Liberale Theologie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Büste von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834), Philosoph, Theologe, Platonübersetzer und Vordenker des liberalen Protestantismus

 

 

 

Die Evangelien berichten von den Zeugen der leiblichen Auferstehung,

die dem vertrauten, aber verwandelten leiblichen Jesus begegnet sind

und nicht nur einem Symbol für einen Neuanfang in ihrem Leben.

 

Sie haben die leibliche Auferstehung Jesu Christi als wirklich geschehen bezeugt

und nicht nur die Symbolisierung einer allgemeinen Frömmigkeit vorgenommen.

Es ging ihnen um diesen konkreten Menschen Jesus von Nazareth selbst

und nicht nur um die Bestätigung ihrer frommen Gefühle und Phantasien.

 

Auch, wenn dieses schier unglaubliche Ereignis nicht erklärt werden kann,

handelt es sich um etwas, was sie wirklich wahrgenommen haben

und trotz der großen Gefahr für Leib und Leben bezeugt haben.

 

 


 

 

Liberale Theologie - Eine Verwässerung des christlichen Glaubens

 

 

Wenn man verstehen will, woher die allmähliche Entkernung des christlichen Glaubens und die Zerstörung der be-freienden Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus in den Protestantischen Landeskirchen in Deutschland kommt, dann  muss man die ideengeschichtliche Entwicklung der sog. Liberalen Theologie nachvollziehen. Diese Entwicklung hat primär zu einer radikalen Entstellung und Verfälschung des Evangeliums geführt und sekundär zu einer schleichen-den Entchristlichung der deutschen und europäischen Kultur.

 

Die sog. Liberale Theologie ist in ihrem Kern eine bestimmte Doktrin und Methode der biblischen Hermeneutik, die als "historisch-kritische Exegese" (Auslegung) der biblischen Schriften bezeichnet wird. Diese Doktrin und Methode geht auf den niederländischen Philosophen Baruch des Spinoza (Tractatus-theologico-politicus) der Frühen Neuzeit zurück, der ein Neo-Stoiker jüdischer Herkunft gewesen ist und wegen seiner vom Judentum abweichenden Überzeugungen aus der jüdischen Gemeinde von Amsterdam ausgeschlossen wurde.

 

Spinozas naturalistische Philosophie stand unter dem Einfluss der neuzeitlichen mechanistischen Physik und war pantheistisch und deterministisch. Seine pantheistische Identifikation der Natur mit Gott selbst (deus sive natura) war aus jüdischer Sicht unbiblisch und nicht vereinbar mit dem biblischen Glauben an einen Schöpfergott als Ursprung des Weltalls und des Lebens auf der Erde. Im 20. Jahrhundet bekannte sich auch Albert Einstein zu Spinozas stoischer Naturfrömmigkeit. Aufgrund dessen Determinismus zweifelte er auch an den irritierenden Entdeckungen der modernen Quantenphysik, die bis heute einer Vereinigung mit der Relativitätstheorie im Wege steht.

 

Bei Spinozas naturalistischer Philosophie mit ihrem mechanistischen Verständnis der Natur und seinem determinis-tischen Verständnis des Menschen geht es nicht nur um eine Kleinigkeit oder Nebensache, sondern um das ange-messene Verständnis von der Sonderstellung des Menschen in der Natur. Denn aufgrund seiner Sprach- und Vernunft-begabung, seiner Fähigkeit zu freien Willensentscheidungen und schöpferischen Tätigkeiten ist der Mensch als Gattungswesen nach dem jüdischen und christlichen Verständnis ein Ebenbild Gottes und besitzt eine angeborene und unveräußerliche Würde. Diese Würde kommt jedem Menschen alleine aufgrund seiner allgemeinen Natur zu und nicht etwa -- wie noch der Stoiker Cicero meinte -- nur aufgrund seiner sozialen Stellung oder aufgrund besonderer höherer Ämter, sozialer Funktionen oder persönlicher Leistungen. Damit unterwanderte Spinozas naturalistische Philosophie den in der menschlichen Natur liegenden Grund für die allgemeine Menschenwürde, die wiederum der Grund für die allgemeinen Rechte der Menschen ist, wie sie zuerst in der Verfassung der französischen Revolution politisch verbindlich erklärt wurden.

 

Außerdem entspringt das begrenzte mechanistische und deterministische Verständnis der Natur der neuzeitlichen Physik und gilt daher auch nur für die kausal und mechanisch erklärbaren Teilbereiche der Mesophysik der Lebenswelt (wie z.B. die mechanischen Stoßgesetze oder die Gesetze der Statik) und der Makrophysik der Planetensysteme (wie z.B. für die Schwerkraft im System der Planeten). Aber dieses mechanistische und deterministische Verständnis der Natur gilt weder für die Mikroebene der modernen Quantenphysik noch für die Mesoebene der evolutionären Entstehung und Entwicklung der Lebewesen, ihrer organischen Teilsysteme und ihres intelligenten teleonomen Verhaltens. Denn in der lebendigen Natur gibt es nicht nur kausale Relationen von Ursachen und Wirkungen, sondern zumindest bei den Lebewesen auch teleologische Relationen von Mitteln und Zwecken, da alle Lebewesen instinktiv natürliche Ziele der Bewegung, Selbsterhaltung und Fortpflanzung verfolgen, die nicht mehr nur kausal oder bloß physikalisch verstanden und erklärt werden können.

 

Schließlich gibt es auch nicht nur kausale Relationen und teleologische Relationen, sondern auch intentionale Relationen, da Menschen und einige höhere Tierarten (Säugetiere, Beuteltiere und Vögel) Bewußtsein haben und mit ihren inneren und äußeren Sinnen etwas wahrnehmen können, das zu ihrem instinktiven Verhaltenrepertoire gehört. Schließlich gibt es zumindest bei Menschen auch noch besondere intentionale Relationen, die durch ihr sprachliches Denkvermögen und ihre kognitive Urteilskraft bestimmt werden und die weder kausal und physikalisch noch teleonom und biologisch verstanden und erklärt werden können. Die mechanistische und reduktionistische Mißachtung der teleologischen Finalität der Pflanzen und Tiere ist jedoch der wesentliche Grund für die seit der Neuzeit und Aufklärung anhaltende Mißachtung der Eigenständigkeit der Lebewesen und des Eigenwertes des Lebendigen auf der Erde.

 

Die Verkennung, dass Menschen wie Tiere vitale Interessen haben und natürliche Ziele verfolgen und daher in die teleologischen Netzwerke der irdischen Natur eingebettet sind und von ihnen existenziell abhängig sind, war und ist seither der wesentliche Grund für die wissenschaftlich-technische Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, Fossilien, Pflanzen und Tiere und für die Vernichtung unzähliger Arten von Pflanzen und Tieren bis hin zu der Zerstörung der natürlichen Bedingungen des (menschlichen) Lebens auf der Erde. Die mechanistische Physik der Frühen Neuzeit und das reduktionistische Naturverständnis der Aufklärung haben also nicht nur erhellendes Licht ins Dunkel des früheren Verständnisses vom Dasein des Menschen in der irdischen Natur und im schier unendlichen Universum gebracht, sondern sie haben auch den verständnisvollen Blick auf die Bedürfnisse und Ziele der außermenschlichen Natur verstellt.

 

Spinozas Gedanken zur biblischen Hermeneutik, d.h. zur historisch-kritischen Exegese (Auslegung) der biblischen Schriften entsprangen seinem philosophischen Zweifel am Wahrheitsgehalt und am Offenbarungscharakter der biblischen Schriften der Juden und Christen. Sie wurden im 18. Jahrhundert von den beiden Aufklärern Samuel Reimarus und Gotthold Ephraim Lessing aufgenommen und im 19. und 20. Jahrhundert von den damals führenden Protestanti-schen Theologen Daniel Friedrich Ernst Schleiermacher, Adolf von Harnack und Ernst Troeltsch  fortgeführt. Aufklärung und Liberalisierung wurden bis zum 20. Jahrhundert jedoch immer nur als Voraussetzung für den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt verstanden. Sie waren jedoch auch Voraussetzung für die Ausbreitung des ökonomisch-politischen Kapitalismus und für seine Zerstörung der natürlichen Lebenbedingungen auf der Erde. Last, but not least vernichteten die Nazis mit ihrer industriellen Tötungsmaschinerie Millionen von Juden, Tausende von Sinti und Roma, sowie Tausende religiöse und politische Dissidenten aufgrund einer reduktionistischen und rassistischen Auffassung von Menschen.

 

Die historisch-kritische Hermeneutik avancierte im 20. Jahrhundert zur führenden biblischen Hermeneutik in der protestantischen Theologie. Eine maßgebliche Rolle spielte dabei die biblische Hermeneutik und "liberale Theologie" des Marburger Theologen für Neues Testament Rudolf Bultmann, der selbst in seinem Denken stark von dem damals einflussreichen charismatischen Existenzphilosophen Martin Heidegger beeinflusst wurde, der bis zu seinem Lebens-ende ein überzeugter Antisemit und Nationalsozialist gewesen ist (vgl dazu: Rektoratsrede, Freiburger Vorlesung über Metaphysik und Schwarze Hefte). Rudolf Bultmanns Hermeneutik wurde von seinem ideologischen Reformprogramm einer radikalen Entmythologisierung und existenzialistischen Interpretation der biblischen Schriften bestimmt und geleitet.

 

Auch wenn es zweifelsohne einen geschichtlichen Abstand und eine weltanschauliche Differenz zwischen dem Gottes-, Welt- und Menschenbild, Ethos und Politikverständnis des antiken Israel vor und nach Christus und unserem neuzeitlich geprägten und modernen Gottes-, Welt- und Menschenbild, Verständnis von Ethik und Politik gibt, sodass eine jede biblische Hermeneutik mit unserem zeitgenössischen Verständnis von Gott, Mensch und Welt  vermittelt werden muss, wäre es dumm und hochmütig im Sinne des neuzeitlichen Fortschrittsglaubens zu meinen, dass das antike Gottes-, Welt- und Menschenbild einfach nur überholt sei, weil unser modernes Gottes-, Welt- und Menschenbild besser und richtiger sei. Vor allem darf durch die Wahrnehmung der historischen und kulturellen Differenzen der befreiende Kern des Evangeliums und des christlichen Glaubens weder aufgegeben noch zerstört werden. Aber nach dem Holocaust an den Juden und anderen Menschen, der selbst auch eine schreckliche Folge des neuzeitlichen Szien-tismus gewesen ist, wurde der jüdische und christliche Glaube an den einen Schöpfer und seine Schöpfung so sehr erschüttert, dass die historisch-kritische Bibelexegese im Verbund mit Bultmanns Generationen-Projekt der Entmytho-logisierung auch den Kern des Evangeliums in den alles verschlingenden Abgrund der glaubensfremden "Hermeneutik des Verdachtes" gerissen hat.

 

Obwohl Rudolf Bultmann nicht den sog. "Deutschen Christen" angehörte, die den Nationalsozialismus begrüßten, kritisierte er mit seinem Programm der Entmythologisierung an der orthodoxeren Einstellung der Theologen der "Bekennenden Kirche" nur deren Festhalten an mythologischen Inhalten des Gottes-, Welt- und Menschenbildes. Allerdings waren es die Dialektischen Theologen (Barth, Bonhoeffer und Brunner), die sich den Nationalsozialisten widersetzten, währen sich die Liberalen Theologen ideologisch und politisch angepasst haben. Bultmann forderte nur eine angemessene Übertragung der existenziell relevanten Inhalte in eine zeitgenössische Sprache und in zeitgenös-sische Denkweisen. Dabei ging es ihm nicht um eine Verabschiedung des Evangeliums oder der Leugnung seiner Herkunft aus der Welt des Alten Israel, sondern um seine Bewahrung und Verkündigung in einer durch die neuzeitliche Wissenschaft und moderne Technik radikal veränderten Welt. Bultmann konnte jedoch weder ahnen noch verhindern, dass sein Projekt der Entmythologisierung später auch zum Schaden des Evangeliums missbraucht werden würde.

 

Das Hauptproblem der Liberalen Theologie nach Bultmann besteht daher darin, dass die ganze Bibel inzwischen unter einem modernitäts- und technikgläubigen Generalverdacht des Unzeitgemäßen steht. Dadurch entstand eine fragwürdige "Hermeneutik des Verdachtes", eine Kultivierung der eigenen Vorurteile und ein mangelnder Respekt vor den biblischen Schriften als uns fremd gewordenen Texten. Diese mißtrauische Hermeneutik verstößt jedoch gegen das hermeneutische Prinzip des Wohlwollens (principle of charity) und vergisst die geistige Offenheit (open mindedness), die man Anderen und Fremden entgegen bringen muss, um sie zu verstehen. Nicht nur die Schriften von Platon und Aristoteles, von Buddha oder Lau Dse, sondern auch die biblischen Schriften kann man nur angemessen verstehen, wenn man seine eigenen Vorurteile kennt und zurückhält und die fremden Schriften mit einem offenen Geist und mit einem wohlwollenden Herzen interpretiert.

 

Der Name "Liberale Theologie" ist daher etwas irreführend geworden, weil diese Theologie in der Zwischenzeit gar nicht mehr wirklich liberal und tolerant ist. Vielmehr ist sie sogar sehr dogmatisch und autoritär geworden. Denn sie verabsolutiert die analytischen Methoden der modernen Wissenschaften und Technik und huldigt mittlerweile einem "Wissenschaftsaberglauben" (Jaspers) oder "Szientismus" (Habermas). Auch liest, interpretiert und untersucht sie die biblischen Schriften zwar zurecht mit historisch-hermeneutischen Methoden, aber unter der dogmatischen Voraus-setzung eines methodischen Atheismus und einer skeptizistischen Einstellung.

 

Manche Liberale Theologen neigen daher dazu, den Autoren der biblischen Schriften ihr eigenes Gottes-. Welt- und Menschenbild sowie ihre eigenen Vorstellungen von Ethik und Politik überzustülpen. Sie erklären allzu schnell alles Mögliche zu einem unglaubwürdigen Glaubensinhalt oder zu einem bloßen Mythos, was von ihren eigenen Ansichten und Vorstellungen abweicht: da sie dabei nicht einmal vor der Aufgabe des Glaubens an die leibliche Auferstehung Christi zurückschrecken zeigt, dass das Programm der Entmythologisierung längst zu einer dogmatischen Ideologie geworden ist. Kein Anthropologe oder Philologe würde heute noch so mit den Schriften einer fremden Kultur oder anderen Religion umspringen können. Schließlich versuchen sie sich dann auch mit allen hochschul- und kirchen-politischen Mitteln der Kritik, der Exklusion und der Bekämpfung anderer Denkansätze durchzusetzen. Diese Ein-stellung und diese Methoden sind jedoch alles andere als liberal oder tolerant.

 

Die Selbstzerstörung des christlichen Glaubens von innen heraus hin zu einer vagen Ganzheitsschwärmerei, zur egozentrischen Selbstverwirklichung und zu einem modischen Allerweltshumanismus entspringt aber nur einer

maßlos angewandten historisch-kritischen Methode und einer strikten Ideologisierung der entmythologisierenden Hermeneutik und der existentialistischen Philosophie Rudolf Bultmanns. Denn nicht das historische und kontextuelle Verstehen ist das methodische Problem, sondern nur die szientistische Absicht, sie am Ende sogar gegen die über-lieferten Wahrheitsansprüche Jesu und der Evangelien anzuwenden.

 

Denn es ist sicherlich angemessen und erhellend, die ganze Bibel historisch und kontextuell zu lesen und zu verstehen, um einem doktrinären und weltfremden Bibelfundamentalismus entgegenzuwirken. Aber es gibt für die meisten Bibel-Leser auch noch andere hermeneutische Interessen und existenzielle Einstellungen, die für meisten Laien  sogar existenziell relevanter sind als die strikten Methoden der Bibelwissenschaften. Diese Interessen und Einstellungen dürfen nicht erst in den Gemeinden und Kirchen, in der Praktischen Theologie und Pastoralausbildung eine Rolle spielen, sondern sie müssen auch schon in der historisch-hermeneutischen Erforschung des Alten und Neuen Testa-mentes eine Rolle spielen. Jedenfalls kann und darf es kaum zur leitenden Intention theologischer Lehre und zur vor-herrschenden Methode hermeneutischer Praxis werden, dass vorwiegend skeptische Einstellungen und atheistische Überzeugungen an die Bibel herangetragen werden, um die darin bezeugten Glaubensweisen und Botschaften nur zu "dekonstruieren" und zu diskreditieren, wie es im Anschluss an die historisch-kritische Exegese und das szientistisch mißverstandene Programm der Bultmannschen Entmythologisierung geschehen ist.

 

Die kulturelle Folge war wie nur allzu häufig eine Ideologisierung, Politisierung und Instrumentalisierung des christlichen Glaubens für politische Zwecke. Aber wenn schon innerhalb der theologischen Seminare, kirchlichen Verwaltungen und christlichen Gemeinden der Kern des christlichen Glaubens verwässert wird und das Evangelium nicht mehr angemessen verkündet wird, sodass die Zweifel unter Christen selbst wachsen, wie sollen dann noch Menschen zu ihrem eigenen Wohlergehen für den christlichen Glauben gewonnen werden?

 

Mit einem Allerweltbekenntnis zum "Leben" überhaupt ist es jedenfalls nicht getan. Das sind billige Vertröstungen ohne eine tiefere Überzeugungskraft. Denn Menschen kommt nicht nur ein Leben im biologischen Sinn zu, sondern sie können und müssen auch ein Leben im biographischen Sinn führen. Auch genügt es nicht, zwar mit aller Welt Weihnachten unterm grünen Tannenbaum zu feiern, aber Karfreitag und Ostern peinlich zu meiden oder zu einem Hasen- und Eierfest für Kinder und Familien umzufunktionieren. Im viel beschworenen Leben befinden sich auch die Armen und Ausgeschlossenen, die Behinderten und Kranken dieser Welt, die mehr leiden und früher sterben als die Starken und Gesunden. Das "Leben" findet nicht nur statt, wenn man reich und berühmt, fit und gesund ist und kräftig was zu feiern hat. Außerdem entspringt der Osterglaube der stärksten und tiefsten "Ehrfurcht vor dem Leben" (Albert Schweitzer) und Achtung für alles Lebendige da die alles vernichtende Macht des Todes ihren ultimativen Schrecken verloren hat.

 

Die Verletzbarkeit und Sterblichkeit der Menschen und die Bedrohung durch die jeden Sinn vernichtende Macht des Todes sind immer noch das größte Tabu in unseren vermeintlich aufgeklärten westlichen Gesellschaften, für die dieses Leben immer nur die "letzte Gelegenheit" (M. Gronemeyer) ist, um möglichst viel zu erleben, zu konsumieren und aus ihm "herauszuholen". Leute, die sich immer mehr dem modernen Zeitgeist und der kalten Logik der kapitalistischen Produktions- und hedonistischen Konsumgesellschaft unterwerfen, entfremden sich jedoch nicht nur vom Evangelium, sondern letzten Endes auch von sich selbst. UWD

 

Wilhelm Hauff, Das kalte Herz: https://www.vorleser.net/hauff_das_kalte_herz/hoerbuch.html

https://www.zdf.de/kinder/maerchenperlen/das-kalte-herz-empfohlen-ab-8-jahren-104.html

 


 

„Nicht für Wellness zuständig“

 

Der Theologe Jörg Lauster kritisiert eine „starke Politisierung“ der evangelischen Kirchen sowie eine Wellness-Orientierung.

„Wir sind nicht dafür zuständig, sondern für die großen Fragen des Daseins“, sagte Lauster im Dlf. Liberale Theologie könne die Situation der Kirchen verbessern.

 

Jörg Lauster im Gespräch mit Andreas Main

 

Andreas Main: Es ist schon etwas verwirrend. Es gibt liberale Muslime, es gibt liberale Juden, es gibt liberale Parteien – bei uns die FDP. Es gibt in Amerika die „Liberals“, die sind eher sozialdemokratisch gestrickt. Und dann gibt es auch noch die liberale Theologie, eine protestantische Strömung, die ins 19. Jahrhundert und weiter zurückreicht, die nie domi-nierend war, aber auch nicht totzukriegen ist. Dazu hat es im Sommer eine große internationale Konferenz in München gegeben, vorangetrieben von Jörg Lauster. Er ist Professor für systematische Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Aus seiner Feder stammen grandiose Bücher wie „Der ewige Protest – Reformation als Prinzip“ oder „Die Verzauberung der Welt – eine Kulturgeschichte des Christentums“.

 

Herzlich willkommen, guten Morgen Herr Lauster.

 

Jörg Lauster: Guten Morgen Herr Main.

 

Main: Bevor wir inhaltlich werden, bringen Sie bitte mal Licht ins Sprachdunkel. Wie definieren Sie liberale Theologie?

 

Lauster: Zunächst – Sie hatten es ja schon angedeutet – muss man sagen, liberale Theologie ist ein unglücklicher Begriff. Es ist eine Fremdbezeichnung. Keiner der Väter und Mütter der liberalen Theologie im 19. Jahrhundert hat sich als liberaler Theologe bezeichnet.

 

Das kommt daher, dass man eine theologische Strömung im 19. Jahrhundert, die sich den Phänomenen der Moderne geöffnet hat, mit einem Namen belegen wollte, und ihre Gegner haben aus der Politik sich diesen Namen dann entlehnt und an die aufkommenden liberalen Parteien angelehnt diesen Namen dann auf die Theologie übertragen. Bis heute sind wir mit diesem Begriff nicht so glücklich, denn es hat eigentlich nichts mit dem politischen Liberalismus unserer Tage zu tun.

 

„Sensorium für kulturelle Phänomene“

 

Main: Oft wird ja auch von Kulturprotestantismus gesprochen. Auch ein Etikett, das sich nicht leicht erschließt. Kultur-protestantismus, wie erklären Sie uns diesen Begriff?

 

Lauster: Kulturprotestantismus gibt es auch in einer sehr breiten Verwendung. Wir sollten eine engere und eine weitere unterscheiden. Eng – damit ist gemeint ein Phänomen, eine Erscheinung des deutschen Protestantismus, etwa im Deutschen Kaiserreich, in der Vertreter des Protestantismus – der Berühmteste ist Adolf von Harnack – tief hineingewirkt haben in die Kultur und das öffentliche Leben.

 

In einem weiteren Sinne natürlich daran angelehnt spricht man von Kulturprotestantismus dann, wenn es darum geht, dass man ein Gespür, ein Sensorium dafür entwickelt, dass kulturelle Phänomene durchaus auch eine religiöse Bedeu-tung haben könnten.

 

„Wir finden kein besseres Wort“

 

Main: Also, es wäre verdienstvoll, wenn wir im Laufe dieses Gesprächs ein neues Wort fänden für das, was die Herren Schleiermacher, Harnack, Tillich und Troeltsch und Co. im vergangenen Jahrtausend entwickelt haben. Kann uns das gelingen?

 

Lauster: Wenn uns das gelänge, dann würden wir beide einen Preis gewinnen. Ich glaube, alle Menschen, die sich an liberaler Theologie und Kulturprotestantismus interessieren, daran arbeiten, suchen seit Jahrzehnten nach einem besseren Wort, aber wir finden keins.

 

Main: Die genannten kulturprotestantischen Herren sind selbst für Theologen heutzutage nicht leicht lesbar. Sie hingegen schreiben bewundernswert klar, wenn ich das so sagen darf. Gehe ich zu weit, wenn ich sage: Sie wollen kulturprotestantisches Denken, Sie wollen liberale Theologie in unsere Sprache, in unsere Welt des 21. Jahrhunderts übersetzen?

 

Lauster: Die Frage muss ich doppelt beantworten oder in zweifacher Richtung. Zunächst haben wir als Wissenschaftler in Deutschland auch einen öffentlichen Auftrag, und wir sind durchweg staatlich finanziert aus Steuergeldern. Und ich denke, wir haben eine Verpflichtung, so gut es in unserer Kraft und Macht steht, die Ergebnisse unserer Forschungen, unserer Arbeiten auch einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, so gut das eben geht. Das geht sicher nicht in jeder Disziplin, aber in der Theologie sollten wir uns sehr darum bemühen.

 

Das ist der eine Teil, der mit liberaler Theologie gar nichts zu tun hat, sondern mit einem bestimmten Verständnis dessen, was wir in der akademischen Theologie leisten sollen. Das gälte dann auch für alle Strömungen.

 

Natürlich ist es dann – und das ist der zweite Teil meiner Antwort – eine besondere Herausforderung liberaler Theologie, sich allgemeinverständlich auszudrücken, denn wir möchten uns ja von unserem Anliegen her gerade der Kultur, dem Zeitgeist, dem, was die Menschen bewegt und umtreibt, öffnen, und das schließt ein, dass die Menschen, mit denen wir ins Gespräch kommen möchten, uns auch verstehen.

 

„Keine vollständige Auskunft über den Grund unseres Daseins“

 

Main: So, warum ist liberale Theologie aus Ihrer Sicht heute wichtig?

 

Lauster: Liberale Theologie verbindet das europäische Erbe der Aufklärung in der Romantik zu einer Form von Religion, die einerseits Gewissheit begründet, aber andererseits auch damit rechnet, dass andere Strömungen auch ihr Recht und ihre Wahrheit haben können. Ich will damit sagen, dass wir in der Religion es mit etwas zu tun haben – wir nennen es in unserer christlichen Tradition Gott – was größer ist als unsere Begriffe, unsere Vorstellungen, was mehr ist, als wir mit unseren menschlichen Möglichkeiten ausdrücken können.

 

Wir können über den Grund unseres Daseins nicht vollständig Auskunft geben. Wir können es immer nur ahnungshaft ausdrücken. Dann drücken wir diese Dinge in einer Tradition aus, in der wir aufgewachsen sind, aus der wir her-kommen. Aber wir müssen damit rechnen, dass es auch andere Formen gibt, dieses Geheimnis unseres Lebens zur Sprache zu bringen und auszudrücken.

 

Main: Sie haben Ihrem Opus Magnum den Titel gegeben „Verzauberung der Welt“. Sie gehen – wenn ich das richtig verstehe – davon aus, dass Religion immer da ist, auch, wenn eine Gesellschaft säkular ist und sich Menschen von Kirchen, Synagogen oder Moscheen abwenden. Unterstellt liberale Theologie damit nicht letztlich, dass alle religiös sind?

 

Lauster: In der so zugespitzten Frage geht es mir dann doch zu weit. Ich würde nicht sagen, dass alle Menschen religiös sind, aber ich würde sagen, es gibt einen sehr breiten Mittelbereich von Menschen, wo wir nicht so ganz genau wissen, was die sind oder wo diese Menschen selber nicht so genau wissen, was sie sind. Und ehrlich gesagt, warum sollten sie das auch?

 

Für dieses Argument sprechen die Zahlen. Wir haben in Deutschland immer noch in etwa 23 oder 24 Millionen Kirchen-mitglieder beider Konfessionen, also 23 Millionen Protestanten, 23 Millionen Katholiken – plus/minus. Davon sehen wir in der Kirche, in den Amtshandlungen der Kirchen etwa eine bis zwei Millionen. Die Frage: Was ist mit den anderen 20 Millionen? Die sind ja noch irgendwie in der Kirche, aber wir sehen sie nie. Das ist eine Form von Religiosität, die mich interessiert.

 

Main: Aber ist es nicht vereinnahmend? Wie soll ein Konfessionsfreier mit Ihrer Unterstellung leben?

 

Lauster: Moment, die Konfessionsfreien, die Sie ansprechen, die sind ja schon außerhalb dieser 20 Millionen. Das sind die, die ausgetreten sind, auch keine Kirchensteuer mehr bezahlen.

 

Main: Die lassen Sie in Ruhe?

 

Lauster: Die lasse ich überwiegend in Ruhe. Wenn jemand zu mir sagt – und das gibt es – er hat mit dem allem nichts

am Hut und kann damit nichts anfangen, dann ist das sein gutes Recht. Das ist eine europäische Errungenschaft seit Friedrich dem Großen: „jeder nach seiner Fasson“. Ich erlebe aber übrigens gerade in diesem Bereich der Konfessions-losen, wenn ich mich bei irgendwelchen Einladungen, Abendessen in meinem Beruf oute, ist der Abend meistens gelaufen.

 

Mir ist es inzwischen von meiner Frau untersagt, mich als Theologe zu outen, weil man von einer Flut von Fragen überrannt wird. Die Leute haben ein immenses Interesse an den großen Fragen. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn meines Lebens? Das gilt schon auch für Konfessionslose.

 

Noch mehr interessieren mich die Menschen, die sich selber noch irgendwie der Kirche zugehörig fühlen, aber mit den klassischen Amtshandlungen, auch mit den Dogmen und den Moralvorstellungen der Kirche, nichts anfangen können.

 

„Liberale Theologie ist Verrat“

 

Main: Da höre ich einen leicht kirchenkritischen Unterton bei Ihnen raus. Es gibt viele Theologen, die die Nase rümpfen, wenn sie das Wort „liberale Theologie“ hören. Wie ist der Widerstand auf dieser Seite aus Ihrer Sicht motiviert?

 

Lauster: Es gibt seit dem 19. Jahrhundert, seit dem Aufkommen, seit unserer großen Lichtgestalt Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, der im November seinen 250. Geburtstag feiern würde, den wir dementsprechend auch ehren – seit Schleiermacher gibt es immer denselben Vorwurf: Liberale Theologie ist Ausverkauf, ist Verrat, Verlust der eigentlichen Kernbotschaft des Christentums, weil liberale Theologen natürlich immer versuchen – und Theologinnen – die Botschaft des Christentums zu übersetzen in eine andere, in eine moderne Sprache.

 

Wir können beispielsweise – um zu einer Kernlehre des Christentums zu kommen – wenig anfangen mit den Begriffen wie „Sühne“ und „Opfer“. Das klingt mir alles viel zu blutrünstig. Das ist spätantikes Denken, das uns heute nichts mehr sagt. Also übersetzen wir diese Begriffe in etwas anderes. Wir wollen sagen, dass es ein Geheimnis des Lebens gibt, in dem wir immer sozusagen mit allem, was Leben entfaltet, anderes Leben zerstören. Wenn wir solche neueren Formulierungen bringen, sagen klassische Theologen immer, wir würden das Christentum beenden.

 

Main: Ein entscheidender Punkt ist auch das Verhältnis der liberalen Theologie zur Kirche. Wenn ich das richtig verstehe: Liberale Theologie sieht in der Kirche nicht den zentralen Weg zum Heil. Kann man das so zusammenfassen oder ist das schlicht und platt formuliert?

 

Lauster: Das ist nicht schlicht und platt formuliert, sondern ein kleines bisschen zu spitz. Große liberale Theologen waren immer Männer der Kirche. Schleiermacher war Pfarrer in Berlin neben seiner Professur. Adolf von Harnack war ein großer Vertreter des Protestantismus des Kaiserreichs. Es ist nicht der Weg der liberalen Theologie, gegen die Kirche zu opponieren.

 

Liberale Theologinnen und Theologen wissen, es gäbe keine Religion ohne eine wie auch immer geartete institutionelle Verankerung. Wir brauchen eine Institution. Und die Geschichte Osteuropas im 20. Jahrhundert hat uns gelehrt: Ohne Institution gibt es auch keine stabile und lebendige Religion. Aber dafür möchten wir den Blick schärfen. Eine Religion geht niemals auf in der Institution, sie ist immer auch noch mehr als diese Institution. Darauf insistieren wir.

 

„Lutherfixierung unterläuft dem ewigen Protest“

 

Main: In Ihrem kleinen Büchlein „Der ewige Protest – Reformation als Prinzip“ plädieren Sie dafür, die Bezeichnung „lutherisch“ aus dem Namen Ihrer Kirche zu streichen – was ja auch zeigt, dass Sie die Kirche schon auch interessant finden. Die Begründung ist: „Lutherfixierung unterläuft den ewigen Protest.“ Oder warum?

 

Lauster: Ist übrigens ein Vorschlag, für den ich sehr heftig gescholten worden bin aus dem Kreis der lutherischen Theologinnen und Theologen. Das habe ich mir auch erhofft.

 

Main: Deswegen spreche ich ihn ja auch an.

 

Lauster: Das habe ich mir erhofft, dass ich dafür kritisiert werde. Ich finde, dass der Name einer Kirche, die sich auf Gott als den Grund unseres Daseins beruft, per se vollkommen unverträglich ist mit dem Namen eines Menschen.

 

Luther ist eine große Gestalt in der Geschichte des Christentums, aber wir sollten keine Personen verehren. Und meines Wissens ist die lutherische Kirche eine der ganz wenigen christlichen Konfessionen, die überhaupt so einen Personen-bezug im Namen hat. Darüber sollten wir nachdenken, ob das wirklich nötig ist. Das ist die eine Seite.

 

Die andere Seite ist: Der Protestantismus hat sich in Europa erfreulich in den letzten 40 Jahren so entwickelt, dass wir auch darüber nachdenken sollten, diese Konfessionsunterschiede, die aus einem dogmatisch zerstrittenen 16. Jahr-hundert kommen, ob wir die nicht im 21. Jahrhundert getrost aufgeben können.

 

„Alle schlafen, einer spricht“

 

Main: Keine Personenverehrung – in welche Richtung müssten sich Kirchen aus Ihrer Sicht heute reformieren, wenn Reformation nie aufhört?

 

Lauster: Also, auch da muss man eine ehrliche Antwort geben. Liberale Theologie hat nicht die Patentrezepte, und wir sind auch nicht die Besserwisser, die sagen, so läuft es. Wir können hier nur sagen, wir würden einen bestimmten Vorschlag machen. Und der Vorschlag sieht wie folgt aus: mehr hineingehen in den Personenkontakt zu den Menschen.

 

Wir haben in Deutschland hervorragend ausgebildete Pfarrerinnen und Pfarrer. Wir haben meiner Meinung nach doch einen immer noch großen Kreis von Menschen, die für die Fragen des Daseins ein Interesse haben, und diese beiden Gruppen muss man zusammenbringen. In Kasualgesprächen, also wenn Pfarrerin, Pfarrer Menschen zu Taufen, Beerdigungen, Hochzeiten besuchen, gibt es wunderbare Gelegenheiten. Da müssen wir neugieriger werden und auch erfinderischer werden, wie wir dieses Interesse befriedigen können, das da in den Menschen besteht.

 

Das läuft mit der klassischen Form des Gottesdienstes – alle schlafen, einer spricht – einfach nicht mehr in der Art und Weise, wie das allein zeitgemäß sein sollte. Vorsicht, ich sage nicht, Gottesdienste abschaffen, um Himmels willen, aber sich darüber hinaus ausdenken, wie wir mehr mit den Menschen in einen persönlichen Kontakt, in ein persönliches Gespräch kommen können.

 

Main: Sie kritisieren darüber hinaus wortwörtlich, „Anzeichen für ein Hinüberdriften ins Seichte und Banale sind im deutschen Protestantismus gegenwärtig nicht zu übersehen. Der moralisch erhobene Zeigefinger steht aber in einem eklatanten Widerspruch zur religiösen Freiheit des Individuums im Protestantismus.“ Also: Zu viel Belehrung, zu viele Ausflüge ins Klerikale?

 

Lauster: Klerikalismus ist eigentlich jetzt nicht das, was man dem Protestantismus vorwerfen kann. Es sind zwei Strö-mungen, die ich sehr kritisch beäuge. Ist auf der einen Seite die starke Politisierung. Wir bekommen von Kirchenoberen vorgeschrieben, wie wir politisch zu wählen haben, dass wir „Veggie Days“ und lauter so Dinge einzuhalten haben.

 

Das ist nicht Aufgabe der Kirche, wie sie sich politisch orientieren, wie sie ihr Alltagleben gestalten. Das schaffen die Menschen auch ohne uns. Das ist die eine Seite.

 

Und das andere ist: Man versucht natürlich, um Menschen zu gewinnen, alle möglichen Mittel. Und dann gibt es eine bestimmte Strömung, die auf Wellness, Yoga und all dieses Zeugs aufspringt. Das sind ja wunderbare Sachen, aber auch das ist nicht Aufgabe der Kirche. Wir sind nicht zuständig für Wellness, sondern für die großen Fragen des Daseins.

 

„Barth heute noch nachzubeten, ist ein großes Unglück“

 

Main: Wenn Sie so gegen die Politisierung polemisieren, dann stellen Sie sich aus meiner Sicht auch letzten Endes gegen die „Barth-Schule“, also jenen Theologen, Karl Barth, dessen Todestag sich im Dezember zum 50. Mal jährt. Ist das so? Sind Sie „Anti-Barth“?

 

Lauster: „Anti-Barth“ klingt gleich sehr streng. Zu Barth würde ich sagen, er war eine hervorragende historische Gestalt im 20. Jahrhundert. Er hat in der Auseinandersetzung mit den Nazis zur rechten Zeit das Richtige gesagt. Er hat viele Pfarrer darin unterstützt, in ihrem Kampf oder in ihrem leisen und hoffentlich manchmal auch lauterem Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

 

Aber wir können nicht 70 Jahre später einfach so tun, als wäre in den letzten zwei Generationen nichts passiert. An Barth in 1940 und 1950 festzuhalten, war ein großes Glück für die Kirche. Ihn heute immer noch einfach nachzubeten, ist ein großes Unglück. Die Zeiten haben sich gewandelt. Wir müssen neue Wege gehen.

 

Main: Neue Wege – wo sehen Sie denn konkret die Kräfte der Erneuerung?

 

Lauster: Kräfte der Erneuerung gibt es überall, um den großen Johannes XXIII. zu zitieren: „Überall dort, wo Menschen guten Willens sind, dort erneuert sich die Kirche auch.“ Es gibt viele Ansätze. Beispielsweise in den letzten 30 Jahren ist die Kirchenmusik zu so etwas geworden wie einem zweiten Instrument des Gemeindeaufbaus.

 

Ich sehe viel Anstrengung, viel Mühe, auch auf Seiten der Pfarrerinnen und Pfarrer. Darin sollten wir sie unterstützen. Was wir wiederum weniger unterstützen sollten, ist immer dieses Kreisen um institutionelle Fragen. Strukturdebatten. Das zieht einfach viel zu viel Energie ab. Wir sollten in der Kirche schlicht und ergreifend unsere Arbeit machen. Und ob wir in 100 Jahren noch dieselbe Kirche sind wie jetzt, das liegt ohnehin nicht in unserer Hand.

 

„Wir sind neugierige Wesen“

 

Main: Jetzt reden wir mal nicht weiter über die Kirche. Was könnte aus Ihrer Sicht das Zeitgenössische sein, das Relevante, was das Christentum modernen Gesellschaften zu bieten hat – über Kirche hinaus?

 

Lauster: Wenn wir uns mal anschauen, von was eigentlich unsere Gesellschaften innerlich leben, dann stellen wir fest, da gibt es ja doch so etwas wie verborgene Ideen. Wir haben den Traum, solidarisch miteinander umzugehen. Wir erziehen unsere Kinder, dass sie Anerkennung und Respekt als Umgangsgrößen praktizieren. Wir pflegen Authentizität als Ideal. Das ist ja doch alles, das sind innere Vorstellungen, Ideen, die sehr stark verbreitet sind.

 

Und wenn ich nur die drei nehme – Solidarität, Anerkennung und Authentizität –, dann sind das säkulare Begriffe. Zu all diesen dreien hat aber das Christentum grandiose Angebote zu machen, wie wir die inhaltlich besetzen können. Das ist einmal die Vorstellung der Nächstenliebe. Das ist bei der Anerkennung die Gnade. Und das ist bei der Authentizität die Erlösung.

 

Da müssten wir viel mehr miteinander ins Gespräch kommen. Ich sage nicht, dass wir für alles die ultimative Antwort haben. Aber das Christentum ist reich an Ideen, die sich sehr eng mit den Fragen berühren, die die Menschen heute umtreibt.

 

Main: Reich an Ideen – das möchte ich aufgreifen. Wenn ich Ihnen zuhöre, habe ich den Eindruck, dass Sie die Grenzen zwischen Nicht-Religiösen, zwischen Christen, Muslimen, Juden und anderen auch ein bisschen zum Fließen bringen wollen.

 

Lauster: Ich denke, das sollten wir. Es ist an der Zeit, mit – noch einmal dieses große Wort von Johannes XXIII. – mit allen Menschen guten Willens zu reden. Es gibt Juden, es gibt Muslime, die ihre Religion in einer Art und Weise so leben und praktizieren wollen, dass sie zwar einerseits ihnen innerlich und privat Gewissheit verleiht, aber andererseits auch die Sozialverträglichkeit unseres Daseins erhöht.

 

Und mit diesen Menschen sollten wir automatisch ins Gespräch kommen, zumal es doch einfach auch – wir sind ja neugierige Wesen als Menschen. Wir wollen doch wissen, wie andere denken. Wie stellt sich ein Muslim vor, was nach seinem Tod passiert? Das sind doch spannende Fragen, und da gibt es einen großen Nachholbedarf an Gesprächen – zumindest mit den Menschen, mit den Juden und Muslimen und Angehörigen anderer Religionen, die mit uns reden wollen.

 

„Das absolute Gegenteil von religiösem Fundamentalismus“

 

Main: An welchen Punkten schlagen Sie Pflöcke ein, um sich abzugrenzen von bestimmten aufgeheizten Religions-debatten?

 

Lauster: Natürlich ist die Grenze immer dort ganz klar, wo eine Religion fundamentalistisch wird, wo sie von sich behauptet, die alleinige und widerspruchslose und keinen anderen Einspruch duldende Wahrheit zu sein.

 

Das gibt es übrigens im Christentum auch. Das gibt es natürlich auch im Judentum und im Islam. Und mit jemandem, der nicht offen ist für ein Gespräch, der sagt „nur das, was ich sage, ist wahr“, mit solchen Menschen ist es sehr schwer zu reden.

 

Main: Aber liberale Theologie ist per se antifundamentalistisch – so lese ich das zumindest.

 

Lauster: Die liberale Theologie ist quasi in ihrer Definition das absolute Gegenteil zu allen Formen eines religiösen Fundamentalismus.

 

„Da ist noch mehr als wir begreifen können“

 

Main: Wenn ich Theologie in Ihrem Sinne treiben wollte, egal, welcher Konfession ich bin, welche Brille muss ich auf-setzen, inwiefern muss ich meine Haltung verändern?

 

Lauster: Liberale Theologie lebt als erstes und zunächst von einer großen religiösen Einsicht, dass der Grund unseres Daseins und das Geheimnis des Lebens mehr ist, als wir Menschen jemals erfassen und sagen können. Und, wenn man bereit ist, das anzuerkennen, dann relativiert sich damit automatisch auch die eigene Position.

 

Wir können und müssen an unserer eigenen Position festhalten. Von ihr kommen wir, aus ihr leben wir. Aber wir sollten uns offene Augen bewahren für das, was andere Menschen sagen.

 

Main: Offen für Geheimnisse, wenn ich das so zusammenfassen würde, wo entdecke ich die?

 

Lauster: Die entdecken Sie vom Frühstück bis zum Ins-Bett-gehen minütlich. Es reicht, die Augen offenzuhalten für Phänomene des Zusammenlebens. Es ist ja nicht so, dass Menschen nur immer gewaltsam übereinander herfallen. Es gibt viele, viele Zeichen im alltäglichen Zusammenleben, in denen etwas durchschimmert, wo Menschen sich von einer sehr, sehr großzügigen, freundlichen Seite zeigen.

 

Es gibt diese Phänomene der Natur. Gerade hier in München fährt die halbe Stadt am Wochenende hinaus in die Berge. Was suchen die da? Es ist ja nicht nur Erholung, Freizeit, Sport. Es geht ja auch um innere Erlebnisse, die die Natur uns bereitet.

 

Und schließlich gibt es eine Reihe von kulturellen Phänomenen, wo wir immerfort – wo in uns etwas zum Klingen gebracht wird: wenn wir Musik hören, wenn wir Bilder anschauen, wo wir auf etwas stoßen, was uns die Augen öffnet. Da ist noch mehr, als wir begreifen können.

 

„Nicht jedes Eichhörnchen ist eine Gottesbegegnung“

 

Main: Und da das hier keine Verkündigungssendung ist, frage ich Sie: Welche Einwände gegen die liberale Theologie müssen und sollten Sie als liberaler Theologe selbstkritisch bedenken?

 

Lauster: Uns wird, um es sehr salopp zu sagen, am meisten eine bestimmte inhaltliche Weite vorgeworfen. Ich kann es noch deutlicher sagen – eine Schwammigkeit. Dieser Vorwurf sieht etwas Richtiges. Wenn man sagt, das Geheimnis des Lebens ist mehr als wir mit Worten ausdrücken können, dann bleibt das irgendwie diffus und daran müssen wir ar-beiten.

 

Auch Ihre Frage, wo kann man konkret diese Erfahrungen machen, daran müssen wir weiterarbeiten, das präziser zu fassen. Nicht alles, nicht jedes Eichhörnchen und jedes Kinderlächeln ist gleich eine Gottesbegegnung. Das ist das, woran wir noch viel zu tun haben: konkreter, präziser zu werden in dem, wo wir meinen, das Geheimnis des Lebens aufspüren zu können.

 

Main: Jörg Lauster, evangelischer Theologieprofessor in München. Zwei seiner Bücher, die ich gelesen habe beziehung-sweise gerade lese, möchte ich nochmals mit Titel nennen: „Der ewige Protest – Reformation als Prinzip“ – 140 Seiten für 12 Euro, erschienen im Verlag Claudius. Und „Die Verzauberung der Welt – eine Kulturgeschichte des Christentums“ – 34 Euro bei C.H. Beck. Die Zahl der Seiten ist deutlich höher, habe ich nicht in Erinnerung. Sie, Herr Lauster?

 

Lauster: Irgendwas über 700, glaube ich.

 

Main: Jörg Lauster, danke für Ihr Nachdenken über die Zukunft des Christentums, danke für das Gespräch.

 

Lauster: Vielen Dank, Herr Main.

 

https://www.deutschlandfunk.de/liberale-theologie-und-kirche-nicht-fuer-wellness-zustaendig.886.de.html?dram:article_id=430920

 


 

Jörg Lauster, Der ewige Protest – Reformation als Prinzip, München: Claudius 2017

 

Welche Zukunft hat Religion überhaupt in der heutigen Gesellschaft? Radikale Entchristlichung auf der einen, entschlossener Fundamentalismus auf der anderen Seite, dazwischen klerikal-hochkirchliche und kuschelreligiöse Rettungsinseln oder überpolitisiertes, moralisch anstrengendes Weltverbesserertum.

 

Protestant zu sein heißt, das Unzähmbare an der Kraft des Heiligen selbst zu verstehen. Reformation ist Prozess und Prinzip, vor allem aber ein dem Christentum selbst innewohnender Antrieb.

 

Jörg Lauster, einer der profiliertesten Vertreter der Liberalen Theologie, plädiert für eine Überwindung der landes-kirchlich und konfessionell erstarrten Gestalt des deutschen Protestantismus und für eine Ökumene, die wesenhaft mehr sein muss als dogmatische Übereinstimmungserzielung.

 


 

Widerstand der Bekennenden Kirche gegen die Diktatur der Nationalsozialisten

 

Die meisten Anhänger von Schleiermachers und Harnacks "Liberaler Theologie" und von Feuerbachs naturalistischer Anthropologisierung der Theologie waren nicht nur staatstreue Mitläufer in der Begeisterung für den Ersten Weltkrieg, sondern wurden auch bald korrupte Mitglieder der von den Nationalsozialisten vereinnahmten "Deutschen Christen" innerhalb der EKD während des "Dritten Reiches".

 

Hitlers Anhänger verehrten ihn auch als vermeintlichen Heilsbringer aufgrund ihrer religiösen Erfahrungen von etwas "Unbedingtem" (Paul Tillich). Und Hitler selbst dankte nach jedem mißglückten Attentat der "Vorsehung", die den Führer gerettet hat. Von einer solchen allgemeinen romantischen Frömmigkeit der am ganzen Leib empfundenen "schlechthinnigen Abhängigkeit" von einer "höheren Macht", wie sie die Liberalen Theologen seit Schleiermacher predigten, mussten sich widerständige Christen doch trefflich abgrenzen und geistig unterscheiden können!

 

Zum Widerstand der "Bekennenden Kirche" gehörten hingegen Karl Barth und Emil Brunner, Rudolf Bultmann und Dietrich Bonhoeffer, die sog. Dialektischen Theologen und deutlichsten Kritiker der "Liberalen Theologie". Die weniger krisenfeste Liberale Theologie ist in der Weimarer Republik und in dem sich anschließenden Nationalsozialismus an ihrer eigenen Belanglosigkeit und Unbestimmtheit gescheitert.

 

Zu Emil Brunners Kritik an der Theologie Schleiermachers - siehe vor allem: Emil Brunner, Die Mystik und das Wort (1942).

 

Mehr dazu im Wikipedia-Artikel zu der Barmer Theologischen Erklärung von 1945:

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Barmer_Theologische_Erkl%C3%A4rung

 


 

John Lennox: „Wir werden zu einer selbstanbetenden Gesellschaft“

 

John Lennox ist nicht nur emeritierter Mathematikprofessor in Oxford, sondern auch ein leidenschaftlicher Verteidiger des christlichen Glaubens. PRO traf ihn beim 20. Jubiläum des Instituts für Glaube und Wissenschaft in Marburg. In diesem Interview warnt er vor der schwindenden Prägekraft des Glaubens, spricht über die Frage nach dem Leid – und kritisiert die moderne Lobpreiskultur.

 

PRO-Medienmagazin 29.11.2019

 

https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/kirche/2019/11/29/john-lennox-wir-werden-zu-einer-selbstanbetenden-gesellschaft/