Überwachungskapitalismus

 

 

Shoshana Zuboff: „Überwachungskapitalismus“ steuert das Verhalten

 

Konzerne wie Facebook, Google oder Amazon haben persönliche Daten kommerzialisiert und zur Handelsware erklärt. Damit, meint Shoshana Zuboff, habe die wirtschaftliche Entwicklung eine neue Stufe erreicht: das Zeitalter des „Überwachungskapitalismus“.

 

„Die Gesellschaft ist immer mehr zu einem Objekt geworden, das in Verhaltensdaten transformiert wird, um kontrol-lieren und verändern zu können“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff. Ihr zufolge leben wir in einem „Zeitalter des Überwachungskapitalismus“, der sich vor allem in der Datensammelwut von Digitalkonzernen wie Google, Amazon oder Facebook widerspiegelt. Und der einerseits etwas vollkommen Neues ist, andererseits der klassischen Dynamik des Kapitalismus folgt:

 

Man geht schon länger davon aus, dass Kapitalismus sich entwickelt, indem Anspruch auf Dinge erhoben wird, die bisher immer außerhalb des Marktes existiert haben, und diese Dinge dann in den Markt integriert und zu Ware erklärt werden, die gekauft und verkauft werden können“, sagt Zuboff unter Verweis auf Karl Polanyis wirtschaftshistorischen Klassiker

The Great Transformation“ von 1944.

 

Die Privatsphäre als frei handelbares Rohmaterial

 

Demnach traf es zunächst den Menschen selbst, der sich in Form von ‚Arbeitskraft‘ plötzlich als Handelsware auf dem Markt wiederfand. „Die zweite war die Natur, die von außerhalb des Marktes als ‚Land‘ oder als ‚Grundstücke‘ in den Markt integriert wurde und ebenfalls gekauft und verkauft werden konnte. Die dritte bestand darin, dass der Vorgang des Austauschs dem Markt untergeordnet und als ‚Geld‘ wiedergeboren wurde“, so Zuboff in unserem Interview.

 

Und mit dem Überwachungskapitalismus wird wiederum etwas Neues zum Handelsgut erklärt: „Der Überwachungs-kapitalismus definiert persönliche menschliche Erlebnisse, die außerhalb des Marktes, in der Privatsphäre unserer eigenen Erfahrungen stattfinden, nun als freies Rohmaterial, das in den Markt übernommen und in Produkte umge-wandelt werden kann, die auf neuen Märkten gekauft und verkauft werden können.“

 

Immer neue Datenquellen erschließen

 

Doch sind die Datenkraken nicht auch irgendwann satt? Das jedenfalls meint der Internetkritiker Evgeny Morozov, der im April in unserem Interview sagte: „Natürlich ist es von Vorteil, Daten zu generieren. Doch diese Daten sind nicht mehr so besonders neu oder einzigartig, dass jeden Tag die Systeme erneut damit gefüttert werden müssten. Das meiste, was wir tun, ist ziemlich vorhersehbar und stabil. Wenn wir zum Beispiel auf Daten für Werbung schauen: Google scannt oft nicht einmal mehr die Inhalte unserer Nachrichten, weil sie einfach schon genug von uns wissen. Sie können uns personifizierte Werbung anzeigen, ohne erneut Daten über uns zu sammeln.“

 

Dem widerspricht Shoshana Zuboff: „Ich wäre nicht einverstanden mit der Annahme, dass es jemals genug ist. Wenn man einmal den ökonomischen Imperativ verstanden hat, der diese wirtschaftliche Logik antreibt, dann wird klar, dass diese sich zum Ganzen, zum Gesamten hin orientiert, zur Gesamtheit. Das einzige, was Vorhersagen dazu antreibt, besser zu werden, ist der Wille zu mehr und zu exakter vorhersagenden Informationen. Es gibt für den Ehrgeiz des Überwachungskapitalismus tatsächlich keine Grenzen – er will die Versorgungsketten kontrollieren, neue und immer mehr Quellen von Verhaltensdaten erschließen.“

 

Der Überwachungskapitalismus habe sich bereits auf so gut wie alle Wirtschaftsbereiche ausgeweitet, sagt Zuboff und warnt zugleich: „Immer wenn man das Wort ‚smart‘ auf einem Produkt oder einem Service-Angebot sieht, sollte man in Alarmbereitschaft gehen.“ Denn hierbei geht es nicht nur um enorme Gewinnmöglichkeiten, sondern letztlich um die Kontrolle und Steuerung des Verhaltens ganzer Stadtbevölkerungen – Stichwort: smart city.

 

„Das ist eine Stadt, die für privaten Profit funktioniert. Was wir vermeiden wollen, ist, dass der Überwachungskapitalis-mus Zugang zu diesen Kanälen erhält – zu diesen Versorgungskanälen, die ihm die Kontrolle zu immer größeren Teilen der Gesellschaft geben. Denn das ist eine sehr gefährliche Entwicklung. Dabei ist der Anreiz, den das hätte, offensicht-lich, wenn man z.B. öffentliches Verhalten so lenken könnte, dass es keine Staus mehr gibt, oder so, dass der Energie-konsum sinkt. Auf der Oberfläche gibt es also eine Menge Argumente, die ganz attraktiv erscheinen, aber dahinter verbirgt sich ein zutiefst anti-demokratischer Impetus. Denn es nimmt alle Informationen und Entscheidungsgewalt weg vom demokratischen Prozess und übergibt sie einem Markt-Prozess. Und das ist für unsere Gesellschaften sehr gefährlich.“ (uko)

 

Shoshana Zuboff im Gespräch mit Marcus Richter und Vera Linß

 

https://www.deutschlandfunkkultur.de/shoshana-zuboff-ueberwachungskapitalismus-steuert-das.1264.de.html?dram:article_id=431006

 


 

Shoshana Zuboff: „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“

 

Wie Google und Facebook die Gesellschaft beherrschen

 

Von Vera Linß

 

Gesetze hin oder her – ungeniert und ungehindert sammeln Digitalkonzerne wie Facebook und Google unsere Daten. Wie es so weit kommen konnte und warum wir dem Überwachungskapitalismus so hilflos gegenüber-stehen, erklärt Shoshana Zuboff in ihrer fulminanten Analyse.

 

Die Übermacht der großen Digitalkonzerne zu bändigen, ist ein Kampf gegen Windmühlen. Hunderte Klagen sind weltweit allein gegen Google anhängig: Umgehung des Datenschutzes, Manipulation von Suchergebnissen, Übermittlung von Standortdaten, Erstellung von Nutzerprofilen – die Liste der Vorwürfe ist lang.

 

Und dennoch sammelt Google die Nutzerdaten ungehindert weiter, genauso wie Amazon, Facebook oder Microsoft.

 

Warum bestehende Gesetze gegen die Digitalriesen so machtlos sind, dafür liefert die Ökonomin Shoshana Zuboff in ihrer fulminanten Analyse jetzt eine überzeugende Erklärung. „Überwachungskapitalismus“ nennt die emeritierte Havard-Professorin die neue digitale Marktwirtschaft, und zwar deshalb, weil diese dem „Imperativ der Überwachung“ unterliege und ohne das permanente Akkumulieren von Daten gar nicht exisitieren könne.

 

Dieser „aus dem Ruder gelaufene Kapitalismus“ reduziere menschliche Erfahrung auf Verhaltensprognosen, die sich umso proftibler verkaufen ließen, desto genauer sie sind. Um dieses System zu perfektionieren, versuchten die Unternehmen zunehmend auch, das Verhalten der Nutzer zu manipulieren.

 

Beeindruckender Umfang des Wissens

 

Shoshana Zuboff sieht die Gesellschaft dieser Entwicklung ausgeliefert wie einst die Ureinwohner den spanischen Eroberern. Die Beispiellosigkeit sei es, die so hilflos mache. „Doch wie genau konnten sie damit durchkommen?“, fragt die Autorin sich immer wieder. In drei Teilen rollt sie die Geschichte des Überwachungskapitalismus auf: wie er von Google erfunden wurde, wie er mit Vernetzungskonzepten wie „Weareables“ oder „Smart City“ in die reale Welt migriert ist und wie er schließlich dabei ist, sich der Gesellschaft zu bemächtigen.

 

Die Akribie, die Detailkenntnis, die vielen kleinen Geschichten, die unzähligen Quellen wie Unternehmensstatements, Debatten, Statistiken, Gerichtsurteile, die Exkurse zu Theorien von Verhaltensforschern wie Burrhus Frederic Skinner und Wirtschaftstheoretikern wie Joseph A. Schumpeter oder Thomas Piketty – der schiere Umfang an Wissen, den Shushanna Zuboff brillant zu einer schlüssigen Erzählung zusammenführt, beeindruckt. Aus ihrer Vogelperspektive heraus wird denn auch vieles klarer.

 

16 Mittel etwa beschreibt Zuboff, mit denen Google und Facebook die Gesellschaft überrumpelt haben. Die Geschwin-digkeit und die Chuzpe, öffentliche Daten einfach zum Wirtschaftsgut zu erklären, gehören ebenso dazu wie der geschickte Gesetzesbruch, der nach festgelegten Mustern erfolgt. Beispiel: Googles „Streetview“. Während vielfach dagegen geklagt wurde, filmte Google erstmal fleißig weiter. Als dann Gerichte das Filmen untersagten, hatte Google bereits ein noch ausgefeilteres Projekt zur Erfassung von Gebäuden entwickelt.

 

Das Ziel: totale Kontrolle

 

„Instrumentarismus“ nennt Shoshana Zuboff diese neue „Spezies der Macht“. Deren Ziel sei die totale Kontrolle,

und sie sei deshalb eine Bedrohung für die Demokratie. Auch wenn es einem dystopisch erscheinen mag: Schon

einmal – vor über 20 Jahren – hatte die Wirtschaftswissenschaftlerin in ihrem Buch über intelligente Maschinen Entwicklungen korrekt vorhergesehen. Und das passt auch zu diesem außergewöhnlichen Buch: Es ist Grundlage

und Ermutigung, Strategien zu entwickeln, wie sich die Gesellschaft der Logik des Überwachungskapitalismus

entziehen kann.

 

Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus

Aus dem Englischen von Bernhard Schmid

Frankfurt am Main: Campus-Verlag 2018