Der Glaube, die Mystik und das Wort

 

 

 

Vier Prinzipien des christlichen Glaubens

 

So wie es Naturgesetze gibt, die im physikalischen Bereich der Natur gelten, so gibt es dem christlichen Glauben pro-testantischer Konfession zufolge auch für das menschliche Leben vier Prinzipien, die das Verhältnis der Menschen zu Gott bestimmen. Diese vier Prinzipien fassen die Gute Nachricht des Evangeliums kurz und bündig zusammen und bieten von daher eine erste Hilfe zur Orientierung für Christen, Suchende und Zweifler in einer Welt der verwirrenden Vielfalt der menschlichen Weltanschauungen, Religionen und Konfessionen.

 

1. Erstes Prinzip: Gott liebt jeden Menschen.

 

Deswegen hat jeder Mensch eine unveräußerliche Würde und jedes menschliche Leben einen bestimmten Sinn.

Das gilt für alle Menschen.

 

Gottes Liebe

 

"Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben,

nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." Johannes 3,16

 

Gottes Sinn für das Leben

 

Christus spricht:"Ich bin gekommen, um das Leben in seiner ganzen Fülle zu bringen."

(d.h. ein inhaltsreiches und sinnerfülltes Leben) Johannes 10, 10

 

Der christliche Glaube enthält deswegen einen in der Liebe Gottes selbst begründeten christlichen Humanismus,

der anders als der atheistische und säkulare Humanismus keine bloß von Menschen konstruiertes, aber unerfüllbares sittliches Ideal ist. Von daher ist er in der Wirklichkeit selbst verankert: Denn alle Menschen sind schon alleine aufgrund ihres bloßen Daseins geliebte Geschöpfe Gottes und von daher mit einer unveräußerlichen Würde ausgestattet.

 

Warum jedoch ist dieses Leben für viele Menschen nicht erreichbar?

 

2. Zweites Prinzip: Alle Menschen sind Sünder.

 

Es gibt keinen Menschen der vollkommen und ganz ohne Sünde ist. Sünder sind alle Menschen, weil sie von Gott getrennt sind (und weder Gott noch göttlich sind) und weil sie die potentielle Bestimmung ihres Lebens verfehlen. Deshalb können sie Gottes Liebe und den Sinn für ihr Leben weder ganz verstehen noch erleben.

 

"Alle haben gesündigt und können deshalb nicht vor Gott bestehen." Römer 3, 23

 

Die Menschen sind jedoch dazu bestimmt, in einer heilsamen Beziehung zu Gott zu leben. Aber in ihrem Eigenwillen entscheiden sie sich gegen ihre Bestimmung und wählen ihren eigenen, unabhängigen Weg ohne diese Beziehung zu Gott. Ihre Beziehung zu Gott ist gestört. Dieser menschliche Eigenwille, den die Bibel als Sünde bezeichnet, ist durch eine Haltung aktiver Auflehnung oder passiver Gleichgültigkeit gekennzeichnet. Die Menschen leben von Gott getrennt.

 

"… Eure Sünden verbergen das Angesicht Gottes vor Euch." Jesaja 59, 2

 

Gott ist heilig. Die Menschen sind sündig. Zwischen beiden gibt es eine tiefe Kluft. Die Menschen sind ständig bemüht, um Gott und ein sinnerfülltes Leben zu erreichen. Aber alle ihre eigenen Anstrengungen, diese Trennung selbstständig zu überbrücken, z.B. durch ein gutes Leben, durch Philosophie, durch Religionen usw., sind vergeblich.

 

Der christliche Glaube ist nach protestantischem Verständnis (Karl Barth, Emil Brunner und Dietrich Bonhoeffer) eigent-lich keine Religion, sondern das Ende von Religion. Denn alle Religionen (einschließlich aller traditionellen Formen des Christentums) sind menschliche Systeme von religiösen Überzeugungen und Verhaltensregeln für die Lebenspraxis, die dazu dienen, durch eigene Anstrengungen die Gnade und das Wohlwollen eines allmächtigen und allwissenden, aber fernen und unerreichbaren Gottes zu erlangen, Gottes Strafen zu entgehen und durch ein gottgefälliges Leben auf eine sichere Weise Gottes (Allahs, Jehovas, etc.) Willen zu erfüllen, um nach dem Tod "in den Himmel" (ins Paradies, etc.) zu kommen. Deswegen wirken sie nicht befreiend, sondern disziplinierend und repressiv.

 

Das Evangelium von Jesus Christus hingegen verweist auf einen ganz anderen Weg, der diese eigenmächtigen An-strengungen der Menschen überflüssig werden lässt. Denn Gott und Jesus Christus haben in ihrer unvergleichbaren Liebe zu den Menschen bereits alles getan, was für den Menschen gut und heilsam ist. Diese gute Nachricht von der vorausgehenden, bedingungslosen und befreienden Liebe Gottes zu uns müssen wir Menschen jedoch zuerst kennen, verstehen und annehmen lernen, denn von Hause aus neigen die meisten Menschen eher dazu, sich durch die Be-achtung der sozialen Regeln (einer bestimmten sozialen Gruppe oder Schicht), durch politisch konformes Verhalten und durch die jeweils vorherrschenden Überzeugungen abzusichern. Religiöse Menschen versuchen auf eine ähnliche Art und Weise ihrem Gott durch gute Gedanken, Worte und Taten zu gefallen und seinen Erwartungen zu entsprechen.

 

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass evangelische Christen gar keine ethischen und religiösen Überzeugungen mehr hätten oder sich gar nicht mehr bemühen sollten, nach bestem Wissen und Gewissen das Rechte und Gute zu tun. Der christliche Glaube führt nicht zu einer anarchischen Willkür wie der Mystizismus von idealistischen Schwärmern oder wie der Fanatismus gewaltbereiter Eiferer und gewalttätiger Gotteskrieger. Aber Christen können aus freieren Stücken und aus bloßer Liebe zu Gott das Rechte und Gute tun. Sie tun es nicht mehr aufgrund einer tiefen Furcht, gegen religiöse Regeln zu verstoßen, von Gott abzufallen, von Gott bestraft zu werden oder nach dem Tod "in die Hölle" zu kommen.

 

Da alle Menschen Sünder sind, ist kein Mensch vollkommen und darin sind alle Menschen vor Gott gleich. Dadurch wird eine abgöttische Anbetung und verabsolutierende Verehrung toter oder lebender Menschen ausgeschlossen. Weder Film-Stars, Pop-Stars, Opern-Divas noch Spitzensportler, weder Heilige, Gurus noch Gesundheitsapostel, weder große Erfinder, geniale Wissenschaftler noch große Theologen oder Philosophen, weder erfolgreiche Politiker, Manager, Unternehmer noch politische Führer verdienen eine absolute und unkritische Verehrung wie sie alleine Gott in seiner schier unendlichen Größe und ungeteilten Weite selbst vorbehalten ist.

 

„Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der einige Gott.“. Luk. 18, 19; Mk. 10, 18

 

3. Drittes Prinzip: Jesus Christus hat für einen wirksamen Weg der Befreiung gesorgt.

 

Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, ist vermutlich der einzige Weg für die Menschen, um aus der Sünde heraus zu einer heilsamen und befreienden Beziehung zu Gott zu gelangen. Aber sicher wissen, kann das niemand außer Gott alleine.

 

Durch Jesus Christus können alle Menschen die Liebe Gottes und den Sinn für ihr Leben besser kennen und verstehen lernen. Denn es gibt verstehbare Gründe, die zum Kern des christlichen Glaubens gehören und die ihn von allen menschlichen Weltanschauungen und Religionen unterscheiden.

 

Jesus Christus starb stellvertretend für uns.

 

"Gott aber beweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist ... ." Römer 5, 8

 

Jesus Christus ist von den Toten auferstanden.

 

"Christus ist für unsere Sünden gestorben ... Er ist begraben und am dritten Tag vom Tod auferweckt worden, so, wie es in den Schriften vorausgesagt war. Darauf hat er sich Petrus gezeigt, dann dem ganzen Kreis der Jünger. Später sahen ihn über fünfhundert Brüder auf einmal. 1. Korinther 15, 3-6

 

Jesus Christus ist der einzige Weg zu dieser Befreiung.

 

Jesus spricht zu ihm: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben;

niemand kommt zum Vater als nur durch mich." Johannes 14, 6

 

Jesus Christus hat durch sein Leben, Lehren und Wirken, durch seinen Tod und seine Auferstehung die tiefe Kluft zwischen Gott und den Menschen überbrückt, er hat den Menschen den einzigen Weg zu einer persönlichen Beziehung zu Gott aufgezeigt und ermöglicht, indem er für sie gestorben und auferstanden ist.

 

4. Viertes Prinzip: Alle Menschen dürfen Jesus Christus als persönlichen Befreier annehmen.

 

Alle Menschen dürfen wir die Liebe Gottes und den tieferen Sinn für ihr Leben erfahren, indem sie Jesus Christus als ihren persönlichen Befreier annehmen.

 

"Wie viele ihn aber annahmen, denen gab er die Kraft, Kinder Gottes zu werden,

die an seinen Namen glauben." Johannes 1, 12

 

Christen nehmen Jesus Christus durch ihren Glauben an.

 

"Ihr seid durch die göttliche Gnade gerettet, weil ihr glaubt. Es ist nicht eure eigene Tat,

sondern ein Geschenk Gottes. Keiner hat Grund, darauf stolz zu sein." Epheser 2, 8-9

 

Christen nehmen Jesus Christus aufgrund seiner persönlichen Einladung an.

 

"Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und mir die Tür öffnet,

bei dem will ich eintreten." Offenbarung 3, 20.

 

Jesus Christus annehmen heißt auch, sich von sich selbst weg und Gott zuzuwenden: es heißt, Jesus Christus zu vertrauen, dass sie zu ihm eine Beziehung eingehen können, dass er ihnen ihre Sünden vergibt und dass sie sich so ändern können, wie es für sie gut ist. Dem christlichen Glauben nur intellektuell zuzustimmen (wie z.B. durch die Zustimmung zu den überlieferten Glaubensbekenntnissen), ist ebenso unzureichend wie bloß starke Gefühlsregungen zu erleben (wie z.B. durch Bekehrung, Ekstase, Heilung, Lobpreis, Zungenrede, etc.).

 

Es gibt aus christlicher Sicht zwei verschiedene Lebenseinstellungen:

 

1. Das vom Ich bestimmte, egozentrische Leben: Das Ich befindet sich im Zentrum des Lebens. Christus befindet sich außerhalb des Zentrums. Alle Lebensbereiche werden vom Ich dominiert und führen oft zu Konflikten.

 

2. Das von Christus bestimmte, christozentrische Leben: Christus befindet sich im Zentrum des Lebens. Das Ich befindet sich außerhalb des Zentrums. Alle Lebensbereiche stehen in Verbindung mit der Liebe Gottes.

 

Jemand kann Jesus Christus im Glauben durch Gebet annehmen. Beten heißt, mit Gott zu reden. Gott kennt jeden Menschen und weiß, was jeder braucht. Deswegen kommt es nicht auf besonders gut formulierte Gebete oder die kindliche Bitte um die Erfüllung von Wünschen an, sondern nur auf eine ehrliche und wahrhaftige Einstellung jenseits von Anpassung, Heuchelei, Fremdbestimmung oder Konformismus. Wenn dies der tiefsten Sehnsucht eines Menschen entspricht, dann wird er zu einer persönlichen Beziehung zu Christus und zu einer heilsamen Beziehung zu Gott finden.

 

Gewissheit über die persönliche Beziehung zu Christus in seinem Leben

 

Im Neuen Testament steht, dass alle, die Christus annehmen, ewiges Leben empfangen werden. Mit "ewigem Leben" ist natürlich nicht gemeint, dass man nicht sterben würde. Das zu glauben, wäre absurd. Natürlich werden Christen wie alle anderen Menschen einmal sterben. Leider handelt es sich dabei um ein weit verbreitetes Missverständnis des christ-lichen Glaubens und der christlichen Rede vom ewigen Leben. Es geht dabei vielmehr um einen tiefen Wandel des Menschen durch den Glauben, der zu einem Verlust der Angst vor dem Leben und der Furcht vor Gott führt, sodass alle besonderen religiösen Anstrengungen fallen gelassen werden können.

 

"Gott hat uns ewiges Leben gegeben, und wir erhalten dieses Leben durch seinem Sohn. Wer den Sohn Gottes hat,

der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. Das habe ich euch, die ihr an den Namen

des Sohnes Gottes glaubt, geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt." 1. Johannes 5, 11-13

 

Christen danken Gott dafür, dass Christus für sie gelebt, gewirkt und gestorben ist und die ist nach reformatorischem Verständnis ein einmaliges historisches Geschehen, das ein für allemal gültig ist. Wenn evangelische Christen Gott auf Grund seines Wortes im Evangelium vertrauen, lernen sie zu verstehen, dass sie zu ihm eine persönliche Beziehung und das ewige Leben erhalten haben.

 

Emotionen sind dabei nicht ausschlaggebend

 

Entscheidend sind die Verheißungen Gottes in den Evangelien und nicht menschliche Emotionen. Christen leben im Glauben und im Vertrauen auf die Glaubwürdigkeit Gottes und der Evangelien. Das Verhältnis zwischen dem Wort Gottes in den Evangelien, dem Glauben als Vertrauen auf Gott und auf sein Wort und den menschlichen Emotionen als psychischen Folgen des Glaubens besteht auch ganz unabhängig von den wechselhaften menschlichen Emotionen (Empfindungen, Affekten, Gefühlen, Leidenschaften und Stimmungen).

 

Der Glaube der Christen mit einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus ist deswegen nicht mehr von ihren jeweiligen Emotionen (z.B. religiösen Gefühlen und frommen Stimmungen) abhängig, sondern sie setzen ihr ganzes Vertrauen auf die Glaubwürdigkeit Gottes und auf die Zusagen Jesu Christi im Evangelium.

 

Jesus Christus beim Wort nehmen

 

Wenn jemand Jesus Christus durch seinen Glauben annimmt, kann Folgendes geschehen:

  • Christus kommt in jemandes Leben (Offenbarung 3, 20; Kolosser 1, 27).
  • Sünden werden jemand vergeben (Kolosser 1, 14).
  • Jemand wird ein Kind Gottes (Johannes 1, 12).
  • Jemand beginnt an dem sinnerfüllten Leben seiner persönlichen Bestimmung teilzunehmen. (Johannes 10, 10; 2. Korinther 5, 14-15 und 17).

Wie jemand als Christ wachsen und gedeihen kann

 

Christen danken Gott, was er für ihn oder sie getan hat. Danken ist ein Ausdruck des Glaubens. Geistliches Wachstum erfolgt aus dem Vertrauen zu Gott im Namen von Jesus Christus.

 

"Der Gerechte wird durch den Glauben leben." Galater 3, 11

 

Ein Leben im christlichen Glauben führt dazu, dass jemand Gott, Jesus Christus und dem Heiligen Geist vertraut. Dazu kann es jemand je nach konkreter Situation und persönlicher Lebenspraxis helfen, das Folgende zu tun: 

  • Beten: mit Gott sprechen. Johannes 15, 7
  • Bibel: in der Bibel lesen. Apostelgeschichte 17, 11
  • Bekennen: seinen christlichen Glauben bekennen. Matthäus 4, 19; Johannes 15, 8; Gal. 4, 6
  • Glaube: Gott und Christus glauben und vertrauen. Johannes 14, 21; 1. Petrus 5, 7
  • Geist Gottes: in Grenzsituationen sein Leben an ihm orientieren. Galater 5, 16-17; Apg. 1, 8
  • Gemeinde: die Gemeinschaft von Christen suchen, um sich gegenseitig zu ermutigen. Hebräer 10, 25

Wenn jemand jedoch noch nicht zu einer christlichen Gemeinde gehört, in der das Evangelium auf rechte Weise verkündet wird, dann ist es klug, für sich selbst eine solche Gemeinde zu finden. Christen pfegen die Gemeinschaft mit anderen Christen, um dort ihren Glauben besser kennen, tiefer verstehen und wirksamer ausleben zu lernen.

 

Allerdings sollten Christen darauf achten, eine Gemeinde zu finden, in der das Evangelium möglichst unverfälscht verkündet wird. Denn es gibt im Spektrum evangelischer Gemeinden sowohl solche, die sich vorwiegend in einer  Werkgerechtigkeit der ideologischen Korrektheiten und des politischen Engagements verlieren und dazu politisch anders denkende Christen ausgrenzen, als auch solche, die es in ihrem frommen Eifer zwar besonders gut meinen, dabei jedoch das tiefere Verständnis für das befreiende Wort Gottes entweder buchstabentreu mit der Bibel selbst

oder aber mit besonders intensiven religiösen Erlebnissen und frommen Emotionen verwechseln.

 

Ergänzte und im Sinne der evangelischen Theologie umformulierte Fassung von The four spiritual laws by Bill Bright,

dem Gründer der evangelikalen Studentenbewegung Campus für Christus.

 

Ulrich W. Diehl, September 2019

 


 

Die Mystik und das Wort

 

Einerseits gibt es selbst unter evangelischen Christen viele Freunde des Mystischen, die das Wort und damit "Gesetz

und Evangelium" als dogmatische Einengung ihrer religiösen Subjektivität durch die überlieferten Lehren der christlichen Kirchen ablehnen oder zumindest gleichgültig gegenüberstehen. Diese Freunde der Mystik erhoffen sich davon meistens eine freiere und selbstbestimmtere Frömmigkeit des subjektiven religiösen Erlebens und der größeren persönlichen Autonomie im Denken und Fühlen, Wollen und Handeln.

 

Nicht nur während der Reformation, sondern auch noch in der Epoche der Aufklärung wurden sie wegen ihres oftmals allzu emotionalen Überschwanges im verbalen und nonverbalen Ausdruck ihrer religiösen Gefühle oft als "Schwärmer" verspottet. Wegen der natürlichen Flüchtigkeit ihrer Emotionen (Empfindungen, Affekte, Gefühle, Leidenschaften und Stimmungen) galten sie bei vielen Theologen der christlichen Kirchen und Konfessionen als verirrte Kinder von subjektivistischen Bewegungen und relativistischen Strömungen ohne eine gesunde Skepsis, ohne eine gereifte Selbsterkenntnis und vor allem ohne eine persönliche Beziehung zu Christus.

 

Andererseits gibt es unter lutheranischen, reformierten und evangelikalen Christen aber auch einige Feinde des Mystischen, die das mystische Selbsterleben und damit alle Spielarten der religiösen Subjektivität unter das biblische Wort Gottes und damit unter die Autorität der Kirche zwingen wollen. Damit wollen sie zwar zurecht erreichen, dass das Wort im Sinne von "Gesetz und Evangelium" eine hohe Wertschätzung genießt. Aber dazu ergreifen sie die falschen Mittel und laufen dabei nicht nur Gefahr, das Mystische ganz und gar im Keim zu ersticken, sondern auch das Evange-lium falsch zu verstehen, indem sie es gesetzlich als ein bloßes Mittel zur religiösen Disziplinierung mißbrauchen. Das Evangelium ist jedoch gerade die befreiende Botschaft von der Verstrickung des Menschen in Kräfte und Umstände, die das Leben eines Menschen deformieren und die freie Entfaltung der Persönlichkeit gefährden bis hin zur leiblichen und seelischen Erkrankung und sogar bis zum Tod.

 

Eine solche Reaktion gegen das Mystische gab es schon im reformatorischen Kirchenkampf von Martin Luther gegen die "schwärmerischen Rotten" der aufständischen Anhänger von Thomas Müntzer oder gegen die radikalen "Wieder-täufer", den Vorläufern der heutigen Baptisten. Eine solche Reaktion gab es auch im reformatorischen Kirchenkampf von Jean Calvin gegen Antitrinitarier wie Michael Servet, einen bibelkritischen Vorläufer der heutigen Unitarier. Die Reformatoren hatten zwar zurecht erkannt, dass schwärmerischer Mystizismus ohne Bindung an das Wort geistliche und sittliche Folgen hat, die zur Bilderstürmerei und zu Gewalt gegen Menschen führen können. Aber sie hatten zur gezielten Eindämmung dieser Folgen selbst zur Gewalt gegriffen. Das war zeitbedingt und aus heutiger Sicht war das sicher eine tragische Verirrung. Damals gab es eben noch keinen modernen säkularen Rechtsstaat und keine Polizei, die mit ihrem Gewaltmonopol über solche Auswüchse religiöser Konflikte hätte wachen können. Zeitgenössischen Christen lehnen solche gewalttätigen Kirchenkämpfe wie aus der Zeit der Reformation und Gegenreformation zurecht ab. Aber muss man deswegen auch das Wort im Sinne von Gesetz und Evangelium verwerfen? 

 

Auch in der Moderne hat der schwärmerische Mystizismus geistliche und sittliche Folgen, die das Gewissen schwächen und das gemeinsame christliche Ethos zerstören können: Flucht vor dem Gewissen, Ausschaltung des kritischen Denkens, Schwächung der Urteilskraft, Auslöschung der Erinnerung und damit der persönlichen, lebensgeschichtlich gewachsenen Identität, Verdrängung der Geschichte, Sehnsucht nach einer sorglosen Existenz in einer ewigen Gegen-wart, fehlende Verantwortung für die Schöpfung und für zukünftige Generationen, etc. Religiöse Schwärmerei im Namen Gottes kann im schlimmsten Fall sogar zu einer ungebändigten und rechtlosen Gewalt führen. Die Warnung der Reformatoren im Namen des Evangeliums war deswegen sachlich berechtigt, obwohl die Mittel zu deren Bekämpfung zeitbedingt und aus heutiger Sicht falsch waren. Sie basierte auf der Autorität einer erfahrenen und gelehrten Ausle-gung der biblischen Schriften. Wenn religiöse Schwärmerei im Namen Gottes jedoch zu fragwürdigen neuen Lehren und willkürlichen Sektierereien, zu schädlichem Aberglauben, zu seelischen Abhängigkeiten, zu wilden Verschwörungs-theorien und politischen Extremismen führt, dann ist zwar menschliche Gewalt keine angemessene Reaktion, aber eine freundliche Ermahnung und eine engagierte Einladung zum zivilisierten Streitgespräch können durchaus angemessen sein und bisweilen hilfreich wirken.

 

Zeitgenössische Christen wünschen sich zurecht keine religiösen Anfeindungen oder gar gewalttätige Kämpfe zwischen fanatisierten Anhängern von Kirchen und Konfessionen zurück. Vielmehr wünschen sich die meisten Christen religiöse Vielfalt und konfessionelle Toleranz als dauerhafte Voraussetzung einer kulturellen und politischen Ökumene der friedlichen und gerechten Koexistenz. Aber schwärmerische Mystik ohne das Wort ist für Christen auch aus anderen Gründen kein Gewinn, sondern vielmehr ein Verlust. Denn schwärmerische Mystik ohne das Wort ist zwar der Versuch einer Befreiung von religiösen Bindungen an überlieferte Dogmen, Konfessionen und Rituale, aber sie ist zugleich ein Verlust im Sinne einer Verschmähung des Evangeliums Jesu Christi. Denn das befreiende Evangelium kann ohne das Wort weder verkündet noch verstanden werden. Dieser Verlust ist für Christen jedoch entscheidend. Denn die wahre Freiheit ist nicht bloß eine individualistische und subjektivistische Willkürfreiheit, sondern die wahre Freiheit ist eine Freiheit zur Verantwortung. Die heilsame Befreiung durch das Evangelium ist keine verzweifelte Befreiung von allen moralischen und religiösen Geboten hin zu einem egozentrischen Vorrang der eigenen Willkür und der Selbstsucht. Die heilsame Befreiung durch das Evangelium ist vielmehr eine Befreiung zur Liebe, zur Sachlichkeit und zur Verantwortung.

 

Die christliche Freiheit ist eine Befreiung zur Liebe in Christus, die eine Liebe zu Gott, zu sich selbst und zum Anderen ist. Diese Liebe basiert auf angemessener Selbstliebe und nicht auf von Gier getriebener Selbstsucht. Zu dieser Befreiung zur Liebe in und durch Christus brauchen alle Menschen, ganz gleich, ob sie schon Christen sind oder es erst werden wollen, jedoch ein tieferes Verständnis des Wortes im Sinne der Dialektik von "Gesetz und Evangelium". Eine Mystik ohne das Wort kann dieses Verständnis vom christlichen Glauben kaum vermitteln. Denn keine Mystik kann das Evangelium alleine vermitteln. Deswegen ist eine Mystik ohne das Wort sicherlich keine christliche Mystik. Daraus folgt jedoch nicht, dass das mystische Erleben an sich ein Problem für die Menschen oder für die Christen wäre. Nur der Glaube, dass das Mystische alleine genügen könnte, sodass man getrost auf das Wort im Sinne von "Gesetz und Evangelium" verzichten könne, ist aus christlicher Sicht ein Irrglaube, der sich dem christlichen Glauben widersetzt.

 

Allerdings gibt es immer noch eine vermeintlich universale Mystik, die alle religiösen und konfessionellen Differenzen zwischen den verschiedenen Spielarten mystischen Erlebens leugnet und die die personale und kulturelle Einbettung des echten mystischen Erlebens in das persönliche und gemeinschaftliche Denken, Fühlen und Handeln mißachtet. Deren Anhänger möchten in bester Absicht inklusivistisch und humanistisch die ganze Welt umarmen, um die ganze Menschheit zu einer einheitlichen und universalen "Religion of the One" zu vereinen. Dabei handelt es sich dann aber weder um die echte Mystik einer bestimmten Religion oder Konfession, sondern nur um einen künstlichen Mystizismus. Dieser modische Mystizismus hat weder mit echter christlicher, jüdischer oder islamischer Mystik noch mit echter buddhistischer oder hinduistischer Mystik etwas gemein. Es handelt sich dabei vielmehr nur um Schwärmerei ohne Einbettung in eine kulturelle Matrix. Diese von allen Traditionen entwurzelte Mystik führt nicht selten wie die Exzesse des Aberglaubens und der Gewalt, des Esoterischen und des Erotischen zu einem Verlust der seelischen Gesundheit,

wie z.B. zu seelischen Abhängigkeiten, zu Burnout, zu Depressionen, zu Manien oder anderen Persönlichkeitsstörungen.

 

Die einflussreichsten Wortführer dieses importierten Mystizismus waren der theosophisch inspirierte Schriftsteller Aldeous Huxley, der vom Zen-Buddhismus beeinflusste Alan W. Watts und auch zahlreiche Stars des Jazz, der Pop- und Rockmusik. Als Künstler taten sie sich oftmals schwer mit der Einbindung in die kulturelle Matrix verfasster Religions-gemeinschaften mit ihren tradierten Lehren und Ritualen. In den verschiedenen Kulturen, Religionen und Konfessionen der Menschheit gibt es jedoch gar keine solche universale Einheitsmystik. Sie ist nur ein künstliches Konstrukt und der hochfliegende Wunschtraum mancher Hippies, Naturwissenschaftler und Pop-Stars. Die anthropologischen, psycho-logischen und ethischen Differenzen zwischen den mystischen Lehren und Praktiken in den großen Religionen und Konfessionen wurden erstmals 1970 von dem britischen Religionswissenschaftler Robert C. Zaehner in seiner umfang-reichen Studie Mystik. Harmonie und Dissonanz. Die östlichen und die westlichen Religionen (1980) auf überzeugende Art und Weise dargestellt und behandelt.

 

Trotz aller berechtigten Skepsis gegen diesen schwärmerischen Mystizismus wäre es schade, wenn es unter evange-lischen und evangelikalen Christen wieder zu einer Dämonisierung des mystischen Erlebens überhaupt käme. Zu stark sind die empirischen Indizien, dass es vermutlich neuropsychologische Ursachen für mystisches Selbsterleben gibt, die der Einheit des Bewusstseins und damit der seelischen Gesundheit der Menschen dienen, um die erotischen Kräfte in den Tiefen ihrer leiblichen Psyche mit den spirituellen Kräften ihrer emotionalen, intuitiven und kognitiven Funktionen in einer Person zu verbinden. Wahre Liebe geht vom Herzen aus und ermöglicht eine geheimnisvolle Verbindung zwischen zwei Menschen, die den ganzen Menschen ergreift. Sie ist jedoch ebenso wunderbar wie selten. Deswegen ist es wenig hilfreich, die christliche Mystik und das christliche Wort von "Gesetz und Evangelium" als ein absolutes Entweder-Oder hinzustellen und gegeneinander auszuspielen. Heilsamer ist der Weg einer psychischen Integration und insofern ein verbindendes Sowohl-Als-auch.

 

Ulrich W. Diehl, September 2019