Männer, Frauen, Ehe und Familie

 

 

Die Vorstellung, dass die Frau dem Mann zu gehorchen und der Mann das Sagen hat, die kennen wir eher aus früheren Zeiten oder aus anderen Kulturen. In den meisten aufgeklärten westlichen Gesellschaften sind Männer und Frauen von Gesetzes wegen formal gleichberechtigt. Wenn man jedoch die Bibel aufschlägt, die für westliche Gesellschaften lange Zeit verbindlich gewesen ist, dann wird es schwierig. Dann steht da im Epheserbrief: „Die Frau sei dem Mann untertan.“ Da lässt sich schnell sagen: Die Bibel passt eben nicht mehr in unsere Zeit.

 

Tatsächlich sind viele Weisungen in der Bibel für die Menschen der Antike geschrieben. Dass Frauen den Männern, Kinder ihren Eltern und Sklaven ihren Herrn zu gehorchen haben, hat damals fast niemand infrage gestellt. Doch Jesus war den Frauen und Kindern gegenüber ganz unbefangen, hat sie als gleichwertig behandelt und damit aufgewertet. Das ging gegen die damaligen sozialen Ordnungen und war geradezu revolutionär.

 

Damit hat er konkrete Beziehungen der Gleichwertigkeit vorgelebt, die uns heute zumindest als ethisches Ideal und als geltendes Gesetzt fast schon selbstverständlich zu sein scheinen. Gleichwohl hat es viele Jahrhunderte gedauert, bis fast jeder Mensch die Bibel in einer verständlichen Sprache lesen konnte und sich das Beispiel Jesu vor Augen führen konnte. Genau das wurde aber für viele Jahrhunderte verhindert, weil man gegen das Beispiel Jesu die alten sozialen Ordnungen bewahren wollte. UWD

 

 


 

Ehe und Familie

 

Ein Wort des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland aus Anlaß des Internationalen Jahres der Familie 1994.

 

EKD - Text Nr. 50, 1994

 

Geleitwort

 

Fragen von Ehe, Familie und Partnerschaft gehören zu den Grundfragen des Lebens. Die Entscheidung für einen ge-meinsamen Lebensweg, die Hoffnung auf gelingendes und erfülltes Leben zu zweit, der Wunsch nach Kindern und der Entschluß für ein Kind, das Festhalten aneinander auch in Konflikten - all dies betrifft Hoffnungen, Leitbilder, Orien-tierungen und Grundüberzeugungen. Wie halten wir es mit der Ehe als Grundform verläßlicher und dauerhafter Partnerschaft? Welche Einstellung haben wir zum Kind? Von welchem Menschenbild sind wir bestimmt?

 

Es gibt zu den normativen Fragen von Ehe und Familie in unserer Gesellschaft keine Einmütigkeit. Sie werden kontrovers diskutiert. Oft sind es Diskussionen zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern. Die unterschiedlichen Meinungen darüber, was verantwortlich ist und dem Leben dient, können dann trennend und belastend zwischen die Generationen treten. Oft sind es aber auch Diskussionen zwischen Menschen von unterschiedlicher Erfahrung, unterschiedlicher Lebenssituation und unterschiedlicher Prägung. Wir müssen neu lernen, aufeinander zu hören, über das Grundsätzliche miteinander zu sprechen, einander zu verstehen und zu überzeugen. Wir müssen als Christen wieder neu lernen, nach Gottes Willen für Ehe und Familie in einer gewandelten Welt zu fragen, dafür eine verständliche und überzeugende Sprache finden und das gemeinsame Gespräch darüber führen.

 

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat das Internationale Jahr der Familie 1994 zum Anlaß genommen, um im Blick auf Ehe und Familie auf einige dieser grundsätzlichen Problemstellungen hinzuweisen. Das Internationale Jahr soll eine Einladung und eine Mahnung sein, sich engagiert für die Familie als eine bewahrende Gemeinschaft einzusetzen und für ihre Interessen und Belange einzutreten. Das Wort des Rates ist ein Beitrag zu dem Dialog. Es beschränkt sich bewußt auf einige ethische Aspekte. Der Rat will mit seinem Wort grundsätzliche Auffassungen über Ehe und Familie aus evangelischer Sicht in Erinnerung rufen und für die heutige Zeit unter dem Gesichtspunkt neuer Fragestellungen neu beleuchten. Er hofft, für diesen Dialog aufgeschlossene und interessierte Dialogpartner zu finden.

 

Hannover, 22. August 1994

 

Landesbischof Dr. Klaus Engelhardt

Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

 

 

 * * *

 

 

Ehen und Familien hat es schon immer in vielfältiger Gestalt gegeben. Nie zuvor aber gab es einen so großen Spielraum für die persönliche Wahl einer Lebensform wie in unserer Gesellschaft. Das mutet den einzelnen Entscheidungen zu, von denen sie niemand entlasten kann. Sie können aber von ihrer Kirche erwarten, daß sie ihnen Maßstäbe an die Hand gibt, mit deren Hilfe sie ihre Wünsche und Absichten überprüfen können. Welche erscheinen als sinnvoll und verantwortlich, welche als ethisch unannehmbar oder einfach zu riskant für eine Lebensplanung, die uns selbst und andere und sogar alle Menschen in unserer Umwelt betrifft?

 

Was sollen wir tun? Was sollten sich insbesondere junge Menschen überlegen?

 

Die Lage der Ehe in der Gegenwart

 

Die Lage von Ehe und Familie in der Gegenwart ist wenig übersichtlich. Und doch gibt es eine "neue Selbstverständlichkeit" des Umgangs mit Ehe und Familie in unserer Gesellschaft, die den Eindruck erweckt, als sei alles ganz klar und unkompliziert. Diese "neue Selbstverständlichkeit" findet ihren Ausdruck darin, daß die Ehe faktisch zu einer Lebensform unter anderen wird. Viele leben über lange Zeit als Lebensgefährtin und Lebensgefährte unverheiratet zusammen und empfinden ihre Gemeinschaft wie eine "Ehe". Viele andere wählen für sich nicht, noch nicht oder nicht mehr das Modell Ehe,

  • sei es, daß sie zwar feste Partner haben, sich aber - aus welchen Gründen immer - noch nicht in der Lage sehen, eine folgenreiche und verbindliche Lebensentscheidung für den Partner bzw. die Partnerin zu treffen,
  • sei es, daß sie gegenwärtig noch in einem Provisorium leben (Ausbildung noch nicht abgeschlossen, noch keine geeignete Wohnung, kein ausreichendes Einkommen) und eine Ehe für sich nicht für "aktuell" halten,
  • sei es, daß sie eine gescheiterte Ehe hinter sich haben und aufgrund der erfahrenen Enttäuschungen und Verletzungen keine so enge Bindung mehr eingehen möchten,
  • sei es, daß die Ehe für ihr Empfinden zu einer vergangenen bürgerlich-patriarchalischen Welt mit gesetzlichen Pflichten und überfordernden Bindungen gehört.

Sie alle gehen einen eigenen, anderen Weg und wollen sich deshalb auch nicht als "nichteheliche Lebensgemeinschaft" auf die Ehe als Normalmaß hinweisen lassen. Auch die Alleinlebenden wollen dies nicht; ihr Weg ist zu respektieren und zu achten. So beobachten wir tiefgreifende Veränderungen. Trotzdem ist die Ehe im Bewußtsein vieler kein "auslaufen-des Modell". Sie ist als eine gute Ordnung nach wie vor Leitbild und Hoffnung für einen weit überwiegenden Teil der Bevölkerung.

 

Die Lage der Familie in der Gegenwart

 

Mit der Familie verhält es sich ähnlich, jedenfalls auf den ersten Blick. Die "vollständige Kleinfamilie" ist vielfach noch die Normalfamilie. Ein genauerer Blick auf die Lebenswirklichkeit zeigt aber auch hier eine wachsende Vielfalt: Es gibt die alleinerziehenden Frauen und Männer, Mütter und Väter, und Eltern, die getrennt voneinander leben. Es gibt Paare mit Kindern sowie Getrennte und Geschiedene, die mit neuen Partnern und Kindern zusammenleben. Es gibt die Gemein-schaft von jüngeren Menschen mit ihren älteren Angehörigen, Lebensgemeinschaften, die sich auch zur Haushalts-gemeinschaft mit anderen erweitern und auch zur Pflegegemeinschaft werden können. Und nicht zuletzt entstehen neue Zuordnungen von Eltern und Kindern mit verwirrenden, aufgespaltenen Vaterschaften und Mutterschaften infolge einer Biotechnik, die es möglich macht, sich über die gewohnten Adoptionen hinaus den Wunsch nach Kindern zu erfüllen. So gerät auch das Wort "Familie" in die Anführungszeichen. Familie und Ehe werden geradezu zu "Konstruk-tionen", die sich Menschen nach ihren Maßstäben und für ihre Zwecke schaffen.

 

Maßstäbe des Menschlichen - Grundgedanken der Ehe

 

Bei einem dauerhaften und engen Zusammenleben von Mann und Frau geht es immer auch um Maßstäbe des Men-schlichen. Bei dem Wunsch nach einem dauerhaften und gelingenden gemeinsamen Leben geht es der Sache nach um den Grundgedanken der Ehe, Ehe nämlich als eine Form menschlicher Gemeinschaft, die besonders eng ist, in biblischer Sicht sogar gleichnishaft für die Beziehung Gottes zu den Menschen. Die Ehe ist nach christlichem Verständnis eine gute Gabe Gottes. Sie ist eine Gemeinschaft der Liebe. In ihr sind beide Partner Gebende und Nehmende. Sie sollten es auch zu gleichen Teilen sein. Ihr gemeinsames Leben ist ein Lernprozeß, in dem sie herausfinden, ob sie wirklich bereit sind, sich mit gleichen Rechten und Pflichten in Beruf, Haushalt und Kindererziehung zu betätigen. Ein solches Zusammen-leben kann nur gelingen, wenn zwei Menschen mit ihren Verschiedenheiten, unterschiedlichen Prägungen und Erwar-tungen einen Einklang finden können - wenn sie also fähig sind, Verständnis für die Eigenart der und des anderen aufzubringen, die Bestrebungen der einen wie des anderen uneigennützig zu fördern und in immer neuen Anläufen zu einem Ausgleich ihrer Interessen und Neigungen zu gelangen. Das verlangt gewiß Verzicht, aber auch die Bereitschaft zur Vergebung. Gemeinsames Leben verträgt Gegensätze und Konflikte, aber es verträgt keinen Egoismus, und allzu einseitige Vorstellungen von Selbstverwirklichung kommen schnell an ihre Grenze.

 

Damit sind Maßstäbe angesprochen: gegenseitige Anerkennung, Verläßlichkeit im Beieinanderbleiben, die Fähigkeit, an Konflikten zu arbeiten, Kompromisse zu machen und Gegensätze zu ertragen. Das eigene Lebensglück und das Glück der anderen gehören zusammen. Das wird vertieft durch den Gedanken der Würde des Menschen, der die Grundlage der Menschenrechte ist und in christlicher Auslegung besagt, daß dem Menschen als "Gottes Ebenbild" eine unverlier-bare und unverfügbare, weil nicht in eigenen Leistungen und Werten und auch nicht in Geschlecht oder Rasse und dergleichen begründete Bedeutung zukommt. Es ist eine besondere Anwendung dieses Gedankens auf die Ehe, daß Liebe ihr Maß darin findet, wie sehr es ihr gelingt, sich auf die ganze Lebensgeschichte eines anderen Menschen einzulassen und mit ihm auch dann Gemeinschaft zu halten, wenn diese Geschichte beide verändert und schließlich Krankheit und Alter ihren Tribut fordern. Liebe bedeutet das unbedingte Einstehen für den anderen, die Bereitschaft, ihn oder sie nicht fallen zu lassen, das Vertrauen nicht zu enttäuschen und Verantwortung für den Menschen zu übernehmen, den man sich vertraut gemacht hat.

 

Maßstäbe des Menschlichen - Grundgedanken der Familie

 

Diese allgemeinen menschlichen und besonderen christlichen Maßstäbe gelten aber ebenso in der Familie; wer in eine unverbrüchlich gemeinte Lebensgemeinschaft einwilligt, ist auch für die Aufgaben, die sie stellt, am besten gerüstet. Die Familie gewährt als eine sensible und verletzliche Gemeinschaft Lebenschancen für die Heranwachsenden, besonders für die Kleinkinder. Hier geht es darum, daß Kinder in einem möglichst stabilen Lebenskreis in Geborgenheit und Vertrauen aufwachsen können. Der Lebensalltag der Familie kennt Konflikte und Belastungen, aber in der Familie wird auch gelernt, Konflikte und Belastungen zu verarbeiten.

 

Wenn sie ein Kind wollen, heiraten die meisten Menschen nach wie vor. Für Kinder ist es sicher am besten, wenn sie in einer Familie mit Vater und Mutter leben können. Das ist wünschenswert, weil Kinder eine verläßliche und vertrauensvolle Gemeinschaft brauchen, um frei und geborgen heranwachsen zu können.

 

Es gehört durchaus zu einer verantwortlichen Lebensplanung, miteinander zu besprechen, welche äußeren und inneren Gründe dagegen stehen könnten, jedenfalls in nächster Zeit eine Familie zu gründen.

 

Das können Gründe sein, die in der Wahl eines persönlichen Lebenszieles liegen, eines Berufs, der es Frauen oder auch Männern schwer macht, ihn mit Familienpflichten, wie gut verteilt auch immer, zu verbinden. Das können Gründe sein, die mit der Selbsteinschätzung der Betroffenen zu tun haben, die sich - zumindest in ihrer jetzigen Lebenssituation - die Verantwortung für ein Kind nicht zutrauen. Das können auch Gründe sein, die aus einer besonders belasteten persönlichen Lebenssituation oder aus ungünstigen, oftmals geradezu kinderfeindlichen äußeren Lebensverhältnissen herrühren.

 

Umgekehrt braucht es also auch Gründe dafür, Beweggründe, um sich Kinder zu wünschen.

 

Das werden noch immer in erster Linie die tiefen Wünsche sein, die in unserer Natur liegen und als Streben nach normalem menschlichem Lebensglück spürbar werden. Für manche ist der Wunsch, Kinder zu haben, sogar so stark, daß sie belastende medizinische Eingriffe und bedenkliche künstliche Befruchtungen eher in Kauf nehmen, als auf eigene Mutter- oder Vaterschaft verzichten zu müssen. Darüber zu richten kann sehr selbstgerecht sein.

Das werden, in zweiter Linie, auch Gründe sein, die mit gesellschaftlichen Vorstellungen, mit Erwartungen von Verwandten und sozialer Umwelt, mit Zukunftshoffnungen, mit Zukunftsverantwortung (Generationenvertrag) und mit dem Selbstbild zu tun haben.

 

Gut wäre es aber, menschlich und christlich, wenn vor allen diesen vernünftigen Überlegungen noch ein anderer Grund stünde, nämlich einfach die Lebensfreude. Unser Leben ist ein Geschenk. Und weil wir uns am Leben freuen, wollen wir es auch weitergeben. Als ein Maßstab der Lebensführung hieße das: Wem es geschenkt ist zu leben, wirft die Tür nicht hinter sich zu. Sie oder er können ihre Sorge für die Zukunft auch durch den Einsatz für eine lebenswertere zukünftige Welt bekunden, das sei noch einmal betont. Aber sie und er: sie sollten auch nicht ohne Not in ihrer Lebensplanung auf die Möglichkeit, Familie zu werden, verzichten.

 

Vorbehaltlose Annahme - das Kind als Maßstab

 

Kinder, das ist allem voranzustellen, müssen nach christlicher Überzeugung von uns vorbehaltlos angenommen werden.

 

Gehört es aber nicht zu jenen "neuen Selbstverständlichkeiten", daß wir die Geburten planen, dafür Lebenszeiträume bestimmen, günstige äußere Lebensverhältnisse herzustellen versuchen, über die Erziehung nachdenken, die Erziehungseinrichtungen und den Einfluß der allgegenwärtigen Medien überwachen und vieles mehr? Gehört zu diesen "Selbstverständlichkeiten" dann nicht eben doch auch ein Wissen um Maßstäbe der Annahme und Fürsorge? Geht es nicht immer um die entscheidenden Fragen: Wann darf das Kind leben, wie soll es beschaffen sein? Es soll jedenfalls auch dann leben und geliebt werden, wenn es nicht das Wunschkind ist, das wir uns vorgestellt haben. Das ist heute besonders im Hinblick auf die neuen biologisch-medizinischen Möglichkeiten zu sagen. Erhofft wird selbstverständlich ein gesundes Kind. Sollte das aber bedeuten, daß wir es uns selber oder den anderen nicht mehr zumuten könnten auch ein krankes Kind anzunehmen?

 

Der Maßstab für unser Handeln ist wieder die Würde des Menschen. Sie gilt unabhängig von Krankheit und Behinderung und vor allem von Kosten-Nutzen-Rechnungen, mit denen Druck auf unsere Entscheidungen ausgeübt werden könnte. Das verlangt aber vor allem, daß die Gesamtheit der Lebenden verpflichtet ist, neues Leben zu ermöglichen. Praktisch heißt das: Die Gesellschaft hat die Aufgabe, mit politischen und sozialen Mitteln, über die in demokratischen Verfahren zu entscheiden ist, finanziell und strukturell die Familie zu ermöglichen und sie nicht zu einem Nachteil werden lassen. Die Kirchen, die mit ihren eigenen Hilfs- und Beratungseinrichtungen mit auf dem Plan sind, werden hier Mahner sein. Kinder sind eben nicht nur Glück, sondern auch Last. Und zu mehr Lebensmut aufzurufen, wird nur ein hohler moralischer Appell sein, wenn die Bereitschaft fehlt, unsere Lebensverhältnisse strukturell zu verbessern.

 

Lebensmut ist ein Schlüsselwort. Junge Eltern mit Lebensmut kommen auch mit schwierigen Verhältnissen zurecht; das Kind ist für sie eben zuerst Glück und danach erst Last, und die Abwägung mit anderen erstrebenswerten Gütern des Lebens ist dann nicht so bedrückend, wie es scheinen mag.

 

Junge Eltern, auch das weiß man, haben zumeist klare Vorstellungen davon, wie ihre Kinder charakterlich beschaffen sein sollten. Sie halten nicht viel von Normen und Idealen. Das ist verständlich, weil es zeitlos gültige Lebensordnungen nicht gibt und ethische Normen sich im Leben bewähren, auch neu gefunden werden müssen, und weil Ideale in der Erziehung zwanghaft sein können. Wäre es nicht vermessen, das Kind nach dem eigenen Bilde zu formen? Besser ist es gewiß, wenn Eltern jedenfalls versuchten, in der Weise vertrauensvolle Partner und Vorbilder zu sein, daß ihre Kinder lernen, "im Zusammenspiel" mit anderen in den wechselnden Situationen des Alltags gut miteinander auszukommen, sich zu "vertragen" und einen guten Weg in das Leben in der Gesellschaft zu finden. Sie sollten aber immer zugleich ein eigenes, selbstbewußtes, widerstehendes Ich ausbilden können.

 

Ehe und Familie in der Gesellschaft - Schule der Mitmenschlichkeit

 

Was die Gesellschaft von uns erwarten kann, ist, daß wir Menschen heranbilden, die gleichermaßen verträglich und hilfsbereit miteinander leben. In der Familie wird das eingeübt. Wie die Ehe, aber noch ausgeprägter und anspruchsvoller, ist sie eine Lebensordnung, die niemand nur für seine eigenen Bedürfnisse benutzen kann, ohne Schaden an sich selbst zu nehmen. Sie ist darauf angelegt, uns erfahren zu lassen, daß wir aufeinander angewiesen sind. So betrachtet, ist sie eine Schule der Mitmenschlichkeit. Sie lehrt uns, die eigenen Grenzen und Schwächen und die der anderen zu ertragen und denen, die uns brauchen, besonders auch den Älteren, beizustehen. Es geht wieder um unser Lebensverständnis: Leben zu dürfen, macht es zu einem leichten Gebot. Leben in Obhut zu nehmen.

 

https://www.ekd.de/22777.htm