Wunder und Wunderkritik

 

 

 

 

 

Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.

 

Johann Wolfgang von Goethe

 

 

 Ein Wunder ist "eine Begebenheit in der Welt, die nicht gemäß der Ordnung der Natur geschieht."

 

"Wunder sind auch eben nur dadurch, daß eine Ordnung der Natur ist;

wäre keine Ordnung der Natur, so könnte auch keine unterbrochen werden."

 

Immanuel Kant

 

 

 

Wunder sind unmöglich

 

Es gibt mehr zwischen Himmel und Erde als die Wissenschaft erklären kann. Wunder sind für Jesus kein Mittel zur Selbstdarstellung, sondern sie bestätigen den Glauben derer, denen das Wunder zuteil wird.

Uwe Birnstein - evangelisch.de - 12.03.2020

 

"Wunder gibt es immer wieder…" heißt es in einem bekannten Schlager. Aber wer glaubt denn so etwas noch? Heute sprechen wir von Wundern meist, wenn Ereignisse den Naturgesetzen zu widersprechen scheinen. Alles, was sich natürlich erklären lässt, kann kein Wunder sein – eigentlich gibt es heute keine Wunder mehr, für alles lässt sich doch irgendeine rationale Erklärung finden. Im Kontrast dazu steht der inflationäre Gebrauch des Ausdrucks "Wunder" auch für wissenschaftliche Phänomene und Entdeckungen: Von Wundern der Technik, der Medizin, der Genforschung ist da die Rede. Was genau verstehen Christen heute eigentlich unter einem Wunder? Gehören sie allein in den Bereich der Schlagertexte und der naiven Religiosität oder betreffen sie uns noch?

 

Von der Schönheit der Natur bis zu großen technischen Errungenschaften, von Heilungen und Rettungen bis zu Visionen und weinenden Heiligenstatuen: Was uns verwundert oder wunderbar erscheint, nennen wir oft Wunder.

Aber sofort schleichen sich Zweifel ein, man möchte doch so gerne glauben, dass es auch wirklich ein Wunder ist, also müssen Beweise her: "Erst wenn du mir das Wunder beweist, kann ich es anerkennen!" Dabei wird übersehen, dass die Unbeweisbarkeit zum Wesen der Wunder gehört. Wunder lassen sich nur erfahren. Wunder führen auch nicht zum Glauben – jedenfalls, wenn man unter Glauben mehr versteht als naives Für-wahr-Halten. Sie setzen den Glauben vielmehr schon voraus. Das betont auch Jesus in den Wundererzählungen immer wieder. Wundertaten als Beweise lehnt er ab: "Was fordert doch dieses Geschlecht ein Zeichen? Wahrlich, ich sage euch: Es wird diesem Geschlecht kein Zeichen gegeben werden!" (Markus 8,11) Jesus wusste, dass Wundertaten ohne schon vorhandenen Glauben oft als Scharlatanerie gedeutet werden. Baten ihn aber Menschen um Hilfe, die Hoffnung hatten und wirklich glaubten, dass Jesus ihnen helfen könne, verwehrte er sie ihnen nicht. Wenn Jesus dem Blinden, der wieder sehend geworden ist nach der Heilung sagt "Dein Glaube hat dir geholfen." (Lukas 18,42), wird deutlich: Er versucht, sich mit seinen Taten – die im Neuen Testament übrigens meist "Zeichen" oder "Machttaten" und nicht Wunder genannt werden – nicht selbst darzustellen oder zu beweisen. Die Grundlage dafür, dass das Wunder geschieht, ist der Glaube des Geheilten.

 

Erfahrbar, nicht beweisbar

 

Jesus war in seiner Umgebung nicht der einzige Wundertäter. In der damaligen Zeit waren solche Geschehnisse viel üblicher als heute. Die Menschen wussten noch nichts von Naturgesetzen und sahen die Wunder als Zeichen dafür an, dass Göttliches in die Welt hineinwirkt. Jesus verkündete den Menschen das anbrechende Reich Gottes. Die Wunder lassen dies erfahrbar werden. Hoffnung wird möglich, wo alles aussichtslos schien, Menschen werden satt und heil, körperlich wie geistig.

 

Sicher muss man nicht alle Wundergeschichten genauso für wahr halten, wie sie in der Bibel stehen. Im Verlauf der Überlieferung sind sie aufgebauscht und übertrieben worden. Dennoch: Der reizvolle Versuch, sie rational wegzu-erklären, geht an ihrem wahren Gehalt vorbei. Und treibt gelegentlich Blüten, die noch absurder scheinen als die Wundergeschichten selbst: Davon, dass Jesus im Nebel über im Wasser schwimmende Baumstämme lief, als er übers Wasser ging ist dann plötzlich die Rede, davon dass das Boot bei der Sturmstillung lediglich gerade um eine Landzunge gebogen war und die Toten, die Jesus auferweckt haben soll, seien eigentlich nur scheintot gewesen. Während in charismatischen Gemeinschaften angebliche Wunder in öffentlichen Gottesdiensten oft großartig zur Schau gestellt werden – da stehen Gelähmte plötzlich aus ihrem Rollstuhl auf, oder zunächst Schmerzgekrümmte beginnen jubelnd Gott zu loben – erkennt die katholische Kirche Wunder, die etwa an berühmten Wallfahrtsorten geschehen, nur an, wenn sie von einer kirchlichen Untersuchungskommission zweifelsfrei als über- oder widernatürlich ausgewiesen worden sind. Beides hinterlässt ein ungutes Gefühl beim Beobachter, scheint hier doch zugunsten des offensichtlich unstillbaren menschlichen Verlangens nach beweisbaren Wundern vergessen zu werden, was schon Jesus wusste: Wunder kann man nicht beweisen, sondern nur glaubend erfahren. Ob sich das jeweilige Geschehen dann wissen-schaftlich erklären lässt oder nicht wird dann unwichtig. Martin Luther beschrieb das so: "Gottes Wunder geschehen nicht darum, dass wir sie ermessen und fangen, sondern dass wir dadurch glauben und getrost werden sollen."

 

Uwe Birnstein ist Theologe, lebt in Hannover und arbeitet als Journalist für Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen. Die Bibel-Serie ist als Buch veröffentlicht worden: Uwe Birnstein, Das Beste aus der Bibel, Würzburg 2010.

 

https://www.evangelisch.de/inhalte/157364/12-03-2020/wunder-sind-unmoeglich

 


 

Wunderkritik als Spaltpilz – und das Wunder hinter dem Wunder

 

Bern Hehner (Leserbrief) - jesus.de - 15.09.2020

 

Man darf denken, daß unser Universum kein geschlossenes System ist, sondern nach außen offen. Es ist daher möglich, daß Gott in Raum und Zeit von der Ewigkeit her eingreift. Dies ist aber kein Widerspruch zu der Annahme, auch Wunder seien nicht im Widerspruch zu den Naturgesetzen, sondern uns nur nicht bekannt. Sonst müsste man postulieren, Gott handele gegen seine eigenen Naturgesetze. Also bildlich gesehen wie ein menschlicher Ingenieur, der in seinem von ihm erfundenen Fahrzeug bei hoher Geschwindigkeit den Rückwärtsgang einlegt.

 

Daß Wunder aus der Perspektive des Himmels vorgesehen sind, läßt sich durch einfache Logik begründen: Es gibt eine bestimmte Art von Wundern nicht. Jesus erweckt keinen geköpften Menschen. Oder er läßt keinen verlorenen Arm nachwachsen, was einem angeblicher Wunderheiler aus der deutschen Nachkriegszeit nachgesagt wird. Das Normal-wunder kann darin bestehen, daß eindeutig bewiesen auch sterbenskranke Menschen plötzlich unerklärlich gesund werden, obwohl sie nur noch wenige Tage Lebenszeit haben und der Körper voller Krebs ist. Solche Gesundheitswunder sind ausserordentlich selten, aber beweisbar und diese werden auch von Atheisten nicht infrage gestellt. Es gibt hierfür auch keine Erklärung.

 

Allerdings ist eine zu starke Fokusierung des Glaubens an Wundern auch ein Irrweg. Denn Jesu war nicht schlicht ein Wundertäter und Zauberer, sondern er heilte als Zeichen des anbrechenden Gottesreiches. Wenn er so heilt, will er also auch im übertragenen Sinne heilen, nämlich als eine Versöhnung des Menschen mit seinem Schöpfer. Das größte Wunder ist die leibliche Auferstehung Jesu von den Toten, damit klar wird, daß die Liebe Gottes den Tod überwindet.

 

Es gibt mindestens drei unterschiedliche theologische Erklärungen für die Wunder, die aber auch nebeneinander gelten dürfen und sich nicht prinzipiell widersprechen. Allerdings ist das Wunder hinter dem Wunder wichtig. Etwa beim Brotwunder, wo Jesus und seine Jünger 5000 Menschen satt bekommen mit wenigen Fischen. Das eigentliche Wunder ist die Bereitschaft Jesus als Gott und Mensch, den Menschen zu dienen – und daß die Menschen ihre Nahrung mit anderen Menschen teilen. Wenn alle teilen, muss niemand hungern. Wenn es allen gut geht, braucht niemand leiden. Wenn wir anderen das tun, was wir auch von ihnen erwarten, haben wir eine glücklichere Existenz. Da wo Menschen sich versöhnen, untereinander und mit Gott, geschieht das allergrößte Wunder. Oder wenn irgendwann die Schwerter zu Pflugscharen gemacht, die Atombombe und der Krieg verlernt werden und sich die Menschen nicht beherrschen sondern dienen. Denn wenn sich alle dienen, ist dies auch eine Herrschaft. Nämlich jene des Friedensfürsten Jesus, der nicht gekommen ist zur ewigen Verdammnis, sondern daß sich alle Menschen mit Gott versöhnen. Es wird das größte Wunder sein, wenn Gott einen Neuen Himmel und eine Neue Erde erschafft und damit das Paradies wieder herstellt.

 

Wir brauchen also nicht magisch zu denken, um so an der Logik und den Naturgesetzen vorbei Wundern zu erklären. Oder Wunder abzulehnen, in dem wir sie und letztlich alles entmythologisieren. Gott und sein Handeln ist nicht erklär-bar. Dafür gibt es höchstens die bildliche Vorstellung, daß unsere ganze Wirklichkeit in ihrem tiefsten Inneren die Gedanken Gottes sind. Wir und alles Existierende sind das Wunder, weil Gott unerklärlich und zugleich wunderbar ist. Der Wirklichkeit des Schöpfers aller Dinge kann man in seinem Herzen begegnen. Eine solche Begegnung kann die sein wie jene des Saulus vor Damaskus. Gott ist eine geistliche Wirklichkeit und damit wirklicher als Tisch, Stuhl, Bett und die Atome und Moleküle, aus denen alles besteht. In Wirklichkeit besteht alles aus Gott, wir sind sein Ebenbild und Geist von Gottes Geist.

 

https://www.jesus.de/markus-till-wunderkritik-als-spaltpilz-der-christenheit/

 


 

Wundergeschichten weder umdeuten noch unantastbar machen, sondern stehen lassen und verstehen!

 

Die in der Bibel und insbesondere in den Evangelien erzählten Wundergeschichten fordern angemessene Einstellungen und hermeneutische Methoden. Das Thema betrifft wegen der vielen Berichte von Augenzeugen für die Auferstehung von Jesus Christus das Kernstück des christlichen Glaubens und ist von daher kein untergeordnetes Nebenthema, wie nicht nur Kritiker des christlichen Glaubens meinen, sondern wie seit ein paar Jahrzehnten sogar manche Anhänger der sog. liberalen Theologie und des ideologischen Programms der Entmythologisierung meinen. 

 

In der Geschichte der Kirchen der Reformation gab es von Anfang an eine differenzierte und offene Hermeneutik. Diese Hermeneutik kann man schon bei Augustinus vorfinden, der wie die Reformatoren je nach Textstelle, Textsorte und Kontext wörtliche, historische, allegorische und moralische Interpretationen gekannt, eingesetzt und zugelassen hat. Die ideologische Einstellung, die zu einer vorgefassten und geschlossenen Hermeneutik führt, ist hingegen eine traurige Erscheinung der Moderne und insbesondere des 20. Jahrhunderts.

 

Dabei bekämpfen sich seit einigen Jahrzehnten die von dem Theologen Rudolf Bultmann entworfene Hermeneutik der Entmythologisierung und existenziellen Interpretation, die auf bestimmten weltanschaulichen Voraussetzungen beruht, die Karl Jaspers als "Wissenschaftsaberglaube" bezeichnet hat. Damit meinte er eine - auch aus philosophischer  Sicht - sachlich unangemessene Verabsolutierung des jeweils vorherrschenden, aber geschichtlich entstandenen und daher nur vorläufigen wissenschaftlichen Weltbildes. Wissenschaftsaberglaube ist ein Glaube an die angebliche Absolutheit und Endgültigkeit wissenschaftlicher Überzeugungen, um scheinbar oder wirklich unvereinbare religiöse und spirituelle Überzeugungen vorschnell anzupassen oder infrage zu stellen. Dabei vergisst man, dass selbst die zuverlässigsten Resultate wissenschaftlicher Forschungen nur hypothetische Darstellungen von Daten, Fakten und Entdeckungen sind, die im Lichte des jeweiligen Standes der Forschung zu interpretieren sind. Zeitgenössische Philosophen bezeichnen diese weltanschauliche Verabsolutierung der Wissenschaften entweder als "Positivismus" (Adorno & Horkheimer) oder als "Szientismus" (Jürgen Habermas) .

 

In Bezug auf die Lektüre und Interpretation biblischer Wundergeschichten führt die ideologische Einstellung und programmatische Methode der Entmythologieierung dazu, grundsätzliche alle Wundergeschichten entweder infrage zu stellen oder so umzudeuten, dass sie weder wörtlich noch historisch, sondern nur noch allegorisch und moralisch oder psychologisch und existenziell verstanden werden können. Die biblischen Schriften sollen dadurch immer dem jeweiligen Zeitgeist angepasst werden, um alles Andere und Fremde, Erstaunliche und Wunderbare aus der Bibel auszumerzen. Seltsamerweise glauben dieselben Leute, die biblische Wundergeschichten auf diese Weise "entmythologisieren" und umdeuten, oft leichtfertig an Astrologie, Esoterik, Geistheilung, Homöopathie, Naturheilkunde, Quacksalberei, Schamanismus, Zahlenmystik und andere Formen des Aberglaubens.

 

Als eine nur allzu verständliche Reaktion auf diese für den christlichen Glauben gefährliche Einstellung und Methode, entwickelte sich ebenfallls seit der Nachkriegszeit die entgegengesetzte, defensive Einstellung, um die Kernbestände des christlichen Glaubens durch eine Verabsolutierung der Bibel und der Evangelien zu bewahren und zu schützen. Insbesondere in charismatischen, evangelikalen und pietistischen, klerikalen und traditionalistischen Kreisen hat man beschlossen, dass die Bibel als Ganze nur noch wörtlich und historisch zu verstehen sei, weil sie als "Wort Gottes" angeblich fehlerlos und unfehlbar sei. Damit hatte man jedoch auch die ursprünglich offene Hermeneutik der verschiedenen Deutungsmöglichkeiten verlassen und eine geschlossene Hermeneutik zur theologischen Richtlinie gemacht. Das entspricht jedoch eher der strikten Art und Weise, wie Muslime ihren Koran als direkte Offenbarung Gottes zu interpretieren haben als der offenen Art und Weise wie Christen seit Jahrhunderten die Bibel interpretiert haben.

 

Für eine offene Hermeneutik spielen verschiedene Faktoren bei der Interpretation biblischer Schriften eine Rolle: die Intention bei der Lektüre und Interpretation ist es, dass die Schriftstellen selbst gehört und verstanden werden und nicht nur nach den eigenen Vorurteilen und jeweiligen Überzeugungen ausgelegt und verstanden werden. Dazu muss man die Texte gut kennen, die Intentionen der Verfasser herauszufinden versuchen, eventuelle Übersetzungsfehler und -probleme berücksichtigen, auf die Textsorte achten, den Kontext der Entstehung berücksichtigen und unterscheiden lernen, was nur durch die damalige Kultur und Mentalität bedingt ist und was zu den zeitlos gültigen Gehalten des Evangeliums gehört, etc. Eine offene Hermeneutik ermöglicht überhaupt erst, das oft verborgene Wort Gottes in den Menschenworten der Bibel zu entdecken und verstehen zu lernen. Dadurch wird dann auch erst eine Begegnung mit dem ganz Anderen und Fremden, mit dem Erstaunlichen und Wunderbaren möglich. 

 

Sowohl die bibelkritische als auch die bibel-fundamentalistische Einstellung sind sich viel ähnlicher als ihre Vertreter meinen, denn beide versuchen sich nämlich das Unverfügbare des Wortes Gottes verfügbar zu machen. Das aber ist das glatte Gegenteil der erwünschten Bescheidenheit, Ehrfurcht und Offenheit der Interpreten.

 





 

Markus Till: Wunderkritik als Spaltpilz der Christenheit

 

Dürfen Theologinnen und Theologen in ihrer bibelwissenschaftlichen Arbeit damit rechnen, dass Wunder wirklich geschehen sind? Oder Propheten die Zukunft vorhersagen konnten? Markus Till hält das „wunderkritische Paradigma“ für den „heimlichen Spaltpilz der Christenheit“. In der wissenschaftlichen Theologie werde die Annahme, Gott könne Wunder tun, nicht als vernünftige Alternative betrachtet – einhergehend mit dem Verlust des Anspruchs, die Bibel könne Gottes Wort sein.

 

https://www.jesus.de/markus-till-wunderkritik-als-spaltpilz-der-christenheit/

 


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Markus Till: Wunderkritik als Spaltpilz der Christenheit
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