Coronavirus-Epidemie


 

 

Sorry, Bachblütentropfen, Globuli und andere homöopathische Mittelchen schützen nicht vor COVID-19!

 

Wir müssen in dieser Krise die Proportionen realistisch einschätzen lernen und trotz einer vorwiegend

eindimensionalen Fokussierung der Medien und emotionalisierender Negativschlagzeilen nüchtern bleiben!

 

Die Anzahl der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland betrug im Dezember 2018: 85.019.213 Einwohner.

Am 30.03.2020 hat das Robert-Koch-Institut bekannt gegeben, dass es in Deutschland 63.929 Infizierte gab bzw. gibt.

Daher gibt es hierzulande inklusive Asylbewerber und noch nicht eingebürgerte Migranten immer noch

über 85 Millionen Nicht-Infizierte. Es gibt also keinen Grund für Panik, aber auch keinen für Leichtsinn!

 

UWD

 


 

PRESSEMITTEILUNG DES DEUTSCHEN ETHIKRATES 04/2020

 

Berlin, 27. März 2020

 

Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise

 

Die gegenwärtige Pandemie fordert unsere Gesellschaft in beispielloser Form heraus und führt zu schwerwiegenden ethischen Konflikten. Der Deutsche Ethikrat befürwortet die aktuell zur Eindämmung der Infektionen ergriffenen Maßnahmen, auch wenn sie allen Menschen in diesem Land große Opfer abverlangen. Freiheitsbeschränkungen müssen jedoch kontinuierlich mit Blick auf die vielfältigen sozialen und ökonomischen Folgelasten geprüft und möglichst bald schrittweise gelockert werden. Für diesen schwierigen Abwägungsprozess will der Ethikrat mit seiner heute veröffentlichten Ad-hoc-Empfehlung „Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise“ ebenso ethische Orientierungshilfe leisten wie für die im Gesundheitssystem drohenden dramatischen Handlungs- und Entscheidungssituationen.

 

Der ethische Kernkonflikt besteht darin, dass ein dauerhaft hochwertiges, leistungsfähiges Gesundheitssystem gesichert werden muss und zugleich schwerwiegende Nebenfolgen für Bevölkerung und Gesellschaft möglichst gering zu halten sind. Das erfordert eine gerechte Abwägung konkurrierender moralischer Güter, die auch Grundprinzipien von Solidarität und Verantwortung einbezieht und sorgfältig prüft, in welchem Ausmaß und wie lange eine Gesellschaft starke Einschränkungen ihres Alltagslebens verkraften kann.

 

Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, sagte dazu: „In dieser Krise ungekannten Ausmaßes können wir uns glücklich schätzen, so große Solidaritätsressourcen in unserer Gesellschaft zu besitzen. Wir müssen aber ehrlich sein: Auch mit diesen Ressourcen gilt es sorgsam umzugehen und Spannungen zwischen unterschiedlichen Ansprüchen bedürftiger Gruppen fair auszuhandeln.“

 

Der Ethikrat möchte Politik und Gesellschaft dafür sensibilisieren, die verschiedenen Konfliktszenarien als normative Probleme zu verstehen. Ihre Lösung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es widerspräche dem Grundgedanken demokratischer Legitimation, politische Entscheidungen an die Wissenschaft zu delegieren und von ihr eindeutige Handlungsanweisungen für das politische System zu verlangen. Gerade schmerzhafte Entscheidungen müssen von den Organen getroffen werden, die hierfür durch das Volk mandatiert sind und dementsprechend auch in politischer Verantwortung stehen. Die Corona-Krise ist die Stunde der demokratisch legimitierten Politik.

 

Wesentlicher Orientierungspunkt für die nahe Zukunft ist die weitgehende Vermeidung von Triage-Situationen, in denen Ärzte zu entscheiden gezwungen wären, wer vorrangig intensivmedizinische Versorgung erhalten und wer nachrangig behandelt werden soll. Der Staat darf menschliches Leben nicht bewerten und deshalb auch nicht vorschreiben, welches Leben in einer Konfliktsituation zu retten ist. Die Verantwortung, in solchen dilemmatischen Situationen katastrophaler Knappheit medizinischer Ressourcen über Leben und Tod zu entscheiden, sollte aber auch keinesfalls allein den einzelnen Ärztinnen und Ärzten aufgebürdet werden. Schon aus Gründen der Gleichbehandlung, aber auch um der allgemeinen Akzeptanz willen bedarf es vielmehr weithin einheitlicher Handlungsmaximen für den klinischen Ernstfall nach wohlüberlegten, begründeten und transparenten Kriterien. Hierzu sind bereits erste Empfehlungen medizinischer Fachgesellschaften erschienen.

 

Zugleich gilt es, die aktuellen freiheitsbeschränkenden Infektionsschutzmaßnahmen fortlaufend kritisch zu evaluieren. Dem Ziel, die Ausbreitung des Coronavirus erheblich zu verlangsamen, muss zwar auch aus Sicht des Deutschen Ethikrates derzeit die größte Aufmerksamkeit gewidmet werden. Dabei ist jedoch auch jetzt schon die mittel- und langfristig bedeutsame Frage in den Blick zu nehmen, unter welchen Voraussetzungen und auf welche Weise eine geordnete Rückkehr zu einem einigermaßen „normalen“ gesellschaftlichen und privaten Leben sowie zu regulären wirtschaftlichen Aktivitäten erfolgen kann, um die ökonomischen, kulturellen, politischen und psychosozialen Schäden möglichst gering zu halten.

 

Konkret empfiehlt der Ethikrat für die nächste Zeit unter anderem folgende Einzelmaßnahmen:

 

  • weiteres Aufstocken und Stabilisieren der Kapazitäten des Gesundheitssystems
  • Einführung eines flächendeckenden Systems zur Erfassung und optimierten Nutzung von Intensivkapazitäten
  • Abbau bürokratischer Hürden und bessere Vernetzung im Gesundheitssystem und mit anderen relevanten Gesellschaftsbereichen
  • weiterer Ausbau von Testkapazitäten
  • weitere kontinuierliche Datensammlung zu individueller und Gruppenimmunität und zu Verläufen von Covid-19
  • breite Förderung/Unterstützung von Forschung an Impfstoffen und Therapeutika sowie Vorbereitung von Förderstrukturen für deren massenhafte Produktion und Einführung
  • Unterstützung von interdisziplinärer Forschung zu sozialen, psychologischen und anderen Effekten der Maßnahmen im Rahmen der Covid-19-Pandemie
  • Entwicklung von effektiven und erträglichen Schutz- und Isolationsstrategien für Risikogruppen
  • eine fundierte Strategie für die transparente und regelmäßige Kommunikation zu ergriffenen Maßnahmen und zur politischen Entscheidungsfindung im Zusammenhang mit Covid-19
  • ein Überdenken der Angemessenheit föderaler Lösungen im Katastrophenfall sowie konkrete Berechnungen der zu erwartenden Kosten durch ergriffene Maßnahmen und Alternativszenarien

 

Der vollständige Wortlaut der Ad-hoc-Empfehlung ist abrufbar unter: https://www.ethikrat.org/fileadmin/Publikationen/Ad-hoc-Empfehlungen/deutsch/ad-hoc-empfehlung-corona-krise.pdf.

 

Weitere Informationen unter: https://www.ethikrat.org/mitteilungen/2020/solidaritaet-und-verantwortung-in-der-corona-krise/

 


 

Ungarn, Polen, Großbritannien: Wo mit dem Virus der Rechtsstaat ausgehebelt wird

 

Dem Coronavirus wird europaweit mit bisher nicht gekannten Maßnahmen entgegengetreten. Ungarn, Polen und Großbritannien gehen allerdings noch ein Stück weiter: Die dortigen Regierungen nutzen die Krise, um ihre Macht auszudehnen.

 

Marco Fieber in Web.de am 25.03.2020

 

Die Lage ist ernst, europaweit. Um dem Coronavirus Herr zu werden und eine weitere Ausbreitung der von ihm verursachten Lungenkrankheit COVID-19 so weit wie möglich zu verlangsamen, haben Regierungen in ganz Europa zu drastischen Maßnahmen gegriffen.

 

Egal ob Frankreich, Italien, Deutschland, Österreich oder die Schweiz: Die Freiheitsrechte der Bürgerinnen und Bürger werden temporär gravierend eingeschränkt, um die Gesellschaft insgesamt, aber vor allem um besonders gefährdete Risikogruppen und das medizinische Personal zu schützen.

 

Allerdings gehen in einigen Ländern die Staats- und Regierungschef darüber hinaus. Unter dem Vorwand, das Virus SARS-CoV-2 und die Krankheit COVID-19 einzudämmen, beschneiden sie der Macht wegen teils drastisch die Bürgerrechte oder nehmen sogar eine Gefährdung der Gesundheit der Bürger in Kauf. Ein Blick nach Ungarn, Polen und Großbritannien.

 

Ungarn: Diktatur in einer Woche?

 

"Jeder trägt Verantwortung, jeder muss seinen Beitrag leisten. Statt Streit und Sticheleien ist jetzt die Zeit des Zusammenhalts gekommen", ermahnte Ungarns rechtspopulistischer Premierminister Viktor Orbán die Parlamentsabgeordneten am Montag in einer Rede. Orbán und seine Partei Fidesz haben das Land bereits in den vergangenen zehn Jahren nach ihrem Willen umgebaut. Die unabhängige Presse und die Opposition sind marginalisiert, gegen Ungarn läuft ein Rechtsstaatlichkeitsverfahren wegen der Gefährdung von EU-Grundwerten.

 

Inmitten der Coronavirus-Krise hat die ungarische Regierung nun einen weiteren, einschneidenden Gesetzentwurf vorgelegt. Der würde Orbán ermöglichen, im Rahmen eines Notstands von womöglich unbegrenzter Dauer per Dekret zu regieren. Denn der auf der Webseite des Parlaments veröffentlichte Gesetzentwurf sieht vor, dass die Regierung den am 11. März wegen der Pandemie verhängten Notstand ohne die Zustimmung des Parlaments unbegrenzt verlängern kann.

 

Die Regierung soll damit das Recht erhalten, "die Anwendung bestimmter Gesetze per Dekret auszusetzen", feste Vorgaben nicht einzuhalten und "andere außergewöhnliche Maßnahmen einzuführen, um die Stabilität des Lebens, der Gesundheit, der persönlichen und materiellen Sicherheit der Bürger wie der Wirtschaft zu garantieren", wie es in dem Gesetzentwurf heißt.

 

Orbáns Kritiker befürchten, dass das Gesetz das Machtgefüge in Ungarn weiter zugunsten der Regierung verändern würde. Für Beunruhigung sorgt auch eine Klausel in dem Entwurf, die die Möglichkeit einer "erzwungenen parlamentarischen Pause" vorsieht.

 

Das geplante Gesetz sieht zudem Änderungen am Strafrecht vor, sodass bis zu acht Jahre lange Haftstrafen bei Verstößen gegen die Corona-Quarantänemaßnahmen verhängt werden könnten. Auch die Einführung von Gefängnisstrafen von bis zu fünf Jahren für die Verbreitung von "Falschnachrichten" über das Coronavirus und über die zu seiner Eindämmung verhängten Maßnahmen sind vorgesehen.

 

Das Parlament soll in der kommenden Woche über das Gesetz abstimmen. Für dessen Verabschiedung ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig – und Fidesz besitzt diese knapp. Das erklärt Orbáns Appell an die eigenen Reihen: "Ich brauche 133 mutige Leute, die 133 mutigsten Leute des Landes", zitiert ihn die regierungskritische ungarische Website "444.hu".

 

Polen: Regierung riskiert das Leben ihrer Wähler

 

In Polen macht sich die nationalkonservative Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) die Corona-Pandemie für den Wahlkampf zunutze. "PiS will die Präsidentschaftswahl am 10. Mai unbedingt durchziehen", sagt der polnische Politikwissenschaftler Bartosz Rydliński von der Warschauer Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität unserer Redaktion. Alle Kandidaten außer Präsident Andrzej Duda – PiS-Politiker und erneut Kandidat – drängen auf eine Verschiebung in den Herbst.

 

"Diese Wahlen müssen zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden. Wir haben eine Krise zu bekämpfen", sagte die Präsidentschaftskandidatin der größten Oppositionspartei, Malgorzata Kidawa-Blonska, der konservativen Tageszeitung "Rzeczpospolita".

 

Doch PiS sperrt sich gegen eine Verlegung. Es sei noch zu früh für eine solche Entscheidung, sagte Vize-Regierungschef Jaroslaw Gowin am Montag laut Nachrichtenagentur PAP. "Man muss alles tun, damit die Wahlen am 10. Mai stattfinden können." Amtsinhaber Duda führt derzeit in allen Umfragen vor seinen Mitbewerbern.

 

Laut Politologe Rydliński spekuliere PiS darauf, dass im Mai die Spitze der Corona-Pandemie überwunden ist. "Zudem bekommen die Regierung und Präsident Duda in der gegenwärtigen Krise viel Vertrauen entgegengebracht, was sie natürlich für sich Nutzen wollen." Faktisch haben zwar alle Parteien ihren Wahlkampf abgebrochen, doch aufgrund seines Amtes ist Duda trotzdem ständig in den Medien präsent.

 

"Statt seine Pflichten als Präsident zu erfüllen, fährt er durchs Land und gefährdet sich, seine Mitarbeiter und andere", kritisierte Kidawa-Blonska von der liberalkonservativen Bürgerkoalition. Auch der Kandidat der konservativen Bauernpartei, Wladyslaw Kosiniak-Kamysz, warf Duda unzulässige Profilierung vor dem Hintergrund der Coronavirus-Pandemie vor.

 

"Die Regierung riskiert das Leben ihrer Wähler", betont Rydliński. Ihm zufolge gebe es gerade in den Wahllokalen im ländlichen Raum gar keine Wahlhelfer. So ist es gut möglich, dass die Wahl, sollte sie tatsächlich im Mai stattfinden, angefochten wird. Neuer Streit zwischen Regierung und Opposition ist also schon vorprogrammiert.

 

Großbritannien: Putsch der Exekutive

 

Nach langem Zögern ist auch der britische Premierminister Boris Johnson auf den Kurs seiner europäischen Nachbarn eingeschwenkt. London hat im Kampf gegen das Coronavirus weitreichende Ausgangsbeschränkungen beschlossen, wie Johnson am Montagabend in einer im Fernsehen übertragenen Rede an die Nation erklärte. Landesweit trat eine dreiwöchige Ausgangssperre in Kraft.

 

Die Maßnahmen ähneln zwar jenen in etlichen EU-Staaten, doch die eilig verabschiedete Notverordnung enthält einige Passagen, die die Bürgerrechte ungewöhnlich drastisch beschneiden: So darf die Polizei mutmaßlich Infizierte festnehmen und bis zu einem Monat lang in Zwangsisolation stecken. Auch Menschen, die sich Corona-Tests verweigern, können inhaftiert werden.

 

Das Coronavirus könnte in Großbritannien besonders viele Menschenleben fordern - vielleicht sogar mehr als in Italien, fürchten Experten. Doch kann die anfangs zögerlich handelnde Regierung mit ihren Maßnahmen die Gefahr noch abwehren?

 

Zudem soll die "Coronavirus Bill" zwei Jahre lang gelten. Sie kann gegebenenfalls auch noch um weitere sechs Monate verlängert werden. Nach Protesten ebenso aus Reihen der regierenden Tories sollen die Maßnahmen nun immerhin alle sechs Monate überprüft werden.

 

Dennoch bleibt die Opposition skeptisch. "Diese Pandemie sollte nicht als Deckmantel für etwas dienen, das man als Putsch der Exekutive bezeichnen könnte, wenn sie wie geplant voranschreitet", sagte der Labour-Abgeordnete Clive Lewis der linksliberalen Tageszeitung "The Guardian". Er habe insbesondere Bedenken hinsichtlich des Demonstrationsrechts und der Betreuung von Menschen mit Behinderungen. Letzte können laut dem Gesetz festgehalten werden.

 

Auch Lewis' Kollege Chris Bryant kritisierte das Gesetz, weil es eine Machtverschiebung zugunsten der Regierung und drakonische Zwangsmaßnahmen beinhalte. "Nicht selten in der Geschichte kam es vor, dass Regierungen schnell darin waren, sich neue Rechte zu nehmen, aber langsam darin, sie dem Volk zurückzugeben", zitierte der Schweizer "Tagesanzeiger" den Labour-Politiker.

 

Premier Johnson betonte hingegen, die Regierung werde nach mindestens drei Wochen die Regeln lockern, "wenn es Anzeichen gibt, dass wir dazu in der Lage sind". Dass das aber so komme, sei "keineswegs sicher", bemerkte der "Guardian".

 

https://web.de/magazine/politik/ungarn-polen-grossbritannien-coronavirus-rechtsstaat-demokratie-34547130

 


 

Kanzlersuche, Big Data, Wissenschaftler in der Politik: So beeinflusst Corona die Politik

 

Marie Illner auf web.de am 26. März 2020, 23:25 Uhr

 

Die Coronakrise verändert das öffentliche Leben zusehends. Aber hat das Virus auch die Kraft, die Achsen der Politik zu verschieben? Der Politikwissenschaftler Volker von Prittwitz erklärt die Folgen der Viruswelle – von der Kanzlersuche bis hin zu Punktgewinnen für Big Data.

 

Die Auswirkungen der Coronakrise sind in Deutschland und weltweit spürbar: Gestrichene Flüge, abgesagte Veranstal-tungen, leere Fußgängerzonen und Millionen unter Quarantäne – an niemandem geht die Pandemie spurlos vorbei. So auch nicht an der Politik: Der Bundestag ist im Corona-Modus, auf der politischen Agenda steht einzig und allein die Eindämmung der Viruswelle. Was für politische Folgen bringt das mit sich?

 

"Was Corona-Viren sind, wie sie wirken und wie wir uns vor ihnen schützen können, sagen uns Virologen. Kommt es zu einer Virus-Epidemie, haben Staat und Politik allerdings darüber zu befinden, wie vorgegangen wird“, sagt Politik-wissenschaftler Volker von Prittwitz.

 

Parteipolitische Aspekte spielten kaum eine Rolle, politische Differenzen machten sich jedoch bemerkbar. Beispiel: Während der Liberale Christian Lindner (FDP) auf eine schnelle Wiederaufnahme des wirtschaftlichen Lebens pocht, fordern die Linken Zuschüsse für Krankenpfleger und Alexander Gauland (AfD) macht im Bundestag die Möglichkeit von Grenzschließungen zum Thema.

 

"Kriegsmetapher ist gefährlich“

 

Mit martialischen Worten hatte der französische Präsident Emmanuel Macron dem Virus den Kampf angesagt: "Wir befinden uns im Krieg“, so Macron. Politikwissenschaftler von Prittwitz hält das für ein verfehltes Denkmuster. "Nach herkömmlichem Denken organisiert sich eine Gemeinschaft bei Krieg am entschlossensten und vollständigsten. Krieg allerdings wird zwischen Akteuren geführt, die sich wechselseitig zu vernichten suchen“, erinnert er.

 

Dazu gehörten Freund-Feind-Denken und Nullsummen-Konstellationen. "Außerdem produziert Krieg meist sinnlose Opfer, vor allem junge Menschen, und Lügen und Anti-Kommunikation, die den Feind verwirren sollen, werden gerechtfertigt“, so der Politikwissenschaftler. Eine Virusepidemie hingegen bilde eine Herausforderung für das öffentliche Handeln, in der rasch, umsichtig, konsequent und transparent agiert werden sollte.

 

Zu spät entschlossen gehandelt

 

Mit Blick auf die deutsche Bundesregierung sieht von Prittwitz Verbesserungsbedarf: "Hätten die Verantwortlichen früher und entschlossener gehandelt, um eine Corona-Verbreitung in Deutschland kleinzuhalten, hätten wir jetzt wahr-scheinlich nur mit einem Teil der Probleme zu kämpfen“, urteilt er. Für die Zukunft heißt das: "Politik muss bei erkenn-baren Sachfragen rascher und zielorientierter handeln – zum Beispiel auch bei der Klimafrage“, so von Prittwitz.

 

Die Regel, Kontakte zu vermeiden, erscheint ihm zielorientiert und angemessen. "Zugang zu Licht, frischer Luft und individueller Bewegung dürften nicht nur die Risiken psychischer Blackouts und häuslicher Gewalt verringern, sondern auch der allgemeinen Gesundheit und insofern der Eingrenzung und Milderung der Epidemie dienen“, sagt er.

 

AfD rutscht in Coronakrise ab

 

Die Akzeptanz unter den Bürgern ist mit 95 Prozent hoch. Das zeigen auch die Umfrageergebnisse: In der Coronakrise legt die Union deutlich zu, die AfD verliert zwei Prozentpunkte und rutscht unter zehn Prozent. Von Prittwitz wundert das nicht: "Es liegt nahe, dass die AfD in einer Situation an Zuspruch verliert, in der der Staat besonders herausgefordert wird und handelt.“ Die Klientel der Partei favorisiere autoritatives Handeln. "Handelt der Staat sichtbar entschlossen im Sinne von Gefahrenabwehr, verliert populistische Systemkritik an Glaubwürdigkeit“, so von Prittwitz.

 

Gleichzeitig kämpfen Friedrich Merz und Norbert Röttgen um ihre politische Relevanz: Während sich ihre Konkurrenten Markus Söder, Jens Spahn und Armin Laschet als Krisenmanager präsentieren können, müssen Merz und Röttgen ihre Kampagnen um den CDU-Parteivorsitz pausieren. Die CDU verschiebt ihren Bundesparteitag, dadurch dauert der Machtkampf um den Parteivorsitz länger.

 

Macht Corona Kanzler?

 

Macht Corona also Kanzler? "Wer Kanzler wird, ist nach wie vor offen“, sagt von Prittwitz, aber: "Wer Teil der Exekutive ist, so Ministerpräsidenten, hat allerdings Vorteile, denn die Coronakrise bietet ein Parkett, um zu punkten.“ Dieser allgemeine Vorteil verstärke sich in der akuten Krise. Schwaches Krisen-Management könne allerdings Wahlchancen auch verringern. "Siehe die teilweise grotesken Aussetzer des US-amerikanischen Präsidenten Trump“, so von Prittwitz.

 

Welche langfristigen politischen Folgen das Coronavirus mit sich bringen wird, ist in den Augen des Experten schwer zu sagen. "Es gibt viele Szenarien längerfristiger Auswirkungen von Corona, von rechts bis links, so etwa harmonistische Vorstellungen nun anbrechender ewiger Solidarität“, sagt er. Rechtlich betrachtet, stehe einem dauerhaften Struktur-bruch jedoch das polizeirechtliche Konzept der Gefahrenabwehr entgegen: "Damit erhält die Exekutive zwar besondere Rechte, dies aber nur in einem definierten Ausnahmefall, der mit bestimmten Gültigkeitsfristen versehen werden muss“, erinnert von Prittwitz.

 

Punktgewinn für Big Data

 

Anders jedoch bei Staaten wie Russland, Venezuela oder China, die sich zwischen Demokratie und Autokratie bewegen. "Sie wollen solche Ausnahmesituationen für dauerhafte Machtgewinne nutzen“, sagt von Prittwitz. Beispiel Israel: Dort regiert Benjamin Netanjahu per Notdekret, hat den Geheimdienst gestärkt und greift mittels Big Data massiv in die Persönlichkeitsrechte seiner Bürger ein.

 

Auch China setzt Big Data im Kampf gegen das Virus ein. Von Prittwitz sieht darin eine Gefahr: "Wie verschiedene euro-päische Regierungen - beeinflusst durch das Beispiel Chinas - mit Datenautonomie umgehen, hat zu einem neuen Zwischengipfel auf dem Weg zum Abbau informationeller Autonomie geführt“, beobachtet er. Corona beschleunige all das.

 

Rückzug ins nationale Schneckenhaus

 

Auch den politischen Reflex, sich ins eigene Schneckenhaus des Nationalen zurückzuziehen, beobachtet von Prittwitz. Dabei betont er: "Es gibt Potenziale der kooperativen Gefahrenabwehr – nicht nur nach außen, sondern auch zwischen den Mitgliedsländern.“ Das Saarland hat etwa Coronapatienten aus dem Elsass medizinische Hilfe angeboten.

 

Verschiebt Corona die Achsen der Politik nachhaltig? Werden Wissenschaftler die neuen Politiker? "Dass Virologen im Augenblick das öffentliche Sagen haben, erscheint selbstverständlich. Gefahrenabwehr operiert expertengestützt“, sagt von Prittwitz. Mittelfristig könnte Gesundheitspolitik in seinen Augen als Lehre von Corona an Gewicht gewinnen.

Menschenleben versus Wirtschaft?

 

Dazu gehören auch institutionelle Konsequenzen: "So, wie einige asiatische Länder aus der SARS-Epidemie 2003 gelernt und die Corona-Epidemie weit früher und intelligenter gemanagt haben, sollten wir uns in Zukunft besser auf Virus-wellen und Epidemien einstellen.“ Dazu müsse rasch, entschlossen und umsichtig gehandelt werden können.

 

Heißt es am Ende Menschenleben versus Wirtschaft? "Politik muss grundsätzlich eine Balance zwischen unterschiedli-chen Interessen finden. Der Versuch, Menschenleben zu retten, steht aber immer an erster Stelle und wiegt gerade jetzt am meisten“, stellt von Prittwitz klar. Gesundheitspolitik könne jedoch nicht ohne funktionierende Ökonomie erfolgreich sein. "Wir dürfen Gesundheitspolitik und Ökonomie nicht gegeneinander ausspielen, sondern müssen beides zusam-mendenken“, so von Prittwitz - eine Herausforderung zivilen und politischen Lernens.

 

Über den Experten: Professor Volker von Prittwitz lehrt am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Zu seinen Forschungs-schwerpunkt zählt vor allem die vergleichende Politikanalyse.

 

https://web.de/magazine/news/coronavirus/kanzlersuche-big-data-wissenschaftler-politik-beeinflusst-corona-politik-34553246

 


 

Deutscher Bundestag - Drucksache 17/1205117. Wahlperiode 03. 01. 2013

 

Unterrichtung durch die Bundesregierung: Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012

 

http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/120/1712051.pdf