Reich Gottes


 

„Dein Reich komme“

 

Wenigstens darin herrscht Konsens: Wir stehen schon fast im Ziel. Das neue Reich liegt direkt vor uns

 

Voller Bewunderung sprachen Deutsche über Generationen von ihrem „Reich“, in der Kaiserzeit, dann in der Weimarer Republik, im „Dritten Reich“. Das Reich galt ihnen als machtvoll und un­verletzbar, als Garant für Wohlstand und Sicherheit, als verlässliche Klammer für die unterschiedlichsten Völker und Völkchen. Dass dieses Reich in Schutt und Asche fiel, war für die allermeisten ein Trauma sondergleichen. Heute klingt schon das Wort Reich schrecklich belastet – und politisch überholt.

 

Was mag in den Köpfen der Menschen vorgehen, wenn sie heute die Bitte aus ­dem Vaterunser sprechen: „Dein Reich komme“? Hierzulande schwebt ihnen wohl kaum eine ausgereifte Sozialutopie vor. Der Glauben an ein machtvolles Gemeinwesen, das alles aufs Beste richtet, ist den Deutschen gründlich vergangen. Das dürfte auch für das „Reich Gottes“ gelten, einer der Schlüsselbegriffe der Bibel.

 

Vor allem im Leben und Reden Jesu ist die Ankündigung des Reiches Gottes ein Kerngedanke. Was damit gemeint ist? Frieden und Wohlstand sollen herrschen. Krankheit und Tod sind gebannt. Die neuen Lebensumstände setzen eine Menge an Sozialengagement frei. Und die Widerstände gegen Gott sind dahin: Es herrscht ein großes Einvernehmen mit ihm.

 

Das neue Reich ist keine Utopie

 

Dass dieses ersehnte Reich Gottes von selbst herbeikommt, daran wollten viele nicht glauben. Die Zeloten, eine religiöse Partei zur Zeit Jesu, wollten die neue Ordnung mit dem Schwert in der Hand und gegen die römische Besatzungsmacht durchsetzen. Einen anderen Weg wählten die Pharisäer: Sie mühten sich, das neue Reich durch peinlich genaue Erfüllung der vielen religiösen Gesetze herbeizu­locken. Die Apokalyptiker ihrerseits befürchteten einen gewaltigen Umbruch und suchten mit Droh- und Schreckgeschichten die Menschen auf die neue Zeit vorzubereiten.

 

Die Reich-Gottes-Hoffnung ist keine reine Utopie, keine Zukunftsmusik. Gegen die strikte Verschiebung der Hoffnungen in die Zukunft bezieht Jesus sogar deutlich Position. „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“, sagte er. Auch wenn sich die großen politischen und sozialen Hoffnungen gegenwärtig noch nicht erfüllen lassen be­ziehungsweise von Gott erfüllt werden, gibt es vieles, was schon getan werden kann. Die Menschheit ist quasi schon mit einer Fußspitze im Ziel, und zwar immer dann, wenn sich Menschen für andere einsetzen, sie sich um Frieden bemühen. In der Sprache der Bibel heißt das: Das Reich Gottes ist schon angebrochen, die neue Zeit steht unmittelbar bevor. Diese Spannung zwischen „noch nicht“ und „schon jetzt“ ist sehr wichtig für das Christentum. Gerade Martin Luther, der Reformator,

hat darauf gepocht und zum Beispiel der radikalen Täuferbewegung in Münster, die ihre Stadt als „Neues Jerusalem“ verstand, eine klare Absage erteilt.

 

Innere Macht und politische Realität

 

Seit Beginn der Reich-Gottes-Verkündigung gibt es diese beiden Vorstellungen: dass das ersehnte Reich als räumliche ­Größe entstehen wird, real sichtbar und politisch fassbar. Oder dass es eine innere, unsichtbare Macht im Menschen ist. Auch die Zeitdimension verändert sich: Je nach politischen Umständen zieht sich die zeitliche Erwartung der Menschen wie ein Gummiband auseinander oder zu­sammen. In Zeiten religiöser Verfolgung in den ersten drei Jahrhunderten war die politische Hoffnung groß, dass die römische Besatzungsmacht durch einen Messias bald besiegt und vetrieben werde. In Zeiten religiöser Toleranz wirkte die Reich-Gottes-Predigt mehr innerlich und eher zeitlos. Auch in der Ausprägung der evangelischen Konfessionen zeigt sich das: Manche kirchlichen Bewegungen, so zum Beispiel der Pietismus des 18. Jahrhunderts, betonte die Frömmigkeit, also das innere Reich Gottes, andere, wie zum Beispiel die Mennoniten, engagieren sich stark für das Thema Frieden.

 

Gegen jeden Versuch, das Reich Gottes auf Biegen und Brechen aufzurichten, bezog Jesus Position. Er setzte dagegen sein Gleichnis vom Wachsen der Saat (Markusevangelium, Kapitel 4). Die Botschaft: Ver­änderungen geschehen langsam – aber sie lassen sich durch nichts aufhalten.

 

 https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2013/wo-ist-denn-nun-das-reich-gottes-17153

 


 

Reich Gottes

 

Lutz Franz

 

Ziel jeder Religion ist es, den Menschen Heil zu bringen. Das Wort "Heil" kommt aus dem Begriff "Ganz" - etwas vereinfacht gesagt: Heil ist eine ganze Sache, nichts Halbes. Dem Heil der Menschen verpflichtet, zog er mit seinen Anhängern als Wanderpredigers durchs Land - Jesus von Nazareth. Er sprach vom Heil und nannte es das Reich Gottes. Jesus verkündete mit dem Reich Gottes etwas Gewaltiges und kaum Fassbares: eine heile Welt als letztendliches Ziel der Geschichte. Kann eine solche Welt mehr als nur die idealisierte Vorstellungen eines von der Wirklichkeit abgehobenen Wanderpredigers sein?

 

Christen und das sind immerhin über 2 Milliarden Menschen, sehen in Jesus jedoch nicht nur den guten Menschen von Nazareth, sondern sie sehen in ihm den zum Menschen gewordenen Gott, der den göttlichen Willen kundtat und vorlebte. Wenn er aber wirklich der zum Menschen gewordenen Gott ist, so legitimiert dies auch seine Botschaft - das Evangelium vom Reich Gottes. Das Evangelium ist dann keine Utopie, sondern weist in die Zukunft der Menschheit. Und diese Reich hat mit dem Wirken Jesu in Galiläa vor 2000 Jahren schon begonnen! Von diesem Anfang her - dem status nascendi - soll nun das Reich immer mehr kommen und sich im Heil der Menschheit vollenden. Seitdem betet die Christenheit: "Dein Reich komme!".

 

Allerdings, wenn man in den TV-Nachrichten unsere heutige globalisierte Welt, abends für abends wahrnimmt, sieht man in weiten Teilen der Welt Terror und Kriege, Armut und Hunger, Umweltkatastrophen und Massenarbeitslosigkeit. Die Globalisierung führt dazu, dass eine Immobilienkrise in den USA das gesamte Weltfinanzsystem in heftige Turbulenzen versetzt und dass ein endlich besseres Leben in den Schwellenländern Indien und China und der Versuch, der drohenden globalen Klimakatastrophe mit der verstärkten Produktion von Biokraftstoff entgegen zu treten, zur weltweiten Lebensmittelverknappung, zu einem rasanten Preisanstieg für Grundnahrungsmittel und zu Hungerrevolten in den ärmsten Ländern führt. Dort kann die unproduktive Landwirtschaft und die fortschreitende Umweltzerstörung die Ernährung der Bevölkerung aus eigenen Kräften nicht mehr gewährleisten. Das Reich Gottes dagegen, indem das Heil gedeihen soll, scheint aber immer noch im status nascendi zu sein.

 

Warum ist die Welt trotz des Wirkens des Heilandes nicht heil? Dies ist die Grundfrage des Christentums und darüber hinaus in mehr oder minder abgewandelter Form jeglicher Religion. Wenn wir sie beantworten könnten, würde sich auch der weitere Weg hin zu mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit in dieser Welt - hin zum Reich Gottes - abzeichnen. Allein dies rechtfertigt, sich dieser Frage ernsthaft zu stellen - auch auf die Gefahr hin, dass die Antwort letztendlich nicht jeden überzeugt.

 

Dazu müssen Achtungszeichen und Warnschilder gesetzt werden: Unsere Lage gleicht der eines Menschen, der Fernsehmechaniker werden will. Er muss sich erst mit Elektrodynamik und Elektronik sowie mit der dahinter stehenden Mathematik beschäftigen, bevor er endlich praktisch am Fernseher arbeiten kann. Wir dagegen müssen zuerst wissen, was das Reich Gottes ist und wie es funktioniert. Man muss hier auch etwas über Gott wissen, der ja an sich ein Geheimnis ist, um dessen Reich es sich aber handelt, und da kann nur etwas durch die Verkündigung von Jesus Christus in Erfahrung gebracht werden. Man kommt mit ethischen Tatbeständen wie Liebe und Gerechtigkeit in Berührung, muss Gleichnisse und die Bergpredigt verstehen, um schließlich mit ungewöhnliche Etappen des Weges wie Umkehr, Neugeburt und Heiligung konfrontiert zu werden.

 

Mit dieser Sprache wird eine heile oder heilige Welt beschrieben und dies sogar noch vor 2000 Jahren, die so gar nichts mit der rauen Wirklichkeit unserer heutigen globalisierten Zivilisation zu tun haben scheint. Doch der Schein trügt. Zu Zeiten Jesu waren die Verhältnisse keinesfalls besser, sondern im Gegenteil regelrecht trostlos. Gesundheitsfürsorge und soziale Sicherungssysteme gab es nicht. Die Lebenserwartung war extrem niedrig, weil Krankheiten nicht beherrscht wurden und die Menschen schon in jungen Jahren dahinrafften. Die Armen des Landes - und das war wegen einer maßlosen Steuer und Abgabenlast die Mehrheit des Volkes - hätten die heutigen Hartz IV Empfänger regelrecht beneidet. Wer aufmuckte, wurde von der Besatzungsmacht - den Römern - mit barbarischer Brutalität vernichtet. So ließ der Feldherr Varus im Zuge einer Vergeltungsaktion 3000 Juden, in der überwiegenden Mehrheit völlig Unschuldige, kreuzigen.

 

Da war es die Mission Jesu, den Menschen mit dem Gottesreich eine Perspektive des Heils zu eröffnen. Das Reich Gottes verhieß eine Alternative - es war die Verheißung einer Gesellschaftsordnung, in der Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit herrschte, in der keiner zu hungern brauchte und und in der es vor allem menschlich zuging. Mit seiner Ethik formulierte Jesus in einer den damaligen Menschen gut verständlichen Weise die dazu notwendigen Sozialisations-erfordernisse. Diese Gottesreich soll sich nun in einem evolutionären Prozess - der Heilsgeschichte entwickeln, um schließlich seine Vollendung zu finden. Doch es ist nicht zum Nulltarif zu bekommen. In jeder historischen Epoche ist es für die Menschen eine Herausforderung, auch für uns heute. Das Reich Gottes wird für unsere Epoche wegen der weltumspannenden sozialen Frage immer aktueller.

 

http://www.reichgottes.info/