Christlicher Humanismus

 

 

Erasmus von Rotterdam – Mit Humor gegen Fundamentalismus

 

Michael Reitz - SWR2 Wissen - Freitag, 18. September 2020, 08.30 Uhr

 

Erasmus von Rotterdam (1464 - 1536) war ein niederländischer Philosoph, Theologe und Humanist. Sein be-kanntestes Werk ist "Das Lob der Narrheit". Erasmus behauptet in diesem satirisch-zeitkritischen Essay:

Kein Mensch kann ohne Torheit ein sinnvolles Leben führen. Nur wer misstraut und zweifelt und sich lustig machen kann über den Zeitgeist, wird langfristig ein glücklicher Mensch sein.

 

Erasmus greift die Dummheit nicht frontal an, sondern lässt sie selber zu Wort und damit zur Selbstentlarvung kommen. Der Bezug zu heute ist deutlich: In populistischen Parolen oder dem Shitstorm maskiert sich die Dummheit als basisdemokratisches Verfahren. Daraus ergibt sich die Frage, ob die Chancen der Narrheit in unserer postmodern-aufgeklärten Zeit nicht größer sind als jemals zuvor.


In „Das Lob der Narrheit“ macht sich der niederländische Philosoph und Theologe Erasmus von Rotterdam (1464-1536) lustig über den Zeitgeist. Hilft Humor als Waffe gegen Intoleranz?
 
O meine Herren! Wenig Verstand haben ist etwas so Angenehmes, dass die Sterblichen sich ehender alles verbäten als die Narrheit. Im Leben der Christen ist durchgehends alles von Wahnsinn vollgepfropft; und die Herren im schwarzen Kleide begnügen sich nicht nur, es so gehen zu lassen, sondern tragen auch noch das Ihrige wacker dazu bei.


Als dieser Text 1511 auf dem Höhepunkt der katholischen Inquisition veröffentlicht wurde, war das geradezu lebens-gefährlich für den Autor. Doch der hatte für seine Angriffe gegen den Klerus eine Taktik gewählt, die es christlichen Fundamentalisten schwer machte, gegen ihn vorzugehen: Er setzte die Narrenkappe auf. Erasmus von Rotterdam – so der Name des Verfassers – war ein berühmter Theologe und gilt als einer der Begründer des christlichen Humanismus. Sein Buch mit dem lateinischen Titel "Encomium Moriae", übersetzt mit "Lob der Narr-, Tor- oder Dummheit", ist eine "Lobrede welche die Narrheit sich selbst hält". So lautet die Überschrift des ersten Kapitels. Zwar ist Erasmus der Verfasser, aber er wählt mit der Narrheit eine Kunstfigur, die er zu Wort kommen lässt. Diese Täuschung, die ihn vor dem Scheiterhaufen bewahrte, ist bis heute ein gängiges Stilmittel derjenigen, die sich auf satirische Weise mit den Mächtigen anlegen.


Es muss zwischen 1464 und 67 gewesen sein, als Erasmus in Rotterdam geboren wurde. Wann genau das war, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Der Grund dafür: Er war der Sohn eines katholischen Geistlichen und seiner Haushälte-rin, so dass die Geburt des Jungen geheim gehalten werden musste. In Klosterschulen erzogen, wird Erasmus zunächst zum Priester geweiht, bevor er an der damals führenden europäischen Universität, der Pariser Sorbonne, Philosophie und Theologie studiert. Der junge Erasmus fällt auf: Mit beißendem Witz und einer gehörigen Portion Respektlosigkeit vor Autoritäten bringt er seine Lehrer oft in Argumentations-Zwickmühlen, so Christine Christ-von Wedel. Sie ist Histo-rikerin in Basel und hat mehrere Bücher über Erasmus geschrieben, unter anderem eine Kurzbiographie.


Wenn jemand in einem Gespräch aufs Glatteis kam, dann hat er ihn immer noch weitergetrieben und fand das dann lustig. Und das ist natürlich dann nicht immer so lustig, wenn man das merkt, selber, dass der andere einen aufs Glatteis führt.

 

Erasmus war ein sehr humorvoller und sehr kluger Mann. Aber manchmal war das dann nicht so schön, glaube ich, für seine Gesprächspartner, dieses Spielen mit der Dummheit des anderen, sich darüber dann auch amüsieren.

Bereits in jungen Jahren veröffentlicht er mehrere Schriften, in denen er sich mit theologischen Problemen seiner Zeit auseinandersetzt. Trotzdem hat er nichts von einem weltfremden Kleriker: So verfasst er ein "Loblied auf die Ehe", in dem er die befreiende Kraft der Sexualität preist, die man auch Priestern nicht vorenthalten dürfe. Er schreibt:

Was ist nun also das Leben, oder besser: Ist das überhaupt ein Leben, wenn man sich daraus die Lust wegdenkt? Wer nicht zu sündigen wagt, begeht die größte Sünde.

Die strenge Zucht an seiner Lehranstalt, die auch Schläge nicht ausschließt, ist ihm zuwider. Zeitgenossen beschreiben ihn dennoch als ein Muster der sexuellen Enthaltsamkeit. Erasmus hat nie geheiratet. Ein Porträt des Malers Hans Holbein des Jüngeren zeigt den Gelehrten als einen durchaus attraktiven Mann – mit einer etwas zu großen Nase. Die fest eingemauerten Dogmen seiner Kirche und die Moral der Gesellschaft hält er für Krücken, für Menschen gemacht, die ihren eigenen Verstand nicht gebrauchen wollen. In seinem "Handbuch des christlichen Streiters", erschienen 1503, sagt er:

Die Allgemeinheit war ja wohl immer schon der schlechteste Lehrer für das Leben und Fühlen. Und niemals stand es so gut um die menschlichen Dinge, dass nicht der großen Menge gerade das Schlechteste gefiel.

Als Geistlicher der das rabiate Erziehungsideal und die heuchlerische Sexualmoral seiner Zeit ablehnt und zudem noch brillant argumentiert, gerät er früh ins Visier der katholischen Hardliner. Doch im Disput ist der blitzgescheite Erasmus nicht zu fassen. Mehrere Versuche, ihn zu gefährlichen Aussagen zu verleiten, scheitern. Ausgedehnte Reisen verhin-dern zudem, dass er in die Fänge der Inquisition gerät: Oft weiß niemand genau, wo er sich gerade aufhält. Diese Reisen haben jedoch noch einen anderen Effekt.

Dass eben die Menschen mit ihren verschiedenen Meinungen, mit ihren verschiedenen Sitten oft sehr nah beieinander sind, dass man in früheren Zeiten gewisse Sachen für vornehm hielt, die heute überhaupt nicht mehr für vornehm, sondern für ungesittet gelten. Er will uns damit natürlich zeigen, passt mal auf, urteilt nicht zu schnell.


Ich will lieber mit einem aufrichtigen Türken als mit einem falschen Christen zu tun haben.


In England verbindet Erasmus von Rotterdam eine enge Freundschaft mit dem liberalen Theologen Thomas Morus. Beide übertreffen sich in Spötteleien über Fürsten, Kardinäle und den Papst. Zusammen entwickeln sie eine Strategie der Tarnung, mit der sie einerseits die Kirche kritisieren können, andererseits aber verhindern, dass sie einer damals beliebten Praxis der Kirchenoberen zum Opfer fallen: als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden.

Wir wissen, dass die katholische Kirche mit der Zeit davon abgerückt ist, ihre Gegner qualvoll öffentlich hinzurichten. Doch scheint sie noch heute nicht viel "Spaß" zu verstehen. Das erfuhr auch 2012 die Satire-Zeitschrift "Titanic" während der sogenannten Vatileaks-Affäre. Geheime Dokumente aus dem Vatikan waren an die Öffentlichkeit gedrungen. Unter der Überschrift "Undichte Stelle gefunden" war daraufhin auf dem Titelblatt der "Titanic" der damalige Papst Benedikt zu sehen, auf dessen Hose ein Urinfleck war.


Ein durchaus geschmackloser Scherz, aber jetzt auch kein sonderlich abwegiger aus Titanic-Sicht. Aber Benedikt war ja so nett zu klagen. Er hat als Papst uns verklagt, was ohnehin ein interessanter Vorgang war, weil ich mir bis heute nicht sicher bin, ob man das als Papst Benedikt kann. Also er hat nicht als Joseph Ratzinger geklagt, sondern als Papst. Aber kurz bevor die vielleicht sogar interessante Verhandlung losgegangen wäre, haben sie die Klage zurückgezogen. Das war eigentlich eine sehr gute Zusammenarbeit – hat Benedikt für uns noch sympathischer gemacht.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts ist mit so einem glimpflichen Ausgang nicht zu rechnen. Erasmus kehrt von England in seine Heimat, die damals noch spanischen Niederlande, zurück. Hier widmet er sich intensiven Studien des Griechischen und verdient seinen Lebensunterhalt mit der Herausgabe von antiken Klassikern. Den ersten ketzerischen Sprengsatz zündet er mit seinem "Handbuch des christlichen Streiters". Das Buch wird zum Bestseller unter aufgeklärten Theo-logen und Laien. Darin geißelt Erasmus die Reliquienverehrung als Aberglaube, fordert mehr Demut von einer Kirche, die längst jeden Bezug zum einfachen Volk verloren hat. Und die intolerant und selbstgerecht ist. Er notiert:

Für jeden riecht sein eigener Misthaufen gut.

Als ihm wegen solcher Sprüche selbst in den freieren Niederlanden der Boden zu heiß wird, reist Erasmus erneut ins Ausland. Diesmal zieht es ihn nach Turin, wo der knapp Vierzigjährige seinen Doktor der Theologie macht. In Italien lernt er außerdem eine Reihe von Kardinälen und theologischen Gelehrten kennen, die ähnlich denken wie er. Denn viele Kleriker spüren, dass die Kirche reformiert werden muss. Statt Barmherzigkeit und Nächstenliebe herrscht ein Regime, das sich mit Ablasszahlungen, immensem Grundbesitz, Ämterkauf und Korruption nicht mehr vom weltlichen Gewinnstreben unterscheidet.


Erasmus lernt die Abgründe eines heruntergekommenen Christentums aus nächster Nähe kennen und verachten. Als er 1509 von Italien nach England reist, fasst er den Entschluss, diese Zustände mit den Mitteln der Satire anzuprangern. Es entsteht "Das Lob der Torheit".

Da werden alle durchgehechelt – sämtliche Stände, Universitäten, Kirchen, Theologen, Juristen, Soldaten, Könige und so weiter. Jeder kriegt sein Fett ab. Das ist typisch, was wir kennen, aus jeder Satire. Zum Beispiel in den Ratssälen – jeder will den anderen nur übertrumpfen, jeder will noch brillanter reden. Was gesagt wird, auf den Inhalt, kommt es ja gar nicht an, sondern nur, dass man gut ankommt und gut rauskommt zum Beispiel.

Bei den Unternehmungen der Sterblichen ist alles voll Torheit, Narren unterhalten sich mit Narren. Dem, der sich allen wider-setzen will, möchte ich den Rat erteilen, in eine Einöde zu wandern, um sich da seiner Weisheit satt zu erfreuen.

Erasmus von Rotterdam spricht nicht selbst, sondern die Torheit, eine gelehrte Frau, die ebenso gelehrten Menschen die Leviten liest. Er benutzt dabei ein Verfahren, das an Fürstenhöfen üblich war: Nur der Hofnarr darf straflos aussprechen, was alle sagen wollen. Er ist nicht zu belangen, denn er steht unter dem Schutz seines Lehnsherren.

Fürsten mögen auch noch so glücklich sein, so halt ich sie doch darin für höchst unglücklich, dass sie niemanden haben, von dem sie die Wahrheit hören könnten und gezwungen sind, sich Schmeichler statt Freunde zu wählen. Sie fürchten, ein Freimaul möcht auftreten, um ihnen ihre Freuden durch die bittere Wahrheit zu verderben. Aber, hierüber tun meine Narren sich hervor: Aus ihrem Munde hört man nicht nur die Wahrheit, sondern sogar auch die offenbarsten Schmähungen, mit Vergnügen sich an; Dinge, die dem Weisen, wenn er sie hervorgebracht hätte, den Hals würden gebrochen haben.

Er kehrt eigentlich auch alles um und sagt, dass auch Christus ja gesagt hat, man soll werden wie die Kinder. Also eigentlich die Schwachen, die Dummen, die Ungebildeten – das sind eigentlich die wahren Christen. Diese Torheitsfigur ist also eine Frau, die aufs Katheder tritt wie ein Universitätsprofessor, wie einer der Theologendoktoren, die aber eben Ketzereien von sich gibt.

Gegen die Attacken der Torheit mit Argumenten vorzugehen, ist ausgesprochen schwierig. Denn der Angegriffene muss sich ja geschmeichelt fühlen und für weise halten, wenn er von der Dummheit aufs Korn genommen wird. Wer gegen die Zoten der Narrheit aktiv wird, gibt sich nicht nur eine Blöße, er verleiht dem Witz gegen ihn noch mehr Durch-schlagskraft. "Titanic"-Chefredakteur Tim Wolff erzählt von einem Fall vor seiner Zeit als Macher des Satiremagazins. Unter der Überschrift "Spielt Jesus noch eine Rolle?" war auf dem Titelblatt des Magazins das Kruzifix als Toiletten-papierhalter zu sehen. Eine Bistumszeitschrift druckte dieses Bild ab und sorgte so erst für eine größere Verbreitung der Karikatur.

Ich hätte damals dieses Bistumsblatt verklagt. Die haben ja schließlich für diesen Aufruhr gesorgt. Man sieht an diesen und auch vielen anderen Geschichten immer wieder, die meisten brauchen einen Rahmen, der ihnen klarmacht, hier hüpft ein Narr durch die Gegend, was wiederrum der Satiriker selbst nicht unbedingt möchte, weil die Wirkung ja eine ganz andere ist.

Der Satiriker muss sich verstecken, sein Deckmantel darf nicht gelüftet werden, wenn sich der gewünschte Erfolg ein-stellen soll. Nach diesem Prinzip arbeiteten die "Titanic"-Macher bei einer weiteren Attacke gegen die katholische Kirche. Die Ausgangssituation war folgende: Der extrem konservative englische Bischof Richard Williamson war 1988 vom Papst wegen Ungehorsam exkommuniziert worden. Die Aufhebung dieser Strafe durch Papst Benedikt im Jahr 2009 löste einen Proteststurm aus. Denn Richard Williamson hatte mehrere Male öffentlich den Völkermord an den Juden geleugnet. Für "Titanic"-Chefredakteur Tim Wolff gab es darauf nur eine Antwort:

Wir sind in diverse Beichtstühle gegangen und haben gebeichtet, dass wir ähnliche Gedanken und Gefühle haben wie Williamson, was die Juden angeht, auch mit dem Argument, schließlich haben die Juden ja unseren Herrn getötet. Das interessante Ergebnis war doch ein gewisses Zugeständnis. Also es fiel tatsächlich der Satz, ja, solche Gedanken haben wir alle mal, und ich wurde auch praktisch entschuldigt, mir aber auch also der Hinweis gegeben, man solle das ja nicht zu laut sagen. Das kann man für sich besprechen, aber so wie das bei Williamson sei, ginge das natürlich nicht.

Keiner der Pfarrer bemerkte, dass er im Beichtstuhl gründlich veräppelt wurde. Ein weiteres Beispiel: Jan Böhmermann, Moderator der ZDF-Sendung "Neo Magazin Royale" hatte im März 2016 in seiner Satire-Sendung unter dem Titel "Was man im deutschen Fernsehen nicht sagen darf" ein Gedicht vorgetragen, von dem sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beleidigt fühlte – obwohl mehrfach betont wurde, man wolle lediglich zeigen, wie eine in Deutschland verbotene Schmähkritik aussehe. Jan Böhmermann nutzte damit ein ähnliches Verfahren wie Erasmus von Rotterdam. Zum Skandal wurde der Fall erst dadurch, dass in einigen Medien nur noch das aus dem Zusammengang gerissene Gedicht zitiert wurde.

Dieses auch bei Böhmermann aufgetretene Missverständnis wiederholt sich halt immer und immer wieder, wenn nicht außen draufsteht: Satiremagazin. Ich bin mir sehr sicher, jeder Böhmermannzuschauer, also jeder, der die Sendung mehr als einmal gesehen hat, wird in dem Moment nicht – als er dieses Gedicht gesehen hat – nicht gedacht haben, oh jetzt beleidigt er aber Erdogan, sondern sie werden schon den Kontext verstanden haben.

Fanatiker und Fundamentalisten haben keinen Sinn für Humor, so Erasmus von Rotterdam. Deshalb ist es wichtig, dass sie sich durch ihre Angriffe gegen den beißenden Witz der Satire kenntlich machen. In seinem 1511 veröffentlichten "Lob der Torheit" sagt er außerdem: Ohne die Narrheit und ihre Geschwister Ruhmsucht, Geltungsdrang, Größenwahn und Realitätsferne hätte es die Menschheit nie zu etwas gebracht. Im "Lob der Torheit" werden die Mächtigen direkt angesprochen:

Ich darf wohl sagen: Ohne meinen Antrieb geschieht keine edle Tat. Narrheit zeugt Städte, Reiche, Obrigkeiten, Religionen. In so vielen durchwachten Nächten haben sie, die Erznarren, sich ich weiß nicht was für einen durch und durch unnützen Ruhm ausgehecket. Indessen haben Sie, meine Herren, der Narrheit so viele herrliche Bequemlichkeiten des Lebens zu verdanken. Und Sie machen sich die Narrheit anderer zu Nutzen.

Beweise für diese These gibt es in unserer Welt des 21. Jahrhunderts zuhauf: Hochintelligente Planer wollen in Berlin seit Jahren einen Großflughafen eröffnen, der den Steuerzahler zwar eine Menge Geld kostet, aber einfach nicht fertig wird. In Köln befindet sich vor dem Museum Ludwig ein großer Platz, der aber die meiste Zeit nicht betreten werden darf, da sich darunter die Philharmonie befindet, deren nicht schallisoliertes Dach eben dieser Platz bildet. Die neue Konzerthalle in Hamburg wird zehnmal so teuer wie ursprünglich geplant. Und ein Präsidentschaftskandidat der USA behauptet allen Ernstes, wenn man beim Gebrauch von Haarspray Fenster und Türen schließe, werde die Ozonschicht der Erde nicht geschädigt. Aber vielleicht hat er einfach nur einen Spruch des Erasmus von Rotterdam beherzigt:

Wenn gleich das ganze Volk dich auszischt, so bleibst du doch unverletzt, so lange du dir selbst Beifall zuklatschest; und diese Kunst lernt sich bloß in der Schule der Narrheit.

Erasmus spielt mit dem Bildungshintergrund seiner damaligen Leserschaft. Für das "Lob der Torheit" gibt es im bibli-schen "Buch der Sprüche" ein Vorbild. Dort tritt die Dummheit als verdammungswürdige Häretikerin, also Ketzerin auf. Dieses Bild aus dem Alten Testament zu benutzen, ist für Erasmus nicht ungefährlich. Denn wenn er schreibt, alle Men-schen sind Narren, dann sagt er damit gleichzeitig, dass sie auch Ketzer sind. Nach seiner Auffassung bringen uns je-doch nur die Irrlehren weiter, das Zerschlagen der Ideen-Monumente und Dogmen. Prominentestes Beispiel ist aus-gerechnet Jesus Christus selbst.


Hat der in seiner Zeit nicht auch lauter neue Lehren gebracht, die in seiner Zeit ganz bestimmt als Ketzerei galten? Das "Lob der Torheit" ist die erste Schrift – nämlich von 1511 schon –, die sich dafür ausspricht, dass Häresien nicht verfolgt werden dürfen, schon gar nicht mit einer Todesstrafe. Wenn man jemand für einen Häretiker hält und meint, er irrt, dann soll man versuchen, ihn zu überzeugen, aber ja nicht verfolgen. Denn letztlich ist eben jeder in seiner Art ein Häretiker, jeder kann die Bibel anders interpretieren.

Die Texte der Bibel sind nicht wörtlich zu verstehen – so Erasmus von Rotterdam. Damit begründet er eine geistes-wissenschaftliche Tradition, die sich historisch-kritische Methode nennt. Jede Episode der Testamente enthält Gleich-nisse, Handlungsanweisungen oder lehrhafte Geschichten, die im Zusammenhang ihrer Entstehungszeit gesehen werden müssen. Sie können unmöglich nur in einer Weise gedeutet werden, da eine Erzählung von jedem Menschen anders verstanden wird.

Alsdann dünken sie sich recht große Theologen zu sein, wenn sie eine garstige rotwelsche Sprache plaudern, und alles so durcheinander hudeln können, dass nur ein ganz zerrütteter Kopf darinnen Verstand finden kann; denn für einen Scharf-sinnigen wäre es ja ein ewiger Schimpf, wenn der Pöbel ihn verstehen könnte!

Nicht eine übergeordnete Instanz entscheidet darüber, welche Lesart zulässig ist, sondern der freie Streit der Mei-nungen. Das ist der Kern des sogenannten christlichen Humanismus, den Erasmus mitprägte. Die Basistexte des Christentums sollten einem breiteren Publikum zur Verfügung stehen, Bildung nicht mehr länger das Privileg der Reichen und Mächtigen sein. Der Glaube sollte sich im Menschen entfalten, nicht verordnet werden.

Er sagt, unter den Menschen, die in seinen Augen eben alle ein Stück Torheit haben, kann man gar nicht miteinander kommunizieren und miteinander in guten Beziehungen stehen, wenn man nicht immer mal wieder was nachlässt und wenn man dem anderen auch zugesteht, dass er eben Fehler macht, dass er manchmal was Dummes sagt oder was Dummes tut und dass man das dann auch verzeihen kann, weil man weiß, dass man selber auch dumm ist. Also die Welt braucht das. Die braucht dieses Wissen um die Torheit.

Wenn die Päpste, Christi Statthalter, seinem Leben nachzueifern trachteten, nämlich seiner Armut, seiner Lehre, seinem Kreuze, seiner Verachtung des Lebens – wer würde sein Vermögen zur Erkaufung dieser Stelle anwenden? Wer würde Schwert, Gift und jede Gewalttat hervorsuchen, um sich auf der erkauften Stelle zu behaupten? Wie viele Bequemlichkeiten würden wegfallen, wenn sie einmal der Weisheit Gehör gäben!

An solchen Stellen wird deutlich, wieviel Zorn dieser Erasmus von Rotterdam auf die Selbstherrlichkeit seines obersten Vorgesetzten in Rom gehabt haben muss. Doch warum geht er ein so großes Risiko ein? Warum legt er sich mit der ersten Garde eines allmächtigen Unterdrückungssystems an, statt in rein akademischen Disputen seine Kontrahenten zur Verzweiflung zu bringen? Für Tim Wolff, den Chefredakteur der "Titanic", ist diese Erklärung nachvollziehbar: Leichte Gegner sind uninteressan.


Man entwickelt so ein Gespür für Figuren, mit denen man auf eine gewisse Art und Weise Schabernack treiben kann und andere machen es einem tatsächlich etwas schwer. Die Kanzlerin zum Beispiel, weil sie ja fast aussagelos durch ihr poli-tisches Leben geht, gleichzeitig aber eine sympathische Person ist.

Ein ärgerlicher Zustand für Leute wie Tim Wolff. Denn aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Kanzlerin den "Titanic"-Machern niemals den Gefallen tun, sie zu verklagen. Politische Satire gerät öfter in Schwierigkeiten, als es ihre Opfer wahrscheinlich vermuten.

Erasmus geht keinem Streit aus dem Weg, aber mit den Gegnern verbindet ihn oft eine unterschwellige Sympathie. Das gilt besonders für sein Verhältnis zu dem Reformator Martin Luther. Einerseits lehnt er dessen Positionen ab, anderer-seits nimmt er ihn vor den Angriffen des katholischen Establishments in Schutz. Jedem, der mit der Obrigkeit in den Clinch geht, gibt er einen taktischen Rat:

Niemals muss man gewissenhafter auf Posten stehen, als wenn der Feind so tut, als wolle er Frieden schließen; nie haben wir ihn weniger zu fürchten, als wenn er uns offen angreift.

Erasmus von Rotterdam erfährt am eigenen Leib, was einem blühen kann, wenn man die kirchliche Deutungshoheit in Frage stellt. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts existiert eine extrem ungenaue lateinische Übersetzung des auf Altgrie-chisch geschriebenen Neuen Testaments. Trotzdem dient sie als Grundlage für Messen und sogar für die Lehre an Universitäten, denn der Text stammt angeblich von dem heiligen Hieronymus. Erasmus macht sich 1516 an eine Neu-übersetzung und kann katastrophale Fehldeutungen nachweisen.


Und das galt als unglaublich gewagt. Was fällt dem ein, die heiligen Texte zu ändern? Sogar Christusworte ändert er. Ist doch unglaublich für die damalige Zeit.

Für die Kirche ist die Bibel ein Herrschaftsinstrument und kein Text, den jeder normale Sterbliche so ohne weiteres lesen kann und soll. Der Skandal ist perfekt, weil Erasmus angeblich einen Heiligen als Dummkopf enttarnt. Er wird der Ketze-rei angeklagt.

Das wurde niedergeschlagen von seinen Freunden, von gebildeten Freunden, die eben auch Freude hatten an seinem Werk und auch die ganze Ernsthaftigkeit dahinter gesehen haben, dass er eben nicht nur alles in den Dreck ziehen wollte, sondern dass er ja ein Ziel hatte, jetzt seine neue Frömmigkeit in die Welt zu bringen oder eben auch ein bisschen vernünftigeres oder freundlicheres Miteinander-Umgehen. Keinen Krieg zu führen, sondern lieber mal miteinander zu sprechen und zu versuchen, sich zu einigen auf einen Kompromiss oder auf jemand, der dann das Urteil sprechen darf, auf einen gemeinsamen Schiedsrichter.

Nachdem die Klage gegen ihn abgeschmettert ist, verbringt Erasmus von Rotterdam die meiste Zeit seines restlichen Lebens in Freiburg und Basel. Als er am 12. Juli 1536 stirbt, hinterlässt er der Welt ein immenses Werk, in dem er immer wieder zum Kampf gegen Intoleranz, blinden Hass und falsche Autoritäten aufruft. Während der Aufklärung beriefen sich die meisten Philosophen auf ihn. Wegen seiner Begegnungen mit zahlreichen europäischen Gelehrten seiner Zeit existiert heute das Erasmus-Programm zur Förderung des europäischen Auslandsstudiums der Europäischen Union. Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig bezeichnete 1934, am Beginn der faschistischen Ära, das "Lob der Narr-heit" als ein wirksames Gegenmittel gegen den "Hassorkan seiner Zeit".


Auch angesichts mancher populistischen Hetze und aufdringlicher Bedeutungslosigkeiten in den sozialen Netzwerken heute bringt Erasmus uns auf eine wichtige Frage: Kann es sein, dass die kollektive Torheit in unserer angeblich aufge-klärten Zeit größer ist als jemals zuvor? Die Erasmus-Biographin Christine Christ-von Wedel versucht eine Antwort:

Ich denke, wir sind nicht viel weiter als die damalige Zeit. Wir haben heute ja zwischen den Religionen große Schwierig-keiten zum Teil. Auch heute wird die Religion politisch missbraucht. Das ist nicht anders als es damals war. Und wir haben keine andere Waffe als die, die Erasmus hatte, meine ich: nämlich eine gute Bildung, eine tolerante Bildung und auch Humor.

Erasmus von Rotterdam hat die Hoffnung auf den Sieg der Vernunft niemals aufgegeben. Eine Empfehlung, wie man dabei nicht den Mut verliert, gibt er uns mit auf den Weg:

Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.

 

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