die meisten Regierungen in Europa richtig, dass sie zumindest am Anfang wegen der noch großen Un-sicherheit und Unkenntnis der typischen Eigenschaften der neuen Coronaviren vom Typ COVID-19 ziemlich harte und riskante ökonomisch-politische Maßnahmen ergriffen haben. Dadurch konnten sie jedoch eine völlig unkontrollierbare Entwicklung hin zu einer katastrophischen Pandemie vorerst abwenden. In anderen Staaten, wie z.B. in Großbritannien und in den USA ist diese einmalige und unwiederbringbare Chance am Anfang verpasst worden.

 

Die anwachsende Unzufriedenheit vieler Bürger mit den drastischen Maßnahmen unserer deutschen Regierung, die im Ausland bewundert und nachgeahmt werden, ist psychologisch verständlich. Aber sie entsteht vermutlich auch auf-grund der einfachen Tatsache, dass die nur allzu verständliche Angst und die berechtigten Befürchtungen um die eigene berufliche Existenz und das Wohlergehen der eigenen Familie das angemessene Verständnis für den Prozess-charakter eines solchen lernenden Risikomanagements mit einem relativ offenen Ausgang vergessen lässt. Mit einem digital geprägten statischen Denken, das nur auf die aktuellen Zahlen und Statistiken starrt, gerät man leicht in Teufels Küche. Dies gilt erst recht, wenn man vergisst, dass diese Zahlen und Statistiken in realen, raum-zeitlichen Situationen des politischen Handelns interpretiert und bewertet werden müssen, bevor man praktische Konsequenzen abwägen und sich für die vergleichsweise beste unter den realisierbaren Optionen entscheiden kann.

 

Dass jetzt so viele Menschen verzweifeln und nicht nur kruden, sondern geradezu irrsinnigen Verschwörungstheorien anhängen, spricht nicht unbedingt gegen die anfänglich sehr harten Maßnahmen der Regierung, sondern vielleicht eher dafür, dass vielen Menschen eine Verwurzelung in einem lebendigen Glauben fehlt, der ihnen in einer solchen gesellschaftlichen "Grenzsituation" (Karl Jaspers) einen seelischen Halt, persönliche Zuversicht, heilsamen Trost und stärkende Hoffnung zu geben vermag. Das spricht dann eher für den gemäßigten Glauben wohltemperierter Juden, Christen und Muslime.

 

UWD - 12. Mai 2020

 

Siehe dazu auch meine beiden philosophischen Essays:


 

Coronavirus in Schweden: Tödlicher Sonderweg

 

Kai Strittmatter SZ - 12.05.2020

 

Der Schutz der Alten war Schweden beim Kampf gegen das Virus wichtig - ist aber nicht gelungen.

Die Zahl der Opfer ist hoch, wirklich verantwortlich fühlt sich niemand.

 

Tödlicher Sonderweg

 

Als Schweden sich aufmachte auf seinen Sonderweg in der Corona-Krise, da gab es ein Versprechen an die Alten im Lande: Man werde eine Mauer um sie bauen. Allen war klar: In einer Gesellschaft, die beim Abstandhalten auf Frei-willigkeit setzte statt auf Verbote, mussten die Risikogruppen besonders geschützt werden.

 

Der Schutz der Alten wurde zu einer zentralen Säule des schwedischen Kurses erklärt. Und spätestens kurz vor Ostern war klar: Dieser Teil der Strategie war "katastrophal gescheitert", wie das Boulevardblatt Aftonbladet schrieb, sonst ein treuer Befürworter der schwedischen Linie.

 

Schweden zählt am Montag mit 3256 Coronatoten mehr als drei Mal so viele Todesfälle durch Covid-19 wie seine Nach-barn Dänemark (529), Finnland (271) und Norwegen (219) zusammen. Und Statistiken des Nationalen Amtes für Ge-sundheit und Soziales von letzter Woche zeigen, dass weit mehr als die Hälfte der Todesfälle gezählt wurden in Alten- und Pflegeheimen und unter Menschen, die zu Hause von Pflegediensten betreut wurden. Die Zahlen waren auch hier weit größer als in den Nachbarländern. Schweden habe "die Alten geopfert", titelte der staatliche finnische Sender YLE einmal auf seiner Webseite.

 

Schwedens sonst weiter selbstbewusste Behördenvertreter gestehen mittlerweile an diesem Punkt ihr Scheitern ein. Allerdings geben sie dabei gerne ihre "Überraschung" zu Protokoll, wie das auch am Wochenende der Chef der Ge-sundheitsbehörde, Johan Carlson, in einer Talkshow tat: Keiner habe gewusst, wie schlimm es um den Zustand der Altenpflege im Lande bestellt gewesen sei, sagte Carlson.

 

Papierservietten mit angetackerten Gummibändern dienten als Mundschutz

 

Keiner außer all den Leuten, die sich auskennen mit Schwedens Altersheimen. Jeder habe wissen können, "dass es so kommen würde", sagte Ingmar Skoog, ein Göteborger Professor für Altern und Gesundheit im April der Nachrichten-agentur TT. Die Corona-Krise habe nur die Mängel bloßgelegt, die seit Jahren System seien.

 

Einsparungen und Privatisierungen in dem Sektor haben dazu geführt, dass es in Altersheimen an allem fehlt. "Die hatten dort Papierservietten und tackerten Gummis dran, das waren ihre Gesichtsmasken", erzählte eine Ärztin in Schweden der SZ von Bekannten, die in Altersheimen arbeiten. "Wir waren das schlechteste aller nordischen Länder, als es darum ging, unsere Alten zu retten", schreibt Aftonbladet: Die Privatisierung des Sektors sei in Schweden viel weiter gegangen als in den Nachbarländern. "Gier und Privatisierung erweisen sich nun als tödlich."

 

Die Regierung untersucht nun, was schiefgelaufen ist. Kritiker verweisen auf einen ganzen Strauß an Fehlern: Die hohe Fluktuation bei schlecht bezahlten Altenpflegern, die auf Stundenlohn arbeiten und es sich nicht leisten können, zu Hause zu bleiben, wenn der Hals kratzt.

 

Die Tatsache, dass dieses Personal nie getestet wurde auf Covid-19. Oder die Tatsache, dass die Gesundheitsbehörde die Gefahr durch asymptomatische Ansteckungen nie ernst genommen hatte. "Der größte Fehler war, dass sie dem Perso-nal in den Heimen immer nur sagten: Bleibt zu Hause, wenn ihr euch krank fühlt", sagte die Autorin und Virologin Lena Einhorn der SZ.

 

Die Behörden haben erkannt, dass sie die Lage in den Altersheimen schnell in den Griff bekommen müssen. "Daran hängt nun alles", sagte auch Staatsepidemiologe Anders Tegnell. Ansonsten drohen dem Land zwischen 8000 und 20 000 Tote, glaubt der Mathematiker Tom Britton von der Universität Stockholm.

 

Die Regierung betont, sie habe inzwischen strenge Maßnahmen eingeleitet. Die Infektionszahlen in den Heimen scheinen nun tatsächlich gesunken, wie momentan auch die im ganzen Land. Und Ministerpräsident Stefan Löfven versprach, "die Bedingungen in der Altenpflege zu verbessern", ohne Details zu nennen.

 

Wirklich verantwortlich dafür, wie das Virus unter den Alten in den Heimen gewütet hat, scheint sich aber im Moment niemand zu fühlen. Man werde "als Gesellschaft gemeinsam Verantwortung" übernehmen, sagte Sozialministerin Lena Hallengren in SVT. So leicht wollen Kritiker die Regierung nicht vom Haken lassen.

 

Der Journalist Björn Hygstedt sprach im selben Sender von seiner Wut. Hygstedts 92-jähriger Vater hatte sich in einem Altersheim mit Corona infiziert und war gestorben, ohne einen Angehörigen an seiner Seite. Hygstedt hatte einen viel gelesenen Text über den Tod seines Vaters geschrieben. Und er ist sich sicher: Es ist die Schuld der Behörden. "Ihr Ver-sagen hat so viele Leben gekostet."

 

https://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/coronavirus-in-schweden-t%c3%b6dlicher-sonderweg/ar-BB13WVS6?OCID=ansmsnnews11

 

https://interaktiv.bazonline.ch/2020/coronavirus-vergleich-schweden-schweiz/?nosome