Jesus Christus - Yeschua Messiah

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pier Paolo Pasolini,

Il Vangelo secondo Matteo 

 

 

 

C. S. Lewis, Was sollen wir mit Jesus Christus anfangen? *

 

„Was sollen wir mit Jesus Christus anfangen?“ – Wenn man es recht überlegt, ist das eine groteske Frage. Denn in Wirklichkeit geht es nicht darum, was wir mit Jesus Christus anfangen sollen, sondern was er mit uns anfangen möchte. Das Mäuschen, das darüber nachdenkt, was es mit dem Elefanten anfangen solle, ist eine Witzfigur.

 

Aber vielleicht hat der Fragesteller es anders gemeint und seine Frage könnte etwa heißen: Was sollen wir mit der Überlieferung der Aussagen und Taten dieses Mannes anfangen? Wie sollen wir die Frage nach ihrer Geschichtlichkeit

beantworten? Das aber stellt uns vor das Problem, zwei ganz verschiedene Dinge auf den gleichen Nenner zu bringen. Auf der einen Seite haben wir die sittlichen Lehren Jesu, die in ihrer Tiefe und in ihrer überzeugenden Nüchternheit

von fast allen Leuten anerkannt werden. Sogar ausgesprochene Gegner des Christentums betonen oft, wenn ich mit ihnen diskutiere: „Ich habe gar nichts gegen die Ethik des Christentums.“ Man scheint sich darüber einig zu sein, daß

in den Lehren dieses Mannes und seiner Jünger moralische Wahrheit in reinster und höchster Vollkommenheit dar-gelegt ist. Da ist keine Spur von schwärmerischem Idealismus, sondern durch und durch Weisheit und Klugheit. Alles ist wirklichkeitsnah und taufrisch, wie es nur ein gesunder Menschenverstand hervorbringen kann. Das ist das eine Phänomen.

 

Dem gegenüber stehen aber die theologischen Aussagen dieses Mannes in ihrer kaum zu fassenden Ungeheuerlichkeit. Sie wissen alle, was ich meine, und ich möchte sehr betonen, daß Jesus nicht nur an einem Punkt seiner Karriere mit dieser für unser Gefühl unerhörten Anmaßung auftritt. Gewiß, da ist die eine Szene, die dann zu seiner Hinrichtung führte, als der Hohepriester ihn fragte: „Wer bist du?“ – „Ich bin der Gesalbte, der Sohn des ewigen Gottes, und ihr werdet mich am Ende der Zeiten wiederkommen sehen als Richter der Welt“ (vgl. Mk 14,62). Aber dieser Anspruch bleibt wirklich nicht auf diesen einen dramatischen Augenblick beschränkt.

 

Wie ein roter Faden zieht er sich durch die ganzen Evangelien. So konnte Jesus beispielsweise zu jemandem sagen: „Ich vergebe dir deine Sünden“ (vgl. Mk 2,5). Es ist ganz in Ordnung, wenn ein Mensch einem anderen ein Unrecht vergibt, das er ihm zugefügt hat. Wenn mich jemand um fünf Pfund betrogen hat, so ist es durchaus möglich und vernünftig, daß ich sage: „Nun gut, ich vergebe ihm; wir wollen nicht mehr darüber sprechen.“ Aber wie in aller Welt würden

Sie es finden, wenn jemand Sie um fünf Pfund betrogen hätte, und ich würde sagen: „Schon gut, ich vergebe ihm!“

Eine andere befremdliche Bemerkung scheint ihm fast zufällig über die Lippen zu kommen: Eines Tages sitzt dieser Mann auf einem Hügel und schaut auf Jerusalem hinab, und plötzlich läßt er die erstaunlichen Worte fallen: „Wie oft

habe ich Propheten und Weise zu dir gesandt!“ (Matth 23,34.37) – und niemand entgegnet etwas darauf. Dabei hat er ganz beiläufig, als wäre das selbstverständlich, behauptet, er sei die Kraft, die durch die Jahrhunderte Weise und führende Männer in die Welt gesandt habe.

 

Oder nehmen wir eine andere seltsame Bemerkung: Fast alle Religionen kennen unbequeme Vorschriften; dazu gehört das Fasten. Eines Tages erklärt dieser Mann plötzlich: Niemand muß fasten, solange ich da bin“ (vgl. Mk 2,18–20). Wer

ist dieser Mensch, der behaupten kann, seine bloße Anwesenheit setze alle normalerweise gültigen Vorschriften außer Kraft? Wer ist der Mann, der plötzlich, einfach so, den Schulkindern sagen darf, heute sei schulfrei?

 

Manchmal geht er so weit zu behaupten, er, der Redende, sei völlig sünd- und fehlerlos, ja, das ist sogar seine Grund-haltung. „Ihr, zu denen ich spreche, seid allesamt Sünder!“ (z. B. Joh 8). – Und niemals macht er auch nur die geringste Andeutung, daß man ihm das gleiche vorwerfen könnte.

 

Oder er erkühnt sich zu sagen: „Ich bin aus Gott gezeugt; ehe Abraham war, bin ich“ (Joh 8,58) – und denken Sie daran, was die Worte „Ich bin“ auf hebräisch bedeuteten. Das ist der Name Gottes, den bei Todesstrafe kein menschliches

Wesen in den Mund nehmen durfte.

 

Das also ist das zweite Phänomen. Auf der einen Seite klar umrissene Maßstäbe moralischen Verhaltens; auf der ande-ren Seite Ansprüche, zu denen, falls sie nicht wahr sind, nur ein Größenwahnsinniger fähig ist; Hitler wäre daneben der vernünftigste und demütigste Mensch der Welt gewesen. Es gibt keine Übergänge vom Christentum zu anderen Reli-gionen und nirgends eine Parallele zu ihm. Wenn Sie zu Buddha gegangen wären und ihn gefragt hätten: „Bist du der Sohn Brahmas?“, so hätte er geantwortet: „Mein Sohn, du lebst noch im Tal der Illusion.“ Wenn Sie zu Sokrates ge-gangen wären und ihn gefragt hätten: „Bist du Zeus?“, so hätte er Sie ausgelacht. Wenn Sie zu Mohammed gegangen wären und ihn gefragt hätten: „Bist du Allah?“, so hätte er zuerst seine Kleider zerrissen und Ihnen dann den Kopf ab-geschlagen. Wenn Sie Konfuzius gefragt hätten: „Bist du der Himmel?“, so hätte er wahrscheinlich etwa geantwortet: „Bemerkungen, die nicht mit der Natur im Einklang stehen, sind geschmacklos.“

 

Keiner der großen Sittenlehrer der Welt hat sich je ähnliche Dinge angemaßt wie Jesus. Meiner Meinung nach kann nur Gott selbst solche Dinge sagen – oder ein schwer Geistesgestörter, dessen ganze Persönlichkeit von seinen Wahnvor-stellungen zerrüttet ist. – Wenn Sie sich einbilden, Sie seien ein weichgekochtes Ei, weil Sie gerade nach einem Stück Toast suchen, das Ihnen zusagt, dann ist Ihnen vielleicht noch zu helfen. Aber wenn Sie sich einbilden, Sie seien Gott,

dann sind Sie ein hoffnungsloser Fall.

 

Am Rande bemerkt: Jesus wurde nie als bloßer Moralprediger angesehen. Niemals hatten die Menschen, die ihm bei Lebzeiten begegneten, diesen Eindruck von ihm. Sein Auftreten erregte bei ihnen entweder Haß – oder Erschrecken –

oder Bewunderung; mildes, neutrales Wohlwollen gab es nicht.

 

Wie sollen wir nun aber diese beiden widersprüchlichen Phänomene auf einen gemeinsamen Nenner bringen? Ein Versuch geht dahin zu erklären, der Mann habe diese Dinge gar nicht wirklich gesagt. Erst seine Jünger hätten beim Erzählen die Geschichte übertrieben, und so sei die Legende entstanden, er habe so geredet. Aber das hat einen Haken, denn all seine Jünger waren Juden. Das heißt sie gehörten zu dem Volk, das wie kein anderes davon überzeugt war, daß

es nur einen Gott gebe – daß es unmöglich einen zweiten geben könne. Es wäre  schon merkwürdig, wenn einem reli-giösen Führer diese lästerliche Anmaßung ausgerechnet in dem einen Volk angedichtet worden wäre, das am aller-wenigsten zu einem solchen Irrtum prädestiniert war. Vielmehr bekommen wir den Eindruck, daß es keinem seiner unmittelbaren Jünger leicht fiel, Jesu Aussagen anzunehmen, und ebenso wenig den Schreibern des Neuen Testaments.


Noch aus einem anderen Grund scheint es mir unhaltbar, die Berichte über diesen Mann für Legenden zu erklären. Als Literaturhistoriker bin ich restlos davon überzeugt, daß die Evangelien keine Legenden sind – was immer sie auch sonst sein mögen. Ich habe sehr viele Legenden gelesen, und es ist für mich eindeutig, daß die Jesusgeschichten nicht in diese Gattung passen. Sie sind nicht kunstvoll genug, um Legenden zu sein. In der Darstellung ihrer Inhalte sind sie unbehol-fen, sie arbeiten die Dinge nicht sauber heraus. Der größte Teil des Lebens Jesu bleibt uns genauso unbekannt wie das Leben irgendeines seiner Zeitgenossen. Kein Volk, das einen seiner Helden zum legendären Heiligen erheben wollte, würde so etwas zulassen. Auch kenne ich, außer einigen Teilen aus den platonischen Dialogen, in der Literatur des Alter-tums keinerlei Gespräche, wie sie etwa im Johannesevangelium vorkommen. Bis fast in unsere Zeit gab es so etwas einfach nicht. Erst vor etwa hundert Jahren, mit dem Aufkommen des realistischen Romans, fand das Gespräch Eingang in die Literatur.


Und noch ein anderer Aspekt: In der Geschichte von der Ehebrecherin wird uns erzählt, Jesus habe sich gebückt und mit dem Finger etwas in den Staub gekritzelt (Joh 8,6.8). Dieser Hinweis bringt nichts ein. Niemand hat je irgendeine Lehre darauf gegründet. Aber solch kleine, unbedeutende Details zur glaubhafteren Darstellung einer erdichteten Geschichte nur zu erfinden – das wäre ein ganz moderner Kunstgriff. Ist nicht die einzige Erklärung für diese Schilderung die, daß es sich wirklich so zugetragen hat? Der Schreiber erzählte es, einfach weil er es gesehen hatte.


Schließlich kommen wir zum seltsamsten aller Berichte, zum Auferstehungsbericht. Mit dieser Geschichte müssen wir unbedingt ins reine kommen. Ich hörte einmal den Ausspruch: „Die Auferstehung beweist, daß es ein Leben nach dem Tode gibt, darum ist sie so wichtig. Sie beweist, daß die Persönlichkeit des Menschen den Tod überdauert.“ Nach diesem Verständnis wäre an Christus nichts anderes geschehen, als was im Tod schon immer an jedem Menschen geschau. Das Besondere wäre einzig, daß es bei Christus sichtbar wurde.

 

Diese Deutung entspricht aber bestimmt nicht der Auffassung der frühesten christlichen Schreiber. Nach ihrem Ver-ständnis hatte sich etwas völlig Neues, in der ganzen Geschichte noch nie Dagewesenes ereignet. Christus hatte den

Tod besiegt. Ein Tor war aufgesprengt worden, zum allererstem Mal, ein Tor, das seit Urzeiten verschlossen und ver-riegelt gewesen war. Da geht es um etwas ganz anderes als um ein rein geistiges Weiterleben. Ich meine nicht, daß

sie an eine Unsterblichkeit des Geistes nicht schon immer geglaubt hatten. Im Gegenteil, sie glaubten so fest daran, daß Christus ihnen mehr als einmal versichern mußte, er sei kein Geist. Das ist ja gerade das Bemerkenswerte: Obwohl

sie an ein Weiterleben nach dem Tode glaubten, war die Auferstehung für sie etwas völlig anderes, etwas ganz und gar Neues. Die Auferstehungsberichte sind nicht ein Bild für das Weiterleben nach dem Tode; sie bezeugen, daß eine abso-lut neue Existenzform in dieser Welt begonnen hat. Etwas Neues ist in die Welt gekommen, so umwälzend neu wie einst das erste organische Lebewesen bei seiner Entstehung. Dieser Mensch wird nach dem Tode nicht in „Geist“ und „Körper“ geschieden. Er ist zu einer neuen Art des Seins erstanden. Das sagt die Geschichte. Was aber fangen wir damit an?

 

Mir scheint es fraglich, ob irgendeine Hypothese sich mit den Tatsachen so gut deckt wie die christliche. Diese „Hypo-these“ sagt: Gott ist in seine Schöpfung hinabgekommen, hinab zur Menschheit – und ist wieder aufgestiegen, wobei er seine Schöpfung mit sich emporgezogen hat. Die Alternative zu dieser Hypothese liegt nicht in Erklärungen wie: „Es sind Legenden oder Übertreibungen oder Geistererscheinungen.“ Die Alternative heißt: Größenwahn, Lüge. Und wenn man diese Alternative nicht annehmen kann (und ich kann es nicht), so bleibt nur die christliche Hypothese.

 

„Was sollen wir mit Jesus Christus anfangen?“ Es ist doch wirklich nicht die Frage, was wir mit ihm anfangen sollen, sondern es geht einzig darum, was er mit uns anfangen möchte. Sie können zwar das, was von ihm überliefert ist, annehmen oder zurückweisen. Was er aber sagt, ist grundlegend anders als alles, was je ein anderer Lehrer gesagt hat. Alle anderen sagen: „Das ist die Wahrheit über die Welt. Das ist der Weg, den man gehen sollte.“ Jesus aber sagt: „Ich bin die Wahrheit. Ich bin der Weg und das Leben.“ Er sagt: „Niemand kann wirkliches Leben erlangen außer durch mich. Versuche, dein Leben zu bewahren, und du wirst unwiderruflich zugrunde gehen; verschwende dich selbst an andere,

und du wirst gerettet werden“ (vgl. Joh 14,6; 12,25; Mk 8,35).

 

Er sagt: „Wenn du dich meiner schämst – wenn du mich rufen hörst und auf die andere Seite schaust, dann werde auch ich von dir wegschauen, wenn ich vor aller Augen in Gottes Herrlichkeit wiederkomme. Wenn irgend etwas dich von Gott und mir trennt, so wirf es weg, was immer es auch sei. Wenn es dein Auge ist, reiß es aus; wenn es deine Hand ist, hau sie ab. Wenn du dich selbst an den ersten Platz stellst, so wirst du einmal der Letzte sein. Wer eine schwere Last zu tragen hat, der soll zu mir kommen, ich will ihm Ruhe schenken. Eure Sünden sind ausgelöscht, und wenn es noch so viele wären, ich kann das tun. Ich bin Wieder-Geburt. Ich bin Leben. Eßt mich, trinkt mich, ich bin eure Nahrung“ (vgl. Mk 8,38; 9,43ff; Lk 14,7-11; Matth 11,28; Joh 11,25; Joh 6,51). Und schließlich: „Habt keine Angst, denn ich habe die ganze Welt überwunden“ (vgl. Joh 16,33) – Darum geht es!

 

Aus: C. S. Lewis, Gott auf der Anklagebank, Basel & Gießen: Brunnen, 1981, S. 93–98. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Brunnen-Verlages. Institut für Glaube und Wissenschaft, Marburg, www.iguw.de

 

https://www.iguw.de/textsammlung/2010/was-sollen-wir-mit-jesus-christus-anfangen/