Panikmache

 

 

 

 

Greta Thunberg, 16-jährige schwedische Schülerin mit einer autistischen Persönlichkeit

 

Autisten neigen zum Schwarz-Weiß-Denken und haben Probleme mit der Wahrnehmung und dem Verständnis von komplexen Situationen und systemischen Zusammenhängen. Sie können die aktuellen Emotionen ihrer Mitmenschen nicht gut wahrnehmen und verstehen.

 

 

 

Wenn Greta Thunberg und die jungen Leute von Fridays for Future einmal erwachsen geworden sind,

werden sie verstehen, warum ihr eindimensionaler Aktivismus im Namen "der Wissenschaft" schwärmerisch war

und durchaus wahnhafte Züge an den Tag gelegt hatte. Dann werden sie hoffentlich auch verstehen,

dass vernünftige Kompromisse in einer rechtsstaatlichen Demokratie zuverlässige Zeichen

von politischer Klugheit und Reife im Umgang mit den gegensätzlichen Partikularinteressen

  verschiedener Bürger und Menschen in einem politischen Gemeinwesen sind. Schließlich werden sie

einsehen müssen, dass das relativ kleine Deutschland auch mit der radikalsten Klimapolitik der Welt

nicht alleine die Erderwärmung aufhalten und "den Planeten retten" kann. Der Blick auf einen Globus genügt,

um zu verstehen, dass es dringend darauf ankommt, den Klimaschutz nicht nur in ganz Europa voranzutreiben,

sondern auf allen Kontinenten insbesondere die größten und am weitesten industrialisierten Länder

wie Australien, Brasilien, China, Indien, Kanada, Russland und die USA für den weltweiten Klimaschutz zu gewinnen.

 


 

Von guten und bösen Ängsten

 

Ulrich Berls

 

Früher hieß es immer, Angst sei kein guter Ratgeber. Das hat sich gedreht. Der Satz der Schwedin Greta Thunberg:

„Ich will, dass ihr in Panik geratet und die Angst verspürt, die ich jeden Tag habe“, gerät zur klimabewegten Richtschnur unserer Tage. Angst zu zeigen, ist en vogue – vorausgesetzt, es ist die richtige.

 

Der Besuch der halbwüchsigen „Klimaaktivistin“ kürzlich in Deutschland trug Züge eines Staatsbesuchs. Auf die Verleihung der Goldenen Kamera folgte ein, in der Sprache des Protokolls würde man wohl sagen, „Gedanken-austausch“ zwischen der 16-jährigen und den Wissenschaftlern des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, bevor ihr schließlich ein Privileg zuteil wurde, das meist nur Angela Merkel genießen darf: ein Solo-Interview bei Anne Will.

 

Mit der schwedischen Umwelt-Ikone bekommt die gute, alte, die geradezu sprichwörtliche „German Angst“ endlich einen internationalen Anstrich: „Make the world GRETA again“! Furcht hat Hochkonjunktur in Deutschland – aber nur sofern es eine gute und keine böse Angst ist.

 

Lebensgefährlich

 

Die rapide steigende Lebenserwartung überall täuscht darüber hinweg, dass das Leben noch nie so lebensgefährlich war wie heute. Kernenergie, Dioxin, Gentechnik, Glyphosat, Feinstaub, Mikroplastikmüll – jeder kennt die Bedrohungen, denen der moderne Mensch rund um die Uhr ausgesetzt ist. Aber nicht nur diesen Mainstream-Gefahren sollten wir unsere Aufmerksamkeit schenken: Auch die Kritiker der Impfpflicht darf man so wenig verunglimpfen wie die Menschen, die nunmal ernsthaft unter der Umstellung von Winter- auf Sommerzeit leiden. Etliche Experten verwiesen dieser Tage wieder eindringlich auf die chronobiologischen Risiken der Zeitumstellung. Wäre es eigentlich nicht längst angebracht, eine Reisewarnung beispielsweise für Griechenland oder Portugal auszusprechen, wo die Uhr eine Stunde vor- bzw. zurückgestellt werden muss?

 

Während die Angst der Generation-Greta beim Jahrhundertthema Klimawandel als produktiv gilt, scheinen andere Ängste nur destruktiv. Die Angst vor illegaler Migration beispielsweise, das andere Megathema unserer Zeit, gilt vielen schlichtweg als Panikmache. Die Assoziation „Völkerwanderung“ oder die Wortwahl „Masseneinwanderung“ werden selbst bei der Ankunft von zwei Millionen in vier Jahren geächtet. Wer auf die Friktionen verweist, die es zwischen vor-modernen Kulturkreisen im Orient und Afrika und unserer postmodernen Lebensweise geben könnte, wird schnell mit dem Rassismus-Verdacht belegt. Wer seine Angst über Illusionen zum Ausdruck bringt, ob man Menschen, die in ihrer Muttersprache nicht einmal lesen und schreiben können, in unseren hochdifferenzierten Arbeitsmarkt integrieren kann, gilt als paranoider Menschenfeind. „German Angst“ hin oder her: Deutschland ist kein einig Angstland.

 

Dumpf

 

Bedenken, beispielsweise beim Migrationsthema, werden nicht neutral als „Ängste“, sondern meist im sprachlichen Huckepack als „dumpfe Ängste“ tituliert, denn die Schreckensverbreitung, das Bedienen von Vorurteilen und das Schüren von falschen Sorgen sind ja das Markenzeichen aller Rechtspopulisten. Vom großen Trump bis zum kleinen Orban, von den Brexeteers im verwirrten England bis zu den Montagsdemonstranten im dunklen Sachsen seien nur Furchteinflößer unterwegs, wissen die Platzanweiser in Sachen richtige und falsche Ängste.

 

Früher gehörte zur politischen Linken die Kraft der Utopie: totale Gleichheit, ewiger Friede. Die klassische Linke war sich einst ihrer Heilsgewissheiten sicher. Doch seitdem sich der Mythos von der klassenlosen Gesellschaft selbst entzaubert hat und das Hauptthema zumindest unter westlichen Linken von der Politischen Ökonomie zur Ökologie gewandert ist, triumphieren die Unheilsgewissheiten. Wie hieß es neulich in einer Diskussion irgendwo in deutschen Landen: Was ist schlimmer, der Holocaust-Leugner oder der Klimawandel-Leugner? Der Klima-Leugner natürlich, beim Holocaust ging’s nur um sechs Millionen, beim Klimawandel aber um die gesamten Menschheit… Es gibt keine edlere Angst als die Umwelt-Angst.

 

Alte, weiße Männer

 

Für die Häretiker in Sachen Weltuntergang, für Menschen, denen, wie der Kabarettist Bruno Jonas sagt, einfach das Panik-Gen fehlt, macht sich derzeit ein neuer Modebegriff breit: „Alte, weiße Männer“. Trotz des seniorenfeindlichen, wenn nicht sogar rassistischen und latent sexistischen Untertons hört man die Formulierung allenthalben. Man stelle sich vor, irgendwer würde seine Furcht über „junge, schwarze Männer“ zum Ausdruck bringen. Soviel Hass und Hetze müsste unweigerlich Polizei und Staatsanwaltschaft auf den Plan rufen. Ganz anders ist das beim „alten, weißen Mann“, der regiert die Welt und darf, ja muss als Leibhaftiger gebrandmarkt werden.

 

Freuen wir uns: In der Ära der Unheilsgewissheiten ist die Trennung von guter und böser Angst moralisch endlich unzweideutig.

 

Der Journalist Ulrich Berls leitete von 2005 bis 2015 das ZDF-Studio Bayern. Im Jahr 2013 erschien sein Buch "Bayern weg, alles weg. Warum die CSU zum Regieren verdammt ist.

 

 


 

Klimanotstand führt zu Demokratienotstand

 

Matthias Heitmann - CICERO ONLINE am 18. August 2019

 

Vor einem Jahr trat Greta Thunberg erstmals in den Schulstreik. Das Thema Klimawandel beherrscht seither die Schlagzeilen. Der politische Alarmzustand verhindert Zweifel, Kritik und Dissens. Panik aber ist der Todfeind der Vernunft und der Demokratie

 

Auch wenn der deutsche Sommer 2019 entgegen allen Erwartungen bislang weder von Dürre noch von langen Hitzeperioden, sondern von instabilen Wetterlagen geprägt ist: Was den Klimawandel angeht, könnte das gesellschaft-liche Klima kaum hitziger sein. Nahezu jede Nachrichtensendung auf allen Kanälen setzt den Umwelt- und Klimaschutz als sinnstiftenden Rahmen und auch die abseitigste Nachricht in den Kontext des drohenden Klimakollapses.

 

Es ist schwer dieser Tage, das Thema aus den Schlagzeilen zu vertreiben. Sei es die Diskussion über neue Steuern und die drohende Rezession, über die Ursachen der globalen Migrationsbewegungen, über die Zukunft der Energie-versorgung und das Verhältnis zu China und den USA – der rhetorische Abschlussschwenk zur Klimadebatte ist fast so sicher und unerlässlich wie das Amen in der Kirche.

 

„Klimatisierte Politik“: Notstand als Normalzustand

 

Es scheint, als könne Deutschland die Welt nur noch durch die Klima-Brille erkennen und verstehen. Alle anderen Themen, Nöte und Problemlagen werden diesem Thema untergeordnet oder aber als dessen Nebeneffekte inhaltlich „eingemeindet“. Selbst die anstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland und die erwartbar guten Ergebnisse der AfD werden darauf verjüngt, dass diese allein schon wegen ihrer Weigerung, an den Klimawandel zu glauben, für aufrechte Bürger eigentlich „haram“ sei.

 

In gewisser Weise haben wir es in Deutschland mit einer „klimatisierten Politik“ zu tun: Anders jedoch als bei herkömm-lichen Klimatisierungen geht es hier nicht um die menschenfreundliche Abmilderung extremer Temperaturen, sondern im Gegenteil um die Aufheizung und Radikalisierung öffentlicher politischer Diskurse.

 

Klima geht vor

 

Dies geschieht weder ungewollt noch zufällig: Im März 2019 hat die Bundesregierung das sogenannte „Klimakabinett“ eingesetzt. Dieser oberhalb der verschiedenen Ressorts angesiedelte Kabinettsausschuss soll Gesetzesvorlagen erar-beiten, mit denen Deutschland seine Klimaziele für 2030 und 2050 einhalten soll. Das bezweckte Signal ist eindeutig: Klima geht vor, alle anderen Gesellschaftsbereiche sollen sich diesem Primat unterordnen und Abstriche machen. Die Bezeichnung des Ausschusses dürfte bewusst gewählt sein und nicht zufällig an Sonderformationen aus Krisenzeiten wie etwa an das „Kriegskabinett“ erinnern.

 

Dazu passt, dass mittlerweile mehr als 50 Städte und Kommunen den „Klimanotstand“ ausgerufen haben. Natürlich ist auch dieser Begriff nur symbolisch, wie immer betont wird – und auch betont werden muss, denn schließlich hat nach Angaben des Umweltbundesamtes die Schadstoffbelastung der Luft in Deutschland im letzten Vierteljahrhundert deutlich abgenommen. Ein veritabler Notstand ließe sich also auch wissenschaftlich gar nicht begründen.

 

Popularisierung des Ausnahmezustandes

 

Und dennoch ist die Verwendung des Notstandsbegriffs mehr als nur ökoapokalyptische Symbol-PR. Die Klima-

notstands-Kommunen wollen all ihre künftigen Entscheidungen unter einen Klimavorbehalt stellen. Die Stadt Rüsselsheim will die Bevölkerung umerzieh..., äh, „aktiv in den Umweltschutz einbinden“, wie es heißt. So sollen

Schüler an einem jährlichen Umwelttag Müll in der Stadt einsammeln. Dabei wird es nicht bleiben.

 

In der Stadt Konstanz, die als erste den Notstand ausrief, koordiniert eine eigens gegründete „Taskforce“ die städtischen Klimaschutzmaßnahmen. Auch wenn all diese derzeit keine rechtlichen Konsequenzen haben und für sich genommen unbedeutend sind, so prägen sie nicht zuletzt durch die verwendete martialische Sprache doch das Bewusstsein der Menschen: Wir erleben eine Popularisierung des Ausnahmezustandes – und dadurch zugleich auch dessen Norma-lisierung.

 

Selbstausrottung als Klimaschutz?

 

Wie weit die politische Kultur mittlerweile von demokratischer und auch zivilisatorischer Normalität abzuweichen bereit ist, zeigt die Debatte über das Kinderkriegen in Zeiten der Klimakrise. Die Protagonistin dieser Diskussion ist in Deutsch-land die Lehrerin und Buchautorin Verena Brunschweiger. In ihrem Buch „Kinderfrei statt Kinderlos“ formuliert sie ihre düstere Botschaft ganz klar: Die meisten Eltern hätten nur aus egoistischen Gründen Kinder, es gehe ihnen schlicht und ergreifend ums Geld. Kinder seien „das Schlimmste, was man der Umwelt antun könne“.

 

Daher solle jede Frau, die der Umwelt zuliebe kein Kind bekomme, mit 50 Jahren 50.000 Euro erhalten – quasi eine Art Nicht-Gebär-Prämie als Dankeschön für die menschverhütende Planetenrettung. Diese Debatte eröffnet in ihrer Radikalität einen sehr erhellenden Blick auf den menschenfeindlichen Kern der Umweltschutz- und Klimadebatte: Der Mensch liefert mit seiner Zivilisation, ja schon allein durch seine Existenz, die Ursache des planetaren Untergangs.

 

Die elitäre Ideologie der menschlichen Schuld

 

Derlei Sichtweisen sind so weit von der humanen Intuition entfernt, dass sie, wenn überhaupt, dann nur über den Umweg der stetigen Eskalation der Apokalypsen-Rhetorik und der daraus abgeleiteten Kultur des permanenten Not-standes an das Leben der Menschen andocken können. Nur mit immer kruderen Gefährdungsszenarien lässt sich verhindern, dass Zweifel aufkommen und diskutiert werden, was ja in der Regel zu deren Verbreitung führt. Denn wer angesichts des als unbestreitbar geltenden Untergangs Diskussionsbedarf anmeldet oder auch nur Bedenkzeit ein-fordert, gilt bestenfalls als ahnungsloser, egoistischer und bequemer Beschwichtiger, aber eigentlich eher als tabu-brechender Ketzer und Kollaborateur des Teufels – oder allumfassend neudeutsch: als Nazi.

 

Dies ist auch der Grund, warum der Klimawandel allein nicht ausreicht, um die notwendige Panik zu erzeugen. Es ist neben der im Bewusstsein zu verankernden extremen Beschleunigung vor allem der Aspekt des menschgemachten Wandels, der den Impuls des homo sapiens sapiens unterbinden kann, Herausforderungen aktiv anzugehen und Probleme verstehen und lösen zu wollen. Anders formuliert: Die Klimaschutzgemeinde hat kein wirkliches Interesse daran, dass Menschen rational auf Veränderungen reagieren und tatsächlich und im großen Stile aktiv werden. Es geht im Gegenteil darum, passiv zu werden, demütig das eigene Handeln zu bremsen, Erwartungen und Ansprüche herunter zu schrauben und sich dem Schicksal zu fügen.

 

Kinder an die Macht? Dann gute Nacht!

 

Um ein solches Denken gerade in Zeiten von politischer Unruhe tatsächlich zu verankern, sind besondere und schnell wirksame Vorgehensweisen nötig. Die Radikalisierung der Klimadiskussion liefert den zaudernden politischen Eliten der westlichen Welt einen willkommenen Ansatzpunkt, um die Menschen davon abzuhalten, die Welt anders zu gestalten, als sie ihnen während der gerade zu Ende gehenden Ära der Alternativlosigkeit gepredigt haben.

 

Kein Wunder, dass es gerade auch konservative Politiker sind, die auf den Klimazug aufspringen. Ihnen eröffnet die Bewegung „Fridays for Future“ ungeahnte Möglichkeiten: Sie erhebt die radikale Ablehnung des normalen Lebensstils und des Selbstbestimmungsanspruchs der Erwachsenen zum Kern ihres Protests und unterläuft damit alle Formen des antiautoritären, demokratischen und auf Mündigkeit und Freiheit des Einzelnen gerichteten Widerstands. Während in Frankreich die Gelbwesten seit Monaten gegen die bevormundende und bürgerferne Politik von Staatspräsident Emmanuel Macron protestieren, wirft sich die sich bewusst unerwachsen gebende Klimaschutzbewegung inbrünstig den Herrschenden an den Hals und bittet diese um autoritärere und erzieherische Maßnahmen gegen die verant-wortungslosen Erwachsenen.

 

Panik ist der Todfeind der menschlichen Vernunft

 

„Ich will, dass Ihr in Panik geratet“, sagt die 16-jährige Greta Thunberg und bringt damit das Welt- und Menschenbild der jungen und durch und durch elitenorientierten Klimabewegung auf den Punkt. Das zu denken und zu sagen, ist ihr gutes Recht in einer Demokratie. Damit diese Demokratie auch künftig bestehen bleibt und nicht dem Klimanotstand geopfert wird, sollten wir uns aber vergegenwärtigen, dass Panik nicht nur kein guter Ratgeber, sondern auch der Todfeind der menschlichen Vernunft, der Demokratie und der Freiheit ist. In Schweden, der Heimat von Thunberg, beginnen die Menschen, dies zu verstehen. Hier hat der Greta-Hype bereits spürbar abgenommen. In vielen euro-päischen Ländern ist er nie wirklich angekommen.

 

Auch in Deutschland, dem Epizentrum des globalen Klimaschutzes, haben die Faszination und die Anziehungskraft apokalyptischer Streiter ihre Grenzen. Und selbst, wenn die Entzauberung womöglich noch ein wenig länger dauert, wird sie kommen. Auf lange Sicht kann es keine populäre politische Massenbewegung geben, die sich grundsätzlich gegen den Menschen und dessen Zivilisation richtet. Daran werden weder Thunbergs Segeltörn noch die diesjährige Verleihung des Friedensnobelpreises etwas ändern.

 

https://www.cicero.de/innenpolitik/klimadebatte-klimanotstand-demokratie-klimapolitik-greta-thunberg

 


 

Die Welt kämpft um ihre Freiheit, Deutschland redet vom Wetter

 

Matthias Heitmann - CICERO ONLINE am 24. November 2019

 

In aller Welt protestieren Menschen für mehr Freiheit und Demokratie, gegen Bevormundung, sinkende Lebens-standards und steigende Steuern. In Deutschland hingegen ist nicht der Mut zu Veränderung, sondern Angst und Panik das beliebteste Motiv politischer Proteste

 

Vor etwas mehr als einem Jahr, am 17. November 2018, gingen in Frankreich knapp 300.000 Menschen in gelben Westen an mehr als 2.000 Orten auf die Straßen und blockierten Kreuzungen und Tankstellen. Auslöser der Proteste war die von Staatspräsident Emmanuel Macron zur Finanzierung der französischen Energiewende geplante höhere Besteuerung fossiler Kraftstoffe. Tatsächlich waren die Steuererhöhungen jedoch nur ein Symbol für die von vielen Franzosen persön-lich empfundene Benachteiligung und Marginalisierung. Da in Paris lediglich 13 Prozent der Menschen mit dem Auto fahren, wurde die Benzinsteuererhöhung schnell als Sondersteuer für die Landbevölkerung interpretiert. Da zudem das Bruttosozialprodukt der wenigen französischen Metropolregionen um die Hälfte höher ist als im Rest des Landes, ist es kein Wunder, dass sich viele Franzosen auch fühlen wie „der Rest“ und so die Proteste gewaltsam nach Paris und in andere Großstädte getragen wurden.

 

Aufstand der Marginalisierten

 

Nicht umsonst skandierten die Demonstranten immer wieder den Slogan: „Die Regierung redet vom Ende der Welt, wir vom Ende des Monats!“ Auch wenn heute im Vergleich zum November 2018 nur noch wenige zu den Demonstrationen der Gelbwesten kommen: Weder die Lage noch die Stimmung der Menschen haben sich nicht verändert. Weiterhin halten zwei Drittel aller Franzosen die Forderungen der Gelbwesten für richtig – allen Bemühungen der französischen Regierung zum Trotz, die Bewegung zu diffamieren, zu kriminalisieren und blutig niederzuschlagen. Die Menschen fühlen sich auch weiterhin als die Ignorierten, die Marginalisierten und Übergangenen in einer hauptsächlich auf die urbanen Eliten fokussierten politischen Landschaft. Die Proteste mögen abflauen, nicht aber die Unzufriedenheit und die Wut – und auch nicht das flaue Gefühl im Magen der französischen Politik.

 

30 Jahre nach 1989: Deutschlands politische Amnesie

 

Es wird interessant sein zu beobachten, wie sich die Dinge in Frankreich weiterentwickeln werden. Interessant ist aber auch, wie diese und andere Proteste in Deutschland aufgenommen und diskutiert werden. Zum Jahrestag der Gelb-westenproteste wurde jedenfalls hierzulande hauptsächlich über deren Abebben und darüber philosophiert, dass Demonstrationen in Frankreich immer radikaler und brutaler seien als bei uns. Was tatsächlich ein Jahr nach Beginn der Proteste in den französischen Provinzen geschieht, wie und ob sich die Menschen künftig anders organisieren und wie es insgesamt im Nachbarland weitergehen soll, findet hierzulande hingegen kaum Beachtung.

 

Die deutsche Gesellschaft hat grundsätzlich ein seltsames Verhältnis zu Protesten. Fragt man hierzulande nach den wichtigsten Protesten des Jahres 2019, so ist die Antwort eindeutig: An allererster Stelle kommen die „Fridays for Future“-Demonstrationen. Danach kommt erst einmal lange nichts – und dann eventuell die aktuellen drastischen Ereignisse in Honkong. Die Gelbwesten sind kein Thema. Wenn überhaupt, dann überwiegen inhaltsleere Erschütterung und Betroffenheit ob der Gewalt – auf beiden Seiten, wie immer betont werden muss –, verbunden mit der nicht minder inhaltsleeren Hoffnung, diese möge bald enden. Die Marschroute lautet: Bloß kein Statement abgeben, dass in irgend-einer Form Menschen dazu motivieren könnte, Proteste als etwas Sinnvolles und Gewinnbringendes anzusehen. Dass dieses Denken 30 Jahre nach dem Fall der Mauer in Deutschland den Zeitgeist prägt, ist nicht nur bedauerlich, sondern ein untrügliches Anzeichen von politischer Amnesie.

 

Proteste werden mit alten Stereotypen wegerklärt

 

Die in Deutschland medial präsentierte „Bewertung“ der verschiedenen Protestbewegungen wird beinahe ausschließ-lich an den äußeren Erscheinungsformen festgemacht. Und sie werden jede für sich dargestellt, ganz so, als hätten wir zwar eine vernetzte Welt, nur die Proteste hätten miteinander nichts zu tun – und auch nichts mit uns. In zahllosen Ländern der Welt demonstrieren Menschen für mehr politische Teilhabe und Freiheit, für mehr Demokratie, gegen Autoritarismus, gegen Preiserhöhungen und sinkende Lebensstandards. Aber deutsche Medien berichten darüber, als schauten sie durch ein Fernrohr auf eine Lichtjahre entfernte Welt, deren niedere Probleme (Lebensstandard, Konsum, Demokratie, Freiheit) mit unseren, also den wirklich wichtigen und zukunftsweisenden (Klimawandel, CO2, Energie-wende etc.) gar nicht zu vergleichen sind. Man könnte launisch zusammenfassen: Die Welt kämpft um ihre Freiheit,

und Deutschland redet vom Wetter.

 

Aufgrund dieser Oberflächenfixierung werden inhaltliche Nuancen und Entwicklungen innerhalb der Protestbewe-gungen kaum wahrgenommen, geschweige denn kommuniziert. Stattdessen ist die Diskussion geprägt von alten Stereotypen: Bei den Gelbwesten ist es die alte französische Liebe zur Revolte, bei den Brexit-Briten schlagen traditio-nelle Verrücktheit und imperialer Starrsinn durch, bei den Italienern ist es die angeborene Korruptheit, bei den Ost-europäern wiederum der historische Demokratiemangel. Im Iran hat eh alles keinen Sinn, und wenn in Chile Hundert-tausende das Land lahmlegen, sodass die UN-Weltklimakonferenz verschoben werden muss, dann wird nur zögerlich darüber berichtet, dass sich die Proteste wie in Frankreich ursprünglich gegen die dortige Umweltpolitik richteten.

 

Wegschauen als Politikersatz

 

Auch der Blick auf innenpolitische Konflikte bleibt auffällig oberflächlich: Wenn die Bauern in Deutschland Straßen und Greenpeace-Büros blockieren, weil sie nicht länger zum Sündenbock gemacht werden wollen, dann ist dies selbst-verständlich allein eine Machtdemonstration des rückständigen Bauernverbandes sowie korrupter Verteidiger des alten Systems. Auch die Frage, ob Ostdeutsche nicht eventuell gute Gründe haben, sich im westdeutsch dominierten Parteien-system unwohl zu fühlen, darf natürlich auch nicht ernsthaft diskutiert werden, ohne schon vorher eine eindeutige Positionierung gegenüber „Dunkeldeutschland“ vorzunehmen. Und dass Wähler von Donald Trump per se unter-belichtet sind, wird wahrscheinlich ohnehin demnächst von „der Wissenschaft“ festgestellt.

 

Diese Rezeption des politischen Weltgeschehens, aber auch der Situation im eigenen Lande, ist dem eigentümlichen deutschen Zeitgeist geschuldet: Er vereint Ängstlichkeit vor der „zivilisatorischen Peripherie“ an den Rändern des Mainstreams mit einem auffälligen Mangel an Empathie für Menschen, die sich für eigentlich selbstverständliche Interessen und Rechte einsetzen. Während sich die Welt an vielen Stellen auf den Weg macht in Richtung Freiheit, schnallt die deutsche Seele aus Angst vor den Nebenwirkungen des Fortschritts die Scheuklappen enger und enger.

 

Ist Gewalt im Kampf um die Demokratie legitim?

 

Eine kluge Strategie ist dies nicht. Denn die Menschen lassen sich nicht einmal von diktatorischen mörderischen Regimes davon abhalten, für ihre Freiheit zu kämpfen, geschweige denn von demokratisch gewählten, aber ver-ängstigten Regierungen. In allen europäischen Staaten wächst der Unmut der Menschen. Diesem zu begegnen und sich nicht wegzuducken, müsste eigentlich die oberste politische Priorität sein, wenn es darum geht, sich dem Gefühl der zunehmenden Entfremdung und Marginalisierung entgegenzustellen. Doch genau das geschieht nicht.

 

Stattdessen zuckt das deutsche Gemüt zusammen, wenn der Hongkonger Demokratie-Aktivist Joshua Wong angesichts der zunehmenden Polizeigewalt die Frage stellt, ob der Einsatz von Gewalt im Kampf um die Demokratie nicht legitim sein könne. Irgendwann könnte sich auch hierzulande der Unmut der Menschen in Mut verwandeln. Wann und in welche Richtung es dann geht? Das werden die kommenden Jahre zeigen.

 

https://www.cicero.de/innenpolitik/proteste-demokratie-umwelt-freiheit-gelbwesten-deutschland-frankreich-fridays-for-future-klimawandel

 


 

Norbert Bolz, Generation Greta: Wie die Angst vor dem Untergang eine ganze Gesellschaft und ihre Medien bewegt

NZZ - 29.8.2019 - https://www.nzz.ch/feuilleton/norbert-bolz-greta-thunbergs-mission-ld.1504962

 

Hans Ulrich Gumbrecht, Es gibt eine Öko-Erlösungsgeschichte, die vom Ende der Menschheit träumt

NZZ - 24.09.2019 - https://www.nzz.ch/feuilleton/klimawandel-ein-ende-mit-wuerde-saehe-anders-aus-ld.1477732

 

Pascal Bruckner, Eine Kritik der Klimaproteste oder was passiert, wenn Unreife zum politischen Programm wird

NZZ, 26.04.2019 - https://www.nzz.ch/feuilleton/klimaproteste-alt-und-jung-in-unreife-vereint-ld.1476994

 


 

Data Science vs. Fake: Die Eisschmelze hebt Meeresspiegel an

 

https://www.arte.tv/de/videos/081077-020-A/data-science-vs-fake/