Wachsende Ungleichheit?

 

 

"Kapital und Ideologie": Der Kartograf der Ungleichheit

 

Thomas Pikettys Bestseller "Das Kapital im 21. Jahrhundert" war eine ökonomische Gegenwartsanalyse.

Im Nachfolgeband, der nun auf Deutsch erscheint, weitet er den Blick.

 

Oliver Schlaudt - DIE ZEIT - 4. März 2020

 

 

"Die soziale Ungleichheit ist weder ein technologisches noch ein ökonomisches Phänomen, sondern ein politisches und ideologisches." So lautet in einem Satz die Hauptthese von Thomas Pikettys neuem Buch Kapital und Ideologie.

 

Stolze 1. 300 Seiten Text umfasst der Band, in dem der französische Starökonom sich anschickt, eine ökonomische, soziale und politische Geschichte inegalitärer Systeme von den Feudal- und Sklavenhaltergesellschaften bis zu den postkolonialen und "hyperkapitalistischen" Gesellschaften der Gegenwart zu schreiben. Ein besonderes Augenmerk

gilt dabei der Ideologie, denn, wie es bei Piketty immer wieder heißt, "jede Gesellschaft muss ihren Ungleichheiten

einen Sinn geben", damit diese gerechtfertigt und folgerichtig akzeptiert werden können.

 

Der erste Teil des Buchs bietet einen ökonometrisch fundierten Aufriss der europäischen Geschichte der Ungleichheit vom Mittelalter bis zu den modernen Gesellschaften. Im zweiten Teil geht Piketty auf Kolonial- und Sklavenhalter-gesellschaften ein, wobei insbesondere auch die indische, die chinesische und die russische Geschichte Berücksichti-gung finden. Der dritte Teil schließt diese Erzählung mit der Darstellung der dramatischen Selbstzerstörung der europäischen Eigentümergesellschaften in den beiden Weltkriegen, der sozialdemokratischen Nachkriegsprojekte, der kommunistischen und postkommunistischen Erfahrungen und schließlich des gegenwärtigen Hyperkapitalismus. Im vierten Teil ändert sich der Ton deutlich, die Geschichtsschreibung weicht einer politischen und soziologischen Gegenwartsanalyse.

 

Die identitäre Falle

 

Als entscheidende politische Herausforderung unserer Zeit wird die "identitäre Falle" identifiziert. Die Sozialdemokratie sei im Grunde Opfer ihres eigenen bildungspolitischen Erfolgs geworden, indem sie sich schleichend von einer Arbeiter-partei in eine Akademikerpartei verwandelt habe. Die ehemalige Klientel empfinde sich heute als Globalisierungs-verlierer und drohe, zwischen einer "Kulturlinken" (gauche brahmane) und einer "Businessrechten" (droite marchande) politisch heimatlos geworden, sich auf die nationale Identität zurückzuziehen.

 

In der Regierung Macrons, de facto aber auch bei den britischen remainers, sieht Piketty eine Koalition dieser zwei Lager von Globalisierungsgewinnern, die sich selbst als progressiv betrachten und einen verächtlichen Blick auf die Abgehäng-ten werfen. Die Rechte verstehe, an die aufkeimenden Ressentiments dieser Schicht zu appellieren, ohne dabei von einer neoliberalen Wirtschaftspolitik abrücken zu müssen. Die Sozialdemokratie hingegen stehe mit leeren Händen da, da sie es schon vor Jahrzehnten verpasst habe, ein postnationales Programm zu entwickeln, mit dem einzig noch einem postnationalen Kapitalismus beizukommen sei.

 

Piketty antwortet seinerseits auf diese politische Herausforderung mit dem Programm eines "partizipativen und de-zentralen Sozialismus". Dieser stützt sich im Wesentlichen auf die stark progressive Besteuerung von Einkommen, Besitz und Erbe, beinhaltet aber auch neuartige Elemente wie eine radikalisierte Mitbestimmung in Betrieben und eine Art "Grunderbe" von 120.000 Euro, das im Alter von fünfundzwanzig Jahren an jeden Bürger ausbezahlt werden soll.

 

Das neue Buch fällt insgesamt durch eine radikalere und explizitere politische Positionierung auf. Piketty formuliert nicht bloß abstrakt, sondern ergreift konkret Partei, stellt sich auf die Seite der "Abgehängten", die er gegen den Klassenhass der Eliten und Globalisierungsgewinner in Schutz nimmt. Er solidarisiert sich der Sache nach mit den gilets jaunes und greift das neoliberale Europa an.

 

Damit der Leser entscheiden kann, ob er sich auf die gleichwohl beachtliche Lektüre einlassen soll, will er vermutlich wissen, um welche Art von Buch es sich bei Kapital und Ideologie überhaupt handelt. Spricht hier ein Ökonom, Historiker oder Soziologe, überhaupt noch ein Wissenschaftler, oder doch ein Politiker? Dieselbe Frage muss man auch beantwor-ten, um zu wissen, an welchen Maßstäben das Werk zu messen ist. Aber genau diese Frage ist alles andere als leicht zu beantworten. Piketty selbst präsentiert sein Buch als eine Fortsetzung des Vorgängerwerks Das Kapital im 21. Jahr-hundert (2013/2014). In diesem Buch – das Piketty ungeachtet des auch schon beeindruckenden Umfangs von 800 Seiten im Untertitel als Essay auswies – präsentierte der Autor die Früchte einer minutiösen, auf dem Studium von umfassendem Archivmaterial und Steuerstatistiken basierten historischen Rekonstruktion der Vermögensverteilung in Europa und Nordamerika über drei Jahrhunderte.

 

Das Hauptergebnis dieses Buchs war ein doppeltes: Piketty konnte zum einen zeigen, dass sich über das 19. Jahrhundert hinweg – entgegen der Versprechen der bürgerlichen Revolutionen – das Eigentum immer weiter konzentrierte. Dieser Trend wurde erst durch die "politischen Schocks" der Weltkriege beendet, bevor die Eigentumskonzentration ab den 1970er Jahren wieder einsetzte und inzwischen fast das Vorkriegsniveau erklommen hat. Zum anderen benannte Piketty einen konkreten ökonomischen Mechanismus, der hinter dieser Dynamik am Werk ist: Wenn das Wirtschaftswachstum hinter die Kapitalrendite zurückfällt, wächst das bestehende und durch Erbschaft weitergegebene Vermögen "von alleine" schneller als die Einkommen aus Arbeit, womit auch die Ungleichheit immer weiter zunimmt.

 

Als Soziologe ist Piketty überraschend stark

 

Piketty war mit Das Kapital im 21. Jahrhundert, das laut Verlag in vierzig Sprachen übersetzt rund 2,5 Millionen Mal verkauft wurde, ein echter Coup gelungen, und zwar gerade weil er sich zwischen alle Stühle setzte: Ein gestandener Schulökonom (mit den prestigeträchtigen Stationen LSE, MIT, Paris School of Economics) wies mit empirischen Daten akribisch nach, dass der Kapitalismus an seinem moralischen Versprechen, die Schranken der Ständegesellschaften zu überwinden und zu einer gerechteren Gesellschaft zu führen, gescheitert ist – und sogar scheitern musste.

 

Denn den Kapitalismus hinderten ja nicht widrige Umstände daran, seine wohltuende Wirkung zu entfalten. Er bringt die wachsende Ungleichheit vielmehr nach seinen eigensten Gesetzen hervor. Piketty stellte sich damit offen gegen den Mainstream seines Fachs, das traditionell mit der Verklärung des Kapitalismus befasst ist. Die Empörung unter den liberalen Kollegen war groß. Manche begingen den Fehler, Piketty just dort anzugreifen, wo er am stärksten ist: an seiner empirischen Grundlage. "Piketty's findings undercut by errors", meldete die Financial Times in ihrer Ausgabe vom 23. Mai 2014 – ein Angriff, den Piketty mit Leichtigkeit parierte.

 

Aber auch auf der anderen Seite des Spektrums war die Verwirrung beträchtlich. Der reiche Datenregen war den traditionell kapitalismuskritischen heterodoxen Ökonomen hochwillkommen, aber die orthodoxen ökonomischen Modelle und Begriffe hinter den Zahlen waren bei näherer Betrachtung nicht zu übersehen. Überhaupt bemerkte man bei Piketty eine gefährliche Nonchalance im Umgang mit theoretischen Begriffen wie "Kapital" oder "Kapitalismus". Insbesondere den Kapitalbegriff fasste Piketty als bloße Summe jeglichen Besitzes, von Maschinen ebenso wie Luxusgütern, womit unklar wurde, welche Rolle das Kapital in der Produktion spielt. Piketty saß also zwischen den Stühlen, aber zugleich kam keiner um ihn herum, womit der Erfolg des Buchs perfekt war.

 

Piketty versucht, sich von Marx abzusetzen

 

Mit Kapital und Ideologie folgt nun die Fortsetzung. Hauptunterschied ist laut Piketty der in zweifacher Weise erweiterte Fokus: Zum einen finden nun auch außereuropäische Länder Berücksichtigung (deren Daten Pikettys Forschungs-gruppe auch dank des Erfolgs des ersten Buchs erst zugänglich wurden), zum anderen wagt sich Piketty nun daran, die Blackbox der "Ideologie" zu öffnen. Ideologie sei tatsächlich so etwas wie der Schlüssel zum Verständnis der globalen Geschichte der Ungleichheit. Die Geschichte, so sucht sich Piketty von Marx abzusetzen, sei keine Geschichte von Klassenkämpfen, sondern von Ideologien.

 

Der deutsche Leser sei an dieser Stelle übrigens gewarnt, dass die Übersetzung von Pikettys Begriff der "idéologie" mit "Ideologie" zwar wohl unvermeidlich, aber durchaus problematisch ist. Zum einen ist das französische "idéologie" weiter gefasst und wird nicht nur pejorativ gebraucht. Ideologie bezeichnet hier einfach die normative Grundlage einer jeden Gesellschaft. Dazu kommt, dass Piketty das Wort auf eigentümliche Weise verwendet. "Idéologie" umfasst bei ihm zum einen so etwas wie das geteilte intellektuelle und moralische Koordinatensystem einer Gesellschaft, wie es sich zum Beispiel in der politischen Rede, durchaus aber auch in Roman und Kino ausdrückt, auf die sich der Autor immer wieder bezieht. Vor allem aber meint Piketty mit Ideologie deren kristallisierte Gestalt in Form der Institutionen, nämlich der Rechts-, Steuer-, und Bildungssysteme. Niemals aber versteht Piketty unter Ideologie philosophische und politische Theorien. Wer bei ihm eine Ideengeschichte der Ungleichheit und ihrer Rechtfertigung sucht, wird enttäuscht.

 

Was aber findet man in Kapital und Ideologie? Piketty selbst spricht in der Originalausgabe von einer "histoire raisonnée" der inegalitären Gesellschaften. Diese Bezeichnung lässt an das Dictionnaire Raisonné der französischen Enzyklopädisten denken, und dieser Vergleich ist hilfreich. Zunächst teilt Piketty mit den französischen Aufklärern den Empirismus. Seine Geschichte beginnt mit den Quellen in Gestalt von ausführlichem Zahlenmaterial. Auf dieser Grundlage entfaltet Piketty seine Geschichte der Ungleichheit und die soziologische Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation. Als Soziologe ist Piketty überraschend stark. Nach allen Regeln der Kunst entlarvt er die gängigen Narrative einer Elite, die die erfolg-losere Mehrheit der Gesellschaft als rückständig abstempelt und alle Kritik, die sie selbst treffen könnte, als "populis-tisch" abtut. Diese Analysen sind umso beeindruckender, als Piketty einen Standpunkt angreift, den er nach Sozialisie-rung und Status eigentlich teilt.

 

Es ist alles andere als selbstverständlich, dass der Gründungsdirektor der Paris School of Economics die Sache der gilets jaunes verteidigt. Auch die politische Gegenwartsanalyse Pikettys ist stark. Als Historiker vermag Piketty zunächst weniger zu beeindrucken. Die Kapitel über die außereuropäischen sowie die kommunistischen und postkommunistischen Gesellschaften wirken streckenweise angelesen und sind bei weitem nicht so informativ, wie es der enorme Umfang gestatten würde. Das Bild ändert sich freilich, wenn man zum Herzstück des Buchs vordringt: der Geschichte des Eigentums. Wenn diese Geschichte in ihrem globalen Verlauf auch wenige Überraschungen aufweisen mag, besticht sie gleichwohl dadurch, wie der Autor es versteht, die Kategorie des Eigentums gründlich zu historisieren. Piketty zeichnet hier nicht mehr bloß die Verteilung des Besitzes nach, sondern erzählt, wie die Kategorie des Eigentums überhaupt entstanden ist.

 

Die Erzählung verläuft in fünf Akten. Sie beginnt mit der Französischen Revolution, in der sich die Aufgabe stellte, die Privilegien des Adels und die mannigfachen Facetten der feudalen Eigentumsbeziehung in zwei Klassen zu sortieren: hoheitliche Rechte einerseits, die nunmehr dem Staat zufallen sollten, und Eigentumsrechte andererseits, die aufgrund einer quasi vertraglichen Natur als legitim anerkannt und dem Adel belassen werden konnten. Diese Trennung ist für uns heute banal, stellte in der historischen Situation aber eine Herausforderung dar. Im Einzelfall war eine Entscheidung häufig schwer zu begründen.

 

Die Eliten sind die wahren Rückständigen

 

Die detaillierte Rekonstruktion dieser Trennung ist eines der Glanzstücke von Pikettys Buch. Die Französische Revolution erscheint hier nicht als Erringung von Demokratie und Menschenrechten, sondern als Triumph von Eigentum und Geldstabilität in Europa. Es folgt das 19. Jahrhundert als eine Epoche der "Sakralisierung" des Eigentums und der Un-gleichheit. Das Eigentum wird zum Naturrecht mit verfassungsrechtlicher Absicherung. Als schockierendes Sinnbild dieser Epoche wählt Piketty ein ökonomisches Kapitel aus der Geschichte der Abschaffung der Sklaverei: Es waren damals die Sklavenhalter, die für das verlorene Eigentum entschädigt wurden, nicht aber die Sklaven für das erlittene Leid und die unentgeltlich geleistete Arbeit.

 

Die Ungleichheit steigert sich bis zu dem großen Crash in den beiden Weltkriegen, die schon im Buch von 2013 eine Hauptrolle spielten. Sie eröffnen den dritten Akt, in dem sozialdemokratische Gesellschaftsentwürfe das Eigentum einzuhegen helfen. Das betriebliche Mitbestimmungsrecht in Deutschland betrachtet Piketty auch für seine Zukunfts-visionen als maßgeblich, wie er sich überhaupt durchweg positiv auf die "soziale Marktwirtschaft" bezieht. Mit der "konservativen Revolution" der 1980er Jahre und dem Zusammenbruch des Ostblocks wird der vierte Akt der "neo-proprietaristischen" Gegenwartsepoche eingeläutet, die wieder von hohen Eigentumskonzentrationen, einer erneuten Sakralisierung des Eigentums und einer quasifeudalen Elitenstruktur gekennzeichnet ist.

 

Sinnbildlich ist für Piketty hier vor allem das neoliberale Europa, das seine politische Einheit allein auf freien Kapitalfluss zu gründen trachtet. Die Verabsolutierung des Eigentums lässt sich in der Gegenwart durchaus an Fällen festmachen, die der Entschädigung der Sklavenhalter analog sind. Man denke etwa an den Investorenschutz, dem eine Art Recht auf Profit eingeschrieben ist. Joseph E. Stiglitz illustriert dies im Interview mit dem Freitag an einem drastischen Beispiel: "Heute müssen Asbesthersteller die Leute entschädigen, deren Leben sie zerstört haben. Der Logik des Investitions-schutzes in TTIP nach sollen wir nun Asbesthersteller dafür entschädigen, dass sie niemanden mehr töten. Wir sollen ihnen zu Profiten verhelfen, die sie erzielt hätten, wäre es weiter erlaubt gewesen, Menschen umzubringen."

 

Welche Kräfte treiben das globale Geschehen an?

 

Wenn Piketty diese neue Verabsolutierung des Eigentums in unserer Zeit als einen "Archaismus" bezeichnet, enthält dies eine subtile Spitze. Als "archaisch" – nämlich provinziell, rückständig, nationalistisch, ressentimentgeladen – nehmen, wie Piketty später erläutert, die heutigen Eliten die Globalisierungsverlierer wahr. Piketty wirft den verächt-lichen Blick der Eliten auf diese selbst zurück: Sie sind die wahren Rückständigen. Der fünfte Akt schließlich ist der Zukunft vorbehalten. In der Finanzkrise von 2008 sieht Piketty eine Bewusstwerdung, einen Wendepunkt zu einem Klima, in dem vielleicht auch seine Pläne eines partizipativen Sozialismus gedeihen können.

 

Wie die Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts begibt sich Piketty in die Vogelperspektive, um, wie es d'Alembert damals ausdrückte, "une espèce de mappemonde", eine Art Weltkarte der Ungleichheit zu liefern. William James benutzte in seiner Pragmatismus-Vorlesung 1907 eine ähnliche Metapher: die Wetterkarte. Für die Bewohner von Boston stellt sich das Wetter schlicht als kapriziös dar, aber das meteorologische Büro in Washington verarbeitet die scheinbare Unord-nung, indem es die einzelnen Ereignisse in kontinuierliche, großräumige Prozesse einordnet. Dies lässt sich auf Kapital und Ideologie übertragen. Wer die Zeitung liest, verhält sich wie der Bostoner, der einen prüfenden Blick in den Himmel wirft. Pikettys Buch hingegen gleicht der Wetterkarte, auf der zufällige und chaotische Wechsel vor dem Fenster in das atemberaubende Panorama über die Kontinente und Hemisphären ziehender Wetterphänomene eingeordnet wird.

 

Genau wie bei der Wetterkarte bleibt allerdings eine Frage noch unbeantwortet: Welche Kräfte treiben das globale atmosphärische Geschehen an? Taucht man tiefer in die Geschichte ein, die Piketty zu erzählen hat, begreift man allmählich, dass Kapital und Ideologie mitnichten einfach eine Fortsetzung von Das Kapital im 21. Jahrhundert mit erweitertem Fokus darstellt, sondern ihm eine fundamental veränderte Geschichtskonstruktion zugrunde liegt. In seinem Buch von 2013 ging er davon aus, dass im Grunde ökonomische Gesetzmäßigkeiten die Langzeittendenzen regeln. Diese können durch externe, politische Schocks gestört werden, woraufhin das System allmählich wieder in die ökonomisch definierten Bahnen zurückkehrt.

 

Bereits 2015 hatte Piketty freilich angemerkt, dass er die politischen Schocks eigentlich nicht als "exogene", also wirt-schaftsfremde Größen verstanden wissen will, sondern diese großteils als "endogen", nämlich als Resultat der Ungleich-heit, betrachtet werden können. In seinem neuen Buch bestätigt er diese Lesart: "Offensichtlich war der Erste Weltkrieg kein von außen kommendes Ereignis, das der Planet Mars auf die Welt geschleudert hatte."

 

Überraschenderweise führt diese "Endogenisierung" der politischen Schocks nun aber nicht zu einer rein ökonomi-schen Geschichtskonstruktion, die die Politik nur mehr als abhängige Variable zulässt. Das Gegenteil ist der Fall, es tritt im neuen Buch ein geradezu umgestülptes Geschichtsmodell zutage. Zwar unterscheidet Piketty wieder zwischen langfristig wirkenden "tieferliegenden Ursachen" einerseits und einer kurzfristigen "Ereignislogik" andererseits. Als Erstere nennt er aber nun in genauer Umkehrung "längerfristige politisch-ideologische Entwicklungen". Erreichen diese einen kritischen Punkt der Instabilität, entscheiden die lokalen Verhältnisse – zirkulierende Ideen, das Mobilisierungs-potential politischer Gruppen, aber eben auch ökonomische Schocks (wie zum Beispiel die Inflation der Immobilien-preise in den 1970er Jahren, die laut Piketty zu Ronald Reagans Erfolg beitrug) –, welcher Abzweigung die Geschichte folgt ("Abzweigung" oder "Weichenstellung", wie es in der deutschen Übersetzung uneinheitlich heißt – richtiger wäre "Bifurkation" –, ist ein Schlüsselbegriff, den Piketty der Weltsystemtheorie Wallersteins entlehnt hat).

 

Die Ideologie des absoluten Eigentums

 

Ideologie – also die institutionelle Infrastruktur – wird in Pikettys Geschichtsmodell zum wichtigsten erklärenden Faktor. Dies ist der Sinn des eingangs zitierten Satzes, Ungleichheit sei kein ökonomischer, sondern ein ideologischer Sach-verhalt. Damit steht das neue Buch diametral gegen den Vorgängerband. Rein ökonomischen Erklärungen fehle gerade das "Wesentliche", stellt Piketty nun fest. Man mag es für einen perspektivischen Effekt halten, welche Faktoren als Langzeittrends erscheinen und welche als exogene Schocks. Der Ökonom sieht es auf die eine Weise, dem Politik-wissenschaftler stellt es sich anders dar. Aber bei Piketty hat es eine tiefere Bewandtnis damit.

 

Die Annahme von ökonomischen Gesetzen als einer fundamentalen Schicht der historischen Wirklichkeit im Buch von 2013 war noch der Vorstellung verpflichtet, dass ökonomische Prozesse wie die Kapitalakkumulation und insbesondere die Rekonsolidierung des Kapitals in den vergangenen Jahrzehnten gleichsam "aus sich selbst heraus" geschehen, also Naturprozessen gleichen. Nun hält Piketty dagegen, dass sich solche Prozesse der öffentlichen institutionellen Infra-struktur verdanken, die sie ermöglicht und trägt. Diese Einsicht ist auch politisch entscheidend. In diesem Bild verliert das Privateigentum den Anschein des Naturrechts und wird als soziales Verhältnis sichtbar. Hat man dies einmal be-griffen, verlieren auch Regulierungen des Eigentums ihren Schrecken. Sie stellen keinen künstlichen Eingriff in einen gleichsam natürlichen Sachverhalt dar, sondern bloß die zweckmäßige Reform einer gesellschaftlichen Institution.

 

Dies steckt also hinter Pikettys Bestreben, die Ideologie "ernst zu nehmen", wie es programmatisch heißt. Die Spitze gegen Marx ist dabei übrigens schlecht platziert, denn wenn dieser auch den "Schein" kritisierte, "als ob die Herrschaft einer bestimmten Klasse nur die Herrschaft gewisser Gedanken sei", so wusste doch kaum jemand so gut wie er um die Wirkmächtigkeit von Ideen. Dieser Ansatz Pikettys mag auch naiv erscheinen, insofern die herrschende Klasse ihre Ideologie oft selbst nicht ernst nimmt. Piketty nennt in der Tat immer wieder Beispiele, die ganz offenkundig einen guten Schuss Heuchelei, Verlogenheit und Zynismus enthalten: England rechtfertigt seine Kolonialherrschaft in Indien mit dem Schutz des Landes vor seiner brutalen Oberschicht, empfindet den Versuch Chinas, sich vor der Opiumflut zu schützen, als unerträgliche Verletzung der Prinzipien des Freihandels, setzt sich aber der indischen Konkurrenz auf dem Textilmarkt erst dann aus, als die heimische Industrie bereits einen klaren Vorteil errungen hat. Auch das auf "Chancen-gleichheit" ausgelegte französische Bildungssystem brandmarkt Piketty ausdrücklich als heuchlerisch.

 

Auf der Oberfläche der Geschichte

 

Viel wertvoller als diese Anklagen ist indes die Einsicht, dass die Ideologie des Eigentums die Heuchelei im Grunde überflüssig macht und den Besitzenden erlaubt, einfach auf ihr natürliches Recht zu pochen. So können die "absentee landlords" von der britischen Hauptinsel aus das benachbarte Irland in eine Hungersnot stürzen, so können sich Sklavenhalter bei der Durchsetzung der Menschenrechte entschädigen lassen, so kann der Kapitalist einen Teil des kargen Lohns sogleich als Miete der Wohnung, die er ebenfalls besitzt, zurückfordern, so können Deutschland und Frankreich noch mit den Zinsen der Notkredite, die sie Griechenland gewährten, Geld verdienen, so können die Super-reichen dank staatlicher Steuernachlässe auch gleich noch das veräußerte Eigentum der geschwächten Staaten auf-kaufen. All dies funktioniert dank der Ideologie des absoluten Eigentums auch ohne Heuchelei.

 

Man mag sich nun allerdings fragen, worin dieses Projekt überhaupt noch ein ökonomisches ist. Wo Piketty vormals als Ökonom beeindrucken konnte, indem er in der politischen Geschichte das Wirken eines verborgenen ökonomischen Mechanismus aufdeckte, scheint er nun auf der Oberfläche dieser Geschichte zu bleiben. Hat Piketty die Ökonomie, die er historisch und sozialwissenschaftlich einhegen wollte, versehentlich an den Nagel gehängt? Dem ist nicht so, die Ökonomie steckt in der Methode des Vergleichs. Die Vergleichbarkeit stellt Piketty gerade durch die ökonometrischen Beschreibungen her, die das gesamte Buch prägen. Dies ist wissenschaftlich wie politisch durchaus ein universalisti-sches Projekt, insofern es eben von universellen Maßstäben des Vergleichs ausgeht. Auch darin steht Piketty in der Tradition der Aufklärung.

 

Den zu erwartenden Einwand, dass sich die historischen und kulturellen Fälle aufgrund ihrer jeweiligen Einzigartigkeit nicht vergleichen ließen, pariert Piketty raffiniert, indem er ihn dem Verdacht einer politischen Unaufrichtigkeit aussetzt: Er vergleiche nicht Unvergleichbares, sondern gerade Gesellschaften, die "lieber nicht miteinander verglichen würden". Die Intransparenz macht laut Piketty einen charakteristischen Zug des heutigen Eigentumsregimes aus, und in dem "Gefühl, etwas Besonderes zu sein", welches den Vergleich verbietet, geht diese Intransparenz eine ungute Koalition mit neoliberaler Identitätspolitik und nationalem Ressentiment ein.

 

Genau dagegen wendet sich Piketty, wenn er unterstreicht, dass die Ungleichheit immer nur als historisches Produkt der jeweiligen Kräfteverhältnisse verstanden werden dürfe, nicht aber als Ausdruck des "Wesens" einer Kultur oder Zivilisation. Auch das Argument, wir könnten traditionelle Ungleichheiten in fremden Kulturen nicht kritisieren, ohne sie gleichsam ein zweites Mal, und nun auf moralischer Ebene, zu kolonisieren, pariert Piketty geschickt, indem er die Er-fahrungen zum Beispiel Indiens mit Programmen positiver Diskriminierung diskutiert, sich also vielmehr durch Indien belehren lässt, als dieses zu belehren.

 

Worin besteht der Fortschritt?

 

Ungeachtet dieser geschickten Verteidigung steht Pikettys Projekt zu jedem Zeitpunkt auf Messers Schneide. Der tiefere Grund dafür ist, dass die Ökonomie nicht über allgemeine, überhistorische Kategorien verfügt, sondern in ihren Be-griffen an die je spezifische, im vorliegenden Fall kapitalistische Wirtschaftsform rückgebunden bleibt. Konkret bedeutet dies, dass Piketty in der Messung der Ungleichheit mit Größen arbeitet, die in Geldmengen, mithin der Sprache des Marktes ausgedrückt werden. Dieser Ansatz steht natürlich in einem Spannungsverhältnis zu Pikettys übergeordnetem Ziel, die Kategorie des Eigentums zu historisieren.

 

Just in dem Maß, in dem das Projekt gelingt, muss die Sprache problematisch werden, in der es nur gelingen kann. Wie ist zum Beispiel in der Eigentumsverteilung ein Sklave abzubilden, der sich nicht einmal selbst besitzt, wie die nicht-monetäre Ungleichheit in einer Planwirtschaft, wie das durch die Naziokkupationen verursachte Leid, wie der Wert-verlust geschädigter Ökosysteme? Piketty hat über das gesamte Buch hinweg den Balanceakt zu bewältigen, sich einerseits auf ökonometrische Daten zu stützen und andererseits deren Aussagekraft immer wieder zu hinterfragen und zu relativieren.

 

Problematische Begriffsbildung

 

Zu dieser prinzipiellen Schwierigkeit des Projekts gesellen sich noch einige weitere Probleme, die vermeidbar gewesen wären, daher aber auch umso ärgerlicher sind. Wie dies bereits an dem Vorgängerband bemängelt wurde, werden auch im neuen Buch die Grundbegriffe – Ideologie, Kapital, Kapitalismus – nicht mit der gebotenen Sorgfalt definiert. Auch darüber hinaus legt Piketty durchweg eine verblüffende Nonchalance im Umgang mit Begriffen an den Tag. Da er sich von seinem Ausgangspunkt in der orthodoxen Ökonomie inzwischen sowohl theoretisch als auch politisch erheblich entfernt hat, sich aber dem entgegengesetzten Lager nur zögerlich nähert, wird der Leser mit einem Neben- und Durcheinander heterogener Begrifflichkeiten konfrontiert (welche in der im Umgang mit dem Fachvokabular bisweilen so sorg- wie rücksichtslosen deutschen Übersetzung noch weiter verschwimmen).

 

Auf der einen Seite trifft man unentwegt Begriffe aus der orthodoxen ökonomischen Theoriebildung: "Humankapital", "Naturkapital", "Externalitäten". Und daneben stehen unvermittelt (und oft ohne Herkunftsangaben) sozialwissen-schaftliche Begriffe wie "säkulare Trends" und "Bifurkation" (Wallerstein), "Dispositive" (Foucault), "symbolisches Kapital" (Bourdieu), "Schocktherapie" (Naomi Klein) usw. Dies wird zu einem echten Problem, insofern diese beiden Stränge von Begriffsbildungen inkompatibel, nämlich inkommensurablen Perspektiven verpflichtet sind.

 

Die ökonomischen Begriffe spiegeln die Perspektive des individuellen, nutzenmaximierenden Akteurs wider, während die sozialwissenschaftlichen Begriffe gesellschaftliche und strukturelle Mechanismen benennen. Piketty scheint für diese Dimension nicht sensibel zu sein, was eine dramatische Diagnose darstellt, da Begriffsbildung zum Kerngeschäft wissen-schaftlichen und kritischen Denkens gehört. Begriffe sind nicht bloß Wörter, sondern analytische Werkzeuge, die einem erlauben zu sehen, was vorher unsichtbar war, und zu benennen, was sich zuvor nicht sagen ließ. Dies trägt zum Ver-druss des Lesers bei, vor allem dann, wenn Piketty notorisch in der Überschrift einen Begriff lanciert, den der folgende Text sodann geflissentlich umschifft.

 

Zu dieser theoretischen Unschärfe gesellen sich einige inhaltliche Leerstellen. Die wichtigste: Gleich ob er die Ungleich-heit als Hemmschuh der Entwicklung geißelt, dem Kapitalismus einen kurzsichtigen Egoismus vorwirft oder aber in seiner vergleichend-experimentellen Geschichtsschreibung nach vermeintlich besseren Lösungen sucht – überall schwingt eine Vorstellung von Fortschritt und Prosperität mit, die heute angesichts der ökologischen Krise problema-tisch geworden ist.

 

Worin besteht der Fortschritt? Letzten Endes doch nur in mehr materiellem Wohlstand, abgesichert durch weiteres Wachstum, wie es im deutschen Modell der sozialen Marktwirtschaft vorgesehen war? Piketty weicht dieser Frage systematisch aus. Er betont zwar mehrfach, dass die ökologische Frage nur bewältigt werden kann, wenn dies auf eine sozial verträgliche Weise geschieht. Die komplementäre Einsicht allerdings, dass auch Sozialpolitik ökologisch verträglich sein muss, fehlt. Piketty verrät zum Bedauern des Lesers nicht, was er etwa zur Idee eines New Green Deal oder den Vorschlägen der Modern Monetary Theory zu sagen hat. Einen echten politischen Großentwurf liefert er in seinem neuen Buch somit nicht.

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Merkur, Heft 850/2020. Die deutsche Übersetzung von "Kapital und Ideologie" von Thomas Piketty kommt am 11. März im Verlag C.H. Beck heraus. Das Buch umfasst 1.312 Seiten und kostet 39,95 Euro.

 

Dieser Artikel stammt aus dem Merkur, einer der angesehensten Kulturzeitschriften im deutschsprachigen Raum. Er erscheint monatlich seit mehr als 70 Jahren und ist bekannt für seine anspruchsvollen Essays, Rezensionen und Ana-lysen. Geprägt haben ihn Autoren und Autorinnen wie Hannah Arendt, Theodor W. Adorno, Hans Magnus Enzens-berger, Ingeborg Bachmann, Ralf Dahrendorf, Karl Heinz Bohrer, Jürgen Habermas, Michael Rutschky, Herfried Münkler, Kathrin Passig u.v.a.m.

 

https://www.zeit.de/kultur/2020-02/kapital-und-ideologie-thomas-piketty-ungleichheit/komplettansicht

 


 

Hagen Krämer, Thomas Piketty und die wachsende Ungleichheit im Kapitalismus, WISO direkt - Dezember 2014

 

https://library.fes.de/pdf-files/wiso/11070.pdf

 


 

Patrick Bernau, Hat Thomas Piketty Recht?

 

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arm-und-reich/ist-thomas-pikettys-ungleichheit-formel-r-g-richtig-15370687.html

 

Patrick Bernau, Was Piketty gerne verschweigt 

 

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arm-und-reich/ungleichheit-was-thomas-piketty-verschweigt-15340994.html

 

Die wirtschaftliche Ungleichheit auf der Welt geht zurück

 

https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arm-und-reich/ungleichheits-studie-deutschland-eben-nicht-so-ungleich-wie-vor-100-jahren-15340369.html