Kontingenz der Welt

 

 

 

Oberflächliches Philosophieren entfernt vom Glauben,

tieferes Philosophieren führt zu ihm hin.

 

frei nach Francis Bacon

 

 

Was bedeutet "Kontingenz"?

 

Logisch kontingent sind alle Aussagen bzw. Urteile, die weder tautologisch noch kontradiktorisch sind, sondern die entweder wahr oder falsch sein können.

 

Tautologische Aussagen bzw. Urteile sind logisch notwendig wahr. Dazu gehören immer und überall gültige Identitäts-aussagen ohne Informationsgehalt der Form 'x = x' wobei 'x' für einen beliebigen Eigennamen oder indexikalischen Ausdruck steht. "Sokrates ist Sokrates." ist genauso eine Tautologie wie "Ich bin ich.". Tautologien sind auch immer und überall gültige Folgerungen ohne Informationsgehalt der Form 'p > p', d.h. 'wenn p, dann p', wobei 'p' für eine beliebige wahrheitsfähige Aussage steht. "Wenn es regnet, dann regnet es." ist genau so eine Tautologie wie "Wenn ich denke, dann denke ich." in Abgrenzung zu den beiden Folgerungen "Wenn ich denke, dann existiere ich." (Descartes) und "Wenn ich zweifle, dann existiere ich." (Augustinus), die die Form 'p > q', d.h. 'wenn p, dann q' haben.

 

Kontradiktorische bzw. selbstwidersprüchliche Aussagen bzw. Urteile hingegen sind logisch notwendig falsch. Dazu gehören immer und überall falsche Identitätsaussagen ohne Informationsgehalt der Form 'x ≠ x' wobei 'x' für einen beliebigen Eigennamen oder indexikalischen Ausdruck steht. "Sokrates ist nicht Sokrates." ist genauso eine Kontra-diktion wie "Ich bin nicht ich." Kontradiktionen sind auch immer und überall ungültige Folgerungen ohne Informations-gehalt der Form 'p > ~ p', d.h. 'wenn p, dann nicht p', wobei 'p' für eine beliebige wahrheitsfähige Aussage steht. "Wenn es regnet, dann regnet es nicht." ist genau so eine Kontradiktion wie "Wenn ich denke, dann denke ich nicht." in Abgrenzung zu "Wenn ich denke, dann existiere ich nicht.", das die Form 'p > ~ q' d.h. 'wenn p, dann nicht q' hat.

 

Wenn eine einfache Aussage in diesem logischen Sinne kontingent ist, also weder tautologisch noch kontradiktorisch ist, und wenn sie ein grammatikalisch korrekt formulierte Aussage ist, dann ist sie semantisch kontingent, d.h. sie bezieht sich auf einen möglichen Sachverhalt, ganz gleich, ob dieser nun ein fiktiver Sachverhalt ist (wie z.B. in einer Erzählung oder in einem Roman) oder ob dieser ein realer Sachverhalt ist, also eine Tatsache in der raum-zeitlichen Welt.

 

Ontologisch kontingent sind Aussagen bzw. Urteile, mit denen sich jemand intentional auf einen realen kontingenten Sachverhalt bezieht. Nur sprachbegabte und bewußte Personen können sich mit ihren sprachlichen Aussagen bzw. Urteilen intentional auf solche realen und kontingenten Sachverhalte bzw. Tatsachen beziehen. Bilder, Sätze, Worte und Zeichen selbst können das nicht. Sie bilden nur etwas ab, stellen etwas dar, haben eine Bedeutung oder enthalten eine Information, aber sie können sich nicht selbst auf reale und kontingente Sachverhalte in der Welt beziehen. Einfache Sachverhalte sind in diesem Sinne ontologisch kontingent, wenn sie realmöglich sind, d.h. wenn sie je nach den Umständen in der Welt bestehen oder auch nicht bestehen können. Ereignisse oder Prozesse sind in diesem Sinne ontologisch kontingent, wenn sie realmöglich sind, d.h. wenn sie je nach den Umständen in der Welt geschehen oder auch nicht geschehen können. Kontingenz in diesem ontologischen Sinne ist als reale Möglichkeit zu unterscheiden von naturgesetzlicher Notwendigkeit oder naturgesetzlicher Unmöglichkeit.

 

Beispiel 1: Dass der Eiffelturm in Paris aus Styropor gemacht sein könnte, ist zwar logisch möglich, d.h. man kann es in einem Science-Fiction-Roman widerspruchsfrei erzählen und denken, aber es ist nicht real möglich, d.h. es ließe sich (wahrscheinlich) nicht technisch realisieren. Aufgrund der derzeitigen naturwissenschaftlichen Kenntnisse widerspricht es den physikalischen Naturgesetzen (Gravitation, etc.), der bisherigen allgemeinen und wissenschaftlichen Erfahrung (ein Bauwerk von dieser Größe aus Styropor ist noch niemals irgendwo realisiert und entdeckt worden) und den bisherigen ingenieurwissenschaftlichen Kenntnissen im Umgang mit künstlichen und natürlichen Baumaterialien (Steifigkeit, Tragfähigkeit, Materialermüdung, Verarbeitbarkeit, Resistenz gegen Wind und Wetter, etc).

 

Beispiel 2: Dass das ganze raumzeitliche und materiell-energetische Universum in einer Art von Urknall aus einem kleinsten atomaren Teilchen ohne Grund bzw. ohne vorausgehende Ursachen hervorgegangen sein könnte, ist zwar logisch möglich, d.h. man kann es in einem Science-Fiction-Roman oder in einem popularwissenschaftlichen Buch widerspruchsfrei annehmen und denken, aber es ist nicht real möglich, d.h. es widerspricht (a.) kosmologischen Prinzipien (ex nihilo nihil fit), (b.) wissenschaftstheoretischen Prinzipien der Forschung (alles hat einen bestimmten Grund bzw. zeitlich vorausgehende Ursachen bzw. einzeln notwendige und zusammen hinreichende Bedingungen der Realisierung), (c.) physikalischen Naturgesetzen (z.B. Energieerhaltungssatz), (d.) theoretischen Voraussetzungen der naturwissenschaftlichen Forschung (alles, was im physikalischen Bereich der Makro- und Meso-Objekte existiert oder geschieht, befindet sich zu einem bestimmten Zeitpunkt tx an einem bestimmten Ort lx), etc.

 

Kontingenz in diesem ontologischen Sinne ist also reale Möglichkeit im Unterschied von naturgesetzlicher Notwendigkeit oder naturgesetzlicher Unmöglichkeit. Alle Sachverhalte, Ereignisse und Prozesse, die in diesem ontologischen Sinne real-möglich sind, und also weder naturgesetzlich notwendig noch naturgesetzlich unmöglich sind, sind jedoch deswegen nicht absolut zufällig, d.h. sie bestehen oder geschehen nicht ohne Grund bzw. ohne vorhergende Ursachen. Es wäre z.B. realmöglich gewesen, dass die Berliner Mauer unter etwas anderen vorausgehenden Umständen bereits ein Tag früher oder ein Tag später gefallen wäre. Es war weder naturgesetzlich notwendig, dass sie am 9. November 1989 gefallen ist, noch übernatürlich notwendig, dass sie am 9. November 1989 gefallen ist.  Dass sie an einem 9. November gefallen ist, mag zwar wegen der Bedeutung dieses Tages für die deutsche Geschichte (dem sog. Schicksalstag der Deutschen) vielen Menschen, denen das bekannt ist, historisch, mystisch oder symbolisch bedeutungsvoll erscheinen (d.h. einer nahe liegenden, aber dennoch (inter-)subjektiven Bedeutungszuordnung entsprechen), ist aber historisch zufällig. Es gibt zwar historisch zufällige Koninzidenzien, d.h. wenn etwas unter etwas anderen Umständen auch hätte anders geschehen können, aber es gibt keine absolut zufälligen Sachverhalte, Ereignisse oder Prozesse, d.h. dass etwas völlig grundlos wie aus einem Nichts heraus geschieht. In diesem Sinne können wir dann auch davon sprechen, dass etwas historisch kontingent ist oder war, also von historischer Kontingenz.

 

Nach biblischer (Buch Hiob) und theologischer Auffassung im Judentum und im Christentum sind alle religiösen Lehren häretisch, die das menschliche Leiden in der Welt und an der Welt, das einem widerfährt, auf eine pseudo-religiöse bzw. ideologische Art und Weise als metaphysisch notwendig oder gar als auf verborgene Art und Weise (okkult) als selbst verursacht erklären. Das gilt sowohl für menschliches Leiden aufgrund natürlicher Übel (wie z.B. aufgrund von Natur-katastrophen und naturbedingten Unfällen) als auch aufgrund von menschlichem Bösen, das einem widerfahren ist, indem es einem durch andere Menschen (absichtlich) zugefügt wurde (wie z.B. aufgrund von Betrug, Diebstahl, Einbruch, Mobbing, Raubüberfall, Mord, Totschlag, Folter, Missbrauch oder Vergewaltigung).

 

Beispiel 1: Eine junge Frau wird nachts auf dem Frauenparkplatz eines öffentlichen Parkhauses von zwei jungen Männern überfallen und vergewaltigt. Am nächsten Tag überwindet sie sich nach einigem Zögern und mit tatkräftiger Unterstützung einer guten Freundin, den extrem belastenden Vorfall bei der örtlichen Polizei zu melden und eine Anzeige zu erstatten. Auf der lokalen Dienststelle der Polizei werden ihr verschiedene suggestive Fragen gestellt, wie z.B. warum sie denn nachts alleine ausgegangen sei, warum sie einen so kurzen Rock getragen habe, ob sie denn die beiden jungen Männer nicht habe kommen sehen und warum sie nicht schnell weggerannt sei, etc. Solche Suggestivfragen unterstellen ein eigenes Fehlverhalten der Opfer und sind eine zusätzliche Zumutung, die angesichts der belastenden und traumatisierenden Erfahrung eigentlich zu vermeiden wäre.

 

Beispiel 2: Ein wissenschaftlicher Mitarbeiter einer renommierten Akademie wird am Arbeitsplatz immer wieder von Kollegen psychologisch unter Druck gesetzt und gemobbt. Einmal geschieht dies öffentlich im Kreis von Kollegen. Nur ein älterer, bereits emeritierter Kollege hat den Mut und die Zivilcourage, die Attacke anzusprechen, sich dagegen auszusprechen und den Mitarbeiter in Schutz zu nehmen. Der Mitarbeiter berichtet davon seinem Vorgesetzten. Dieser schweigt jedoch und unternimmt nichts, obwohl er für seinen Mitarbeiter verantwortlich ist. Nach einiger Zeit zeigen sich erste psychologische Spuren der Diskriminierungen im Kollegium. Andere Kollegen fühlen sich ermutigt, den Druck zu erhöhen. Es kommt nach Einschätzung eines älteren Professors der Akademie zu einer unfairen Bewertung seiner bisherigen Arbeit und schließlich zur Verweigerung der Verlängerung des Arbeitsvertrages durch Einflussnahme einer externen Stiftung, die nach Arbeitsvertrag und Arbeitsrecht gar kein Recht dazu hatte, über diese Verlängerung zu befinden. Das steht alleine den Vorgesetzten und der Akademie zu. Der Mitarbeiter wendet sich an den Personalrat und Justiziar der Akademie. Diese sind zwar auch davon überzeugt, dass ihrem Mitarbeiter hier Unrecht widerfahren ist, bedauern jedoch, dass diese Vorgänge kaum hinreichend nachgewiesen werden könnten. Der Mitarbeiter wird arbeitslos und erkrankt aufgrund der wiederholten Kränkungen. Freunde, Kollegen und Verwandte fragen kaum nach den genauen Abläufen und konkreten Umständen, sondern ergreifen vorschnell direkt oder indirekt Partei für die ihnen unbekannten Täter. Einige unterstellen ihm sogar eigenes Fehlverhalten und charakterliche Mängel.

 

Menschen mit beruflichen und anderen Erfolgen neigen von Natur aus dazu, ihre eigenen beruflichen und anderen Erfolge vor allem sich selbst und ihren eigenen Kompetenzen und Leistungen zuzuschreiben. Sie neigen dazu, ihre günstigen Ausgangsbedingungen, die günstigen lebensgeschichtlichen Umstände und die vielen glücklichen Zufälle ihres Lebens zu verdrängen. Bei anderen Menschen hingegen sind dieselben Leute sehr schnell dabei, deren berufliche und andere Misserfolge mit angeblichen Dummheiten, Fehlern, Einschränkungen, Mängeln und Schwächen zu erklären. Diese janusköpfige Neigung liegt in der menschlichen Natur, weil sie dem natürlichen, aber egozentrischen Willen zur Steigerung der eigenen Macht entspringt. Aber auch das umgekehrte Verhalten liegt in der menschlichen Natur.

 

Menschen mit beruflichen und anderen Misserfolgen neigen von Natur aus dazu, für ihre Misserfolge vor allem ungünstige Ausgangsbedingungen, ungünstige lebensgeschichtliche Umstände, wiederholtes Pech und schwere Schicksalsschläge oder die schlechten Einflüsse und Taten anderer Menschen verantwortlich zu machen, selten jedoch ihre eigenen Dummheiten, Fehler, Einschränkungen, Mängel und Schwächen. Die Neigung zu solchen Ausreden dienen der eigenen psychischen Entlastung und hedonistischen Bequemlichkeit. Beide allzu menschlichen Neigungen besagen jedoch nichts über die lebensgeschichtlichen Fakten, also über die wirklichen Umstände in der wirklichen Lebens-geschichte und Vergangenheit eines Menschen. Jemand kann durchaus eine realistische Selbsteinschätzung haben mit zuverlässigen Erinnerungen und angemessenen Bewertungen der eigenen Lebensgeschichte.

 

In psychologischer Hinsicht gilt es zu bedenken, dass die meisten Menschen von Natur aus kaum genug Selbstdistanz aufbringen können, um eine faire und angemessene Selbsteinschätzung vornehmen zu können. Sie fliehen um der besseren Verdrängung willen in sinnliche Selbstbetäubung, ablenkende Geschäftigkeit oder gesellige Vergnügungen. Hier lockt wie immer die allzu menschliche Jagd nach sozialer Anerkennung, Macht, Ruhm und Reichtum. Aber um eine angemessene und gerechte Bilanzierung der eigenen Erfolge und Misserfolge, Fehler und Leistungen, Stärken und Schwächen, etc. vornehmen zu können, bedarf es nicht nur einer psychologischen Selbsterkenntnis, die nur durch reflektierte Lebenserfahrung gewonnen werden kann, sondern auch der geistlichen Gnade, der Liebe und des Trostes, die einem überhaupt erst erlauben, sich selbst trotz aller erkennbaren Fehler, Mängel und Schwächen wohlwollend anzuschauen und tiefergehend anzunehmen. 

 

In ethischer und moralischer Hinsicht können endliche Menschen mit ihrer begrenzten Erfahrung und ihrem beschränkten Wissen weder eine objektive ethische Bilanzierung des guten Lebens (eudaimonia) eines bestimmten Menschen im Sinne der aristotelischen Ethik (Nikomachische Ethik) noch eine objektive moralische Bilanzierung der Glückswürdigkeit eines einzelnen Menschen im Sinne der kantischen Ethik (Metaphysik der Sitten. Erster Teil: Tugendlehre) vornehmen. Das kann kein Mensch leisten, weder bei sich selbst noch bei anderen Menschen. Das kann auch keine menschliche Gesellschaft, keine moderne Demokratie und kein intakter Rechtsstaat leisten. Das können auch die Experten für den Leib, die Psyche und den Geist des Menschen, wie z.B. Psychologen, Psychiater, Psychosomatiker und Psychotherapeuten, nicht leisten. Das spricht übrigens auch gegen die traditionelle Todesstrafe und für den modernen rechtsstaatlichlichen Schutz der Würde des Menschen. Das spricht auch gegen die vorchristliche Vorstellung einer büßenden und bezahlenden Strafgerechtigkeit und für die christliche Idee einer korrigierenden und therapierenden Behandlung von Kriminellen. Denn nur ein allwissender Gott kann bzw. könnte wissen, ob es einem bestimmten Menschen angesichts seiner genetischen Veranlagung, seines angeborenen Geschlechtes, seines angeborenen Temperamentes, seiner schicksalhaften familiären Herkunft und häuslichen Erziehung, seiner schulischen Ausbildung und Bildung, seiner wichtigsten prägenden Erlebnisse und schicksalhaften Widerfahrnisse, etc. wirklich möglich gewesen wäre, am Ende seines Lebens eine bestimmte hochwertige ethische und moralische Bilanz vorzuweisen. Deswegen bedarf es auch in der philosophischen Ethik und Moralphilosophie wie bei dem Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant der regulativen Idee Gottes bzw. des religiösen Glaubens an Gott als des einzigen, allwissenden und unfehlbaren, gerechten und barmherzigen Richters über den Lebensweg, die Gedanken, Worte und Taten, den Charakter und das Herz eines Menschen.

 

In rechtlicher Hinsicht gilt es zu bedenken, dass juristische und psychiatrische Forensiker (sowie Kriminalisten, Gerichtsmediziner und Profiler), auch heute noch wie schon Aristoteles zwischen aktiven Handlungen und passiven Widerfahrnissen unterscheiden, also zwischen dem, was jemand bewusst und willentlich tut, und dem, was jemandem ungewollt widerfährt. Das ist eigentlich nur gesunder Menschenverstand und kommt in jedem Krimi vor. Dennoch gibt es zahlreiche esoterische, religiöse und ideologische Denkmuster, die diese angemessene psychologische Unterscheidung des gesunden Menschenverstandes zu unterwandern versuchen. Das geschieht dann oftmals dadurch, dass man Menschen pauschal eigene Dummheit, moralische Schuld oder eine unbewusste Selbst-verursachung unterstellt, um sich selbst zu erhöhen oder um sich selbst eine überlegene Position zuzuschreiben. Wer scheitert, dem unterstellt man dann gerne pauschal, selbst daran schuld gewesen zu sein. Den Scheiternden, den Verlierern und den Opfern gilt in der Gesellschaft allzu oft nur Häme, Hohn und Verachtung. Selbst identifizieren sich die meisten Menschen nämlich lieber mit erfolgreichen Siegern, denen man unkritisch Bewunderung und Verehrung entgegen bringt, um von ihnen als Vorbildern zu lernen. Auch das liegt in der menschlichen Natur.

 

Solche esoterischen, religiösen und ideologischen Pseudo-Erklärungen leugnen die ontologische und die historische Kontingenz von weltlichen Situationen, Prozessen und Ereignissen sowie die Kontingenz von bewusstem menschlichem Tun, Unterlassen und Zulassen. Ontologisch und historisch kontingent sind Situationen, Prozesse und Ereignisse, die nach menschlichem Ermessen nicht notwendig waren und unter etwas anderen Umständen nicht geschehen wären. Mit anderen Worten: es hätte auch anders kommen können. Solche Pseudo-Erklärungen leugnen dann aber auch die ontologische und historische Kontingenz von menschlichen Verhaltensweisen, Taten und Unterlassungen, die zwar auf eine bestimmte Weise durch die Persönlichkeit (Alter, Geschlecht, Mentalität, Temperament, Charakter, Intelligenz, Gewissen, etc.), das aktuelle psychische Befinden, die konkreten Motive und die bewussten Absichten einer Person bedingt waren. Normalerweise gehören dazu aber auch gewisse Optionen der freiwilligen Entscheidung und des selbstbestimmten Verhaltens in den Grenzen der persönlichen Fähigkeiten und Chancen und in den allgemeinen Grenzen des gewöhnlich für Menschen Möglichen.

 

Solche esoterischen, religiösen und ideologischen Pseudo-Erklärungen leugnen dann oft den Widerfahrnisscharakter von dem, was jemand zustösst bzw. von Anderen zugefügt wird, indem auf eine irgend eine obskure Art und Weise unterstellt wird, dass er gegen den Anschein irgendwie selbst verantwortlich sei, weil er diese Ereignisse angeblich unbewusst selbst herbeigeführt habe (eine oft perfide Unterstellung angeblicher unbewusster Faktoren). Umgangs-sprachlich wird die ontologische Kontingenz der Welt und die historische Zufälligkeit solcher belastender Schicksals-schläge und zugefügter Widerfahrnisse dadurch ausgedrückt, dass man auf die bloße Faktizität des Daseins hinweist (C'est la vie oder shit happens) und ihre angeblich unabwendbare deterministische und fatalistische Notwendigkeit (que sera, sera) verwirft. Aber in manchen Weltanschauungen, Religionen und Konfessionen gibt es leider auch gewohnheits-mäßige Denkmuster, die die empathische Einfühlung und die aktive Solidarität eher verhindern als ermöglichen. In ethischer und moralischer Hinsicht gelten (nicht nur für Juden und Christen) situativ angemessene Hilfeleistung und kluge Solidarität mit den Opfern als geboten.

 

Wie schon im 18. und 19. Jahrhundert wachsen im Zuge der vermeintlich rein wissenschaftlichen Aufklärung durch Naturalisierung, Säkularisierung und Szientismus jedoch leider auch Aberglaube, Esoterik und Schwärmerei, bloßer Mystizismus und frei flottierende Religiosität mit esoterischen und gnostischen Selbstbildern, Weltanschauungen und Gottesbildern. Dadurch werden diese religiösen und ideologischen Pseudoerklärungen befördert und verbreitet. Nach bewährtem jüdischem und christlichem Verständnis dürfen sie jedoch als häretisch und verwerflich gelten. Aber diese ideologischen Tendenzen passen sehr gut zum neoliberalen Zeitgeist des egozentrischen Sozialdarwinismus auf Kosten von Mensch und Natur mit seinem ethischen Verlust von solidarischen Einstellungen, mit seinem politischen Abbau von Sozialleistungen und mit der rücksichtslosen Ausbeutung und Verschwendung von natürlichen Ressourcen im Dienste der ökonomisch-politischen Illusion eines grenzenlosen Wirtschaftswachstums.

 

Der individuellen und kollektiven Kontingenzbewältigung von ökonomisch-politischen Grenzsituationen und der psychologischen Verarbeitung von islamistischen Terroranschlägen (wie z.B. in New York City, Washington, Boston, London, Paris, Nizza, Berlin, etc.) und von schwer zu bewältigenden ökonomisch-politischen Problemen (EU-, Finanz-, Migrations-, Vertrauenskrise, etc) dienen gegenwärtig auch zahlreiche abstruse Verschwörungstheorien. In solchen Fällen wird oftmals auch die rationale Täter-Opfer-Logik durchbrochen, um eigene Feindbilder zu generieren oder zu stabilisieren. Einen ähnlichen Effekt hat das allgemein verbreitete Sündenbocksyndrom (Rene Girard).

 

Religiöse und ideologische Denkmuster verstärken zwar oftmals solche Feindbilder und die Aufhebung der rationalen Täter-Opfer-Logik. Paradoxerweise sind es heute jedoch eher Juden und Christen, die an der praktischen Vernunft der forensischen Handlungslogik festhalten, während Aberglaube und Schwärmerei sowie frei flottierende Esoterik und Gnosis zu irrationalen Pseudoerklärungen neigen und abstruse Verschwörungstheorien hervorbringen. Gegen diese ideologischen und religiösen Varianten von Aberglaube und Fanatismus helfen leider keine rationalen Argumente, sondern höchstens skeptische Rückfragen und kräftiger Humor. Leider sind davon oft auch bestimmte christliche Prediger (des Wohlstandsevangeliums) und und manche evangelikalen Freikirchen und Sekten betroffen.