Angst, Hass und Gewalt

 

Explosion der Gewalt

 

Der Respekt vor einstigen Autoritätspersonen erodiert, gewisse Stadtviertel sind heute no-go-areas, die Menschen bewaffnen sich. Wie sich unser Alltag verändert und warum. Ich-gesteuert statt «innen-geleitet»: Auch in der Schweiz ist eine zunehmende Verrohung im täglichen Miteinander festzustellen. Diese Veränderung ist nicht einfach vom Himmel gefallen.

 

Walter Hollstein - Basler Zeitung - 18.09.2017

 

Bei einer Schlägerei vor der Basler Bar «Soho» ist ein Mann verletzt worden. Ein Taxifahrer ist – ebenfalls in Basel – Opfer eines Raubüberfalls geworden. Der unbekannte Täter verletzte den Chauffeur am Kopf und machte sich mit dem ge-stohlenen Taxi aus dem Staub. Im Luzernischen tötet ein Mann auf offener Strasse seine Ehefrau, weil er sie – fälsch-licherweise – des Ehebruchs verdächtigte.

 

Brutaler Raubüberfall in der Stadt Zug: Zwei Männer haben einem Mann Geld abgenommen und ihm mit einem Messer den Mundwinkel aufgeschnitten. Zwei Tessiner sind in Bironico von einer Gruppe Männer mit Baseballschlägern attackiert worden. Beide wurden dabei verletzt. Fünf gegen einen: Ein 47-Jähriger wird in Basel angegriffen und verletzt. Er musste ins Spital eingeliefert werden. Nach einem Streit in der Steinentorstrasse wurde ein 27-Jähriger von drei Männern zu Boden geschlagen und mit Fusstritten verletzt, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Das Opfer musste in der Notfallstation behandelt werden. In der Filiale Spiegelgasse der Basler Kantonalbank (BKB) berauben zwei Männer eine Frau – am helllichten Tage.

 

Das sind einige Schlagzeilen der letzten Zeit. Was hinter ihnen steckt, konturiert inzwischen unseren Alltag. Hinzu kommt, was sich gar nicht mehr in den Medien findet: die täglichen Einbrüche, Schlägereien, Messerstechereien, Anpöbelungen oder körperlichen Übergriffe. Summiert ergibt das die strukturelle Veränderung von Alltäglichkeiten.

Am Beispiel: Der Baselbieter Busfahrer Oliver Wyss beklagt die Degeneration seines einstigen Traumberufs: «Die Ausraster der Passagiere sind kaum mehr zu ertragen. Langsam nehmen sie mir die Freude am Busfahren.» «Wir werden beschimpft, bespuckt, getreten oder als Vollidioten hingestellt.»

 

Unorte entstanden

 

Ein schier unfassbares Gewaltvideo aus Wien schockiert derzeit das Netz: Es zeigt eine Gruppe von Jugendlichen, die rund um ein junges Mädchen steht. Einer nach dem anderen tritt auf die 15-Jährige zu und schlägt ihr mit voller Wucht ins Gesicht. Die Niederösterreicherin wurde bei dem brutalen Angriff schwer verletzt. Als eine bayrische Lehrerin morgens zur Arbeit kommt, liest sie am Eingang zur Dorfschule: «Drecksschule! Fickt euch, ihr Lehrergesindel, ihr Untermenschen.» Ein Einzelfall sei das nicht – ganz im Gegenteil, kommentiert die Präsidentin des Bayerischen Lehrer-verbandes. Auf den Schulhöfen verbreite sich zunehmend eine aggressive, hasserfüllte Sprache.

 

Die Lehrer haben mit dem Manifest «Haltung zählt» reagiert: «Wir beobachten mit grösster Sorge, wie sich die Stim-mung, die Kommunikation in den sozialen Netzwerken und die alltäglichen Umgangsformen in unserer Gesellschaft verändern.» Nach Einschätzung des Deutschen Lehrerverbandes beginnt die sprachliche Verrohung immer früher. «Sie hören heute schon von Acht- oder Neunjährigen Begriffe wie Hure, Spasti, Asylant.» Die verbale Gewalt eskaliert vor allem in den Sozialen Medien, die sich eher als asozial offenbaren: Unflätigkeiten, Beleidigungen, eine Sprache weit unter der Gürtellinie.

 

Der Respekt vor einstigen Autoritätspersonen erodiert. Nicht nur vor Lehrern, Ordnungskräften oder Spitalpersonal, sondern selbst vor der Polizei. In Brüssel detoniert vor einem Revier eine Bombe. In Zürich greifen junge Männer Beamte mit Pflastersteinen und Knallpetarden an; in einen Streifenwagen werfen sie eine brennende Fackel. In Dortmund beobachten Polizisten, wie ein 15-Jähriger einem anderen Jugendlichen eine Waffe an den Kopf hält. Sie überwältigen den Jungen. Noch während sie ihn festnehmen, umzingelt eine Menschenmenge die Beamten und bedroht sie.

 

Der Respekt vor einstigen Autoritätspersonen erodiert.

 

Tom Schreiber, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, kommentiert: «Wenn Mitarbeiter offizieller Stellen bedroht werden, haben wir ein massives Problem. Der Eindruck entsteht, dass die staatlichen Institutionen aufgegeben haben.» Schreiber geht noch weiter: «Raubüberfälle, Menschen-, Drogen- und Waffenhandel, Geldwäsche, Morde, Paralleljustiz, die Bedrohung von Zeugen und Opfern, Schutzgelderpressungen, Schiessereien am Ku’damm, sogar die Explosion einer Autobombe am helllichten Tag – die Krake der Organisierten Kriminalität hält Berlin umklammert.» Die gesell-schaftliche Ordnung zerbreche. «Das Vertrauen in unseren Rechtsstaat, in unsere allgemeine Sicherheit und in die Gleichbehandlung aller schwindet. Der Eindruck entsteht, dass die staatlichen Institutionen längst aufgegeben haben.»

 

Es verändern sich auch die Orte der Gewohnheit: beliebte Plätze, kleine Parks, Schwimmbäder, Strassencafés. Man kann nicht mehr einfach überall hin und vor allem nicht mehr zu jeder Zeit. So beispielsweise der Jungfernstieg als Treffpunkt in Hamburg und als Aushängeschild der Hansestadt. Inzwischen ist es der abendliche Schauplatz von Messer-stechereien, Dealern, Trickdieben und anderen Kleinkriminellen und mit «erschrockenen Passanten, welche die Strassenseite wechseln».

 

Das gilt auch mittlerweile für Bahnhöfe, für viele Ufer von Seen und Flüssen, für traditionelle Erholungsorte. Der frühere Familienausflug ins Fussballstadion ist die längste Zeit ein unbeschwertes Vergnügen gewesen; Rowdies und Vandalen haben es zu ihrer Bühne von Gewalt und Petarden umfunktioniert. Gewisse Stadtviertel sind heute no-go-areas. Die Reaktion ist, dass Bürger sich zunehmend bewaffnen, dass sie ihre Wohnungen und Häuser zu Festungen umbauen. Das bleibt nicht ohne Folgen.

 

Der kürzlich verstorbene Soziologe Zygmut Bauman hat detailliert aufgezeigt, wie sich das gesellschaftliche Leben verändert, wenn «die Menschen hinter Mauern leben, Wachen engagieren, gepanzerte Autos fahren, Tränengas oder Pistolen mit sich herumtragen und Kampfsport betreiben. Das Problematische an diesen Verhaltensweisen ist, dass sie das Gefühl der Unordnung, das wir mit ihnen bekämpfen wollen, bestätigen und mit erzeugen.»

 

Transformation des Menschen

 

Die Ursache dieser Gewalt wird von Sozialwissenschaftlern mit einer Kausalkette von Überforderung, Frustration und Aggression erklärt. Die dramatisch gestiegenen Belastungen im Arbeits- und Alltagsleben führten zu immer mehr Frustrationen, für die in der heutigen Gesellschaft die sinnvollen Bewältigungsstrategien fehlten; so entlüden sie sich schliesslich und zumeist irrational in Aggressionsakten als vermeintlicher Entlastung.

 

Verstärkt wird diese Entwicklung durch den sukzessiven Zusammenbruch von Verhaltensmustern, die früher das menschliche Zusammenleben strukturiert haben: Respekt, Rücksichtnahme, die Akzeptanz der staatlichen Ordnung, gegenseitige Hilfe, Höflichkeit, Vertrauen, Zivilcourage – alles sogenannte Kardinaltugenden, ohne die gesellschaftliches Leben zerbröselt.

 

Das ist uns in unserer Erziehung auch so vermittelt worden. Die Sozialwissenschaften nennen das die «primäre Sozia-lisation». Eine ihrer wichtigsten Lerninhalte ist, dass es ausser uns noch andere Menschen gibt. Wir lernen, dass auch diese anderen Menschen ihre berechtigten Bedürfnisse haben und dass wir diese Bedürfnisse so respektieren müssen wie die anderen Menschen die unsrigen. Geregelt wird dieser Austausch von Normen und Werten, Regeln und Gesetzen.

 

«Ich sei ein Arschloch und solle endlich losfahren und die verlorene Zeit einholen.»

 

In seinem soziologischen Klassiker «Die einsame Masse» unterscheidet David Riesman erklärend den traditions-geleiteten, innengeleiteten und aussengeleiteten Menschen. Die industrielle Gesellschaft – hochdifferenziert – braucht den «innengeleiteten» Menschen, der frühzeitig «einen seelischen Kreiselkompass» in sich aufnimmt, mit dem er – einmal vom Elternhaus in Gang gesetzt – fortan auch Signale von anderen Autoritäten aufnehmen kann. Der innen-geleitete Mensch wird in der primären Sozialisation auf Werte, Prinzipien und Ziele festgelegt, die in einem hohen Masse verinnerlicht werden und als lebenslange Verhaltenssteuerung fungieren.

 

In der zeitgenössischen Konsumgesellschaft ist dieser Typus obsolet; benötigt wird vielmehr der «aussengeleitete Mensch», der jederzeit in der Lage ist, sich an Trends, Moden und an dem, was jeweils «in» ist, zu orientieren. Da dieser moderne Zeitgenosse heute nicht weiss, was morgen «für alle selbstverständlich» ist, muss er dauerhaft fähig sein, «Signale von nahe und fern zu empfangen» und sich auf die häufigen Programmwechsel einzustellen.

 

Kein Kreiselkompass mehr, sondern «Radaranlage». Mit der Erosion der Innenleitung schwächt sich aber auch der Widerstand gegen falsche Autoritäten; insofern kann der aktuelle Begeisterungsschub für Populisten nicht verwundern. Die Lähmung der einst internalisierten Kontrolle setzt auf der Gegenseite die unkontrollierten Trieb- und Impulskräfte des Menschen gefährlich frei.

 

Zeitkritische Sozialwissenschaftler wie Richard Sennett haben darauf schon seit Längerem aufmerksam gemacht. Kurz gefasst: Ich-gesteuert statt «innen-geleitet». «Innen-geleitet» hatte immer auch den anderen Menschen mitgedacht, sein Daseinsrecht, seine Bedürfnisse und berechtigten Erwartungen. Ich-gesteuert impliziert Empathieverlust. Am Beispiel: Die Essener Polizei ermittelt gegen vier Personen, die im Vorraum einer Deutsche-Bank-Filiale einen zusam-mengebrochenen Mann ignorierten; sie gingen nah an dem Hilflosen vorbei oder «stiegen hinüber, um ihre eigenen Finanzgeschäfte durchzuführen», heisst es im Polizeibericht. Erst nach 20 Minuten rief jemand die Rettung. Zu spät: Der 82-Jährige starb im Spital.

 

Bürde der Verantwortung

 

Busfahrer Oliver Wyss berichtet, wie an einer Haltestelle eine ältere Frau mit ihrem Rollator wartet. Er steigt aus und hilft ihr. Als sie zwei Stationen später den Bus verlässt, ist der Fahrer erneut zur Stelle. Für den Chauffeur eine Selbst-verständlichkeit, für die Buspassagiere offenbar nicht. «Ich sei ein Arschloch und solle endlich losfahren und die verlorene Zeit einholen.»

 

Diese Veränderung ist nicht einfach vom Himmel gefallen; an ihr ist eine gesellschaftliche Dynamik beteiligt, die soziologisch im Begriff der «Individualisierung» erfasst wird. Damit gemeint ist, dass das Leben von Frauen und Männern aus einst gott- oder gesellschaftsgesetzten Umständen «befreit» ist. Zwänge, wie sie früher bestanden,

haben sich aufgelöst und die Menschen in die alleinige Verantwortung für ihr Leben entlassen.

 

Religiöse Determinanten, Traditionen und Wertvorstellungen sind zusammengebrochen. Das Selbst-Recht dominiert, gilt aber nicht mehr für den Anderen. Je stärker der Individualschub, desto schwächer die gesellschaftlichen Normen. «Ich-gesteuert» ist eigennütziges Kalkül, nicht nur selbstbezogen, sondern selbstherrlich, durchsetzig gegen andere, pur rücksichtslos. Romano Guardini, italienisch-deutscher Theologe und Kulturphilosoph, hat dazu schon vor einigen Jahr-zehnten in seiner Tugendlehre notiert: «Echte Höflichkeit ist Ausdruck von Achtung vor der menschlichen Person. Sie macht, dass die vielen, die im engen Raum des Lebens einander beständig begegnen, es tun können, ohne sich wechselseitig zu verletzen.»

 

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für politische Soziologie; Gutachter des Europarates für soziale Fragen

 

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AUS DEN FUGEN UND WOHIN?

 

Ulrich Becks letzte Zeitdiagnose

 

Walter Hollstein - Bücherjournal der Neuen Zürcher Zeitung, März 2017

 

„Die Welt ist aus den Fugen ... Ihre äussere Ordnung ist zerbrochen, ihr innerer Zusammenhalt verloren gegangen”. So beginnt Ulrich Beck sein letztes Buch über die „Metamorphose der Welt”. Die Folge sei unser generelles Unverständnis gegenüber der radikal verwandelten Wirklichkeit. „In diesem Buch versuche ich zu verstehen und zu erklären, warum wir die Welt nicht mehr verstehen”. Mit den traditionellen Begriffen der Sozialwissenschaften sei das, was sich derzeit vollzöge, nicht mehr zu fassen: statt Wandel also Metamorphose.

 

Die Entstehungsgeschichte des Buches ist tragisch. In ihrem Vorwort schreibt Becks Frau, Elisabeth Beck-Gernsheim- selber eine renommierte Soziologin: „Der 1. Januar 2o15 war ein Wintertag wie aus dem Bilderbuch: blauer Himmel, strahlende Sonne, glitzernder Schnee.” Die Becks entschliessen sich zu einem Spaziergang in Münchens Englischem Garten und diskutieren dabei die Thesen des neuen Buches. „Und dann, plötzlich, das Ende. Herzinfarkt. Ulrich kam nicht mehr nach Hause. Er starb noch im Englischen Garten”. Das unfertige Manuskript wird nun von seiner Frau und etlichen Kollegen „vollendet”.

 

Ulrich Beck gehört zu den produktivsten deutschen Soziologen. Über den Fachkreis hinaus bekannt wurde er 1986 mit seinem Bestseller „Risikogesellschaft” - in nahezu 4o Sprachen übersetzt. Später folgte „Weltrisikogesellschaft”. In beiden Büchern explizierte Beck, dass unsere Industriegesellschaft zunehmend ungeplante Gefahren produziert, die unsere Lebensweise in Frage stellen; das aktuelle Beispiel war damals Tschernobyl. Beck arbeitete zu jener Zeit als Professor an der Universität München, später an der London School of Economics und in Paris. Er war so auch international der renommierteste deutsche Soziologe.

 

In der „Metamorphose der Welt” nimmt Beck die wesentlichen Themen aus der „Risikogesellschaft” wieder auf – ein Stück weit wohl auch zu viel. Jede moderne Gesellschaft ist sozialem Wandel unterworfen, konstatiert Beck; aber dieser Wandel vollziehe sich auf einem gesellschaftlichen Boden von Gewissheiten und Traditionen. Das sei vorbei. In unserer Gegenwart ändere sich das menschliche In-der-Welt-Sein grundsätzlich, denn nun werde stetig zur Wirklichkeit, was eben noch als undenkbar galt. Das macht für Beck „Metamorphose” aus.

 

Wer versuche, mithilfe der in den Sozialwissenschaften zur Verfügung stehenden Konzepte des Wandels „den all-gegenwärtigen Aufregungszustand der Welt auf den Begriff zu bringen”, der versuche, - so Beck in Anspielung auf Niklas Luhmann – „Pellkartoffeln zu pflanzen und zu ernten”. Immer wieder dekretiert Beck, dass „die grossen Gesellschaftstheorien eines Foucault, eines Bourdieu, eines Luhmann” unbrauchbar geworden sind, weil sie „den

Fokus auf die Reproduktion und eben gerade nicht auf die Transformation oder gar Metamorphose der sozialen und politischen Ordnung” legen. Begründet wird das nicht.

 

Metamorphose dokumentiert sich konkret im fortschreitenden Klimawandel; zum zweiten in der Auflösung des Nationalstaats und der Globalisierung, zum dritten in der „medizintechnischen Formbarkeit des Fortpflanzungsaktes” und schliesslich in der Auflösung der sozialen Klassen, zum Beispiel durch globale Finanzmarktrisiken. Veränderungs-potential sieht Beck in dem, was er „emanzipatorischen Katastrophismus” nennt: „Das Momentum der Metamorphose besteht verblüffenderweise gerade darin, dass der feste Glaube an die Gefährdung der gesamten Natur und der Menschheit durch den Klimawandel eines kosmopolitischen Wende unserer gegenwärtigen Lebensweise herbeiführen und die Welt zum Besseren ändern kann.” Das ist – mit Verlaub – naiv und bewegt sich, wie etliches in diesem Buch, auf der Ebene blosser Behauptung. Sicher enthält dieses nachgelassene Manuskript viele wichtige Gedankenanstösse; aber es bleibt en somme eben unfertig.

 

Was Beck in seiner Gesellschaftsanalyse nur streift, analysiert der Frankfurter Soziologe Oliver Nachtwey in seinem Buch „Die Abstiegsgesellschaft” auf überzeugende Weise. Seine Grundthese ist, dass aus unserer Gesellschaft des Aufstiegs und der sozialen Integration eine Gesellschaft des sozialen Abstiegs, geworden sei. Unter der Oberfläche einer schein-bar stabilen Gesellschaft erodierten seit Langem die Pfeiler der sozialen Integration, mehren sich Abstürze und Abstiege. Prekarität und Polarisierung seien heute Kennzeichen des sozialen Systems. Nachtwey belegt das mit vielen Daten und seinen eigenen Erfahrungen in der industriellen Arbeitswelt. Historisch macht er die „grosse Transformation des Sozial-staats” an der Agenda 2o1o des damaligen Kanzlers Schröder fest. Im Zuge der regressiven Modernisierung vollziehe sich die „Institutionalisierung von Prekarität”. Jeder müsse den Abstieg fürchten. Die Menschen reagierten mit einem „arbeitswütige Selbstproduktivismus”.

 

Nachtweys Analyse dürfte zum Wichtigsten der letzten Jahre gehören; sie dokumentiert auch, dass Soziologie durchaus mit dem auskommen kann, was derzeit an Begrifflichkeit zur Verfügung steht.

 

Ulrich Beck, Die Metamorphose der Welt. Berlin: Suhrkamp 2017, 267 S.

Oliver Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft. Berlin: Suhrkamp 2016, 264 S.

 

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Das Gären im Volksbauch

Warum die Rechte immer stärker wird

 

Die Welt scheint aus den Fugen oder ist es sogar. Viele Menschen sehen sich in Unsicherheit, Angst, aber auch in Wut und Frustration. Das führt zu Chaos in der Politik und zu neuen Bewegungen, die der öffentliche Diskurs im Begriff des Populismus zu fassen versucht.

 

Als Ursachen werden der Bedeutungsverlust der Volksparteien, die Flüchtlingskrise oder die soziale Ungleichheit angeführt. Doch das greift zu kurz. Was diese Entwicklungen provoziert hat und was hinter ihnen steckt, versteht der vorliegende Band „von unten“. Seine belegte Schlussfolgerung ist, dass die sukzessive Zerstörung der vertrauten Lebenswelten die wichtigste Ursache für den populistischen Trend darstellt.

 

Statt abstrakte Deutungsmuster und moralische Verurteilungen zu benützen, hat der Autor viele Gesprächen geführt, sie mit „Tiefeninterviews“ ergänzt, Leserbriefe, „hate speech“ oder tweets zum Thema analysiert und den Alltag syste-matisch beobachtet; er war auch als teilnehmender Beobachter an Schauplätzen von Protest und Gegenprotest.

 

Walter Hollstein, Das Gären im Volksbauch. Warum die Rechte immer stärker wird

Basel: NZZ Libro Februar 2020

 

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Richard Sennett, Der flexible Mensch (Berlin: btb 2006)

 

Flexibilität ist das Zauberwort des globalen Kapitalismus. Der Arbeitnehmer muß ständig bereit sein für Veränderungen. Richard Sennett zeigt, wie der ewige Zwang zum Neuen den Menschen deformiert. Beruf, Wohnort, soziale Stellung, Familie – alles ist den zufälligen Anforderungen der Ökonomie unterworfen. Sein Fazit: Eine Gesellschaftsordnung, die das Bedürfnis des Menschen nach Stabilität so sehr vernachlässigt, kann nicht von Bestand sein.

 

Richard Sennett, Respekt im Zeitalter der Ungleichheit (Berlin: btb 2004)

 

Manche radikalen Denker glauben, man müsse lediglich für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen, um auch mehr gegen-seitigen Respekt zwischen den Menschen zu wecken. Aber ist das überhaupt realistisch? Zieht Selbstachtung nicht automatisch mangelnden Respekt gegenüber denjenigen nach sich, die im unbarmherzigen sozialen und wirtschaft-lichen Wettbewerb die Benachteiligten sind? Bei der Suche nach Antworten greift Sennett auch auf seine eigene Lebensgeschichte zurück: Aufgewachsen in einem Ghetto von Chicago, gelang ihm zunächst mit Hilfe der Musik und dann des Studiums in Harvard der soziale Aufstieg. Erneut erweist sich Sennett als konstruktiver kritischer Geist mit Weitblick, als jemand, der mit Hilfe anschaulicher Beispiele grundlegende gesellschaftliche Veränderungen benennt.

 

Richard Sennett, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens: Die Tyrannei der Intimität (Fischer TB 2004)

 

Was geschieht, wenn die Öffentlichkeit als Forum gesellschaftlicher Erfahrung und kulturellen Austauschs zerfällt? Welche Folgen hat die zunehmende Abkoppelung der Privatsphäre von den Belangen des Gemeinwesens? Wo liegen die Ursachen für fortschreitende Auszehrung der "offenen Verhaltensstile" durch die "Tyrannei der Intimität"?

 

Die Formen und Verlaufsweisen des "Verfalls der öffentlichen Lebenswelt" in den Industriegesellschaften bilden das Thema der Studie von Richard Sennett. Gestützt auf eine Vielzahl von Quellen, untersucht er diesen Prozeß seit dem Ancien régime. Und er untersucht ihn an mannigfaltigen Gegenständen: an dem Bedeutungswandel der städtischen Märkte und Plätze, an der Mode, der Familie, den Auswirkungen der Industrialisierung und der Warenproduktion, an der politischen Rhetorik, dem "Star-System", dem Theater der Architektur, den "Ressentiments gegen Fremde", der sozialen Karriere des Narzißmus, der "Psychologisierung der Politik und der menschlichen Beziehungen", den Zivilisationssymbolen.

 

Sennetts ebenso materialreiche wie scharfsinnige Darstellung ist die sozialpsychologische und kulturgeschichtliche Ergänzung zu David Riesmans Die einsame Masse und Jürgen Habermas' Strukturwandel der Öffentlichkeit - ein Werk intensivster Nachdenklichkeit, in dem analytischer Einfallsreichtum und historisches Urteilsvermögen sich zu einer großen Zeit-Diagnose verbunden haben; ein verstörender Beitrag zur Strukturgeschichte der Moderne.