Fakten

 

 

 

Wahre Worte sind nicht schön.

Schöne Worte sind nicht wahr.

 

Lau Dse

 

 

Åsa Wikforss: „Die Fakten hatten es noch nie leicht mit uns“

 

In Schweden können alle Abiturienten ihren Bestseller Alternativa Fakta kostenlos erhalten. Die Philosophin

Åsa Wikforss, die zu den wichtigsten intellektuellen Stimmen des skandinavischen Landes gehört, erklärt im Gespräch die Ursachen zunehmender Wissensresistenz und was Gesellschaften dagegen tun können.

 

 

Frau Wikforss, Sie sind Professorin an der Universität Stockholm, aber über die akademische Philosophie

hinaus bekannt. So können zum Beispiel alle schwedischen Abiturienten ihr Buch Alternativa Fakta kostenlos bekommen. Was kann die Philosophie Schülerinnen und Schülern über die Wahrheit beibringen?

 

Alles! Schon wenn man wissen möchte, was Wahrheit und Wissen ist, fragt man die Philosophie. Viel von dem was gerade passiert – Fehlinformationen, Fake News –, basiert auf Schwachstellen in der Natur unseres Wissens. Wissen,

das ist gerechtfertigter, wahrer Glaube. Und wir Menschen können einen Glauben an etwas auf zwei Arten recht-fertigen: Es gibt Evidenz durch Erfahrung, also durch das, was wir fühlen, sehen, hören. Und es gibt Evidenz, die wir von Menschen bekommen, die mehr wissen als wir. Was wir über die Welt wissen, über Geschichte, Geographie, Fußball oder Politik, wissen wir meist nicht, weil wir selbst dabei waren, sondern von anderen Menschen. Wir können Wissen über Generationen akkumulieren und weiterverbreiten. Einerseits ist das eine große Stärke.

 

Andererseits ist es eine Schwäche. Denn unser Wissen beruht zu einem Großteil auf Vertrauen in andere Menschen,

das wiederum ausgenutzt werden kann. Damit ich beispielsweise von Ihnen Wissen bekommen kann, muss ich Ihnen glauben. Um Ihnen zu glauben, brauche ich wiederum Vertrauen. Psychologische Forschung zeigt, dass wir von Natur aus sehr vertrauensvoll sind. Wenn uns jemand etwas erzählt, ist normalerweise unser erster Impuls, es zu glauben.

Auf der einen Seite kann dieses Vertrauen missbraucht werden, um Falschheiten zu verbreiten. Auf der anderen Seite kann Vertrauen untergraben werden. Hätte mir zuvor jemand etwas Falsches über Sie und das Philosophie Magazin erzählt, würde ich Ihnen kein Wort glauben und nichts von Ihrem Wissen bekommen. Genau dieses Untergraben von Wissen können wir derzeit vielerorts beobachten. Politisch motivierte Fehlinformationen zielen oft darauf ab, das Vertrauen der Menschen in ernstzunehmende Wissensquellen zu unterminieren.

 

Sie forschen zu Wissensresistenz, was meint das?

 

Wissensresistenz ist die Tendenz zu glauben, was man glauben möchte, statt zu glauben, wozu man gute Gründe hat.

Es ist nicht so, als gäbe es eine Gruppe von Menschen, die einfach wissensresistent ist und eine andere, die es nicht ist. Wissensresistenz äußert sich in Situationen in denen das, was wir glauben uns so wichtig ist, dass wir uns bedroht fühlen, wenn jemand Einwände oder gar Beweise gegen unsere Überzeugungen vorbringt. Dann setzten unsere Gefühle ein und wir sperren uns gegen diese Evidenzen. Diese psychologischen Mechanismen gibt es seit der Steinzeit. In diesem Sinne könnten wir sagen, die Fakten hatten es noch nie leicht mit uns. Was wir heute ganz besonders beobachten, ist das Zusammenspiel dieser angeborenen Mechanismen mit unserer Umwelt, die von einer neuen, zersplitterten Medienlandschaft und kursierenden Falschinformationen gekennzeichnet ist. Bei der Wahl unserer Informationsquellen besteht deshalb das Risiko, dass wir das nicht rational, sondern emotional entscheiden und Informationen aus unseriösen Quellen beziehen. Schließlich kommen auch noch Polarisierungseffekte hinzu. Da wäre zum Beispiel die emotionale Polarisierung: Wir sehen Menschen mit gegenteiligen Meinungen nicht mehr als Dis-kussionspartner, sondern als Gegner. Diese Interaktion der inneren und äußeren Feinde des Wissens führt zu einer Welt, in der es die Fakten oft sehr schwer haben.

 

Sie betonen, dass wir alle für Wissensresistenz und Fehlinformationen anfällig sind. Können wir dem dennoch etwas entgegensetzen?

 

Wir sollten zunächst vorsichtig sein, welche Informationen wir in sozialen Netzwerken finden und erst recht aufpassen, welche wir davon teilen. Der Fokus sollte weniger darauf liegen, jede Quelle zu untersuchen, denn das ist eine er-drückende Aufgabe. Vielmehr geht es darum, verlässliche Informationsquellen zu finden, an die wir uns halten können. Zudem müssen wir uns klar machen, wie sehr Wissensresistenz von Gefühlen geleitet wird – in uns und in anderen. Wenn wir mit einer Person streiten, die wir für faktenresistent halten, werden wir schnell wütend oder arrogant und sagen: „Um Himmels willen, hör' mir doch einfach zu!“ Das ist aber das Letzte, was man tun sollte. Vielmehr braucht es eine Atmosphäre von Respekt und Vertrauen, um Wissen zu vermitteln und Menschen dazu zu bringen, unsere Argu-mente anzuhören. Auf der strukturellen Ebene stellt sich jedes Land indes die Frage, ob wir Gesetze gegen Fehlinfor-mationen erlassen können, ohne dabei die Meinungsfreiheit einzuschränken. Darauf haben wir noch keine perfekte Antwort gefunden. In jedem Fall können wir aber mehr gesetzliche Transparenz einfordern, sodass von großen Tech-Konzernen offengelegt werden muss, wer für welche Werbung bezahlt wird oder welche Algorithmen Anwendung finden. Es ist ein bisschen wie bei der Klimakrise: Man kann ihr nicht nur auf einer Ebene begegnen. Wir müssen uns als Individuen verändern, benötigen gleichzeitig aber auch einen strukturellen Wandel. Die Herausforderungen sind also ähnlich. Wobei hinsichtlich der Klimakrise noch etwas anderes hinzukommt. Hier gibt es zwar die Wissensresistenz der Klimawandelleugner, es gibt aber auch viele Menschen, wie Sie und ich, die auf die Wissenschaft vertrauen, aber nicht die Energie aufbringen, ihr Leben dementsprechend zu ändern. Wir leugnen die Fakten also auf eine Weise, die Aristoteles als Akrasia, bezeichnete, als Handlungsirrationalität. Wir wissen, dass die Klimakrise da ist, welche Handlungen wir unternehmen sollten, wir wollen handeln - und tun es doch nicht.

 

Åsa Wikforss lehrt als Professorin für Philosophie an der Universität Stockholm und leitet dort das Forschungsprojekt „Knowledge Resistance. Causes, Consequences, and Cures“. Ihr Buch „Alternativa Fakta“ ist ein Bestseller in Schweden und erscheint im März auf Deutsch. („Hörensagen. Wahrheitsfindung in einer faktenfeindlichen Welt“, Harper Collins 2021).

 

Übersetzung: Lia Nordmann

 

https://www.philomag.de/artikel/asa-wikforss-die-fakten-hatten-es-noch-nie-leicht-mit-uns

 


Wie hältst Du es mit der Wirklichkeit?

 

Åsa Wikforss: „Hörensagen. Wahrheitsfindung in einer faktenfeindlichen Welt“; Hamburg: Harper Collins 2021

 

Die schwedische Philosophin Åsa Wikforss beschreibt in ihrem Buch „Hörensagen“ die Herausforderungen, in einer zunehmend faktenfeindlichen Welt weiterhin auf der Möglichkeit der Wahrheitsfindung zu bestehen.

Wie lässt sich in einer faktenfeindlichen Welt bestehen, in der – anders als in früheren Zeiten – der Rückzug ins Eremiten- und Privatgelehrten-Dasein keine wirkliche Option darstellt? Åsa Wikforss, Professorin für Theoretische Philosophie an der Universität von Stockholm, hält sich in ihrem Buch „Hörensagen“ nicht lang mit jenem gängigen Lamento auf, das sich allzu häufig im wiederholten Beschreiben des ohnehin Bekannten erschöpft.

 

Ja, Trumps Sprecherin hatte den Begriff der „alternativen Fakten“ in die Welt gebracht, ihr Herr und Meister log und verfälschte Realität, sobald er den Mund aufmachte – und von Wladimir Putin bis hinunter zu den unbekanntesten Twitter- und Facebook-Trollen wird bis zum heutigen Tag bewiesen, dass, frei nach Orwell, zwei mal zwei keineswegs vier sein muss. So weit, so schlecht.

 

Überzeugung, Auffassung oder Beurteilung?

 

Åsa Wikforss ist eher an den Denkstrukturen der Konsumenten, also von uns, interessiert. Was, so fragt sie und antwortet anhand konkreter Fallbeispiele, unterscheidet etwa Überzeugung von Auffassung oder Beurteilung? Mitnichten ist dies ein linguistisches Glasperlenspiel, sondern der Versuch, sich mittels vorheriger konziser Begriffsklärung vor der Überwältigung durch Halbwahrheiten zu wappnen.

 

Denn: „Wissen ist nicht dasselbe wie Überzeugungen, so stark diese auch sein mögen. Die Überzeugung muss auf irgendeiner Form von guten Gründen oder Evidenz basieren. Wer richtig rät, hat noch lange kein Wissen. Dass eine Behauptung objektiv wahr ist, bedeutet, dass ihre Wahrheit nicht von unseren Überzeugungen abhängt.“ Was aber, wenn wir zwar penibel Quellenkritik betreiben, uns vor Scharlatanen, Fake News und rhetorischen Übertreibungen so gut wie möglich zu schützen versuchen – unsere Wahrnehmung von Fakten aber dennoch gerahmt bleibt von unseren Überzeugungen, Vorlieben und Phobien? Darauf hat auch Åsa Wikforss, deren Buch in Schweden kostenlos an alle Abschlussklassen verteilt wird, letztlich keine Antwort.

 

Oder vielleicht doch: Indem wir Teile unseres Unbewussten auf just diese Weise analysieren und verbalisieren und dabei die eigenen blinden Flecken (und nicht allein diejenigen des politischen Gegners) zu entdecken beginnen, ergibt sich bereits die Chance, klarer und fairer zu gewichten und dem Kuddelmuddel aus Gefühligkeit und „mal so eben Angedachten“ zu entkommen.

 

Kritik der Postmoderne

 

Vermutlich wird sich die Mehrheit der Leserschaft auf dieses Rezept – das übrigens nicht vorgibt, die Patentlösung zu präsentieren – mehr oder minder mühelos einigen können. Bei Wikforss´ Skepsis gegenüber gewissen Dogmen der akademischen Linken dürfte das freilich schon anders sein.

 

Wenngleich sie hier wohl mitunter ein wenig überzeichnet oder verkürzt, diskutierbar sind ihre Nachfragen auf jeden Fall. Wenn nämlich postmoderne Denker wie Foucault, Derrida oder Lyotard behaupteten, es gäbe keine objektive Wahrheit und alles sei nur eine Frage der Perspektive – weshalb sollte dann Donald Trumps „Perspektive“ falsch gewesen sein?

 

Der postmoderne Ansatz, so erfrischend und emanzipatorisch er einst auch gewesen sein mag, ist nun in den Händen von Zynikern und Rechtsextremisten. Wobei – diese zusätzliche Spitze kann sich die Autorin nicht verkneifen – der Post-modernismus in der Philosophie ohnehin nie eine zentrale Rolle gespielt habe, da man sich dort weiterhin vor allem mit analytischer, politischer, Sprach- und Erkenntnistheorie beschäftige.

 

Umso erfolgreicher sei, mit fragwürdigen Folgen, der postmoderne Slang in die Geistes- und Gesellschaftswissen-schaften eingewandert. Selbst Mutter zweier Töchter, misstraut sie deshalb auch jener in die Schulen hineingetragenen „konstruktivistischen Pädagogik“, die davon ausgeht, dass Faktenwissen unbedingt von „Verständnis, Dialog, Diskus-sion“ eingehegt sein muss.

 

Sympathisch die Intention, fatal die Folgen

 

So nachvollziehbar und sympathisch die Intention, so fatal die Folgen. In Frankreich, wo einst eine Kommission unter der Teilnahme von Jacques Derrida den Impuls für die neuen Lehrmethoden gegeben hatte, ist die überprüfbare Leistungs-fähigkeit der Schüler ebenso gesunken wie in Schweden, wo man ähnlich verfuhr. Um nämlich nicht vor jedem Faktenwissen automatisch in Habacht-Stellung zu gehen, braucht es Einordnungskompetenz, und diese wiederum speist sich aus – Faktenwissen.

 

Ein radikal schülerzentriertes Lernen mit einer Vielzahl autonomer Praktika helfe also, entgegen dem progressiven Grundimpuls, mitnichten den Schülern aus migrantischen und/oder bildungsfernen Schichten, sondern lasse sie noch mehr allein. Profitieren, so die Autorin, würden von jenem expertenskeptischen „Do it yourself“ lediglich Kinder und Jugendliche, die bereits aus wohlhabenden Bücher-Haushalten stammen, ganz zu schweigen von jenen rhetorisch übergriffigen Jung-Fanatikern, die seit jeher glauben, die Welt existiere einzig und allein in ihrer Sicht auf diese.

 

Möge dieses in ruhigem Ton geschriebene und dabei stringent argumentierende Buch auch in Deutschland eine Diskussion entfachen.

 

https://www.deutschlandfunkkultur.de/asa-wikforss-hoerensagen-wie-haeltst-du-es-mit-der-100.html