Ulrich Zwingli (1484-1531)

 

Tut um Gottes willen etwas Tapferes!

Ulrich Zwingli

 

 
Ulrich Zwingli, Thesen (1522)
 
1. Die Summe des Evangeliums ist, dass unser Herr Jesus Christus, wahrer Sohn Gottes, uns den Willen seines himmlischen Vaters kundgetan und uns durch seine Unschuld vom Tod erlöst und mit Gott versöhnt habe.


2. Daher ist Christus der alleinige Weg zur Seligkeit für alle, die da waren, sind oder sein werden.


3. Wer eine andere Tür sucht oder zeigt, der geht irre, ja er ist ein Mörder der Seelen und ein Dieb.


4. Darum gehen alle irre und wissen nicht, was das Evangelium ist, welche andere Lehren dem Evangelium gleich oder höher schätzen.


5. Jesus Christus ist das Haupt und der Wegführer, der dem ganzen Menschengeschlecht von Gott verheißen und gesandt wurde.


6. Christus ist das ewige Heil und das Haupt aller Gläubigen, welche sein Leib sind, der aber ohne ihn tot ist und nichts vermag.


7. Daraus folgt erstens, dass alle, welche in dem Haupt leben, Glieder und Kinder Gottes sind. Und das ist die Kirche oder Gemeinschaft der Heiligen, eine Gemahlin Christi, „Ecclesia Catholica“ (d.h. allumfassende Kirche).


8. Zum zweiten folgt, dass, wie die leiblichen Glieder ohne Leitung des Hauptes nichts vermögen, also vermag jetzt in dem Leibe Christi niemand etwas ohne sein Haupt, Jesus Christus.


9. Wie der Mensch verwirrt und zerrüttet ist, wenn die Glieder etwas ohne das Haupt wirken, indem sie sich selbst zerreißen, verwunden und beschädigen, also sind auch die Glieder Christi, wenn sie ohne ihr Haupt etwas unternehmen, verwirrt und schlagen und beschweren sich selbst mit unweisen Gesetzen.


10. Daher sehen wir, dass die sogenannten geistlichen Satzungen über ihre Pracht, Reichtum, Stand, Titel, Gesetze eine Ursache aller Uneinigkeit sind, indem sie mit dem Haupt nicht übereinstimmen.


11. So toben sie noch stets, nicht des Hauptes wegen – denn dieses sucht man gegenwärtig durch die Gnade Gottes wieder zu seinem Glauben zu erheben – sondern weil man sie nicht weiter toben lassen, sondern allein auf das Haupt horchen will.


12. Wenn man auf das Haupt horcht, lernt man lauter und klar den Willen Gottes, und der Mensch wird durch seinen Geist zu ihm gezogen und mit ihm vereinigt.


13. Darum sollen alle Christenmenschen allen Fleiß darauf anwenden, dass allein das Evangelium Christi allent-halben gepredigt werde.


14. Denn im Glauben an dasselbe beruht unser Heil, im Unglauben unser Elend; denn alle Wahrheit ist klar in ihm.


15. Im Evangelium lernt man, dass Menschenlehren und Satzungen zur Seligkeit nichts nützen.


16. Dass Jesus Christus der alleinige, ewige Opferpriester ist, daraus ersehen wir, dass diejenigen, welche sich für Oberpriester ausgegeben haben, der Ehre und Gewalt Christi widerstreben, ja ihn verdrängen.


17. Jesus Christus, der sich einmal für uns geopfert hat, ist ein in Ewigkeit währendes und bezahlendes Opfer für die Sünden aller Gläubigen.


18. Jesus Christus ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen.


19. Weil uns Gott alle Dinge in seinem Namen gewähren will, so entspringt daraus, dass wir auch über diese Zeit keines anderen Mittlers bedürfen als seiner.


20. Jesus Christus ist unsere Gerechtigkeit; daraus ermessen wir, dass unsere Werke, insofern sie Christi sind, gut, insofern sie aber nur von uns herstammen, weder recht noch gut sind.


21. Wenn wir auf Erden füreinander beten, so geschieht es im Vertrauen, dass uns alle Dinge durch Jesus Christus allein verliehen werden.


22. Gott allein verzeiht die Sünde und zwar allein durch Jesus Christus, seinen Sohn, unsern Herrn.
 
Quelle: Christoffel, Zwinglis Leben und ausgewählte Schriften, Bd. II, Elberfeld 1857. Der Text wurde von mir sprachlich modernisiert. UWD
 
https://www.glaubensstimme.de/doku.php?id=autoren:z:zwingli:zwingli-zwinglis_thesen_1522 


 

Nach den Worten Karl Barths lässt sich "Zwinglis ganzes Christentum zusammenfassen" in einem Satz seines Briefes am 16.06.1529 aus dem Lager bei Kappel: "Tut um Gottes willen etwas Tapferes!"

 

https://www.deutschlandfunk.de/500-jahre-zwingli-in-zuerich-weltgeschichtlich-wichtige.886.de.html?dram:article_id=455693

 


 

Ulrich Zwingli

 

Ulrich (eigentlich Huldrych) Zwingli wurde am 1. Januar 1484 in Wildhaus geboren. Der wohlhabende Vater ermöglichte ihm die Ausbildung durch Privatlehrer in Basel und Bern. Um einen Beitritt Zwinglis zum Berner Dominikanerorden zu verhindern, sandte die Familie ihn 1498 an die weltliche Wiener Universität. 1506 erwarb Zwingli in Basel den philo-sophischen Magistergrad. Er wirkte zunächst als Prediger in Glarus und einige Jahre als Feldpriester der Schweizer Söldner in Oberitalien.

 

Öffentliche Kritik an der römisch-katholischen Kirche

 

1519 wurde Zwingli als Leutpriester an den Züricher Großmünster berufen. Seine Predigten waren bald stark von Luthers Schriften beeinflusst. Ermutigt vom Erfolg der Wittenberger Reformatoren kritisierte Zwingli öffentlich die römisch-katholische Kirche, den Kirchenzehnt und das Eheverbot für Priester.

 

Besonders aufsehenerregend war seine Billigung eines öffentlichen Wurstessens während der Fastenzeit 1522, obgleich das Essen von Fleisch in der Passionszeit untersagt war. Am 29. Januar 1523 stimmte der Stadtrat von Zürich den 67 Thesen Zwinglis zu und ebnete damit der Reformation den Weg. Um gewaltsame Ausbrüche zu verhindern, verlangte Zwingli eine schrittweise Aufhebung der alten Kirchenbräuche und die allmähliche Einführung einer neuen Gottes-dienstordnung.

 

Radikaler Reformator

 

Darüber hinaus arbeitete er an der Verbreitung der Reformation über Zürich hinaus nach Bern, Basel, Schaffhausen und Mühlhausen. In dieser Zeit verfasste er auch eine seiner berühmtesten Schriften, den „Kommentar über die wahre und die falsche Religion" (1525). 1529 traf Zwingli während der Marburger Religionsgespräche auf Martin Luther. Der Ver-such die Reformation durch ein Bündnis der beiden einflussreichen Reformatoren europaweit zu festigen scheiterte am sogenannten Abendmahls-Streit.

 

Seit 1529 begann Zwingli die geplanten Veränderungen in Zürich radikaler durchzusetzen. Mit einem Ratsbeschluss wurden die Bürger zum Gottesdienstbesuch gezwungen. Gegner wurden der Stadt verwiesen, Täufer hingerichtet und romtreuen Städten mit Krieg gedroht. Ein angeblich bei einer gemeinsamen Milchsuppe geschlossener Frieden mit den romtreuen Fünf Orten der Innerschweiz war daher auch nur von kurzer Dauer.

 

Im Sommer 1531 drängte Zwingli die Allianz der reformierten Orte zum Krieg gegen die Romtreuen und veranlasste eine erfolglose Lebensmittelsperre. Am 11. Oktober 1531 gelang den Katholiken bei Kappel ein vernichtender Sieg. 500 Züricher verloren ihr Leben, darunter auch Ulrich Zwingli. Er starb als Feldprediger mit dem Schwert in der Hand.

 

https://www.luther2017.de/de/reformation/und-ihre-menschen/huldrych-zwingli/index.html